Der Bruder Leidenschaft

In einem Buch über die Farben von Klausbernd Vollmar las ich, geistige und physische Leidenschaften seien »zwar feindliche, aber doch eng verbundene Brüder«. Brüder. Der Autor ist, wie man vermuten darf, kein passionierter Sprachliebhaber.

Über den »Sinn« von Sinn

Über Sinn oder Unsinn von etwas können wir nur dann etwas sagen, wenn wir ein System zugrunde legen, in dem beides definiert ist. Alle solche Systeme stehen jedoch wackelig in den Zeitläuften und sind aus konventionellem Material zusammengeschustert und in hohem Maße subjektiv und abhängig von der Perspektive des jeweiligen Gedankenschusters. Die Wörter »Sinn« und »Unsinn« sind wie ihr Inhalt eine Erfindung des Menschen und haben keine tiefere Bedeutung als ein Holzpflock, den man auf einer Wiese in die Erde treibt.

Wenn wir uns fragen, ob das Wort Sinn Sinn hat, ähneln wir einer Katze, die sich in den Schwanz beißt. Deshalb fragen wir nicht danach, sondern setzen es stillschweigend voraus. So auch die Katze: Wenn sie das Jagen nach ihrem Schwanz nicht sinnvoll fände, schliefe sie lieber.

Kultur

Jemand schrieb:

Kultur ein typisch deutsches Wort. Eine (sic!) so lebendiges Miteinander, (sic!) mit so einem bürokratischen Wort zu benennen. Am besten noch Kulturen studieren. Der Höhepunkt einer sprachlichen Entgleisung.

(Genaugenommen sind eher diese unvollständigen Sätze in mehrerer Hinsicht neben der Spur.)

Mein ebenso dezenter wie begründeter Hinweis, daß das, was er schreibt, in jeder Hinsicht unzutreffend ist, wurde nicht freigeschaltet, weil wohl zu kritisch. Deshalb hier kurz meine Begründung, weshalb diese zwei Zeilen barer Unsinn sind und nicht wirklich zum Weiterlesen einladen.

Zum einen ist Kultur alles andere, nur kein typisch deutsches Wort, denn es ist abgeleitet von lateinisch cultura, wie das in den meisten europäischen Sprachen der Fall ist. Cultura, colturo, kultur, culture, kulttuuri und so weiter. Zugegeben, auf Hawaii, in Birma und in Tibet ist man weniger »bürokratisch« …

Was macht nun das deutsche Wort Kultur im Gegensatz zu den anderen Ableitungen, also zum Beispiel zum typisch? dänischen kultur, bürokratisch?, frage ich mich. Und die Antwort, man ahnt es, ist: nichts. Nichts, außer der Phantasie des Autors.

Wahrscheinlich hat er auch nicht Ethnologie studiert, was man früher Völkerkunde nannte, sonst käme er nicht auf die Idee, ein solches Studienfach wäre »der Höhepunkt einer sprachlichen Entgleisung«.

Aber man kann ja jeden Unfug unwidersprochen von sich geben, und der steht dann da, als wäre es keiner, wenn man Widerspruch nicht zuläßt.

Kulturen sprechen Sprachen

Schweizer Wörter

Die Lieblingsausrede von Wortkäseherstellern, die auf Widersprüchliches oder andere Ungereimtheiten in ihren Texten hingewiesen werden: Man solle doch bitte „zwischen den Zeilen lesen“, sonst könne man nicht verstehen, was gemeint sei. Ich schaue dann immer gern zwischen den Zeilen nach, finde aber normalerweise nur käseweißes Papier. Es sei denn, es handelt sich um Texte, die in zensurverseuchten Diktaturen geschrieben wurden.

Jeder Verkäufer von Emmentaler würde gern seinen Käse nach Volumen berechnen, weil er meint, die Löcher seien das Wesentliche. Aber aus gutem Grund geht’s doch nicht nur beim Käse, sondern auch bei Texten nach Gewicht.

Klettische Rechtschreibung

Rechtschreibung

Letztens fand ich in meiner Post einen Brief von Klett College. »Damit Ihr Kind mehr Erfolg in der Schule hat! – Perfekte Hilfe für bessere Noten«. Nun hat meine Tochter auch ohne Klett Erfolg in der Schule, aber das können die bei Klett ja nicht wissen, denn so weit ist die Überwachungs-Verkabelung der Individuen glücklicherweise noch nicht gediehen.

Was die Klettianer jedoch wissen müßten: Wer »perfekte« Hilfe anbietet, sollte ein Mindestmaß an Professionalität walten lassen. Zwar wurde das Wort »perfekt« richtig geschrieben und nicht mit »ck«, aber so einiges andere leider nicht.

Wie es scheint, ist bei Klett nicht bekannt, daß das »neue und besondere«, unangetastet von jeder Rechtschreibreform, von jeher das »Neue und Besondere« ist. Glasklare Nomen werden selbstverständlich am Anfang mit einem Großbuchstaben versehen.

Auch gibt es in anständigen Texten nach wie vor keine Abkürzungen am Satzanfang, Gedankenstriche sind Gedankenstriche und keine Divise, vor Prozentzeichen findet sich immer ein Zwischenraum, und nicht nur manchmal, ok schreibt man in Deutschland o.k., vor sowie steht, außer bei Appositionen, kein Komma, eine »CD-Rom« gibt es nur als CD-ROM, außer vielleicht in Italien …

»Für eine erfolgreiche Deutsch-Note …« Erfolgreiche Note? Nein. Noten können nicht erfolgreich sein, sondern nur diejenigen, die eine gute Note bekommen. Jedenfalls manchmal.

Keine gute Note für Klett.

 

 

Anmerkung: Ich selbst schreibe natürlich, wie immer, nach den Regeln der traditionellen Orthographie.

Sprache und Utopie

Einer der Herausgeber der FAZ, Berthold Kohler, schrieb in einem Kommentar: »Ein Regierungswechsel in Hessen aber ermöglichte es dem linken SPD-Flügel, wieder von sozialistischen Utopien zu träumen.«

Woran wieder einmal deutlich wird, wie negativ ideologische Panzerung sich auf Urteilsfähigkeit und Sprachgestaltung auswirkt. Denn: Ein Flügel träumt nicht. Und wenn ein Linker in der SPD träumt, dann vielleicht von etwas, was ein Rechter in der FAZ für Utopie hält, weil er selbst andersgeartete Träume oder auch Utopien hat. Und wenn ich von einer Utopie als Utopie träume, dann hat sie bereits ihren utopischen Charakter verloren und ist bestenfalls nostalgisches Wehmutsschnarchen. Geträumte Utopie ist schimmeliger Schimmelkäse.

Kein Schlußpunkt

Er fand es nachdenkenswert, bei manchen Aussagen auf den Schlußpunkt zu verzichten, um deutlich zu machen, daß alle Erwägungen, selbst die im apodiktischen Gewand daherkommenden, Mutmaßungen sind. Oder sollte er drei Punkte setzen, um die Unabgeschlossenheit zu verdeutlichen? Eine andere Möglichkeit wäre es, alle Sätze so zu strukturieren, daß am Ende jedes Gedankens, das zumindest zu Lebzeiten niemals ein Ende ist, stets ein Fragezeichen stünde.

All dies erwägend, entschied er sich dennoch, den Punkt beizubehalten – und sei es als Ausdruck seines Mutes, seines Willens zur vollendeten Formbildung. 

Nur auf Ausrufezeichen wird er auch weiterhin verzichten, sind sie doch Ausdruck des Wunsches, nicht nur andere, sondern auch sich selbst von Schlußfolgerungen zu überzeugen, deren Stichhaltigkeit man im stillen bezweifelt.