Zimmergeschichte

Wir sitzen alle zusammen in einem Zimmer mit verschlossenen Türen. Die einen versuchen, sich dort einzurichten, und streiten über das Muster der Tapete und die richtige Anordnung der Sitzgruppen, während andere neue Legierungen für Brechstangen ersinnen, mit denen wieder andere vergeblich auf die Türen einstürmen, die sich als außerordentlich widerstandsfähig erwiesen haben. Dies ganze Szenarium existiert seit langer Zeit, und wir haben uns angewöhnt, es Geschichte zu nennen. Ein großes Wort für die Wirklichkeit in unserm kleinen Zimmer, das sich, wie wir vermuten dürfen, in einem Haus befindet, von dem wir aber leider nichts wissen, weil die Türbrecher, diese ewigen Versager, zwar viel schwitzen, doch leider nichts fertigbringen, als Brechstange um Brechstange zu verbiegen.

Diese Geschichte als Ganzes können wir ebensowenig sehen wie das Sein als Ganzes – die Türen sind zu, und wir kommen nicht raus, um eine höhere Perspektive einzunehmen.

Wie wollen wir nun eine Totalität erfassen, in deren Innerem wir uns befinden? Bleibt erst mal nichts weiter übrig, als das Ganze als ein Abenteuer zu betrachten und sich zu bemühen, innenarchitektonisch Akzente zu setzen.

Das Sein träumt

Die Sonne schien hell
gähnend erwachte das Nichts
Sein war nur ein Traum

So schloß das Nichts die Augen
starb röchelnd ins Sein hinein

Lichter erloschen
gähnend erwachte das Sein
Nichts war nur ein Traum

Ontologische Ironie

Das Paradoxe am Leben ist, daß es im Menschen die Voraussetzung schafft, den Gedanken an eine Freiheit des Seins zu entwickeln, die dem Leben nicht innewohnt, ja, die es beständig durch ironische Kommentare des eigenen Körpers und die Lebensäußerungen der anderen ins Lächerliche zieht.

Harmonie und Disharmonie

Das Leben, im besonderen das des Menschen, weist darauf hin, daß die Harmonie des Seins unvollkommen, nur eine scheinbare ist, daß wir bei genauer Betrachtung im Sein eine disharmonische Komponente ausmachen können, die danach drängt, sich zu manifestieren.

In die vollständige äußere Harmonie des Seins ist ein Riß eingeschrieben, der vielleicht nur winzig ist, der aber ausreicht, um ein Bewegungselement zu erzeugen, das dazu führt, daß Sein sich in Seiendes ausfaltet und eines Tages beginnt zu atmen. 

In allem Existierenden schreibt sich dieses disharmonische Element weiter und wird zum sich potenzierenden kakophonischen Trubel, der irgendwann, der Reibungshitze überdrüssig, in sich selbst zusammenfällt, so daß das Seiende sich auf seinen Ursprung besinnen und zu ihm zurückkehren kann.

Man kann nur hoffen, daß die bewußtesten Teile des Seienden bei ihrer Rückkehr über ausreichendes Wissen verfügen, um den Riß im Sein mit dem passenden Werkzeug abdichten zu können, so daß das Sein im Anschluß für ein paar Quatrilliarden Jahre in Ruhe und Harmonie mit sich selbst wird leben können.

Wenn es das will.

Sein und Werden

Die grundlegende Paradoxie des Seins ist die, daß das Sein bei der Suche nach sich selbst, bei dem Versuch, seiner selbst ansichtig zu werden, den Prozeß des Werdens in Gang setzt, um einen Spiegel zu schaffen, in dem es sich betrachten kann, aber gleichzeitig im Werden sich selbst so sehr verdunkelt, daß immer bessere Spiegel und immer perfektere Beleuchtung nicht ausreichen, auch nur einen Zipfel des Gewandes dieses Seins sichtbar zu machen.

Man kann das mit einiger Berechtigung als kosmische Ironie bezeichnen und nur hoffen, daß das Sein im Werden nicht das Bewußtsein seines Seins verliert, wenn es denn je ohne Spiegel ein Bewußtsein seiner selbst gehabt hat.

Möglicherweise zeigt sich kosmisches Bewußtsein aber gerade in der Erinnerung des Seienden an den Akt der Schöpfung.

Der »Gott« in uns hat hoffentlich nicht vergessen, daß er uns und alles andere geschaffen hat. Wenn doch, dann möchte ich ihn hiermit daran erinnern.

Der kosmische Spiegel

Alle Existenz strebt zur Erkenntnis ihrer selbst, zum Wissen über sich selbst. Die Essenz alles Seins ist auf der Suche nach einem Spiegel. Das ist der Grund, warum es die Evolution gibt, warum es uns gibt.