Intoleranz

Es gehört zum Wesen der Intoleranz, andere, die diese Intoleranz bemerken, obgleich sie sich gleichermaßen wortreich wie gedankenarm zur Toleranz verklärt, der Intoleranz zu bezichtigen. Kreide glättet zwar die Stimme, aber sorgt für sichtbaren Belag auf der Zunge.

Über Toleranz

Wenn man Bodyguardphantasien und Selbstjustizwünsche bei sich entdeckt, ohne daß man sich selbst in einer aktuellen Bedrohungssituation befindet, dann sollte man darüber nachdenken, ob das Toleranzmodell, nach dem man zu leben vermeint, wirklich etwas Echtes und Gewachsenes ist oder nur Camouflage des internen Aggressionspotentials, das beständig nach außen drängt, wenn es mit Andersartigem konfrontiert wird. Oder gar nur von Andersartigem hört oder liest. Vielleicht aber ist es schon der Gipfel der gängigen Toleranz, wenn man Billy Mo gestattet, sich einen Tirolerhut zu kaufen. Dann hat man was zum Lachen, und Lachen befreit. Manchmal auch von tiefsitzenden Aversionen.

Was ist anständig?

Ist es anständig, wenn ich dafür sorge, daß mein jazzliebender Nachbar mal anständige Musik zu hören bekommt, indem ich Black Sabbath auflege und meine 300-Watt-Anlage anständig aufdrehe? Ist es anständig, wenn ich dem Vegetarier eine anständige Haxe serviere, damit er mal was Anständiges zu essen bekommt? Ist es anständig, wenn ich dem Kiffer Wodka aufdränge, damit er mal anständig besoffen ist? Ist es anständig, wenn ich Kurzhaariger dem Langhaarigen einen anständigen Haarschnitt verpasse? Ist es anständig, wenn ich dem Nichtkatholiken klarmache, er sei ein Heide und brauche eine anständige Religion?

Derartige Anständigkeiten sind oder waren anständig verbreitet. Es scheint Sitte unter Anständigen zu sein, anderen ihre Art Anständigkeit aufdrängen zu wollen. Vor allem die ganz Anständigen scheinen so von sich überzeugt zu sein, daß sie es nicht ertragen können, wenn andere nicht in den Genuß dieser Anständigkeit kommen. Möglicherweise ist die Ursache ihres Sendungsbewußtseins aber eher ein klitzekleiner Selbstzweifel, der immer dann hochkommt, wenn sie mit einer anständigen Unanständigkeit konfrontiert werden. Oder mit einer anderen Farbe der Anständigkeit.