Wir selbst

»Das Fremde des Anderen«, das uns interessiert oder auch abstößt, ist vor allem ein (Wieder-)Erkennen unserer eigenen verdrängten Persönlichkeitsaspekte und kann dazu führen, zu begreifen, wie wir uns selber ständig einengen und auf weniger reduzieren, als wir sind. Und daß wir nicht nur die sind, die wir sein wollen oder sein sollen. Oder wollen sollen.

Wenn wir durch andere Anstöße erfahren, die unsere Sichtweise verändern, ist das nur eine innere Akzentverschiebung, aber keine Facettenerweiterung, denn wir können nichts sein, was wir nicht latent schon immer waren. Durch die Konfrontation mit anderen werden wir uns nur unserer Facetten bewußt. Und damit erweitert sich unser Horizont. Wenn es gutgeht. Aber meistens geht es nicht gut, denn wenn eine neue Facette unserer selbst in den Vordergrund tritt, tritt oft eine andere zurück, und häufig gerät sie, bis zur nächsten Erweckung, in Vergessenheit. In diesem Fall ist die erlebte Horizonterweiterung nur eine Horizontverschiebung. Unser Wunsch nach Einfachheit und Klarheit sorgt für die Reduktion unserer Persönlichkeit, Facettenbegrenzung.

Ob wir einfach sind oder nicht, hängt nicht von uns ab, sondern davon, wie wir uns selbst sehen und ob wir uns selbst sehen. Wir sind nicht einfach oder kompliziert. Wir sind.

Ob die Dinge einfach sind oder nicht, hängt nicht von den Dingen ab, sondern von unserer Betrachtungsweise. Die Dinge sind nicht einfach oder kompliziert. Sie sind.

Selbstzufriedenheit

Zufrieden zu sein mit sich selbst und mit den Beziehungen zu anderen Menschen ist gesund und eine gute Basis für persönliche Entwicklung und für die Entwicklung der Beziehungen. Selbstzufriedenheit aber ist eine gute Basis für Stillstand.

Über emotionale Farbenblindheit

Manchmal ist es so, daß Menschen, wenn sie einander nahekommen, sich selbst näherkommen, aber wenn sie Probleme mit ihrem Selbst haben und diese gewohnheitsmäßig mit scheinbarem Erfolg in den Ego-Bereich verdrängen, sich von dem andern, der als eine Art Katalysator wirkt, abwenden, weil sie Angst davor haben, sich dem Teil in sich selbst zuzuwenden, auf den es ankommt, dem Kern ihrer Persönlichkeit – dann wenden sie sich vom andern ab, um zu vermeiden, sich sich selbst zuzuwenden.

Und sie leben weiter ihr verhängnisvolles Muster, weil es ihnen bekannt und gewohnt ist. Und wenn es bei ihnen immer wieder mal mächtig knallt, verlagern sie die Ursache dafür in den jeweils andern. Vermeidung der Auseinandersetzung mit sich selbst durch Projektion von Konfliktursachen auf den andern.

Das ist so etwas wie eine gefühlsmäßige Achromatopsie. Solche Menschen sind blind für die problemauslösende Struktur in ihrem Innern. Darauf hingewiesen, neigen sie gewohnheitsmäßig dazu, dem andern Fehlsichtigkeit zu attestieren. Und wenn beim nächsten andern das gleiche passiert, wundern sie sich nur darüber, daß es so viele Fehlsichtige gibt. 

Über Selbstbewußtsein

Manche machen sich nicht auf die Suche nach sich selbst, weil sie Angst haben, nichts zu finden. Aber sie irren sich. Es ist vor allem der Mangel an Selbstbewußtsein, der das Bewußtsein des Selbst verhindert.

Selbstverwirklichung?

Eine besondere Art von Hilferufen ist die, die der Rufer selbst nicht bemerkt: Wer auffällig akzentuiert seine Unabhängigkeit und Selbstbestimmung betont und sich und andern mit besonderer Eindringlichkeit zu zeigen versucht, daß er ohne fremde Hilfe alles im Griff hat, zeigt damit, daß es nicht so ist und er der Hilfe bedarf. Das Fatale daran ist die Vehemenz, mit der die angebotene Hilfe zurückgewiesen wird, weil man ja ganz eigenständig selbst alles im Griff zu haben sich einredet. Wird der Hilferuf von andern gehört, werden diese als Phantasten betrachtet, und das Hilfsangebot wird ausgeschlagen, das Unabhängigkeitsgehabe verstärkt. Oft endet dies nach anfänglicher Euphorie nicht in der Selbstverwirklichung, sondern in einer heftigen Lebenskrise. In krassen Fällen manchmal dann in der Selbstzerstörung.