Wörter und Worte

Wörter, nicht Worte, haben keinen Kern. Sie sind eine Erfindung von Sprechenden, die zur Konvention geworden ist, gleichförmig oder unterschiedlich benutzt wird, grafisch eingefangen, aufgeblasen mit gasförmigem, flüchtigem Scheinsinn, vergessen und wiederbelebt, mit neuem Scheinsinn aufgeladen und so weiter. Zudem sind sie Teil des Kommunikations- und Selbstvergewisserungssystems Sprache, in dem jedem Wort eine Funktion zugewiesen wird. Ein Wort als Begriff hat keine eigenständige Substanz.

Worte dagegen sind das Ergebnis eines wörternutzenden Worteschaffenden, und sie bestehen aus einem Haufen von Wörtern. Worte, nicht Wörter, sind das Ergebnis von Gedankenoperationen, und man kann versuchen, in diesem Haufen von Wörtern, die man Worte nennt, so etwas wie einen Kern zu finden. Manchmal gelingt das, aber oft gelingt es nicht, und Worte erscheinen uns ebenso arbiträr wie Wörter.

Wortbesinnung

Sprechschwäche

Wenn ein Wissenschaftler, der sich mit Lese- und Rechtschreibschwäche beschäftigt, in einem kurzen Radiobeitrag von einzelnen Worten statt Wörtern spricht und von »der Gegenüber« statt das Gegenüber, dann ist das kein Ausdruck von Lese- und Rechtschreibschwäche.

Befreiung

Öffne den Mund
wenn der Stickschlamm
aus den Katakomben
hochsteigt
Miasma der
inneren Gestirne
Urknall der Seele
du mußt nicht schreien
öffne den Mund
und sprich
oder stammle
die Sonne spricht mit
und der Wind
sie formen das
feuchtglatte Wort
und trocknen
die wilden Gedanken
Gefühlgestalten
und bald spuckst
du Ton
wie weiches Fossil
lebenden Lehm
und wäschst von
den Lippen
die Asche
der Zeit