Spezialoperation

»Nach größeren Gebietsverlusten seit dem russischen Einmarsch hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj den Befehlshaber der Streitkräfte in der Ostukraine ausgewechselt. Per Dekret entließ das Staatsoberhaupt am Montag Hryhorij Halahan und setzte stattdessen Viktor Horenko ein. Der 44 Jahre alte Generalmajor Halahan hatte seit August 2020 die Spezialoperation in den Gebieten Donezk und Luhansk geführt.«

Selenskyj setzt also wieder mal per Dekret jemanden ab. Also nichts Ungewöhnliches. So ist das in Demokratien wie Russland und der Ukraine, da regiert man per Dekret. In manchem, wie dem Regierungsstil, ist man sich also durchaus einig. Im Kleidungsstil dagegen nicht immer.

Was mir jedoch auffiel, war der Begriff Spezialoperation. Bisher hat man uns doch erzählt, daß Russland den Krieg so bezeichne und jedes Reden von Krieg in russischen Medien verboten sei, obgleich beim russischen »RT DE« stets vom Ukraine-Krieg die Rede ist, also bei einem Medium, das natürlich nur vorurteilsgefestigte Leser von solcherart Feindpropaganda konsumieren sollten, die vorher die ungefilterten Verlautbarungen des ukrainischen Generalstabs, des britischen Geheimdienstes oder des Dekreteurs selbst aus den Nachrichten der deutschen Sender und der deutschen Presse als Tatsachenschilderungen serviert bekommen haben. Weil aber nicht jeder einseitige Propaganda toll findet, ist »RT« als Regulativ bei uns vorsichtshalber natürlich verboten.

Also Spezialoperation der Ukraine, nicht »in der Ukraine«. Das höre und lese ich zum ersten Mal. Und dann: »Der Krieg dort hatte 2014 begonnen.« Soso: »Der Krieg dort hatte 2014 begonnen.« Also die Spezialoperation der ukrainischen Armee. Sieh mal an. Doch nicht nur im Frühjahr 2022 die der russischen. Manche wird das überraschen. Die »Zeitenwende« war also von vielen Seiten gut vorbereitet. Auf Spezialoperation folgte Spezialoperation.

Unser Wirtschaftsminister Habeck sagte gestern in der Tagesschau: »Rußland führt einen Wirtschaftskrieg gegen uns.«

Die EU, Großbritannien, die USA und Assoziierte überziehen Rußland seit langem mit einer Sanktion nach der anderen, sogar solchen Maßnahmen, die die Gaslieferungen behindern, aber wenn Rußland sich dagegen verhalten wehrt, dann »führt es einen Wirtschaftskrieg gegen uns«. So kann man es sehen, wenn man nur ein Auge hat und immer in die gleiche Richtung schaut.

So wie hier: »Russland erpreßt uns«

Wie war das noch? »US-Sanktionen gegen Nord Stream 2: Blanke Erpressung«.

Wen interessiert denn die jüngere Geschichte, wenn man das eigene unentspannte Leben im Hier und Jetzt anderen in die Schuhe schieben möchte. Von der etwas ferneren Geschichte ganz zu schweigen. Der erpresste Erpresser war schon immer eine Witzfigur, und die Verteufelung des anderen lenkt wunderbar von den Dämonen im eigenen Keller ab.

Mini-Miszellen 6

Man liest, Wirtschaftsminister Habeck nenne die Gaskrise inzwischen eine »quasi wirtschaftskriegerische Auseinandersetzung«. Ach nein, »quasi« und »inzwischen«. Tatsächlich war sie das von Anfang an ganz klar und keinesfalls »quasi« durch die US-amerikanischen Sanktionen gegen North Stream 2 – ungefähr zehn Milliarden Euro in den Sand gesetzt. Und dann die diversen Sanktionen gegen Rußland seit 2014. »Inzwischen« kommen die Folgen der Sanktionen an – bei uns. Wie Erdmann das Anfang März bei mir sagte:

Für uns heißt das
zahlen für die Ukraine
und frieren
für die Ukraine.

Es ist keine Frage, wer die Verantwortung dafür trägt, wenn unsere Energieversorgung demnächst zusammenbrechen sollte. Putin ist es nicht, soviel steht fest. Es ist wie mit der angeblichen Zahlungsunfähigkeit Rußlands. Man sperrt die russischen Konten und beklagt sich dann, Rußland könne Schulden nicht zahlen. Man behindert durch allerlei Sanktionen russische Gaslieferungen, und demnächst wird man sich beschweren, Rußland (oder vielmehr Putin) drehe den Hahn zu und benutze Gaslieferungen als politische Waffe.

Und wir sollen das glauben.