Jenseits der Tröstungen

Im Dasein eines jeden Menschen gibt es eine klare Linie, ob sie stimmig ist, darüber kann man nur schwer unterschiedlicher Auffassung sein, denn die Richtung ist klar: Jeder Mensch bewegt sich unweigerlich auf den individuellen Tod vor, die Auslöschung seines Ich-Bewußtseins. Das ist eine enorme Zumutung, aber für alle gleich. Einem jeden werden damit Belastungen auferlegt, die er durchzustehen hat, Verletzungen, Verstümmelungen allerorten. Für viele kaum zu tragen. Daß er sein Leben ohne erkennbaren Sinn abzuspulen hat, eine unbegreifliche Veranstaltung in einer Umgebung, die der Mensch nicht versteht, ist für ihn ebenso eine ungeheuerliche Kränkung wie das Bewußtsein seiner Nichtigkeit angesichts der nicht begreifbaren Dimensionen des Seienden und der Unerklärlichkeit des Seins. Von alldem abzulenken und die Verzweiflung fernzuhalten ist Aufgabe dessen, was wir Kultur oder auch Zivilisation nennen. Jenseits dieser Tröstungen gibt es nur den freien Fall ins Ungewisse.

Kollektives Verhängnis

Kollektive Freuden wie auch ein kollektives Verhängnis kann es nur geben, wenn das Individuum sich identifizierend Kollektives wie bei einem Akt der Pinozytose einverleibt und dessen entindividualisierendes Gift widerstandslos wirken läßt. Kollektive Freuden sind bei bewußten Menschen viel individueller, als man gemeinhin annimmt, und so etwas wie ein kollektives Verhängnis gibt es nur in der Außenbetrachtung.

Jeder stirbt für sich allein, wieviel andere auch um ihn herumliegen mögen.

Media in vita

Ohne dir persönlich allzusehr nahetreten zu wollen: Dir ist doch sicher bekannt, daß in deinem Studienplan im Nebenfach Geologische Anthropologie eine Exkursion in die Hölle, ersatzweise ins Purgatorium, vorgesehen ist. Und in deinem Keller liegt seit Jahren die Ausrüstung – du weißt schon: In der Ecke hinter deinem alten Kinderfahrrad, von dem du dich immer noch nicht trennen konntest, ist eine Klappe …

Du erinnerst dich nicht? Solltest du aber. Es kann jeden Tag losgehen. Dieserart Exkursionen werden kurzfristig angesetzt.

Fratzen schneiden

Allem Lebendigen haftet der Geruch des Todes an. Und wenn man genau hinschaut, sieht man den Tod in jedem Gesicht verschmitzt und wissend lächeln. Auch beim Blick in den Spiegel. Man muß ihm Fratzen schneiden.

Der Tod und der Schatten

Überall, wo Lichter lohen, brennen, glühen, schimmern, huschen große oder kleine Schatten umher. Schatten sind so allgegenwärtig wie das Licht. Der Tod aber wirft keine Schatten, denn er stellt alles in den Schatten, weil er die Lichter ausbläst.

Warum, weshalb, wieso?

Schon wieder Schatten, Tod und trübe Tage
Vergänglichkeit und all die dunklen Farben
das Sein, das Nichts, die alte Sinnsuchfrage
und grelles Licht auf die verhüllten Narben.

Weshalb bist du so negativ, so bitter
wieso nicht Frühlingsglück nach schweren Stürmen
warum nicht Sonnenschein nach dem Gewitter
erfüllte Hoffnung unter Kirchentürmen?

Die Welt ist voll von Illusionsmaschinen
die gute Laune spritzt aus blinden Drüsen
der warme Saft rinnt aus den Witzlatrinen
und Zuversicht aus falschen Analysen.

Was tut da schon ein Dorn, ein kleiner Splitter
erzeugt im Schädel mattes Wetterleuchten
im trüben Auge neben all dem Flitter
ein Hauch im Sentiment der Tränenfeuchten.

Warum nicht negativ, weshalb nicht bitter
wieso nicht schwarze Nacht mit roten Stürmen
Verzweiflungsschreie nach dem Blutgewitter
verrauchte Hoffnung unter alten Türmen?

Fragt etwa jemand den Komödienschreiber
Warum sind deine Stücke leicht und heiter
weshalb nicht öfter aufgespießte Leiber
wieso nicht eimerweise Kot und Eiter?