Kindliche Naivität

Auf die Frage, was sie von Gendersternchen halte, sagte die mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnete Autorin Strobel, sie verstehe gar nicht, was alle gegen Sternchen hätten, und sprach von den Sternen am Himmel, die ja nun kein Herrschaftszeichen seien und so weiter blabla.

Vielleicht könnte man auch statt des Sterns einen kleinen Mond oder die liebe Sonne nehmen. Meine ich. Oder das kleine Häufchen von WhatsApp, das so schön dampft.

Nun ist es ja so, daß nicht »alle«, sondern nur eine Mehrheit der deutschsprachigen Menschen, die die Sprache in vielfältiger Weise nutzen, etwas gegen solcherart Wörter- und Satzverschandelung haben – und das nicht nur aus in der Sprachwissenschaft allseits bekannten guten Gründen.

Aber Sterne als Symbol von Herrschaftsfreiheit? Ich schaue beim Denken an Sterne als Symbole weniger in den Himmel, an dem wegen der Lichtverschmutzung, vieler Wolken und Gase aller Art ohnehin nicht mehr viele Sterne zu sehen sind. Ich schaue eher auf die Schulterklappen von Uniformen, auf denen mal weniger, mal mehr Sterne als Symbole von Macht und Status ihrer Träger blinken.

Soviel über naive Konnotationsverweigerung und semantische Einäugigkeit.

Antisemitismus unverstanden

»An einem Berliner S-Bahnhof haben Unbekannte einen der 29-Jährigen erst auf seinen Glauben angesprochen und dann mit Reizgas ins Gesicht gesprüht. Der Staatsschutz ermittelt.« So kann man bei »Spiegel online« lesen.

Im weiteren Text liest man dann etwas von einer »antisemitischen Straftat«. Wegen des »jüdischen Glaubens«. So einen Schwachsinn höre ich immer wieder, und so langsam reicht es mir. Ich frage mich: Wie ungebildet sind die Schreiber und Laberer eigentlich, die diesen Unsinn verbreiten? Wenn ich mich recht erinnere, geht es den Judenhassern heute ebensowenig um theologische Dinge wie den Nazis früher. Schon Hitler und seinen Konsorten ging es nicht um Glaubensdinge, sondern um »die Vernichtung der jüdischen Rasse«.

Also hört auf, von was anderem zu reden als »Rasse«, und Rassenhaß, wenn es um Antisemitismus geht, nur weil das Wort »Rasse« nicht mehr in euren weichgespülten Sprachgebrauch paßt.

Spiegel online

Ordnung

Es gibt viele Menschen, die den größten Teil des Tages damit beschäftigt sind, dafür zu sorgen, daß »alles seine Ordnung« hat, es jedoch völlig abwegig finden, auch nur einen winzigen Teil dieses Tages über Sinn und Charakter dieser Ordnung nachzudenken. Auch ich bin nicht ganz frei von dieser schlechten Angewohnheit, wenngleich bei meinen Bestrebungen die Ordnung der sprachlichen Zeichen im Vordergrund steht.

Gutmensch

»Gutmensch« ist ein Schmähwort des egoistischen Menschen, meistens benutzt, um weniger egoistische Menschen zu verunglimpfen. Gern laut gerufen, damit das unterdrückte eigene schlechte Gewissen, das sich bisweilen zögerlich meldet, übertönt wird. Annähernd synonym mit »Weltverbesserer«.

Umgangssprachlicher Krieg

Beim Ausdruck »umgangssprachlicher Krieg«, also bei der Bezeichnung dessen, was offen euphemistisch am besten temporäres Friedensdefizit genannt werden kann, findet sich eine Verschiebung des Euphemismus ins Attribut. Man möchte die verschleiernde Wirkung, ohne daß das Stilmittel, das für den Nebel sorgt, sofort sichtbar wird. Deshalb nennt man das Ding beim Namen, benutzt jedoch ein nebulöses weichspülendes Beiwort, hoffend, daß dieses dem harten Wort seine Kraft nimmt. So hat man alles gesagt und kann je nach Lage der Dinge seine Hände in Unschuld waschen.

Türk-Eis

Türkeis Premier Erdogan im Gespräch“, formuliert ZEIT online. Das klingt nicht nach geographisch-politischer Zuordnung, sondern eher nach einer neuen Eissorte. Spraches Anwender sind bisweilen allzu verwegen.

Sprache und Logik

Sprache und Grammatik sind vor allem deshalb so faszinierend und fruchtbar, weil sie logisch gesehen in vielem unlogisch sind. Das schafft Entfaltungsraum, während reine Logik darum bemüht ist, den Raum zum Punkt zusammenzupressen. Versucht jemand beides, Sprache und Logik, zusammenzuführen, kommt er immer wieder in holprige Bereiche, in denen er schillernd scheitert und zu der Erkenntnis gelangt, daß jeder erkenntnistheoretische Treppensturz nicht nur blaue Flecken zur Folge hat, sondern auch neue Erkenntnis. Daneben sorgt solch ein Sturz für schadenfreudiges Gaudium bei den Umstehenden und vor allem bei denen, die auf den Treppenstufen sitzen und gern die Gelegenheit wahrnehmen, die ästhetische Qualität der Darbietung zu würdigen, indem sie Haltungsnoten vergeben.  

Tabuto, der Elefant

Da sich neuerdings in beinahe jedem Raum eine Elefant befindet, brauchen wir uns im Gegensatz zu vielen anderen Tierarten um den Bestand dieser Art keine Sorgen zu machen. Es sei denn, es gibt irgendwann einen gravierenden Paradigmenwechsel in den narrativen Räumen in Metaphernland, also eine gravierende Neubewertung des Blabla-Storytellings.

Das Formen der Gedanken

Beim Ordnen und Ausdrücken von Gedanken, beim Formen der Worte sollten wir streng sein, denn strenges Formen bringt Klarheit in die Gedanken, und der Gedanke braucht die strenge Form, um zu strahlen – wenn er Strahlkraft besitzt. Wertvolle Gedanken sind wie Rohdiamanten: Sie müssen geschliffen werden. Das geht aber nicht mit Schleifpapier aus dem Baumarkt. Solche Schmirgelspielerei führt zu nichts. Wie Diamanten an Diamanten, so muß man Gedanken mühevoll an anderen Gedanken reiben, um sie zum Leuchten zu bringen; und sie müssen, wie Diamanten, eine ihnen gemäße Fassung bekommen.

Style in the city

Eine Immobilienfirma wirbt in meinem Kiez, großflächig und mit sehr großen Buchstaben, stylisch um Kunden für „Appartments“ und „flexible Einzelhandelflächen“. Gemeint sind, so ist zu vermuten, Apartments oder vielleicht auch Appartements und Einzelhandelsflächen.

Auf der Website der Firma ist zu lesen: „Wir unterscheiden uns von den meisten unserer Mitbewerber durch den hohen Designstandard …“ Nun frage ich mich als potentieller Kunde, ob zum Stil nicht immer auch ein wenig Konvention gehören sollte, nämlich hier die Beachtung orthographischer und logischer Gesichtspunkte.

Was würden wir von einem Pharmazeuten halten, der uns in seiner Einzelhandel(s)fläche „Appotheke“ etwas verkaufen will, etwa Medizien? Das zur Orthographie. Und die Logik? Was soll ich mir unter einer flexiblen Einzelhandel(s)fläche vorstellen? Die Fläche in einem Gebäude bleibt, anders als beim Luftballon, gemäß dem äußeren Grundriß immer gleich, und wenn ich Wände einziehe, dann teile ich die Grundfläche in mehrere kleinere Flächen auf. Die Gesamtfläche selbst wird dabei nicht flexibel, sondern lediglich durch den Platzbedarf der Mauern verringert. Reiße ich die Mauern wieder ein, gewinne ich nur das zurück, was ich vorher verloren habe. Das nennt man: flexible Flächen-Gestaltung. Aber nicht „flexible Fläche“.

Mehrmals entfernen

Gerade las ich in der Online-Ausgabe einer Tageszeitung die Überschrift: „Mehrmals im Jahr entzündete Mandeln entfernen.“

Das hat mich überrascht, denn ich wußte bisher nicht, daß entfernte Mandeln wieder nachwachsen.

Offensichtlich

Immer dann, wenn wir uns selbst nicht wirklich trauen, benutzen wir Modalwörter. So wird das Wort »offensichlich« gern verwendet, wenn wir unsrer Meinung nicht ganz sicher sind, aber sie dennoch, in manipulativer Absicht, anderen unterjubeln wollen, damit wir mit dieser Meinung nicht mehr allein sind und so vom Selbstzweifel wenn nicht verschont bleiben, so doch wenigstens etwas entlastet werden, denn was andere ähnlich sehen wie wir, so glauben wir, kann nicht ganz falsch sein. Ein riesiges Arbeitsfeld für Sprechakttheoretiker und Psycholinguisten.

Wenn das Modalwort »offensichtlich«, ein Hypothesenindikator, attributiv benutzt wird, um eine Tatsache, einen Gegenstand, einen Zustand oder eine Haltung zu charakterisieren, dann ist es entweder tautologisch (das Offensichtliche muß wegen seiner Offensichtlichkeit nicht noch als solches bezeichnet werden – das Gras ist offensichtlich grün, sagt niemand), oder es ist ein Versuch, den hypothetischen Charakter einer Aussage dadurch zu vertuschen, daß man sie mit einem appellativen Unterton versieht.

»Offensichtlich« heißt: Sieht doch jeder so, mußt du auch so sehen. Solltest du es anders sehen, stimmt etwas mit deiner Optik nicht.

Und dann setzt man sich, einigermaßen beruhigt, hin und putzt die verkratzten Linsen.

Idiographische Luftsemantik

Ganz selbstverständlich gehen wir davon aus, daß wir verstehen, was ein Satz bedeutet, den wir hören oder lesen. Dabei blasen wir stillschweigend jedes Wort – wie einen Luftballon mit Gas aus der Flasche – mit konventionellen Bedeutungen auf und fügen zudem unsere individuellen Vorstellungen hinzu, und diese sind häufig nicht im entferntesten vergleichbar mit Edelgasen.

Wir schaffen es, einem Satz, ja einem einzigen Wort eine ganze Weltanschaung, nämlich die, die sich in unseren Köpfen geformt hat – oder die ihnen eingeblasen wurde –, unterzubringen. Als wäre nicht jedes Wort ebenso ein Mysterium wie der Mensch, der es zu verstehen glaubt – und mit ihm das, was mit diesem Wort bezeichnet wird.

Manchmal, wenn einer unseren Weg kreuzt, der eine kleine Nadel in der Tasche hat und mit ihr, vielleicht nur zum Scherz, ein wenig spielt, macht es plopp, plopp, und wir stehen inmitten von Luftballonfetzen. Wenig später, wenn wir es aufgegeben haben, die kläglichen Reste zusammenzuflicken, beginnt das Aufblasen  neuer Ballons.

Klare Sprache

Wenn man genug in Mülltonnen nach den Perlen gekramt hat, die so manche Herren Philosophen zu ihrer Belustigung und zur Abgrenzung vom gemeinen Volk hineingeworfen haben, merkt man irgendwann, daß diese Suche nicht nur schmutzige Hände macht, sondern auch Lebenszeit kostet. Deshalb ziehe ich heute die Denker mit der klaren Sprache entschieden vor.

Typische Typen

Daran, daß auch im Kulturbetrieb mit Stereotypen geworfen wird, habe ich mich inzwischen gewöhnt. Und wenn die Wortklingler bei ihrer stereotypen Klischeekritik auch das Substantiv »Stereotyp« inflationär einsetzen, dann ficht mich das längst nicht mehr an. Doch an die ständige Verwechslung von Flexion und einfacher Pluralbildung kann ich mich nur zähneknirschend gewöhnen. Liebe Kulturmenschen, der nichtflektierte Plural von Stereotyp lautet Stereotype – und nicht Stereotypen.

»Gutmensch«

Der »Gutmensch« ist eine Spezies, die dem gewöhnlichen Menschen ein Stachel ist, weil er ihn beständig daran erinnert, daß er in moralischer Hinsicht weniger Luft auf den Reifen hat, als er zu denken beliebt.

»Warme Temperaturen«

Bei jedem zweiten Wetterbericht höre ich seit Jahrzehnten Meteorologen oder Nachrichtensprecher von »warmen Temperaturen« oder dergleichen reden. In Zeitungen, Romanen, im persönlichen Gespräch: überall milde Temperaturen, eisige, unerträgliche. 

Tatsächlich aber wird die Beschaffenheit, der »Charakter« der Luft auf der Haut oder besser im Gehirn als mild, warm oder lau empfunden oder auch als kühl oder eisig; die Temperatur dagegen ist qualitätlos, ein Punkt auf einer Maßskala, also nicht irgendwie beschaffen, sondern ist hoch oder niedrig oder »liegt« (besonders beim horizontalen Thermometer) bei 22 Grad.

Temperatur ist nicht mild oder kühl oder eisig. Nur ein Objekt kann einen Charakter haben. Temperatur jedoch ist wie etwa Masse, Druck oder Volumen eine Meßgröße und kein Objekt und hat im Gegensatz zu der uns umgebenden Luft ebensowenig einen Charakter, wie diese Luft hoch oder niedrig ist oder bei 22 Grad liegt oder steht.

 

 

 

Elite

Es gibt Wörter, die erträgt man nur in Gänsefüßchen oder auf Joghurtbechern und das entsprechende Signifikat oder besser Denotat höchstens als unbekleidet imaginierte Reduktion oder als Comicfigur in Unterhosen.