Unsere Missionare

Kaum etwas erzeugt in mir einen heftigeren Widerwillen und ein stärkeres Ekelgefühl als Missionare, Leute, die sich für auserwählt halten, die glauben, sie hätten etwas „geschaut“, was den meisten anderen verborgen bleibt, die sich einbilden, sie müßten Verirrte, Irrende auf den rechten Weg bringen, „Samenkörner“ in das Bewußtsein anderer Menschen legen, die noch im dunkeln tappen.

Heutzutage sind solche selbsternannten Fruchtbringer größtenteils glücklicherweise nicht mehr bewaffnet, und nur noch wenige von ihnen hantieren immer noch mit Feuer und Schwert, und ihr Fanatismus hat meist moderatere und sublimere Formen angenommen. Eine Zwangsfütterung mit Samenkörnern findet nur noch in Ausnahmefällen statt.

Dennoch: Hinter welchen Namen diese messianischen Wahrheitslämpchen sich auch verbergen, sie sind allesamt von der gleichen Art. Sie schätzen es nicht, wenn Menschen in Eigenverantwortung lernen und bestimmen wollen, was sie für richtig und für falsch halten, was sie glauben oder nicht glauben wollen. Ihre Lehren sind so totalitär wie schwammig autorisiert, und meist sind es irgendwelche vergilbten Papiere, die irgendeinem antiken Stenotypisten von einer angeblich übermenschlichen Autorität oder auch nur von einer altersweisen menschlichen mit seherischen Fähigkeiten diktiert worden sein sollen und die, wie unsere Missionare frech behaupten und manchmal tatsächlich selbst glauben, die letzte, unhinterfragbare Wahrheit in sich tragen.

Nun haben sie, unsere Missionare, die Jünger der angeblitzten Autoritäten und Autoritätenstellvertreter, durch höhere Gewalt, Erwählung oder auch nur durch meditative Wahrheitsempfängnis den Auftrag erhalten, Licht in das Dunkel der irdischen Verirrungen zu bringen, und so richten sie ihre Taschenlampen auf die Wege der in dunkler Verwirrung tappenden Armgeistigen, um ihnen zu helfen, göttliches Licht in ihre Angelegenheiten zu bringen. Und wenn der eine oder andere mal blinzelt, weil er ein wenig geblendet wird, beginnen unsere Missionare gleich zu frohlocken und bilden sich allen Ernstes ein, ihre Taschenlampen wären Scheinwerfer des Heiligen Geistes oder sie wären auf besondere Weise mit der unendlichen kosmischen Energie verdrahtet.

Man sollte sich vor ihnen hüten und sich auf das eigene Licht verlassen – selbst wenn es nur eine Kerze, ein kleines Licht ist.

Wer sein Licht unter den mit Samenkörnern gefüllten Scheffel solcher Missionare stellt, wird in Zukunft davon abhängig sein, ob sie ihre Taschenlampen an- oder ausknipsen. Wer, außer diesen Missionaren, kann das ernsthaft wollen?

Erdmann – Szenische Monodialoge 5

ERDMANN verknittert, verläßt das Schlafzimmer, geht zum PC und startet ihn, dann begibt er sich ins Bad.

Ausgerechnet in Köln
in der Höhle
des Löwen Meisner
Protestantenaufmarsch
aber gesittet
gewissermaßen auf 
Einladung des Löwen
der nicht brüllt
sondern hinter dem
Maulkorb der 
zeitweiligen Vernunft
nur harmlos zischt
wie eine Schlange
tss tss.

Er wird sie schon noch
alle bekehren
notfalls mit der
geweihten Pranke
aber einstweilen
hat er erst mal
vorsorglich den Meßwein
weggeschlossen
und statt zum Abendmahl
zum gemeinsamen Frühstück
in der Kirche
mit symbolfreiem 
Kaffee eingeladen
und gebrauchtem
Streuselkuchen.

Von der letzten Beerdigung
sind ja noch ein paar Stücke da
die Kirchenmäuse
werden was 
andres finden müssen.

Und in den Gremien
der Ökumene wird man
mit trockenem Munde reden
über den theologischen Dissens
bezüglich der
ontologischen Differenz.

Leider kein Scherz.
Verläßt das Bad, hört ein Summen
Diese blöde Kiste.

Hat sich beim Runterfahren
gestern abend wieder aufgehängt
die ganze Nacht gelaufen
bei den Strompreisen
oder hab ich Trottel im Vorschlaf
nur wieder vergessen
das Ding auszuschalten?
Setzt sich kopfschüttelnd
an seinen Arbeitsplatz.

Beten

Was ist das für ein Gott, der Wert darauf legt, daß wir uns vor ihm in den Schmutz werfen oder vor ihm knien, uns noch kleiner machen, als wir ohnehin sind, wenn wir mit ihm sprechen? Ehrfurcht, Demut, Unterwerfung, warum tun wir das? 

Wenn wir einen Freund um etwas bitten, fallen wir üblicherweise nicht auf die Knie, und auch bei einem verschmähten Liebenden hat eine solche Geste nicht nur wenig Aussicht auf Erfolg, sondern ist vielmehr Quelle allgemeiner Erheiterung oder schmunzelnden Mitleids.

Die Liturgien in den theistischen Religionen sind voller Unterwerfungsgesten, wobei die widerständigen Kirchenbänke (und die Beichtstühle des katholischen Christentums) schon so manches Kniegelenk auf eine harte Probe gestellt haben. In dieser Hinsicht ist der Islam mit seiner Teppichkultur wesentlich knochenfreundlicher.

Immerhin, im privaten Bereich darf der Christ auch im Schaukelstuhl mit seinem Gott sprechen, wenn er etwas auf dem Herzen hat – und sei es, daß seine Mannschaft nun doch endlich mit Gottes Beistand wieder mal ein Spiel gewinnen möge. 

Wie auch immer, man stelle sich einen Gott vor, der mit alldem konfrontiert ist: Angesichts solcher menschlichen Kindereien ist es ist vielleicht ein heiterer Gott, der sich göttlich amüsiert, obgleich er Mitleid mit diesen devotionsbedürftigen Würmchen hat, die da unten herumkriechen.

Möglich ist jedoch auch, daß er sehr, sehr zornig ist, weil die Menschen glauben, er wäre genauso blöd wie die Blödesten von ihnen, nämlich die, die Wert darauf legen, daß man sich vor ihnen verbeugt oder ihre Schuhe oder Ringe küßt.

Es gab mal einen Bischof, ich weiß nicht mehr, wie er hieß (wahrscheinlich war es nur ein anekdotischer Witzbischof), der sagte, als Gläubige den Mund zum Kuß spitzten und verwundert auf seine ringlose Hand starrten: Ja, der Bischof bin ich schon, aber der Ring liegt dahinten neben der Blumenvase, ach nein, er ist noch beim Pfandleiher – ich hatte ihn meiner Haushälterin geliehen. Nahezu göttlicher Humor.

Über den Körper

Sie sind im Irrtum, all diese Erweckten und Erwachten, Erleuchtungsgierigen, die sich mühen, das als Verschmutzung ihres spirituellen Kerns empfundene körperliche Sein mit seinen Gelüsten und Ausdünstungen, mit seinen Verschleimungen und Abwässern, seinem Darmgeruch abzustreifen wie eine Larve, und versuchen, das, was sie unter Reinheit verstehen, durch Meditation herzustellen, herbeizutranszendieren.

Transzendieren ist keine ganzheitliche Metamorphose, sondern nur eine spezifische Art suggestiver Selbstinszenierung des Gehirns. Ganz so wie auch andere Versuche, den Körper unter Kontrolle zu bringen, ob nun durch religiöse Riten mit Selbstkasteiung oder Extrembergsteigerei, die moderne Medizin oder militärischen Drill.

Wir sind phylogenetisch weit entwickelt und seit langem über das Amphibienstadium hinaus und auch keine parasitären Würmer (jedenfalls nicht alle), und wir haben keine larvalen Organe, die abgestoßen oder resorbiert werden und durch funktionsfähige adulte Organe ersetzt werden können, die irgendwo im verborgenen angelegt sind.

Unser Körper läßt sich zu Höchstleistungen anregen oder zwingen, wir können auf meditativem Wege oder mit Hilfe der Pharmakologie oder der Chirurgie in seine Funktionen eingreifen oder uns so weit versenken, daß wir unsere Leiblichkeit zeitweise nicht mehr spüren. Aber wir können sie nicht abstreifen wie Falter ihr Verpuppungsmaterial.

Wir haben nur diesen einen Körper, und es bleibt dem Tod überlassen, was er damit metamorphisierend anstellt, wenn er uns holt. Was dann geschieht und ob dann mit uns etwas anderes geschieht als mit den Blättern im Herbst, wissen wir nicht, und es liegt weder in unserer Hand, darauf einzuwirken, noch es zu verhindern.

Kohäsionsverschiebung

Sie klingt so plausibel, die östliche Lehre von der Befreiung des Menschen durch die Übung des Nicht-Anhaftens an die Außenwelt unserer gewohnten Vorstellungen und Denkmuster.

Wenn nur nicht das Problem bestünde, daß wir, wenn wir den Klebstoff Schicht für Schicht akribisch aus den Ritzen unserer Verbindung mit den Dingen und Ideen herauslösen, denen wir anhaften, ebendiesen Klebstoff sammeln und nicht wissen, wohin damit. So stehen wir da mit verklebten Fingern und haben nichts Besseres zu tun, als uns mit der Idee des Nicht-Anhaftens noch stärker zu verkleben, als wir es ohnehin schon getan hatten, denn sonst hätten wir mit der Aktion gar nicht erst begonnen.

Sehr witzig das Ganze und nicht ohne Unterhaltungswert, aber eben doch keine Befreiung, sondern nur eine Substitution, ein Trip in ein anderes Zimmer des Gefängnisses.

 

 

Taoismus

Der alte Taoismus ist zumindest in großen Teilen keine geignete Philosophie für junge Leute, sondern eher für unrüstige alte und rüstige, aber antriebsschwache junge Rentner, und deshalb besteht immer die Gefahr, daß er zur Rechtfertigungsideologie einer gerontokratisch organisierten und geprägten Gesellschaft wird.

Über grüne und blaue Mäuse

Nimmt einer in seiner meditativ gestützten Intuition grüne Mäuse wahr, dann sagt das etwas über seinen Farbsinn und die Art seiner Wahrnehmung aus, wenn ein anderer blaue sieht, gilt das gleiche. Über »kosmische Wahrheit« oder wie immer man das nennen mag, sagt beides nichts.

Wenn nun ein dritter sich hinsetzt und nach einiger Zeit grüne oder blaue Mäuse sieht, dann sagt das ebenfalls nichts über »kosmische Wahrheit«, sondern nur über dessen Farbsinn und dessen Art der Wahrnehmung und darüber, ob er sich mit Grünmaussehern oder mit Blaumaussehern identifiziert.

Und dann gibt es natürlich auch noch die weißen und die profanen grauen Mäuse und die mit gestreiften Hosenträgern, je nach Konfession und Esoterikgrad der Bildbetrachter. Und nicht zuletzt die zähe Volksmetaphysik der exoterischen Weltreligionen mit ihren spezifischen optischen Filtern.

Und die freiwilligen und unfreiwilligen Farbenblinden.

Der größte Teil von dem, was wir wahrnehmen, ist die Folge unserer unbewußten oder halbbewußten Entscheidung, was wir wahrnehmen wollen.

Der kleine Buddha

Wenn einer lange genug unter einem westeuropäischen Baum sitzt, kann es sein, daß ihm ein Licht aufgeht und er bemerkt, daß es sich bei dem Baum nicht um eine Pappelfeige handelt, sondern etwa eine Eiche oder Buche – und daß es Sinnvolleres gibt, als jahrelang unter einem Baum zu sitzen, den man für einen Feigenbaum hält, obwohl an den Zweigen ersichtlich keine Feigen hängen.

Wahrscheinlicher aber als der plötzliche innere Lichteinfall ist, daß dem Sitzenden ein Ast auf den Kopf fällt – oder der ganze Baum.