Umgangssprachlicher Krieg

Beim Ausdruck »umgangssprachlicher Krieg«, also bei der Bezeichnung dessen, was offen euphemistisch am besten temporäres Friedensdefizit genannt werden kann, findet sich eine Verschiebung des Euphemismus ins Attribut. Man möchte die verschleiernde Wirkung, ohne daß das Stilmittel, das für den Nebel sorgt, sofort sichtbar wird. Deshalb nennt man das Ding beim Namen, benutzt jedoch ein nebulöses weichspülendes Beiwort, hoffend, daß dieses dem harten Wort seine Kraft nimmt. So hat man alles gesagt und kann je nach Lage der Dinge seine Hände in Unschuld waschen.

Türk-Eis

Türkeis Premier Erdogan im Gespräch“, formuliert ZEIT online. Das klingt nicht nach geographisch-politischer Zuordnung, sondern eher nach einer neuen Eissorte. Spraches Anwender sind bisweilen allzu verwegen.

Sprache und Logik

Sprache und Grammatik sind vor allem deshalb so faszinierend und fruchtbar, weil sie logisch gesehen in vielem unlogisch sind. Das schafft Entfaltungsraum, während reine Logik darum bemüht ist, den Raum zum Punkt zusammenzupressen. Versucht jemand beides, Sprache und Logik, zusammenzuführen, kommt er immer wieder in holprige Bereiche, in denen er schillernd scheitert und zu der Erkenntnis gelangt, daß jeder erkenntnistheoretische Treppensturz nicht nur blaue Flecken zur Folge hat, sondern auch neue Erkenntnis. Daneben sorgt solch ein Sturz für schadenfreudiges Gaudium bei den Umstehenden und vor allem bei denen, die auf den Treppenstufen sitzen und gern die Gelegenheit wahrnehmen, die ästhetische Qualität der Darbietung zu würdigen, indem sie Haltungsnoten vergeben.  

Tabuto, der Elefant

Da sich neuerdings in beinahe jedem Raum eine Elefant befindet, brauchen wir uns im Gegensatz zu vielen anderen Tierarten um den Bestand dieser Art keine Sorgen zu machen. Es sei denn, es gibt irgendwann einen gravierenden Paradigmenwechsel in den narrativen Räumen in Metaphernland, also eine gravierende Neubewertung des Blabla-Storytellings.

Das Formen der Gedanken

Beim Ordnen und Ausdrücken von Gedanken, beim Formen der Worte sollten wir streng sein, denn strenges Formen bringt Klarheit in die Gedanken, und der Gedanke braucht die strenge Form, um zu strahlen – wenn er Strahlkraft besitzt. Wertvolle Gedanken sind wie Rohdiamanten: Sie müssen geschliffen werden. Das geht aber nicht mit Schleifpapier aus dem Baumarkt. Solche Schmirgelspielerei führt zu nichts. Wie Diamanten an Diamanten, so muß man Gedanken mühevoll an anderen Gedanken reiben, um sie zum Leuchten zu bringen; und sie müssen, wie Diamanten, eine ihnen gemäße Fassung bekommen.

Style in the city

Eine Immobilienfirma wirbt in meinem Kiez, großflächig und mit sehr großen Buchstaben, stylisch um Kunden für „Appartments“ und „flexible Einzelhandelflächen“. Gemeint sind, so ist zu vermuten, Apartments oder vielleicht auch Appartements und Einzelhandelsflächen.

Auf der Website der Firma ist zu lesen: „Wir unterscheiden uns von den meisten unserer Mitbewerber durch den hohen Designstandard …“ Nun frage ich mich als potentieller Kunde, ob zum Stil nicht immer auch ein wenig Konvention gehören sollte, nämlich hier die Beachtung orthographischer und logischer Gesichtspunkte.

Was würden wir von einem Pharmazeuten halten, der uns in seiner Einzelhandel(s)fläche „Appotheke“ etwas verkaufen will, etwa Medizien? Das zur Orthographie. Und die Logik? Was soll ich mir unter einer flexiblen Einzelhandel(s)fläche vorstellen? Die Fläche in einem Gebäude bleibt, anders als beim Luftballon, gemäß dem äußeren Grundriß immer gleich, und wenn ich Wände einziehe, dann teile ich die Grundfläche in mehrere kleinere Flächen auf. Die Gesamtfläche selbst wird dabei nicht flexibel, sondern lediglich durch den Platzbedarf der Mauern verringert. Reiße ich die Mauern wieder ein, gewinne ich nur das zurück, was ich vorher verloren habe. Das nennt man: flexible Flächen-Gestaltung. Aber nicht „flexible Fläche“.

Mehrmals entfernen

Gerade las ich in der Online-Ausgabe einer Tageszeitung die Überschrift: „Mehrmals im Jahr entzündete Mandeln entfernen.“

Das hat mich überrascht, denn ich wußte bisher nicht, daß entfernte Mandeln wieder nachwachsen.

Offensichtlich

Immer dann, wenn wir uns selbst nicht wirklich trauen, benutzen wir Modalwörter. So wird das Wort »offensichlich« gern verwendet, wenn wir unsrer Meinung nicht ganz sicher sind, aber sie dennoch, in manipulativer Absicht, anderen unterjubeln wollen, damit wir mit dieser Meinung nicht mehr allein sind und so vom Selbstzweifel wenn nicht verschont bleiben, so doch wenigstens etwas entlastet werden, denn was andere ähnlich sehen wie wir, so glauben wir, kann nicht ganz falsch sein. Ein riesiges Arbeitsfeld für Sprechakttheoretiker und Psycholinguisten.

Wenn das Modalwort »offensichtlich«, ein Hypothesenindikator, attributiv benutzt wird, um eine Tatsache, einen Gegenstand, einen Zustand oder eine Haltung zu charakterisieren, dann ist es entweder tautologisch (das Offensichtliche muß wegen seiner Offensichtlichkeit nicht noch als solches bezeichnet werden – das Gras ist offensichtlich grün, sagt niemand), oder es ist ein Versuch, den hypothetischen Charakter einer Aussage dadurch zu vertuschen, daß man sie mit einem appellativen Unterton versieht.

»Offensichtlich« heißt: Sieht doch jeder so, mußt du auch so sehen. Solltest du es anders sehen, stimmt etwas mit deiner Optik nicht.

Und dann setzt man sich, einigermaßen beruhigt, hin und putzt die verkratzten Linsen.