Faktum und Zeichen

So wie das Licht, das auf unsere Umgebung fällt oder sie überfließt, wie jede Strahlung je nach Betrachtung und Beschreibung Teilchen- oder Wellencharakter hat, so ist auch unsere Umgebung je nach Betrachtungsweise ein Fakten- oder ein Zeichensystem. Wer nur eines von beiden wahrnimmt, wird mit einem reduzierten Bild im Kopf herumlaufen, das dazu beiträgt, die eine oder andere Seite der Realität auszublenden.

Die natürliche Sicht

Die natürliche Sicht ist leider nur bei gutem Wetter klar. Und selbst dann ist sie abhängig von der Qualität unserer Augen. Die »Wahrheit« aber liegt auch bei strahlendem Sonnenschein verborgen im unsichtbaren Nebel.

Konstanten der Wahrnehmung

Wir erfahren die Welt nicht nur gemäß unseren Erfahrungen und Glaubenssätzen, sondern vor allem und in erster Linie gemäß unseren angeborenen Wahrnehmungskonstanten.

Raum und Zeit sind nicht real im materiellen Sinn, sondern Ausdruck unserer apriorischen Bewußtseinsstrukturen.

Niemand hat in dieser Hinsicht eine Wahl.

Wählen können wir lediglich bei der Bewertung des Ganzen: Unsere Erfahrungen, Religion und Philosophie sind Folge unserer Sinneseindrücke und gedanklichen Ableitungen, nicht etwa umgekehrt. Sosehr wir uns das auch wünschen mögen.

Was wir ändern können, sind lediglich Bewußtseinszustände, Fokussierungen und Perspektiven. Die Grundmuster unserer Wahrnehmung, das eigentliche Bewußtsein können wir nicht ändern, es ist gewissermaßen ins Sein eingewachsen.

All unser Denken und Handeln ist Ausdruck unserer Sinneswahrnehmung, und wir können uns mit Hilfe der Phantasie unendlich viel zurechtmachen, aber eine Welt jenseits von Zeit und Raum können wir uns nicht vorstellen. Und dabei sind Zeit und Raum nichts anderes als unsere angeborene Vorstellung von der Realität. Sie kommen nicht den Dingen selbst zu.

Was wirklich „ist“, können wir nicht wahrnehmen, wir bleiben immer im Netz unserer selbstgeschaffenen Vorstellungen, Erscheinungen hängen. Bestenfalls können wir spekulieren, welche böse Spinne dieses Netz gewebt hat und ob und, wenn ja, warum sie uns darin fangen will.

Über grüne und blaue Mäuse

Nimmt einer in seiner meditativ gestützten Intuition grüne Mäuse wahr, dann sagt das etwas über seinen Farbsinn und die Art seiner Wahrnehmung aus, wenn ein anderer blaue sieht, gilt das gleiche. Über »kosmische Wahrheit« oder wie immer man das nennen mag, sagt beides nichts.

Wenn nun ein dritter sich hinsetzt und nach einiger Zeit grüne oder blaue Mäuse sieht, dann sagt das ebenfalls nichts über »kosmische Wahrheit«, sondern nur über dessen Farbsinn und dessen Art der Wahrnehmung und darüber, ob er sich mit Grünmaussehern oder mit Blaumaussehern identifiziert.

Und dann gibt es natürlich auch noch die weißen und die profanen grauen Mäuse und die mit gestreiften Hosenträgern, je nach Konfession und Esoterikgrad der Bildbetrachter. Und nicht zuletzt die zähe Volksmetaphysik der exoterischen Weltreligionen mit ihren spezifischen optischen Filtern.

Und die freiwilligen und unfreiwilligen Farbenblinden.

Der größte Teil von dem, was wir wahrnehmen, ist die Folge unserer unbewußten oder halbbewußten Entscheidung, was wir wahrnehmen wollen.

Wissen und Wahrnehmen

Das Wissen darüber, was richtig und falsch, gut und böse, angemessen oder unangemessen ist, reicht nicht aus – wir müssen das Falsche auch wahrnehmen, einerlei ob es sich um unsere eigenen Fehler oder die Fehler anderer handelt.

Altruistische Wahrnehmungsbeschränkung

Besser ist es, im Nebel zu wandern, als mit einem Brett vorm Kopf herumzulaufen, denn je nach Dichte des Nebels und Perspektive des Betrachtenden bietet Nebel zwar keine sonderliche Farbigkeit, aber immerhin ein gewisses Maß an Transparenz.

Bretter hingegen leuchten hin und wieder in schönen Farben, aber das ist nur für den Betrachter von außen sichtbar, woraus folgt, daß jedwede Erheiterung in diesem Falle eine einseitige ist. Das Brett vorm eigenen Kopf nützt also höchstens den andern.

Nur unverbesserlichen Altruisten kann das Legitimierung und Trost bedeuten. Sie lieben ihre Bretter so sehr, weil sie den andern etwas Gutes tun wollen, völlig uneigennützig. Völlig uneigennützig?

Oder ist am Ende nicht gar so falsch, was Heinrich von Kleist dermaleinst schrieb, nämlich daß der Altruismus die versteckteste Form des Egoismus sei?