Das Glück der Alltäglichkeit

Wenn ich morgens vor den Spiegel trete, schaut mich das ganze Elend dieser Welt an. Dabei habe ich mich mit der obersten Schicht im Laufe der Jahre recht ordentlich angefreundet. Und auch die Veränderungen der Oberfläche nehme ich so gelassen wie möglich hin, und manchmal begrüße ich sie sogar, für was auch immer sie Indikatoren sind.

Zum Glück scheint es nicht die einzige Bestimmung des Menschen zu sein, vor dem Spiegel zu stehn, jedenfalls habe ich das für mich so bestimmt, als wüßte ich etwas anderes über die Bestimmung des Menschen als das, was ich an teleologischem Geschwätz in Büchern von Philosophen und und Religionsverkäufern kennengelernt habe.

Deshalb wende ich mich ohne Eile, aber doch zielstrebig vom Elend der Welt ab, um mich ins glückliche Elend der Alltäglichkeit zu stürzen und mein zufriedenes Leben zu leben.

Die ewige Frage

Wozu? Ob du eine Antwort auf die Sinnsuchfrage bekommen wirst, weiß ich nicht. Aber wenn du sie nicht stellst, wirst du bestimmt keine bekommen. Und wenn du sie stellst, frag den richtigen. Am besten dich selbst.

Unsinn

«Reiner Unsinn. Hauptsache, es macht Spaß.» Wenn er Spaß macht, ist der Unsinn vielleicht Unsinn, aber kein reiner Unsinn. Selbst reiner Unsinn ist möglicherweise sinnvoller als reiner Sinn. Oder dasselbe? Ist reiner Unsinn – also Unsinn, der keinen Spaß macht – Sinn? Erinnert das nicht etwas an Kant, der das Gute tun wollte – nur um der Idee willen – und meinte, wenn es Spaß mache, sei es gar nicht mehr wirklich gut? Eine solche deutsch-ernsthafte Vorstellung von Sinn ist mir zu asketisch gedacht.

Über Gedichtinterpretation

Wer ein Gedicht analytisch seziert und regelgeleitet interpretiert, läuft Gefahr, das Gedicht gründlich mißzuverstehen. Es ist so, als wenn man einem Lebewesen das Blut abzapfte, um es besser zu begreifen. Gedichtinterpretationen erscheinen manchmal sehr plausibel, und man kann einiges aus ihnen lernen, aber meistens mehr über das Weltbild, die Bildung und den interpretatorischen Ansatz des Rezipienten als über das Gedicht. Von den Intentionen des Dichters ganz zu schweigen.

Es gibt sogar Interpretationsverfahren, die Gedichte zerstören, weil sie die komplexen Wort-und-Sinn-Gebilde auf architektonische Phänomene reduzieren. Mit einer architektonischen Denkweise aber läßt sich ein musikalisches Phänomen nicht erfassen, nicht mal dann, wenn es so streng architektonisch daherkommt wie Bachsche Fugen.

Warum, weshalb, wieso?

Schon wieder Schatten, Tod und trübe Tage
Vergänglichkeit und all die dunklen Farben
das Sein, das Nichts, die alte Sinnsuchfrage
und grelles Licht auf die verhüllten Narben.

Weshalb bist du so negativ, so bitter
wieso nicht Frühlingsglück nach schweren Stürmen
warum nicht Sonnenschein nach dem Gewitter
erfüllte Hoffnung unter Kirchentürmen?

Die Welt ist voll von Illusionsmaschinen
die gute Laune spritzt aus blinden Drüsen
der warme Saft rinnt aus den Witzlatrinen
und Zuversicht aus falschen Analysen.

Was tut da schon ein Dorn, ein kleiner Splitter
erzeugt im Schädel mattes Wetterleuchten
im trüben Auge neben all dem Flitter
ein Hauch im Sentiment der Tränenfeuchten.

Warum nicht negativ, weshalb nicht bitter
wieso nicht schwarze Nacht mit roten Stürmen
Verzweiflungsschreie nach dem Blutgewitter
verrauchte Hoffnung unter alten Türmen?

Fragt etwa jemand den Komödienschreiber
Warum sind deine Stücke leicht und heiter
weshalb nicht öfter aufgespießte Leiber
wieso nicht eimerweise Kot und Eiter?