Antisemitismus unverstanden

»An einem Berliner S-Bahnhof haben Unbekannte einen der 29-Jährigen erst auf seinen Glauben angesprochen und dann mit Reizgas ins Gesicht gesprüht. Der Staatsschutz ermittelt.« So kann man bei »Spiegel online« lesen.

Im weiteren Text liest man dann etwas von einer »antisemitischen Straftat«. Wegen des »jüdischen Glaubens«. So einen Schwachsinn höre ich immer wieder, und so langsam reicht es mir. Ich frage mich: Wie ungebildet sind die Schreiber und Laberer eigentlich, die diesen Unsinn verbreiten? Wenn ich mich recht erinnere, geht es den Judenhassern heute ebensowenig um theologische Dinge wie den Nazis früher. Schon Hitler und seinen Konsorten ging es nicht um Glaubensdinge, sondern um »die Vernichtung der jüdischen Rasse«.

Also hört auf, von was anderem zu reden als »Rasse«, und Rassenhaß, wenn es um Antisemitismus geht, nur weil das Wort »Rasse« nicht mehr in euren weichgespülten Sprachgebrauch paßt.

Spiegel online

Antisakrale Anwandlung

Man muß kein Freund teuflischer Mächte sein, um kanonisierten Heiligen und vor allem deren oft hieratisch daherschreitenden Nacheiferern und Imitatoren mit einer reflexhaften Abscheu zu begegnen.

Divina providentia

Beinahe jeder einfach gestrickte Anwärter auf den Schwachsinnigenorden, der in größeren Dimensionen zu denken versucht, als man angesichts seiner Hirnleistungsfähigkeit erwarten könnte, schwafelt bisweilen von »ganz anderen Mächten« (der Vorsehung, den höheren Mächten), die er in die Geschicke der Menschen eingreifen sieht. Das kennt man aus Hitlers »Mein Kampf« , einem Prototyp wahnhaften theologischen Vorsehungsgeschwätzes.

Daß immer wieder moralisch Empörte diese »Mächte« als Reaktion auf den »Sittenverfall« ins Gespräch bringen, wie weiland Eva Hermann nach der Katastrophe von Duisburg (»Eventuell haben hier ja auch ganz andere Mächte mit eingegriffen, um dem schamlosen Treiben endlich ein Ende zu setzen«), läßt tief blicken, tief ins schlichte Gemüt mit seinem schlichten Denken. Als wäre Gott eine Figur, die menschliche Vorurteile und Abneigungen hegte. Ich glaube eher, daß Gott auch an Sex and Drugs and Rock ’n‘ Roll seinen Spaß hat. Aber ich kann mich vielleicht täuschen.

2010

Utopie als Heilserwartung

Wenn die chiliastischen Vorstellungen, die allen religiösen Fata Morganen zugrunde liegen, säkularisiert werden, entsteht als weltliche Variante die politische Utopie. Beide speisen sich aus eschatologischen Auffassungen von der Geschichte als Verwirklichung eines Telos.

Das führt zum Streben nach Tausendjährigen Reichen und ist das Gegenteil von Freiheit. Gesellschaftliche Utopie begreift den einzelnen lediglich als Hülle einer Entelechie und nicht als individuelles Wesen. Das ist der Grund, weshalb politische Utopie, sobald man mit ihrer Verwirklichung beginnt, rasch menschenfeindliche Züge annimmt und manchmal in Barbarei endet. Wenn der Zweck die Mittel heiligt, wird die Heilserwartung zum Unheil.

Weit entfernt davon, den Begriff der Utopie ungebrochen positiv zu sehen, aber durchaus kein Mensch ohne Phantasie, Visionen und Idealvorstellungen, möchte ich darauf hinweisen, daß auch und gerade totalitaristische Weltherrschaftsträume in utopischen Vorstellungen wurzeln, ebenso der Wahn von der technischen Beherrschung der Natur, den man abgeschwächt und modifiziert auch bei Denkern findet, die nicht ohne weiteres dem Totalitarismus zugeordnet werden können. Oder die Betonwüsten vieler Großstädte, sie sind, gewachsen aus dem Samen utopischen Bauhausdenkens, das, was von theoretischen Idealen übrigbleibt, wenn sie zu gesellschaftlicher Praxis werden.

Blickend über die Dächer von Berliner Altbauten, freue ich mich, in einem ebensolchen Gebäude zu wohnen. Es gibt jedoch sehr unterschiedliche Auffassungen über Hygiene und Lichtdurchflutung, wie über Wohnqualität ganz allgemein, und genau da ist der Kern der Verwirklichung utopischer Visionen: Bisher haben alle mir bekannten gesellschaftlichen Utopien bei ihrer Umsetzung die Neigung entwickelt, sich über unterschiedliche Auffassungen, die nicht mit denen der »Erfinder« solcher Modelle übereinstimmten, nonchalant hinwegzusetzen. Auch darüber, was tatsächlich gesellschaftlicher »Fortschritt« ist und was nicht, läßt sich trefflich streiten. Solange das Streiten noch erlaubt ist.

Es liegt mir fern, Visionäre für die mißlungene Umsetzung ihrer Visionen verantwortlich zu machen, ich möchte lediglich zu bedenken geben, ob nicht vernünftigerweise beim Visionieren bedacht werden sollte, wie Menschen seit Menschengedenken sind und daß der »neue Mensch«, den man bei vielen dieser optimistischen Visionen einfach voraussetzt, bei der Umsetzung utopischer Konzepte nicht von selbst aus der Erde wächst.

Utopische Vorstellungen einer gerechten und schönen Welt unterscheiden sich wesentlich, sind Idealvorstellungen unterschiedlicher Individuen, und die Utopie des Spießbürgers ist eine ganz andere als die des Ästheten, und beide wenden sich vielleicht mit Grausen ab, wenn sie mit der gesellschaftlichen Utopie eines Dritten konfrontiert werden, selbst wenn es nicht der utopische Bauernstaat von Pol Pot ist.

Der Mensch braucht Utopien, um sich darüber hinwegzutäuschen, wie er tatsächlich ist, und er braucht Utopien, die stets das Gute wollen, auch wenn sie meist das Böse schaffen, um nicht zuletzt auch seine Bosheit zu rechtfertigen, die der eigentliche Antrieb ist, der ihn in Schwung bringt und der ein Teil von jener Kraft sein soll, »die stets das Böse will und stets das Gute schafft«, wie Goethe noch hoffte.

Hat der Mensch eine Vision, so gießt er anschauliche Abbilder davon, abstrahiert diese zu Buchstaben und formt daraus eine Ideologie, deren es bedarf, um vorzutäuschen, man wolle eine Utopie verwirklichen. In Wirklichkeit strebt man nur nach Macht über die andern. Die Utopie des Esels ist eine Gesellschaft, in der ein andrer seine Lasten trägt: Utop-ia.

Heute, in einem scheinbar nachutopischen Zeitalter, da die utopischen Vorstellungen vom »Absterben des Staates« und »Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen« geräuschvoll auf der Deponie der Geschichte abgefackelt wurden, sind nur noch die Utopien der Marktes geblieben, die Träume des Kapitals. Aber auch diese utopischen Blütenträume werden mittelfristig immer weniger Menschen die Nächte erhellen und spätestens dann enden, wenn die Lebensgrundlagen in Klump gehauen sind.

Man muß schon mit Hegel an die Vernunft der Geschichte glauben, um die Unvernuft der Geschichte zu übersehen, die man durch den Glauben an die Vernunft der Geschichte erst hervorgebracht und nach Kräften gefördert hat.

Politische Utopien sind der Stoff für Menschheitsbeglücker, die die Menschheit (angeblich) in eine leuchtende, schattenlose Zukunft führen wollen – notfalls mit Gewalt. Ich bin eher bescheiden, gebe mich mit Licht und Schatten der Gegenwart zufrieden und zünde hier und da eine Kerze an.

Ein anzustrebender Zustand wäre einer, an dem keine Veranlassung mehr bestünde, utopische Vorstellungen zu entwickeln. Doch ein solcher Zustand ist – leider – Utopie.

Moralapostelei

Die Hauptschwierigkeit bei der Apostrophierung anderer als »Moralapostel« – das ergibt sich aus der inneren Logik der Nachdrücklichkeit –, ist der Umstand, daß man dabei erst schleichend, doch dann immer offensichtlicher selbst zu dem wird, was man zu bekämpfen glaubt. Apostolisches Sendungsbewußtsein schafft sich selbst eine Moral, von deren Warte aus es die Moral der anderen zu entwerten versucht. Dabei wird man leicht zum Demagogen oder zum Prediger.

Glaube und Gesellschaft

Heute ist es bei uns weitgehend gesellschaftlicher Konsens – wenn auch noch nicht immer tatsächliche Praxis von Eltern und Lehrern –,  Kinder zu loben und sie bei der Entwicklung einer eigenständigen Persönlichkeit zu unterstützen.

Das ist eine ziemlich neue Herangehensweise. Bis vor kurzem ging es doch bei der Erziehung eher darum, den Kindern elterlichen Willen aufzuzwingen, sie in die vorgefertigten Schablonen gesellschaftlichen Funktionierens einzupassen. Wen interessierte in der Vergangenheit die Entwicklung von Persönlichkeit? Nicht die Eltern, nicht den Staat und schon gar nicht die Kirche. Überall autoritäre, hierarchische Strukturen, in die man hineingezwungen wurde, und auch der allerorten beschworene christliche Glaube war kein Herzensbedürfnis, kein Ausdruck der Sehnsucht, sondern eine aufgezwungene und vielfach nicht reflektierte Selbstverständlichkeit. Das Oben und Unten in der Gesellschaft war klar vorgegeben, und zu dieser Gesellschaft gehörte die Kirche als Erscheinungsform der Macht, vor der man den Rücken zu krümmen hatte. Individualisierung von Glauben war nicht vorgesehen und nicht erlaubt, da schädlich für das Machtgefüge. Gerade deshalb wurden die Mystiker allezeit an den Rand der Kirche gedrängt oder darüber hinaus.

Durch den jahrtausendelangen Zwang zur Unterordnung fällt es den meisten Menschen immer noch schwer, Selbstbewußtsein zu entwickeln, den Glauben an sich selbst. Und so kriechen sie unter bei den Priestern, den starken Männern, den Gurus und Experten. Und wenn eines der traditionellen Heilsinstitute und Daseinserklärungsämter fragwürdig geworden ist, dann wechselt so mancher Glaubensgewohnte zu einem anderen.

Oder zu einem Geldinstitut.

Säkulare Ethik

Die christlichen Morallehren haben sich als unzureichend erwiesen, die Schlachthöfe auf der Erde zu schließen und den Menschen ein verträgliches Miteinander schmackhaft zu machen, die Bergpredigt wird als Sonntagsrede betrachtet und nicht ernst genommen, und weder der Koran noch die Thora können dazu beitragen, die Quellen zu schließen, aus denen Menschenverachtung und Boshaftigkeit sprudeln wie Geysire. Ganz im Gegenteil: Fundamentalisten aller Glaubensrichtungen und Schattierungen graben die Hackebeilchen aus und wollen den Menschen ihre Moralvorstellungen notfalls mit Gewalt in die Köpfe transplantieren, und wenn die Köpfe nicht willig sind, dann werden sie eben abgeschlagen.

Was will man dem entgegensetzen? Keine Frage, wir brauchen eine säkulare humanistische Ethik, die locker über alle Fallstricke hinausschreitet und mit ihrer Schönheit und ihrer vollkommenen Gestalt ganz ohne Missionierung alle Welt beeindruckt und binnen kürzester Zeit universelle Gültigkeit erlangt, noch bevor die überall tickenden Zeitzünder abgelaufen sind. Doch woher soll eine solche Ethik kommen, wo ist das Fundament, auf dem sie sicher stünde, unangreifbar und für alle gleich gültig und von allen gleichermaßen akzeptiert? Wir selbst können uns ein eigenes Wertesystem schaffen, das nicht theonom ist, sondern seine Grundlagen in unserem Weltwissen, unseren Erfahrungen und Gefühlen hat. Dabei sind wir frei, in religiösen Vorstellungen wurzelnde Werte eklektisch in unser System zu übernehmen oder auch nicht.

Genau das tue ich. Die Frage ist nur: Weshalb sollte das jemand anderen interessieren? Wie allgemeingültig kann eine solche private Ethik sein? Und wenn wir überzeugt sein sollten, daß unsere säkulare Ethik – die sich wahrscheinlich von Fall zu Fall wenn nicht grundlegend, so doch zumindest en détail unterscheidet –, daß diese Ethik besser geeignet wäre als Überkommenes, um das Leben der Menschen zu erleichtern und Schlimmes zu verhüten, wie wollen wir das andern dann vermitteln, ohne selbst als Prediger und Missionar eines neuen Vernunftglaubens aufzutreten?

Dabei werden wir vermutlich schon genügend Probleme haben, uns selbst zu überzeugen, denn ein solides Fundament für eine universelle Ethik zu finden oder zu gießen (Stahlbeton sollte es schon sein), das ist gar nicht so leicht, wie es auf den ersten Blick erscheint.

Die christliche Moral

Die christliche Moral
hat die Menschen gezähmt

ist kreuzgefahren

hat die Heiden entwolft

hat Hexen und Ketzer gerettet
vor dem Feuer
Indianer geschützt
den Dreißigjährigen Krieg verhütet
die Armen den Reichen
aus dem Rachen gezogen

den Ersten Weltkrieg unterbunden
den Zweiten Weltkrieg verhindert

Dank der christlichen Moral
kein Auschwitz und Hiroshima
der Mensch dem Menschen
kein Wolf

Was wären wir
ohne die christliche Moral?

Unter dem Mäntelchen der Verschwörungstheorie

Hat sich schon mal einer ernsthaft gefragt, welcher Sprachakrobat auf die glorreiche Idee gekommen ist, abstruses Verschwörungsgefasel, abseitige Hypothesen und manifeste Paranoia mit dem Wort »Theorie« zum Kompositum Verschwörungstheorie zu veredeln?

Sollten wir solche »Theorien« deshalb unter die Gesellschaftstheorien einordnen oder eher unter Psychophantasien? Wie auch immer, ich denke mit Wissenschaft oder ernsthafter Weltanschauung hat das alles nichts zu tun; derartige »Theorien« sind eher Ausdruck von metaphysischen Bedürfnissen wahrnehmungsmäßig überforderter Menschen, eine Art Katechismus für Freireligiöse.

Und natürlich sind diese geraunten Scheinzusammenhänge politische Waffen für Leute mit bösen Absichten. Zum Beispiel der, eine Verschwörung anzuzetteln. Wo keimen die eigenen Verschwörungswünsche besser als im Humus von sogenannten Verschwörungstheorien?

Der Teufel und das Weihwasser

Jeder weiß: Der Teufel meidet das Weihwasser. Doch warum tut er das? Kleriker führen die Zurückhaltung Luzifers auf die Kraft ihrer Lehre zurück. In Wirklichkeit jedoch hat auch der Leibhaftige einen Internetanschluß und weiß, daß sich im Weihwasser trotz oftmals sogar jährlichem Wechsel allerlei Bakterien und garstige Geißeltierchen tummeln.

Glauben und Denken

Jedem Glauben liegt das Streben nach einem Gefühl der Geborgenheit zugrunde, und der Verzicht auf beständige Glaubensinhalte ist ein Sich-Schicken ins Ungeborgene, ein Sprung in die Leere, der durchaus Mut erfordert, der aber notwendig ist, um das Sehen zu lernen. Sonst sehen wir nur, was andere uns zeigen, und übersehen die Löcher in den Glaubensdecken, die uns andere gereicht haben und die wir uns umhängen – voller Verwunderung, daß es so etwas gibt, und voller böser Vorahnung, daß die fremden Decken uns nicht dauerhaft erwärmen werden.

Und wenn uns das überfordert, was wir durch die eigenen Augen zu sehen bekommen, können wir jederzeit wieder unter eine der Glaubensdecken kriechen, so wir dann noch eine finden, die keine Löcher hat.

Holocaustleugnung

Irgendein durchgeknallter Bischof relativiert den Holocaust dahingehend, alles sei gar nicht so schlimm gewesen, andere meinen gar, er hätte nicht stattgefunden. Der Papst hat diesen Bischof, der (aus anderen Gründen) aus der Kirche ausgeschlossen war, wieder aufgenommen, obwohl jener solchen Unsinn erzählt (wie auch allerlei andere kapriziöse Kuriositäten hervorbringt). Und schon läuft die Debatte über den Holocaust wieder auf Hochtouren. Holocaustleugnung hat Konjunktur.

Deshalb habe ich mich gefragt, wozu es gut sein soll, daß jemand den Holocaust leugnet oder – meinetwegen – auch nur relativiert. Was ist die Motivation derer, die das tun? Haben sie selber oder Angehörige Dreck am Stecken, verstehe ich das. Auch wenn sie in irgendeiner nationalistischen Traumheldenwelt leben, kann man das nachvollziehen, denn wer möchte schon aus seinen so schöngeträumten Gefilden weggehen? Bei dem Bischof – der übrigens auch bemerkenswerte Träume hat: von frauenfreien Universitäten zum Beispiel, und der Meinung ist, der Vatikan sei unter satanischer Kontrolle, kann ich nur vermuten, was ihn treibt, ich kenne ihn ja nicht persönlich, wiewohl ich das nicht bedaure. Wissenschaftliches Genauigkeitsbedürfnis aber ist, da bin ich sicher, eher weniger der Grund für die krausen bischöflichen Thesen. Im Vertrauen gefragt, und wenn er ein paar Gläser Wein zuviel getrunken hätte, würde der Bischof vielleicht sagen, er habe schon immer was gegen die Juden gehabt, wie auch die römisch-katholische Kirche zu früheren Zeiten, als sie noch Judenhüte mit gelben Spitzen verteilte. Und er sei eben ein Traditionalist.

Wenn man aber nun keines dieser Bedürfnisse hat, weshalb sollte man dann den Holocaust leugnen oder relativieren, habe ich mich gefragt. Und die Antwort: um Ideologie, die zur Menschenverbrennung geführt hat, in ihrem Kern zu retten, indem man sie von Vorwürfen befreit. Und warum versucht man das? Weil man diese Ideologie oder wesentliche Teile von ihr wieder salonfähig machen möchte.

Der Holocaustleugner ist kein rückwärtsgewandter, er ist ein vorwärtsgewandter Akteur. Er ist dabei, das Gelände vorzubereiten, auf dem das Fundament des nächsten Holocaust gebaut werden soll. Und sollte das gelingen, dann werden irgendwann wieder die Schornsteine rauchen. Ob diejenigen, die solches befördern, das wollen oder nicht. Es ist die Konsequenz, die dieser Ideologie innewohnt.

Religion und Politik

Hätte man rechtzeitig dafür gesorgt, die Politik aus der Religion herauszuhalten, brauchte man heute nicht dazu aufzurufen, die Religion aus der Politik herauszuhalten. Da die Religion jahrhundertelang nichts anderes war als eine Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln, sehe ich wenig Chancen, dieses gefährliche Amalgam zu entmischen.

Mensch und Religion

Der Mensch ist das Tier, das sich wunderte. Und als seine äußere, physische Existenz im Kampf mit den anderen Tieren, mit Wind und Wetter einigermaßen gesichert erschien und er mal etwas Zeit zum Nachdenken hatte, erwachte in ihm – oder vielmehr schob sich ihm ins Bewußtsein – das, was wir das metaphysische Bedürfnis nennen und das ihm tief eingeschrieben ist, ob es nun immerzu bewußt wird oder nicht, ein tiefverwurzelter Wunsch nach Erklärung seines Daseins.

So entstanden Kosmogonien, Schöpfungsmärchen, religiöse Schriften, Tempel und Kirchen, Pagoden und Moscheen und mit ihnen Berufsweise und Priesterkasten, denn das Leben war schon zu diesen Zeiten sehr hart und mühsam, und es gab, wie heute auch noch, Menschen, die erkannten, daß das metaphysische Bedürfnis nach Befriedigung strebt und einer, der erbauliche Geschichten zu erzählen weiß, von harter Feldarbeit freigestellt wird, wenn er die andern des Abends um sich sammelt und beim Verbrennen von allerlei Kräutern berichtet vom Ursprung und vom Sinn allen Seins.

Das Ganze setzt sich, trotz aller säkularisierenden Zwischenspiele bis heute, rituell manchmal verfeinert und ausdifferenziert, fort, denn die Ersatzreligion Wissenschaft schafft es nicht, das Bedürfnis des Menschen nach Aufklärung über die Grundlagen seiner Existenz zu befriedigen.

Daß Religionen ihren Einfluß auf die Menschen nutzen, um ethische Regeln aufzustellen und deren Einhaltung zu überwachen, ist ein häufig positiver, aber manchmal, je nach Regelwerk, auch negativer Nebeneffekt.

Schlafgewohnheiten

Der wissenschaftliche Theoretiker ruht sich auf seinen Abstraktionen aus, hört den Ruf der Universität und hofft, daß ihm bald ein Licht aufgeht, der metaphysische Esoteriker hält sich an seine Meditationsmatte, hört den Ruf des Kuckucks und hofft auf Erleuchtung. Der metaphysische Theologe liegt auf einer harten Pritsche, hört die Glocken läuten und ist voller Hoffnung auf Erlösung. So bunt und vielfältig sind die Schlafgewohnheiten im anorganischen Leben.

Der Geist der Aufklärung

Weit entfernt davon, ein Atheist zu sein – denn ich halte den Atheismus nur für eine plumpe Widerspiegelung religiöser Theorien, für mit Säkularisationstünche überzogenen Ersatztheismus –, bin ich der Meinung, daß der Geist der Aufklärung von Zeit zu Zeit einer Auffrischung bedarf, besonders dann, wenn die religiösen Scharlatane aller Schattierungen es allzu bunt treiben, nicht zuletzt mit Unterstützung des Ungeistes der Aufklärung, denn leider ist es so, daß es nicht nur in der Sippschaft des religiösen Wahns viele zwielichtige Geschwister gibt, sondern auch in der Familie der Aufklärung.

Unsere Missionare

Kaum etwas erzeugt in mir einen heftigeren Widerwillen und ein stärkeres Ekelgefühl als Missionare, Leute, die sich für auserwählt halten, die glauben, sie hätten etwas „geschaut“, was den meisten anderen verborgen bleibt, die sich einbilden, sie müßten Verirrte, Irrende auf den rechten Weg bringen, „Samenkörner“ in das Bewußtsein anderer Menschen legen, die noch im dunkeln tappen.

Heutzutage sind solche selbsternannten Fruchtbringer größtenteils glücklicherweise nicht mehr bewaffnet, und nur noch wenige von ihnen hantieren immer noch mit Feuer und Schwert, und ihr Fanatismus hat meist moderatere und sublimere Formen angenommen. Eine Zwangsfütterung mit Samenkörnern findet nur noch in Ausnahmefällen statt.

Dennoch: Hinter welchen Namen diese messianischen Wahrheitslämpchen sich auch verbergen, sie sind allesamt von der gleichen Art. Sie schätzen es nicht, wenn Menschen in Eigenverantwortung lernen und bestimmen wollen, was sie für richtig und für falsch halten, was sie glauben oder nicht glauben wollen. Ihre Lehren sind so totalitär wie schwammig autorisiert, und meist sind es irgendwelche vergilbten Papiere, die irgendeinem antiken Stenotypisten von einer angeblich übermenschlichen Autorität oder auch nur von einer altersweisen menschlichen mit seherischen Fähigkeiten diktiert worden sein sollen und die, wie unsere Missionare frech behaupten und manchmal tatsächlich selbst glauben, die letzte, unhinterfragbare Wahrheit in sich tragen.

Nun haben sie, unsere Missionare, die Jünger der angeblitzten Autoritäten und Autoritätenstellvertreter, durch höhere Gewalt, Erwählung oder auch nur durch meditative Wahrheitsempfängnis den Auftrag erhalten, Licht in das Dunkel der irdischen Verirrungen zu bringen, und so richten sie ihre Taschenlampen auf die Wege der in dunkler Verwirrung tappenden Armgeistigen, um ihnen zu helfen, göttliches Licht in ihre Angelegenheiten zu bringen. Und wenn der eine oder andere mal blinzelt, weil er ein wenig geblendet wird, beginnen unsere Missionare gleich zu frohlocken und bilden sich allen Ernstes ein, ihre Taschenlampen wären Scheinwerfer des Heiligen Geistes oder sie wären auf besondere Weise mit der unendlichen kosmischen Energie verdrahtet.

Man sollte sich vor ihnen hüten und sich auf das eigene Licht verlassen – selbst wenn es nur eine Kerze, ein kleines Licht ist.

Wer sein Licht unter den mit Samenkörnern gefüllten Scheffel solcher Missionare stellt, wird in Zukunft davon abhängig sein, ob sie ihre Taschenlampen an- oder ausknipsen. Wer, außer diesen Missionaren, kann das ernsthaft wollen?

Erdmann – Szenische Monodialoge 5

ERDMANN verknittert, verläßt das Schlafzimmer, geht zum PC und startet ihn, dann begibt er sich ins Bad.

Ausgerechnet in Köln
in der Höhle
des Löwen Meisner
Protestantenaufmarsch
aber gesittet
gewissermaßen auf 
Einladung des Löwen
der nicht brüllt
sondern hinter dem
Maulkorb der 
zeitweiligen Vernunft
nur harmlos zischt
wie eine Schlange
tss tss.

Er wird sie schon noch
alle bekehren
notfalls mit der
geweihten Pranke
aber einstweilen
hat er erst mal
vorsorglich den Meßwein
weggeschlossen
und statt zum Abendmahl
zum gemeinsamen Frühstück
in der Kirche
mit symbolfreiem 
Kaffee eingeladen
und gebrauchtem
Streuselkuchen.

Von der letzten Beerdigung
sind ja noch ein paar Stücke da
die Kirchenmäuse
werden was 
andres finden müssen.

Und in den Gremien
der Ökumene wird man
mit trockenem Munde reden
über den theologischen Dissens
bezüglich der
ontologischen Differenz.

Leider kein Scherz.
Verläßt das Bad, hört ein Summen
Diese blöde Kiste.

Hat sich beim Runterfahren
gestern abend wieder aufgehängt
die ganze Nacht gelaufen
bei den Strompreisen
oder hab ich Trottel im Vorschlaf
nur wieder vergessen
das Ding auszuschalten?
Setzt sich kopfschüttelnd
an seinen Arbeitsplatz.

Beten

Was ist das für ein Gott, der Wert darauf legt, daß wir uns vor ihm in den Schmutz werfen oder vor ihm knien, uns noch kleiner machen, als wir ohnehin sind, wenn wir mit ihm sprechen? Ehrfurcht, Demut, Unterwerfung, warum tun wir das? 

Wenn wir einen Freund um etwas bitten, fallen wir üblicherweise nicht auf die Knie, und auch bei einem verschmähten Liebenden hat eine solche Geste nicht nur wenig Aussicht auf Erfolg, sondern ist vielmehr Quelle allgemeiner Erheiterung oder schmunzelnden Mitleids.

Die Liturgien in den theistischen Religionen sind voller Unterwerfungsgesten, wobei die widerständigen Kirchenbänke (und die Beichtstühle des katholischen Christentums) schon so manches Kniegelenk auf eine harte Probe gestellt haben. In dieser Hinsicht ist der Islam mit seiner Teppichkultur wesentlich knochenfreundlicher.

Immerhin, im privaten Bereich darf der Christ auch im Schaukelstuhl mit seinem Gott sprechen, wenn er etwas auf dem Herzen hat – und sei es, daß seine Mannschaft nun doch endlich mit Gottes Beistand wieder mal ein Spiel gewinnen möge. 

Wie auch immer, man stelle sich einen Gott vor, der mit alldem konfrontiert ist: Angesichts solcher menschlichen Kindereien ist es ist vielleicht ein heiterer Gott, der sich göttlich amüsiert, obgleich er Mitleid mit diesen devotionsbedürftigen Würmchen hat, die da unten herumkriechen.

Möglich ist jedoch auch, daß er sehr, sehr zornig ist, weil die Menschen glauben, er wäre genauso blöd wie die Blödesten von ihnen, nämlich die, die Wert darauf legen, daß man sich vor ihnen verbeugt oder ihre Schuhe oder Ringe küßt.

Es gab mal einen Bischof, ich weiß nicht mehr, wie er hieß (wahrscheinlich war es nur ein anekdotischer Witzbischof), der sagte, als Gläubige den Mund zum Kuß spitzten und verwundert auf seine ringlose Hand starrten: Ja, der Bischof bin ich schon, aber der Ring liegt dahinten neben der Blumenvase, ach nein, er ist noch beim Pfandleiher – ich hatte ihn meiner Haushälterin geliehen. Nahezu göttlicher Humor.

Über den Körper

Sie sind im Irrtum, all diese Erweckten und Erwachten, Erleuchtungsgierigen, die sich mühen, das als Verschmutzung ihres spirituellen Kerns empfundene körperliche Sein mit seinen Gelüsten und Ausdünstungen, mit seinen Verschleimungen und Abwässern, seinem Darmgeruch abzustreifen wie eine Larve, und versuchen, das, was sie unter Reinheit verstehen, durch Meditation herzustellen, herbeizutranszendieren.

Transzendieren ist keine ganzheitliche Metamorphose, sondern nur eine spezifische Art suggestiver Selbstinszenierung des Gehirns. Ganz so wie auch andere Versuche, den Körper unter Kontrolle zu bringen, ob nun durch religiöse Riten mit Selbstkasteiung oder Extrembergsteigerei, die moderne Medizin oder militärischen Drill.

Wir sind phylogenetisch weit entwickelt und seit langem über das Amphibienstadium hinaus und auch keine parasitären Würmer (jedenfalls nicht alle), und wir haben keine larvalen Organe, die abgestoßen oder resorbiert werden und durch funktionsfähige adulte Organe ersetzt werden können, die irgendwo im verborgenen angelegt sind.

Unser Körper läßt sich zu Höchstleistungen anregen oder zwingen, wir können auf meditativem Wege oder mit Hilfe der Pharmakologie oder der Chirurgie in seine Funktionen eingreifen oder uns so weit versenken, daß wir unsere Leiblichkeit zeitweise nicht mehr spüren. Aber wir können sie nicht abstreifen wie Falter ihr Verpuppungsmaterial.

Wir haben nur diesen einen Körper, und es bleibt dem Tod überlassen, was er damit metamorphisierend anstellt, wenn er uns holt. Was dann geschieht und ob dann mit uns etwas anderes geschieht als mit den Blättern im Herbst, wissen wir nicht, und es liegt weder in unserer Hand, darauf einzuwirken, noch es zu verhindern.