Über das Latenzverhalten von Würmern

Man ist immer wieder erstaunt, welche Schwachsinnigkeiten im wissenschaftlichen Terminologiesandkasten zu finden sind. Ein Beispiel von der Uni Freiburg:

Lernen

Allgemein: Verschiedene komplexe Prozesse, die zur latenten Verhaltensänderung eines Individuums durch Erfahrung führen. Vom Lernen abgegrenzt werden biologische und physiologische Vorgänge wie Wachstum, Ermüdung, Altern, Einwirkung von Pharmaka oder Verletzungen, die ebenfalls latente Verhaltensänderungen bewirken.

Solche terminologischen Unsauberkeiten deuten auf eine latente Hirnerweichung bei medizinischen Psychologen hin. Schon der in der Medizinterminologie übliche Terminus »Verhaltenslatenz« hat etwas Unsinniges, denn lebende Systeme zeichnen sich dadurch aus, daß sie sich so oder so verhalten. Es besteht also immer eine Latenz. Darauf muß nicht extra hochtrabend hingewiesen werden. Immer besteht auch beim Menschen eine größere oder kleinere Latenz zur Veränderung. Bis der Sarg zugenagelt wird. Aber auch dann … kommen die Würmer.

Eine »latente Verhaltensänderung« aber ist der Gipfel der terminologisch-logischen Unsauberkeit. Vielleicht sind manchmal die Würmer zu früh dran und fangen schon mal im Gehirn an zu werkeln.

»Latente Verhaltensänderung« ist ein Widerspruch im Beiwort. Ist sie nur latent, ist es keine Verhaltensänderung, denn Änderung ist ein manifester Prozeß. Ist Veränderung aber manifest, ist sie nicht mehr latent. Wie es hier zu sein scheint.

Pro Geisteswissenschaften

Immer mal wieder eine Initiative. Diesmal die Initiative »Pro Geisteswissenschaften«. Die ein wenig ins Hintertreffen geratenen Geisteswissenschaften sollen verstärkt (natürlich finanziell) gefördert werden. Besser wäre es, die wenigen Geisteswissenschaftler zu fördern, die sich nicht in den Institutionen hinter ihren Begriffssäulen verstecken.

Der je eigene Sprachgebrauch

In der Wissenschaftssprache, besonders in psychologischen und soziologischen Texten, findet man neben vielen anderen floskelhaften Konventionalismen sehr häufig einen übermäßigen, unreflektierten Gebrauch der Präposition »je«, wenn es darum geht, bei der Betrachtung von Gruppen darauf hinzuweisen, daß jedes Mitglied dieser Gruppe sich in mancher Hinsicht von den andern unterscheidet.

So hat jeder eine »je eigene Sozialisation«, einen »je eigenen Erfahrungsschatz«, einen »je eigenen Sprachduktus«, einen »je eigenen Stil«. Als wäre das nicht eine Selbstverständlichkeit (oder sollte doch zumindest eine sein), wird mit penetranter Überpräzisierung an jeder möglichen und unmöglichen Stelle auf das »je eigene« Individuelle im Überindividuellen hingewiesen. Warum tun so viele Autoren das und negieren so ihre »je eigenen« stilistischen Möglichkeiten? Vielleicht deshalb, weil es die »je eigenen« stilistischen Möglichkeiten in Wirklichkeit gar nicht gibt?

Häufiger präpositionaler Gebrauch dieses »je eigenen« scheint mir neben anderem prägnanter Ausdruck der »je eigenen« Nichtindividualität und eines »je eigenen« mangelndenden Reflexionsvermögens dieser Schreiber zu sein.

Wer vom »je eigenen« der anderen schreibt, sollte sich auch um das eigene »je eigene« kümmern. Aber vielleicht ist gerade das fehlende Bewußtsein des Mangels an »je eigenem« der unbewußte Antrieb, das »je eigene« als theoretisches Postulat so aufdringlich herauszustellen.

What the Bleep Do We Know!?

Daß unser Wissen über das Reale in der Realität außerordentlich lückenhaft ist, das ist den meisten Protagonisten des Filmes What the Bleep Do We Know!? weitgehend klar, vielen ihrer Kritiker jedoch (noch) nicht.

So ist in Wikipedia zu lesen: »Kritiker behaupten, der Film sei zu selektiv in der Auswahl der präsentierten Informationen. Andere meinen, daß er zustimmende Gesichtspunkte hervorhebe und kontroverse Ideen nicht ausreichend berücksichtigt seien oder daß das Thema zu sehr unter dem Gesichtspunkt des Mystischen dargestellt ist und die Auswahl der beteiligten Wissenschaftler nicht nur nach objektiven Gesichtspunkten erfolgte, da sie nicht in allen Punkten die Ansicht der allgemein anerkannten Wissenschaft präsentieren.«

Vielleicht liegt das daran, daß eine große Zahl von Wissenschaftlern keine Zeit hatte, weil sie zu sehr mit der Erforschung neuer Massenvernichtungswaffen und profitbringender Konsumgüter beschäftigt ist. Der Film mag zwar nichts wesentlich Neues bringen, doch in ihm werden neben dem einen oder anderen Fragwürdigen zum größten Teil plausible Hypothesen auf der Grundlage von Relativitätstheorie und Quantentheorie, aber auch der Molekularbiologie zum Nachdenken über das menschliche Selbstverständnis angeboten.

Die »allgemein anerkannte Wissenschaft« ist eine andere Sammlung nachdenkenswerter Hypothesen. Die Frage What the bleep do we know? muß immer wieder neu gestellt werden, indem man versucht, Antworten auf sie zu geben. Der Film ist so ein Versuch.