Über das Latenzverhalten von Würmern

Man ist immer wieder erstaunt, welche Schwachsinnigkeiten im wissenschaftlichen Terminologiesandkasten zu finden sind. Ein Beispiel von der Uni Freiburg:

Lernen

Allgemein: Verschiedene komplexe Prozesse, die zur latenten Verhaltensänderung eines Individuums durch Erfahrung führen. Vom Lernen abgegrenzt werden biologische und physiologische Vorgänge wie Wachstum, Ermüdung, Altern, Einwirkung von Pharmaka oder Verletzungen, die ebenfalls latente Verhaltensänderungen bewirken.

Solche terminologischen Unsauberkeiten deuten auf eine latente Hirnerweichung bei medizinischen Psychologen hin. Schon der in der Medizinterminologie übliche Terminus »Verhaltenslatenz« hat etwas Unsinniges, denn lebende Systeme zeichnen sich dadurch aus, daß sie sich so oder so verhalten. Es besteht also immer eine Latenz. Darauf muß nicht extra hochtrabend hingewiesen werden. Immer besteht auch beim Menschen eine größere oder kleinere Latenz zur Veränderung. Bis der Sarg zugenagelt wird. Aber auch dann … kommen die Würmer.

Eine »latente Verhaltensänderung« aber ist der Gipfel der terminologisch-logischen Unsauberkeit. Vielleicht sind manchmal die Würmer zu früh dran und fangen schon mal im Gehirn an zu werkeln.

»Latente Verhaltensänderung« ist ein Widerspruch im Beiwort. Ist sie nur latent, ist es keine Verhaltensänderung, denn Änderung ist ein manifester Prozeß. Ist Veränderung aber manifest, ist sie nicht mehr latent. Wie es hier zu sein scheint.

Pferdefuß

Wer es unternimmt, mit Hilfe der Sprache zu einer endgültigen, unangreifbaren Aussage über die Realität zu gelangen, zu objektiver Wahrheit, der muß scheitern, sei es, indem er begänne zu stammeln, sei es, daß er versuchte, ein Pferd ohne Füße zu reiten.

Nicht mal im Koan der Zen-Mönche (das nur als Anregung dient und keine objektive Wahrheit transportiert) wird die Logizität der Sprache aufgehoben, denn Antilogizität ist nur eine Spiegelung der Logizität und damit von ihr abhängig, also genaugenommen eine von deren Formen.

Sprachen und deren inhärente Logik sind nichts weiter als (zu entziffernde) Zeichen am Straßenrand, damit wir Hermeneutiker uns nicht ständig verlaufen.

Einfach schwierig

»Nichts ist einfacher, als sich schwierig auszudrücken, und nichts ist schwieriger, als sich einfach auszudrücken.«

Diese Aussage des österreichischen Schriftstellers Karl Heinrich Waggerl ist zwar ungemein populär, aber dennoch nicht richtig, denn es fällt Menschen, die an eine einfache Sprachstruktur gewöhnt sind, schwer, komplizierte syntaktische Gebilde zu konstruieren, wenn sie es müssen, etwa wegen einer Prüfung, bei der solches von ihnen erwartet wird, oder weil sie einen offiziellen Brief schreiben müssen, der Eindruck machen soll.

Leuten, die es gewohnt sind, komplexe Sachverhalte in einer adäquaten oder ädäquat scheinenden Sprache auszudrücken, fällt es jedoch meist nicht sonderlich schwer, beim Bäcker zu sagen: Ich möchte ein Vollkornbrot, fünf Brötchen und zwei Stücke Bienenstich.

Eines ist allerdings richtig: Es ist weniger üblich, etwas Schwieriges mit einfachen Worten zu beschreiben als mit Wissenschaftskauderwelsch.

Das liegt jedoch nicht in erster Linie daran, daß die Kauderwelschenden das nicht könnten, es ist vielmehr so, daß sie es nicht möchten, weil sie glauben, sie würden, wenn sie sich einfach ausdrückten, von der Öffentlichkeit und vor allem von ihren Kollegen nicht gebührend wahrgenommen und gewürdigt.

Daß das nicht ganz unbegründet ist, sieht man zum Beispiel an der Hesse-Rezeption. Wie wurde und wird doch Hesse, dessen Werk sich durch eine einfache, musikalische Sprache auszeichnet, von vielen, wenn auch längst nicht allen Literatenkollegen und vor allem von der Literaturwissenschaft als Mann mit dem Strohhut verlacht.

Es ist unmöglich, sich jederzeit allen Erwartungen entsprechend angemessen auszudrücken.

Als schwierig

Gerade in den Nachrichten im Deutschlandradio gehört: »Die Gespräche gestalten sich als schwierig.« Gespräche sind schwierig oder einfach, und sie werden von den Sprechenden gestaltet. Die Gespräche selber gestalten sich nicht, ihre Gestalt wird ihnen von den Gestaltern gegeben und kann von ihnen oder von Außenstehenden »als schwierig« angesehen werden.

Auch die Gestaltung der Sprache scheint für manche schwierig zu sein und muß als schwierig betrachtet werden, weil es den Gestaltern häufig an Gestaltungsfähigkeit mangelt.

Logische Rechtschreibung: Über Vernunft und Orthographie

Theodor Icklers Haltung zur Rechtschreibreform, die als eine mißglückte Reformation in die Geschichte eingehen wird, habe ich bisher in vieler Hinsicht als richtig und plausibel betrachtet, nicht zuletzt deshalb, weil sie meiner eigenen Betrachtungsweise nicht unähnlich war. Icklers Meinung jedoch, im Feuilleton der F.A.Z., »die Vernunft kehre nur in Trippelschritten zurück«, kann ich nicht teilen, weil Vernunft viel mit der Logik zu tun hat, aber nur wenig mit der Orthographie, ob nun der traditionellen oder irgendeiner Spielart der reformierten.

Die Schreibung von Wörtern, also die graphische Umsetzung von Lauten, ist eine Konvention, die zu verschiedenen Zeiten von unterschiedlich kompetenten Sprachteilnehmern festgeschrieben wurde, von Präskriptoren, die sich meist im nachhinein mit mehr oder weniger Erfolg mühten, ihre Auffassungen logisch zu begründen. Daran hat sich nichts geändert. Und auch Theodor Ickler ist einer von ihnen.

Durchaus zu Recht äußert er sich unter der Überschrift »Neue Skurrilitäten …« über einige Verücktheiten der Restaurationsreform, aber dann schreibt er selbst:

»Die ›spät Gebährende‹ ist leider kein Druckfehler, denn es folgt sogleich die alternative Schreibweise ›Spätgebährende‹.«

Leider, Herr Ickler, ist das nicht nur ein Druckfehler, sondern es sind deren zwei. Genauer: Zweimal hat sich der Buchstabe »h« an einen Ort verirrt, wo er nicht hingehört. Oder sagen wir es anders: Da es den bösen Drucker oder dessen Teufel, der angeblich die Fehler in Texte hineinbringt, seit Jahrhunderten nicht mehr gibt und dessen Existenz auf den Zeitraum zwischen Gutenbergs Erfindung der beweglichen Lettern und der Diversifizierung der Druckereiberufe reduziert werden kann, und der Setzer, der manchmal für Fehler, also Setzfehler, verantwortlich war, das Zeitliche gesegnet hat, kann sich heute ein Autor oder ein Wörterbuchredakteur, der mit seinem Textverarbeitungsprogramm kämpft, nicht mehr so leicht mit der angeblichen Inkompetenz anderer herausreden.

Wie also gelangt ein solcher Rechtschreibfehler in ein Wörterbuch?

Ist daran die Logik des verantwortlichen Redakteurs schuld? Vielleicht hat er beim Schreiben an das Wort Bahre gedacht. Nun liegt die Gebärende wohl manchmal auf einer Bahre, aber nicht lange genug, um derart kontaminiert zu werden, daß sie zur Gebährenden wird.

Vielleicht aber, und das ist wahrscheinlicher, hat der Lapsus nichts mit der Logik der Vernunft oder der Vernunft der Logik zu tun, sondern mit der sprachlich-rechtschreiblichen Konvention.

Was also ist der Grund für das rechtschreibliche Gebaren? Kommt es daher, daß der Redakteur, gerade zurückgekehrt aus den tiefsten Tiefen des Grimmschen Wörterbuchs, vergessen hat, auf der Kellertreppe die weiland üblichen Längenzeichen abzustreifen? Solche Akkomodationsleistungen muß aber gerade ein Wörterbuchredakteur erbringen, will er sich nicht der Kritik aussetzen.

Mit den Mitteln der Vernunft war es noch nie nachzuvollziehen, weshalb es rechtens sein sollte, daß es rechtens ist, das Wort »rechtens« in der Wendung »es ist Rechtens« groß zu schreiben. Und so gibt es viele andere tradierte rechtschreibliche Konventionen, zu denen zurückzukehren nicht lohnend ist, weil sie mit den Mitteln der Logik ebensowenig zu erklären sind wie viele zu Recht angeprangerte Neuerungen legasthenieverdächtiger Kultusbürokraten.

Was wir brauchen, ist nicht eine von welchen Motiven auch immer gesteuerte starre Präskription der Rechtschreibung, wir brauchen eine behutsam empfehlende deskriptive Schreibweisenbetrachtung, die der Sprache und ihrer graphischen Repräsentanz den Spielraum gibt, den sie braucht, um sich an veränderte Gegebenheiten anzupassen, ohne in die Beliebigkeit der Moden der Spätmoderne abzugleiten.

Dies war früher, mit Einschränkungen, sogar die Haltung der Duden-Redaktion, zumindest stellte sie das so dar. Aber vielleicht war solche Toleranz auch nur einem Abbröckeln des Absolutistismus geschuldet, letztes Aufbäumen altherrscherlicher Attitüde im volksnahen Gewand.

Was wir ganz bestimmt nicht brauchen, ist ein »Das haben wir schon immer so gemacht«.

Deshalb ist eine in Trippelschritten zurückkehrende Vernunft ein falsches Bild, denn die Vernunft kann nur dorthin zurückkehren, wo sie einmal war und von bösen Vernunftgegnern vertrieben wurde.

Rechtschreibung ist aber keine Sache der Vernunft, sondern eine Sache der Konvention, der Tradition. Und die Vernunft wurde von jeher dazu mißbraucht, diese wie auch andere Konventionen mit dem Weihwasser der Logik zu beträufeln. Darin unterscheiden sich die Priester des Althergebrachten nicht von denen der Reformation.

Anmerkung 1: In diesem Beitrag war mir der Finger um drei Zentimeter auf der Tastatur verrutscht, so daß es »lagasthenieverdächtig« hieß statt »legasthenieverdächtig«, aber auch in mir schreibt keine Maschine, und ich benutze aus gutem Grund keines dieser merkwürdigen Programme, die sich »Rechtschreibprüfung« oder »Korrekturprogramm« nennen. Ich bitte, das zu entschuldigen. Dankenswerterweise hat mich jemand darauf hingewiesen, dem nicht nur häufig der Finger verrutscht, sondern viel öfter die ganze Hand, aber nicht nur versehentlich, sondern ganz oft aus Prinzip.

Anmerkung 2: Es hat sich herausgestellt, daß der Herr Ickler den oben beschriebenen Lapsus nicht aus dem Grimmschen Keller mit hochgeschleppt hat, sondern im WAHRIG vorgefunden. Macht das die Sache jetzt besser oder schlimmer?
Anmerkung 3: Wer es bisher nicht gemerkt haben sollte, dem sei ausdrücklich gesagt: Ich halte die Rechtschreibreform für unsinnig, aber eben auch die Versuche, die Notwendigkeit der traditionellen Rechtschreibung bis ins Detail und Absurde logisch zu begründen. Sie mag zwar viel weniger unlogisch sein als die reformierte, aber logisch nachvollziehbar ist auch sie nicht immer.

2007

Von der Klugheit der Dinge

»Manche Dinge werden durch Wiederholung nicht klüger«, sagte jemand. Mal abgesehen davon, daß es kluge Dinge ohnehin nicht geben kann, sie also auch nicht klüger werden können, weder durch Wiederholung noch durch sonst etwas: denn das gerade unterscheidet den Menschen von den Dingen, daß er die Fähigkeit zur Klugheit zumindest potentiell in sich trägt, Dinge dagegen sind, wie sie sind. Dinge sind darauf angewiesen, von klugen oder weniger klugen Lebewesen benutzt zu werden.

Das ist das eine. Das andere ist: Wenn manche Dinge durch Wiederholung nicht klüger werden, dann impliziert das, daß es sehr wohl andere Dinge gibt, die durch Wiederholung klüger werden. Warum das nicht geht, siehe oben.

Nehmen wir mal an, derjenige, der das sagte, meinte nicht Dinge, sondern Aussagen über die Dinge würden durch Wiederholung nicht klüger. Da hat er wieder unrecht. Denn klüger werden können auch Aussagen nicht. Leider ist es so, daß es die Menschen sind, die klug sind oder weniger klug. Dementsprechend künden die Worte, die sie von sich geben, von dem Grad der Klugheit der Sprechenden oder Schreibenden, und der ist in der Tat unterschiedlich, aber nicht abhängig davon, wie oft die Klugen oder weniger Klugen das sagen, was sie sagen.

Das ist jetzt vielleicht ein wenig spitzfindig, denn die Sprache ist historisch gewachsen, was bedeutet, daß die Ungenauigkeit im Denken sich in unpräzisen Sprachkonventionen oder, genauer, in der Konvention der Nichtpräzision widerspiegelt, womit nur diejenigen Probleme haben, die in ihrem Denken um Genauigkeit bemüht sind. Aber ohne ein wenig Spitzfindigkeit geht es manchmal nicht, wenn wir unsere Denkwerkzeuge ein wenig schärfen wollen.

Und diese Denkwerkzeuge werden tatsächlich schärfer, wenn wir die Aussagen, die wir für richtig halten, wiederholen, denn bei der Wiederholung fällt uns manchmal die eine oder andere Unschärfe auf, und es kommt auch vor, daß bisher übersehene Nuancen der Aussagen ins Bewußtsein treten, so daß unsere Aussagen durch neue Facetten bereichert werden. Immer vorausgesetzt, unser Bewußtsein ist in Betrieb.

Es könnte natürlich auch sein, daß jemand daherkommt und unsere Aussage argumentativ unterfüttert falsifiziert. Und je öfter wir dasselbe sagen, um so größer ist die Wahrscheinlichkeit einer solchen Falsifizierung. Schlimm wäre das nicht, im Gegenteil, wir könnten so von der Denkfähigkeit eines anderen zu unserem eigenen Nutzen profitieren. Wir lernten ohne eigene Kraftanstrengung etwas dazu.

Aber allein der von wenig Klugheit kündende Spruch »Manche Dinge werden durch Wiederholung nicht klüger« reicht natürlich nicht aus, um den Sinn unserer Wiederholungen bzw. den Sinn dessen, was wir wiederholen, in Frage zu stellen. Der Spruch ist nichts als eine Leerformel zur Abwehr dessen, was wir sagen. Es paßt jemand anderm nicht in sein Konzept, und um sich nicht die Mühe machen zu müssen, inhaltlich etwas dazu zu sagen – oder weil er das nicht kann, da ihm die Argumente fehlen –, macht er es sich leicht und wirft seinen Spruch unter die Leute, einen Spruch, der suggeriert, er hätte sich bereits früher inhaltlich und mit plausiblen Argumenten bewehrt dazu geäußert. Hat er aber nicht. Doch das ist den andern nicht bekannt.

Wie auch immer: Vielleicht werden nur die Klugen klüger durch Wiederholungen, aber ganz bestimmt wird niemand dümmer durch sie.

Ob Aussagen zutreffend sind oder nicht, das ist eine inhaltliche Frage, die mit der Häufigkeit der Wiederholungen nichts zu tun hat.

Plausibles bleibt plausibel, egal wie oft es gesagt wird. Solange niemand es inhaltlich widerlegt.

»Manche Dinge werden durch Wiederholung nicht klüger.« Aber auch nicht dümmer. Und sie werden nicht weniger plausibel, wenn sie plausibel sind und nicht argumentativ plausibel widerlegt wurden. Plausibles kann nur durch Plausibleres entplausibilisiert werden. Und durch sonst nichts: am wenigsten durch Wiederholung oder durch den Vorwurf der Wiederholung.