In Größenordnungen

Irgendwann in den achtziger Jahren hat sich ein vermutlich einflußreicher bürokratischer Einfallspinsel in der ehemaligen DDR als Stellvertreterin für das unprätentiöse und für den anspruchsvollen Bürokratenwortschatz zu simple Wörtchen groß die Wendung in Größenordnungen ausgedacht, und in der Folge gab es kaum noch eine Rede, kaum ein politisches Statement ohne diese sinnleere Floskel. Man weiß ja aus bitterer Erfahrung, daß der größte Stuß sich schneller verbreitet als die Vogelgrippe.

Zwanzig Jahre später. Die Oberbürgermeisterin der Stadt Halle (nicht in Westfalen, sondern an der Saale) läßt (ungeschnitten) Folgendes verlauten:

Die Zeiten, in denen die öffentliche Hand immer neue Dinge in Größenordnungen dauerhaft finanziert hat, sind vorbei. Wir müssen Prioritäten setzen, um auf der anderen Seite (was immer das sein mag) die Grundversorgung zu sichern.

Sie können mir glauben: Wir können uns angenehmere Dinge vorstellen, als gegenüber den Mitarbeitern zu vertreten, dass sie die nächsten 3 Jahre verkürzt arbeiten gehen müssen, und dies ohne Lohnausgleich, obwohl in einigen Bereichen berechtigte Überstunden in Größenordnungen anfallen.

(Berechtigte Überstunden in Größenordnungen sind auch nicht schlecht. Oder sind vielleicht Überstunden in berechtigten Größenordnungen gemeint?)

Vielleicht auf Völkerwanderung zurückzuführen, finden sich zunehmend ähnliche Aussagen in den alten Bundesländern, denen es an eigenem ungenießbarem Bürokratensenf auch ohne diese Neuerwerbung nicht mangelt:

Sicher gibt es noch andere Industrien, neben der Abfall- und Kreislaufwirtschaft, die Transporte in Größenordnungen durchführt, die eine Optimierung sinnvoll erscheinen lässt (Uni Stuttgart).

(Abgesehen davon, daß es natürlich durchführen und lassen heißen muß, auch hier die ungeschminkten Größenordnungen.)

Bei der VWA studieren heißt, zwei Herausforderungen gleichzeitig anzunehmen: Man muss über mindestens drei Jahre in Größenordnungen Freizeit opfern … (Verwaltungsakademie Göttingen).

Vielleicht sollten derartige Denk-Wort-Künstler mal ein wenig Freizeit opfern, um ihrer Muttersprache etwas näherzukommen oder auch nur klarem Denken. Denn was heißt »in Größenordnungen«? Sind das kleine oder große Größenordnungen, mißt man in Prozent oder in Millimeter? 

Wie groß ist der Verlust eines Betriebes, der Verluste in Größenordnungen macht? Das können wir doch nur erfahren, wenn wir wissen, daß es sich um Größenordnungen von 20 Prozent oder Millionen Euro handelt. 

Von Größenordnungen zu sprechen, ohne diese genauer zu benennen, ist unsinnig, es ist so, als wenn ich sagte: Wer das ungleiche Wortpärchen in Größenordnungen in der beschriebenen Weise benutzt, dessen Sprachgefühl ist in Größenordnungen verkümmert und dessen Denkfähigkeit ist in Größenordnungen gestört. Deshalb präzisiere ich: in erschreckenden Größenordnungen.

Aber vielleicht bin ich auch nur in (…) Größenordnungen anspruchsvoll.

Versicherung leistet

Wo man auch hinschaut, hinhört, überall hört man: „Die Versicherung leistet.“ Oder richtiger: Sie leistet nicht. Was die Versicherung leistet, darum scheint es dem Sprachökonomen merkwürdigerweise nicht zu gehen. „WANN leistet die Versicherung?“ Mich interessiert vor allem, WAS die Versicherung leistet. Wenn sie nur Seelsorge oder anderweitige ideelle Unterstützung leistet, dann sollte man sich die Versicherung sparen. 

Ich leiste, du leistest, er/sie/es leistet, wir leisten, ihr leistet, sie leisten. Ja, was leisten sie denn, die Versicherungen? Na, Göld, würde der Wiener sagen, des versteht sich doch von sölbst. 

Aber nur, wenn ’s zahlen.

Kostümierte Alalie

Der Gebrauch der Sprache ist, abgesehen von seiner kommunikativen Funktion, vor allem kostümierte Alalie. Bisweilen gibt es prächtige Roben, aber wenn wir ehrlich sind, müssen wir zugeben, daß auf dem Maskenball der gestikulierenden Sprachlosen die billigen Stoffe überwiegen.

Demimonde

Nur zu gern griff die blasierte und triebreduzierte Oberschicht der moralisierenden städtischen Anstandszivilisation in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts Dumas‘ Begriff »Demimonde«, Halbwelt, aus dem Roman »Kameliendame« auf, um die lebenspralle, abenteuerliche Parallelwelt zu entwerten, die so ganz andere Vorstellungen von Sitte und Moral hatte – und vor allem lebte – als sie selbst.

Die Bezeichnung »Halbwelt« hat sich bis heute gehalten, ebenso wie ihre pejorative Konnotation, und sobald in der geschrumpften Ganzwelt der anständigen, wenn auch sexualmoralisch verknöcherten Kulturbeauftragten und feministischen Oberlehrerinnen die Rede auf die »Halbwelt« kommt, gehen sichtbar überall die roten Lichter an, und die Beteiligten verschwinden nach kurzer Zeit in Richtung Toilette, Verzeihung: Waschraum, und waschen sich den Mund aus.

Nur den einen oder anderen Professor Unrat halten vielgestaltigere Erfahrungen auf seinem Platz, denn er ist sich immer noch nicht sicher, welche der beiden Halbwelten die richtige für ihn ist oder ob es nicht wünschenswert sein könnte, beide Halbwelten auf neue und kreative Weise miteinander zu verbinden.

Auf Augenhöhe

Die unangenehmste Eigenschaft von verbalem Schwachsinn ist, daß er in Hohlkopfkreisen rasend schnell inflationär wird. Besonders dann, wenn dieserart Hülsenfrüchte auf dem furchtbar fruchtbaren Mist der Minderwertigkeitsgefühle sprießen, gibt es schon bald kein Halten mehr.

So ist das auch mit der Wendung »auf Augenhöhe«. Blauäugig erfunden, so will ich mal ohne genaue Kenntnis der Geburtsurkunde behaupten, von der Partei mit den drei Ablagerungen von Fliegendreck im Namen, die sich gerade einen Haufen Hämatome beim Überspringen der 5-Prozent-Hürde eingefangen hatte, aber »auf gleicher Augenhöhe« mit einer hochprozentigen Partei verhandeln wollte, nimmt dieser wortgewordene Minderwertigkeitskomplex inzwischen derart narzißtische und abstruse Formen an, daß es mir an der Zeit zu sein scheint, dem etwas entgegenzuhalten.

Pressemeldungen der letzten Tage: Delmenhorst ist mit dieser Ausstellung mit großen Museen auf Augenhöhe getreten, Pocher will mit Schmidt auf Augenhöhe zusammenarbeiten, MAN verhandelt auf Augenhöhe mit VW, Firstgate will auf gleiche Augenhöhe mit PayPal kommen, Langer ist auf Augenhöhe mit Woods, in Frankfurt kann man beim Wolkenkratzer-Fest per Ballon »auf Augenhöhe mit den Chefetagen« kommen. Im Zoo kommt man mit Gorillas oder Adlern auf Augenhöhe, und manchmal, wenn einer vergißt, den Käfig zuzumachen, anschließend mit den Ärzten im Klinikum, aber nur, wenn einer von denen Rollstuhlfahrer ist.

Selbst in der »Zeit« kann man solcherlei Bückwunschpoesie lesen: »Er dozierte, aber auf Augenhöhe.«

Die Aufzählung ließe sich so lange fortsetzen, bis der nächste Stromausfall dem ein Ende setzt oder der Schlaf mich übermannt.

Bei alldem sollte man nicht vergessen: Im Lebensmittelgeschäft, und nicht nur dort, sind Waren in Augenhöhe teurer als Bückware.

So habe ich mich unlängst entschlossen, immer dann, wenn einer etwas von gleicher Augenhöhe sagt, zu fragen, ob er ein Fußbänkchen dabeihabe, das er mir leihweise überlassen könne. Solches Understatement wird gern angenommen. 

Zum Schluß noch etwas Rätselhaftes aus der Rubrik Augenhöhe: »Vertreter des Kultusministeriums und Schulkritiker haben in Tübingen konferiert. Das Gespräch dauerte zwei Stunden und wurde an einem ovalen Tisch, also auf Augenhöhe, geführt.«

Ich stelle mir das mal lieber nicht so arg detailliert vor.

Der schönste erste Satz

Lieber Leser, heutzutage schreibt nahezu jeder, der Finger hat und diese bewegen kann, einen Roman oder wenigstens eine Autobiographie und läßt ein Feuerwerk der Banalitäten und grammatikalischen Absonderlichkeiten, stilistischen Gewürges und von semantischem Unverständnis geprägten Wortschleims auf dich los; und da auch ich, gedrängt von meinen Freunden, mich dieser Unart nicht enthalten kann, habe ich mich entschlossen, einen autobiographischen Roman zu schreiben, dessen ersten Satz du gerade mit hoffentlich angemessener Begeisterung liest und den du, wie ich hoffe, beim Wettbewerb der Initiative deutsche Sprache und Stiftung Lesen als Kandidaten für den schönsten ersten Satz einreichen wirst – und weil ich dir dankbar bin, daß du mein Buch gekauft hast, soll dieser Satz nicht nur der erste meines Romans sein, sondern gleichzeitig der letzte, und ich überlasse es dir, die folgenden 556 Seiten, die ich für dich freigelassen habe, nach Belieben kalligraphisch oder schmierzettelig zu füllen: mit meiner Geschichte aus deiner Sicht, mit Liebesgedichten für deinen Dackel oder mit Grafiken konkreter Poesie.