Sein und Werden

Die grundlegende Paradoxie des Seins ist die, daß das Sein bei der Suche nach sich selbst, bei dem Versuch, seiner selbst ansichtig zu werden, den Prozeß des Werdens in Gang setzt, um einen Spiegel zu schaffen, in dem es sich betrachten kann, aber gleichzeitig im Werden sich selbst so sehr verdunkelt, daß immer bessere Spiegel und immer perfektere Beleuchtung nicht ausreichen, auch nur einen Zipfel des Gewandes dieses Seins sichtbar zu machen.

Man kann das mit einiger Berechtigung als kosmische Ironie bezeichnen und nur hoffen, daß das Sein im Werden nicht das Bewußtsein seines Seins verliert, wenn es denn je ohne Spiegel ein Bewußtsein seiner selbst gehabt hat.

Möglicherweise zeigt sich kosmisches Bewußtsein aber gerade in der Erinnerung des Seienden an den Akt der Schöpfung.

Der »Gott« in uns hat hoffentlich nicht vergessen, daß er uns und alles andere geschaffen hat. Wenn doch, dann möchte ich ihn hiermit daran erinnern.

Der kosmische Spiegel

Alle Existenz strebt zur Erkenntnis ihrer selbst, zum Wissen über sich selbst. Die Essenz alles Seins ist auf der Suche nach einem Spiegel. Das ist der Grund, warum es die Evolution gibt, warum es uns gibt.

Über die Illusionen der Desillusionierer und das Sein des Seienden

Wenn Seiendes in der Illusion des Andersseins lebt, ändert das nichts an seinem Sein. Sein Sein kann nicht als Nichts-Sein bezeichnet werden. Es gibt auch keine Auflösung von Sein, sondern lediglich eine Metamorphose der Wahrnehmung. Das Sein bleibt unberührt. Der Mensch kommt zu der Erkenntnis, daß er als Essenz zu jeder Zeit existierte, daß er jetzt existiert und daß er immer existieren wird. Das Ganze existiert in seinen Teilen. Wie man das Ganze bezeichnet, ist Geschmackssache und völlig unerheblich. Die Bezeichnung ist niemals identisch mit dem Bezeichneten.

Die Vielfalt von Schlafmützigkeit und Wachheit spiegelt die Vielfalt wider, die in der Einheit steckt, und sowenig die Schlafmützigkeit das Universum in irgendeiner Weise berührt und verändert, sowenig tut dies die Wachheit. Kein Mensch bereichert das Universum, und keiner macht es wacher. Das Universum ist einfach, wie es ist. Alles andere ist bewertende Interpretation ohne Grundlage.

Wenn gesagt wird, das Ganze existiere, nicht die Teile, wie sollte dann ein „Teil des Universums träge, abgestumpft und tot“ sein? Es gibt doch gar keinen „Teil“. Und deshalb kann auch nichts erblühen, was nicht durch sich selber blüht.

Und was ist denn abgestumpft und was blühend? Es ist doch nichts weiter als beschränkte menschliche Moralduselei, wenn das Sein mit solchen wertenden Adjektiven belegt wird. Dem Universum ist eine Moralität eigen, so es denn überhaupt eine hat, die nichts mit der menschlichen gemein hat.

Warum sollte sich das Universum um die Wunschvorstellungen von irgendwelchen moralisierenden Menschen kümmern? Wenn wir Moralvorstellungen entwickeln und nach ihnen leben, dann sollte das geschehen, um uns und anderen dieses Leben leichter zu machen, aber nicht um einem wie auch immer gearteten Gott zu gefallen oder das Universum zu verbessern.

Der Niemand und die »Niemandheit«

»Jemand zu sein ist nicht möglich, es liegt nicht in der Natur der Dinge. Wir können nur niemand sein«, sagte der Guru, heimlich durchdrungen von seinem eigenen Jemandsein im Niemandsein.

Aber ist es nicht in Wirklichkeit so: Auch wer niemand ist, ist jemand, denn das Sein konstituiert sich im »ist« – und nicht im »…mand«. Niemand könnte nur »sein«, wer nicht ist. Aber wenn er nicht ist, ist er nicht. Auch nicht niemand. Niemand gibt’s nicht. Es gibt nur den Niemand als Wertkategorie, nicht als Seinskategorie. Wenn der Guru also absieht von »der Natur der Dinge« und die Niemandheit begrenzt auf ihr blutleeres kategoriales Sein, das Existentielle außer acht lassend, dann will ich dem gerne Geltung zusprechen, möchte dabei jedoch die nichtautonome metaphysische Seinsqualität des Gurus ausdrücklich mit einbeziehen.

Solipsistische Miniatur II

Wir sind verborgen, in uns selbst gefangen
und einig nur im Anderssein.
Die Hilferufe, die hinausgelangen
verfehlen sich im Dämmerschein.

Und bleiben ungehört und ungesehen
die Dunkelheit bricht sie entzwei.
Wenn wir des Nachts am Fenster stehen
brennt nur das Licht der Tyrannei

der unerforschten, ewig unbekannten
gespiegelt nur im Rauch der Zeit
in der wir an die Mauern rannten
im blutbefleckten Hochzeitskleid

Geburtsfehler

Eingetreten
in die Höhle des Scheins
als wäre es die
Halle des Seins
durch die
falsche Tür.
Gelockt von den
gläsernen Glocken
dem Klang gefolgt.
Zu spät
das Erstaunen
der Blick zurück
zu der Tür
ohne Klinke.
Und die Fenster
mit Steinen verhängt.
Dahinter die
Nacht und die
Fratzengesichter.
Ruhe bewahren.
Vielleicht nur
ein Traum