Fehler

Wenn wir auf einen Fehler in unserem Denken oder in unserer Sprache aufmerksam gemacht werden und diesen erkennen, weil wir den Einwand ernst nehmen, suchen wir nach dem Grund dieses Fehlers und benennen ihn, wenn wir das können. Das sieht für andere manchmal wie eine Ausrede aus, ist aber keine Rechtfertigung vor andern, sondern in erster Linie vor uns selbst und wirkt bei uns beruhigend, weil wir so weiter den Traum der Perfektion träumen können. Vielleicht möchten wir uns aber einfach nur weiterentwickeln. Schlimm wird es, wenn wir unsere Fehler zwar erkennen, aber nicht verstehen.

Meines Erachtens (Nachtrag)

Meines Erachtens müßten wir, wenn wir die Einsicht in den temporären Charakter von Meinungen und Erkenntnissen nicht als allgemeingültig und üblich voraussetzen, konsequenterweise statt m. E. m. E. t. (temporarius) sagen, weil wir doch alle wissen, daß wir beim Bau unserer Meinungen wie Bauunternehmer in erdbebengefährdeten Gebieten gern die billige Sorte Zement benutzen. Zum Glück können wir immer wieder nachbessern, ohne daß jemand außer uns selbst zu Schaden kommt.

Meines Erachtens

Fünf Minuten Deutsch
Ein falscher Fall meines Erachtens

Von Ruprecht Skasa-Weiß

Nach und nach verkuddelmuddelt aber wirklich alles! Kommt nach davor, kommt nach danach, oder geht’s auch ohne Nach-Kommen? »Nach meinem Erachten durchaus«, sagt dieser. »Also meiner Meinung nach unbedingt«, meint jener. »Meines Erachtens, das reicht“, erklärt ein Dritter. Was er nicht sagt, das ist: »Meiner Meinung.« Dabei wäre auch noch diese Fügung theoretisch richtig. Aber da Wem- und Wesfall bei weiblich gebeugten Wörtern gleich klingen, ist man praktisch zum Verzicht genötigt. Es hört sich falsch an …

So weit und noch weiter Ruprecht Skasa-Weiß in der »Stuttgarter Zeitung«. Aber nicht weit genug. Ob nun meines Erachtens oder was auch immer, das ist wohl doch eher sekundär. Primär ist für mich (sic!) die Frage, was die Leute treibt, diese überflüssigen Meinungsäußerungen über die eigene Meinung in die Rede einzustreuen. Am schlimmsten ist das in wissenschaftlich sein wollenden Büchern, in denen so manches Mal auf einer Seite fünfmal m. E. auftaucht. Wozu soll das gut sein? Ist der Autor sich vielleicht gar nicht so sicher, wie er vorgibt? Hat er möglicherweise Angst vor irgendwelchen Autoritäten, die ihm übers Maul fahren könnten, oder hat er sein Erachten irgendwo in der Uni-Bibliothek geklaut?

Daß das meine Meinung ist, was ich schreibe, ist doch wohl klar, darauf muß nicht ständig hingewiesen werden. Wer dauernd betont, daß das, was er sagt, seine Meinung ist, ist sich seiner Meinung nicht sicher, das steht spätestens seit Freud fest. Oder er hält sich für so unbedeutend, daß er mit »meiner Meinung nach« oder »nach meiner Meinung« die Bitte zum Ausdruck bringt, ihm doch mal zuzuhören, obschon er im Grunde nichts zu sagen hat. Und das ist dann meist tatsächlich so.

In älteren Büchern findet sich in diesem Zusammenhang das schöne Wörtchen »unmaßgeblich«. Immer schön ducken, wenn man was sagt, damit mögliche Zornesblicke über einen hinweggehen.

Wenn man sagt, was man denkt, sollte man es ohne solches Demutsgestotter tun, und wenn meine Meinung für jemand anderen als meine Meinung deutlich wird, dann vor allem dadurch, daß sie sich in der Form oder inhaltlich von anderen Meinungen abhebt. Ob andere meine Meinung als meine Meinung erkennen oder nicht und ob sie sie maßgeblich finden oder nicht, das ist ihre Sache.

Und wenn sich einer seiner Sache nicht sicher ist, sollte er keine wissenschaftlichen Bücher mit meines Erachtens und meiner Meinung nach schreiben, sondern erst mal noch ein wenig nachdenken.

Logische Merkwürdigkeit

Der Unterschied zwischen den beiden sprachlich und logisch scheinbar kongruenten Aussagen »alles ist möglich« und »nichts ist unmöglich« ist der Ausschluß des Nichts in der zweiten Aussage, während in der ersten die Möglichkeit des Nichts – alles ist möglich, also auch das Nichts – enthalten ist.

Ist das nicht merkwürdig? Wenn alles möglich ist, dann auch das Nichts, wenn aber nichts unmöglich ist, kann alles sein, nur nicht nichts oder das Nichts. Wie das?

Woher kommt dieser Unterschied? Gibt es eine Möglichkeit, diese Möglichkeitsantinomie befriedigend aufzulösen?

Wahrscheinlich, möglicherweise (um mit dem Wort zu spielen) hat sich irgendein Aussagenlogiker oder ein Parmenides-Rezipient wie Heidegger bereits mit dieser Frage beschäftigt und sie möglicherweise (schon wieder das Wort) beantwortet, aber das weiß ich nicht, und deshalb stelle ich mich nicht dumm, wenn ich hier selbst versuche, sie zu beantworten: Ich bin dumm. Das ist eine hervorragende Basis für einen denkenden Menschen. Und obwohl ich nicht glaube, daß der Widerspruch dieser beiden Aussagen beseitigt werden kann, so hoffe ich doch, daß irgendein Licht in das Dunkel meiner Unwissenheit fällt, wenn ich denke.

Also: alles ist möglich versus nichts ist unmöglich.

Das unscheinbare »ist« brauchen wir im Augenblick nicht, obwohl ihm bei genauerer Betrachtung eine ungeheure Dynamik innewohnt, aber da es auf beiden Seiten der Gleichung vorhanden ist, können wir kürzen.

Also: alles möglich versus nichts unmöglich.

Parallele Struktur von Antonymen: alles – nichts, möglich – unmöglich. Ein bißchen Dreherei: alles möglich, nichts unmöglich – alles unmöglich, nichts möglich. Keine Kerbe zu finden, wo man Ockhams Rasiermesser ansetzen könnte.

Es bleibt dabei: Wenn alles möglich ist, ist das Nichts nicht ausgeschlossen, und wenn nichts unmöglich ist, ist alles möglich, außer das Nichts.

Gehen wir hier vielleicht unseren Sprachgewohnheiten auf den Leim? Immerhin gibt es einen kleinen Unterschied, aber der ist zumindest auf den ersten Blick lediglich begründet in der Konventionalität der Grammatik bzw. der Orthographie: nichts und das Nichts. Auf der einen Seite das Indefinitpronomen »nichts« und auf der anderen das Nomen »Nichts«, im Englischen »nothing« und »nothingness«.

Ganz offensichtlich hat die zweite Aussage eine doppelte Bedeutung, und es scheint so, als ob der Unterschied in der Orthographie: alles, nichts/Nichts in etwas anderem begründet ist als in Schreibgewohnheiten. Warum wird »alles« immer klein geschrieben? Warum nicht »das Alles« und »das Nichts« (von der reformierten Rechtschreibung, in der es »mein Ein und Alles« gibt, mal abgesehen). Wird »alles« vielleicht klein geschrieben, weil es bereits ein Nomen gibt, das seinen Platz einnimmt, das All? Aber was macht das schon? Ist das All nicht alles? Ist nicht beides, mal abgesehen vom Sprachgebrauch, gleich umfassend?

Alles möglich, Nichts/nichts unmöglich. Das bringt uns nicht weiter.

Rein intuitiv erscheint mir die zweite Aussage aber sinnvoller als die erste, doch warum? Alles ist möglich heißt: Alles kann sein, auch nichts oder das Nichts, aber wie sollte das Nichts oder nichts sein? Wenn es wäre, dann wäre es etwas und nicht nichts, und damit wäre es ein Teil des Seins, was ja nicht geht. Also Humbug.

Wenn aber nichts unmöglich ist, dann ist alles möglich außer nichts. Natürlich kann nichts nicht sein, denn das macht nichts ja gerade aus, daß es nicht ist. Aber wenn es nicht ist, dann ist es nicht. Daraus folgt, daß über das nichts/Nichts nichts gesagt werden kann. Es existiert nicht, das Nichts, oder nur sprachlich-logisch.

Wir sprechen also über etwas, dem keinerlei Seinsqualität zukommt, als komme ihm eine zu. Kann es sein, daß hier deutlich wird, daß Logik an unüberschreitbare Grenzen stößt? Was ist hier überfordert, unser Denken oder unsere Sprache?

Ich vermag den Widerspruch zwischen den beiden Aussagen logisch nicht aufzulösen. Wo genau liegt der Unterschied der formal gleichen Aussagen, und warum leuchtet die zweite ein, die erste aber nicht? Kann mir jemand helfen, diese Frage zu beantworten?

Sprachwandel

Im  aktuellen Jugendsoziolekt hat das Wort »Opfer« eine semasiologische Umdeutung erfahren, hin zum Pejorativen. Potentielle Opfer neigen dazu, das Wort Opfer zum Schimpfwort zu machen, mit denen andere potentielle Opfer bedacht werden können, um damit potentielle Täter von sich selbst abzulenken. Man muß sich dann nur noch geignete Sündenbocke suchen. Das ist ja nicht schwer. Am besten Juden, Zigeuner, Behinderte, Intellektuelle oder Migranten, wie es seit einiger Zeit so schön politisch korrekt heißt. Wobei das mit den Migranten so eine Sache ist, weil gerade bei Jugendlichen aus Migrantenfamilien dieser Gebrauch des Wortes »Opfer« sehr verbreitet zu sein scheint.

Auf Opfersuche, falls das nötig ist und für die Opferrolle nicht längst jemand ausersehen wurde, macht man sinnvollerweise ein gemeinsames Casting. Solche Allianzen von Tätern und Opfern finden sich allenthalben und haben sich in der Weltgeschichte recht gut bewährt.

Tiefe

Die Tiefe der Sprache erkennen wir, wenn wir täglich leidenschaftslos durch ihre Untiefen waten und uns urplötzlich der Boden unter den Füßen weggerissen wird. Wir müssen auch mal Wasser schlucken, um das Atmen zu schätzen.