Perlen, Gold und Edelsteine

Normalerweise neigen Besitzer von Perlen, Gold und Edelsteinen nicht gerade dazu, ihren Reichtum verschwenderisch unter die Leute zu streuen. Übergroßer Besitz wächst am besten auf dem Mist des Geizes. 

Anders verhält es sich dagegen mit den Wahrheitsbesitzern. Sie stehen oft morgens bereits früh auf, damit ihnen keiner der Unwissenden entgeht, und mit vollen Händen verteilen diese Aletheia-Kapitalisten ihr Hab und Gut an die Bedürftigen. Und wenn einer der so Beschenkten den Verdacht äußert, es könne beim Geber möglicherweise der ein oder andere Hintergedanke die fromme Tat motivieren, hört man den übergroßzügigen Wahrheitswirt schon mal »Perlen vor die Säue« zischeln oder Schlimmeres.

Daß diese Perlen der Weisheit sich, wie früher bei den Missionaren, allzuhäufig, wenn nicht immer, bei genauerer Betrachtung als Glasmurmeln entpuppen, sei nur am Rande erwähnt.

Die natürliche Sicht

Die natürliche Sicht ist leider nur bei gutem Wetter klar. Und selbst dann ist sie abhängig von der Qualität unserer Augen. Die »Wahrheit« aber liegt auch bei strahlendem Sonnenschein verborgen im unsichtbaren Nebel.

Wahr

Wahr ist, daß auch die absolute Wahrheit relativ ist und weniger wert als Wahrhaftigkeit. Absolute Wahrheit kann es nur aus der Sicht eines Absoluten geben, aber ein Absolutes kann keine Sicht haben, weil Sicht Perspektive zur Voraussetzung hat. Perspektive jedoch ist nur denkbar in Relation zu etwas, und Relation ist Ausdruck von Relativität und nicht als absolut denkbar. Eine absolute Perspektive ist ein Widerspruch in sich.

Deus sive natura ist blind und kann nur mit unsern Augen sehen. Wir aber sind unzuverlässige apperzipierende Sinnesorgane, die mehr in die Dinge hineininterpretieren, als sie aus ihnen herauslesen. Und das führt zur Relativierung des Absoluten, denn wir wollen unser eigenes Süppchen kochen und reichern deshalb unsere weltanschauliche Kartoffelsuppe ganz nach unserem persönlichen Geschmack mit religiösen Gewürzen der Region an. Oder mit denen, die wir gerade zur Hand haben.

Über grüne und blaue Mäuse

Nimmt einer in seiner meditativ gestützten Intuition grüne Mäuse wahr, dann sagt das etwas über seinen Farbsinn und die Art seiner Wahrnehmung aus, wenn ein anderer blaue sieht, gilt das gleiche. Über »kosmische Wahrheit« oder wie immer man das nennen mag, sagt beides nichts.

Wenn nun ein dritter sich hinsetzt und nach einiger Zeit grüne oder blaue Mäuse sieht, dann sagt das ebenfalls nichts über »kosmische Wahrheit«, sondern nur über dessen Farbsinn und dessen Art der Wahrnehmung und darüber, ob er sich mit Grünmaussehern oder mit Blaumaussehern identifiziert.

Und dann gibt es natürlich auch noch die weißen und die profanen grauen Mäuse und die mit gestreiften Hosenträgern, je nach Konfession und Esoterikgrad der Bildbetrachter. Und nicht zuletzt die zähe Volksmetaphysik der exoterischen Weltreligionen mit ihren spezifischen optischen Filtern.

Und die freiwilligen und unfreiwilligen Farbenblinden.

Der größte Teil von dem, was wir wahrnehmen, ist die Folge unserer unbewußten oder halbbewußten Entscheidung, was wir wahrnehmen wollen.