Schamgefühl

Es gibt kaum ein Gefühl, das überflüssiger ist als Scham. Selbstkritische Nachdenklichkeit ist weitaus besser und angemessener. Und läßt sich von andern nicht so leicht für deren eigene Zwecke der Machtentfaltung instrumentalisieren. Scham ist ein vorzügliches Mittel der Kontrolle des einzelnen durch die Gruppe, in der er sich bewegt. Wer sich schämt, räumt damit andern das Recht ein, sich selbst auf eine höhere moralische Stufe zu stellen. Schämt man sich – und sei es seiner Scham darüber, daß man sich zu schämen gezwungen sieht –, sollte dies zu möglicherweise schamüberwindender Nachdenklichkeit führen.

Denn wie die meisten andern Gefühle, ist auch das Schamgefühl durch Denken zu beeinflussen, ist Scham doch kein naturgegebenes Gefühl, sondern nichts anderes als Widerspiegelung konventionalisierter gesellschaftlicher Erwartungen. Stellt man diese durch Entwicklung von Selbstbewußtsein in Frage, relativiert sich die Meinung über die Notwendigkeit, fremden gesellschaftlich-moralischen Schamerwartungen gerecht zu werden und diese zufriedenzustellen. In der Folge wird sich das reflexartige Schamgefühl mehr und mehr verlieren, je intensiver man sich klarmacht, daß die Schamerwartung anderer nichts weiter repräsentiert als deren überwiegend unreflektierte, relative Wertvorstellungen, die unüberlegt zu teilen nur dann notwendig ist, wenn man sich außerstande sieht, eigene Wertmaßstäbe zu entwickeln, und die bewußtseinsmäßige Bequemlichkeit vorzieht, sich mit tradierten fremden Normen und Wertvorstellungen zu identifizieren.

Mit der Scham ist es ähnlich wie mit manchen Krankheiten: Sie geben uns eine Möglichkeit zur Flucht, und sie dienen manchmal dazu, Vermeidungshaltungen in unserer Entwicklung zu rechtfertigen. Wenn die Scham nicht in irgendeiner Weise Lustgewinn bedeutete, würde sie nur eine sehr untergeordnete Rolle spielen – oder gar keine.

Diogenes und die Linsen

Neulich wurde ich nach meiner Lieblingsanekdote gefragt. Hier ist sie:

Der griechische Philosoph Diogenes saß auf dem Boden und wusch Linsen, als der Philosoph Aristipp vorbeikam und Diogenes bemerkte. Damals gab es in Athen kein billigeres Essen als Linsen, und eine linsenreiche Speisekarte war Ausdruck von äußerster Armut.

Von Diogenes wußte man, daß er sich hauptsächlich von Linsen ernährte. Aristipp jedoch hatte es nicht zuletzt durch seine Schmeicheleien dem König gegenüber zu Wohlstand gebracht. Aristipp sagte von oben herab: »Diogenes, wenn du lerntest, etwas bescheidener und ehrehrbietiger zu sein und dem König ein wenig zu schmeicheln, dann müßtest du nicht immer nur Linsen essen.«

Diogenes blickte schelmisch zu dem wohlhabenden Gesprächspartner herauf (oder besser herab) und erwiderte: »Ach, Aristipp. Wenn du gelernt hättest, Linsen zu waschen, müßtest du nicht dem König schmeicheln.«