Familiäre Problemverschiebung

Die mittlere bis späte Adoleszenz ist eine spannende, aber auch unangenehme Zeit für viele Jugendliche. Hauptursache ihrer Probleme sind nicht selten die Eltern, besonders die alleinerziehenden. Diese reden sich mit Erfolg ein, ihre Kinder seien außerordentlich schwierig und man müsse sie deshalb erzieherisch auf einen rechten Weg bringen (auf dem man oft selbst nie angekommen ist). Dabei sind die Ursachen der beklagten Übel darin zu suchen, daß die Eltern ein wenig spät dran sind mit ihrer erzieherischen Aktivität und außerdem oft heillos überfordert mit sich selbst: eigenen spätpubertären Anwandlungen, beginnender oder sich bereits der Vollform nähernder Midlife-crisis, Torschlußpanik, Erfolgszwängen und was sonst noch an Damoklesschwertern über ihnen schweben mag. Da kommt der nervige Jugendliche gerade recht, um in die Rolle des Sündenbocks gedrängt zu werden. Und wehe, er spielt nicht mit bei dem Projektionsritual, das daraus entsteht, und durchschaut das Ganze womöglich. Das kann zu Renitenz auf beiden Seiten führen.

Reflektieren

Wenn ich reflektiere, was ich tue, vergesse ich nicht, mir klarzumachen, wer da reflektiert und welche Motive er hat. Das mag ungesund erscheinen und dissoziierend und ad infinitum fortsetzbar, aber es fördert die Selbsterkenntnis. Wenn ich dann noch wieder und wieder die Perspektive wechsle und probehalber den Reflektierenden durch einen andern ersetze, entsteht ein zwar immer unvollständiges, aber brauchbares Bild.

Bei allem darf ich natürlich nie vergessen zu handeln, sonst gibt es nichts Neues mehr zu reflektieren, und ich verfalle in Starre. Sinn der Reflexion sollte es sein, eine brauchbare Basis für zukünftiges Handeln zu schaffen – und nicht einen selbstvergessenen Ruhepunkt. Wenn Reflexion sich selbst genug ist und zur Starre führt, ist das auch nicht besser als die Starre derer, die sich selbst nicht oder nur wenig reflektieren.

Der Unterschied liegt darin, daß deren Starre wie Leben aussieht, obwohl es nur eine Aneinanderreihung von Gewohnheiten ist. Es gibt unterschiedliche Arten, sich das Leben zu nehmen.

Reflexion

Manchmal reicht es schon, um einen Menschen abzulehnen, daß er unseren Mangel an Selbstreflexion reflektiert. Und sei es durch seinen eigenen Mangel an Selbstreflexion. Sich so im andern zu erkennen kann bitter sein. Noch bitterer ist es, wenn die reflektorische Stärke des anderen unsere Selbstreflexionsschwäche offenbart und wir nicht fähig oder nicht bereit sind, uns selbst in Frage zu stellen, weil das nicht unserem Lebensmuster entspricht.