Blondinenwitze

Seitdem nicht nur in unseren Breiten immer mehr Braunhaarige, auch braunhaarige Witzeerzähler, dazu übergegangen sind, sich die Haare blond zu färben oder doch zumindest blonde Strähnchen ins Haupthaar einzuschmuggeln, und zunehmend auch Blondinen gute Abiturzeugnisse vorweisen können, hat das Wohlwollen gegenüber Blondinenwitzen merklich abgenommen, und der herkömmliche, ehemals braungefleckte Blondinenwitzdichter mit Hauptschulabschluß hat beschlossen, jetzt da der sich selbst zumindest phänotypisch seinen Protagonistinnen angeglichen hat, seine spöttische Zuwendung anderen Gruppen der Gesellschaft zukommen zu lassen, denn sein uneingestandenes Minderwertigkeitsgefühl verlangt danach, sich der eigenen Überlegenheit dadurch zu vergewissern, daß er anderen die Dummheit bescheinigt, deren er selbst gerade mit Mühe und Not entkommen zu sein glaubt.

Über Naivität

Die Naivität als Privileg der Jugend zu betrachten ist ein Privileg naiver Erwachsener, die glauben, naiv, wie sie sind, sie hätten sich ihre Naivität nur mit Mühe erhalten oder gar gänzlich verloren. Es ist ein Zeichen von Naivität, zu glauben, Naivität sei an ein Lebensalter gebunden. Das gilt sowohl für den negativen Aspekt der Naivität – also unbekümmerte Blauäugigkeit und Vertrauensseligkeit – wie auch für den positiven – Unvoreingenommenheit und Neugier. Die negative Seite ist bei Erwachsenen stärker ausgeprägt als die positive. Bei Jugendlichen und besonders bei Kindern halten sich beide Aspekte eher die Waage.

Verteidigung der Ruhe

Was tun wir, wenn uns einer sagt, unser Urteil beruhe auf Vorurteilen und sei deshalb getrübt? Wir fühlen uns verurteilt und sprechen dem andern die Urteilsfähigkeit ab. So verteidigt das Denken seine Nachtruhe. Es ist so ähnlich, als wenn wir träumten, wir seien bereits aufgestanden und auf dem Weg zur Arbeit, obgleich wir noch faul im Bett herumliegen. 

Grün und weiß

Ich finde es in höchstem Maße amüsant, wie so manche Heranwachsende versucht, von der vielen grünen Farbe hinter ihren Ohren abzulenken, indem sie gedankenlos (oder soll man sagen hirnfrei?) von „alten weißen Männern“ daherredet. Liebe junge Frauen, hübsch oder weniger hübsch, glaubt ihr wirklich, das Grüne hinter euren Ohren verflüchtige sich, wenn ihr Farbadjektive auf andere anwendet? So wie ihr das tut, ist das nicht nur kein Argument, sondern nichts weiter als eine primitive Melange von Rassismus, Diskriminierung und Vorurteil. 

 

Skeptisch-auktoriale Variation

Wenn er unvoreingenommen auf die Fülle von Ismen schaut, die ihn umgeben und werbend oder fordernd seine grauen Zellen umkreisen, dann fällt ihm auf, daß es nur einen Ismus zu geben scheint, der der freien Entfaltung seines Denkens förderlich ist. Das ist der Organismus.

Alle anderen, zumal als »Bewegung« oder Richtungszeichen, sind dem eigenen Denken eher abträglich und behindern die Konzentration der Gedanken mehr, als sie sie befördern. Sein Kopf wird nicht frei, wenn er sich in der Nähe von Ismen aufhält, denn in der Nase stört dieser metallische Geruch des blutbesudelten, aber nach wie vor sehr lebendigen Vaters aller Ismen: des Dogmatismus. 

Da sitzt er nun mit seiner Illusion der Unvoreingenommenheit, die in Wirklichkeit nur ein kleiner Schritt ist, ein Augenaufschlagen, das vielleicht irgendwann mal zu einer eigenen Sicht auf sich und die Welt führen wird, heraus aus den interessegeleiteten Vorurteilen und hinein, ja wohinein?

Er weiß es nicht. 

Und ich, der ich ihn dort hingesetzt habe, ich weiß es ebensowenig. Aber es ist ein Anfang.

Trunkenheit im Wortverkehr

Wenn einer betrunken ist von Ideologemenbowle oder Moralinpunsch, ist er, nüchtern betrachtet, rauscheuphorisiert und nicht zur sachlichen Betrachtung und Beschreibung der Dinge und noch viel weniger seines eigenen Zustandes bereit und in der Lage. So geht es den meisten von uns, wenn wir unsere in ideologisch gedüngtem Boden gewachsenen Vorurteile in Diskussionen oder Debatten hätscheln oder hätscheln lassen.

Die meisten Diskussionen sind Gewächshaustratsch.