Style in the city

Eine Immobilienfirma wirbt in meinem Kiez, großflächig und mit sehr großen Buchstaben, stylisch um Kunden für „Appartments“ und „flexible Einzelhandelflächen“. Gemeint sind, so ist zu vermuten, Apartments oder vielleicht auch Appartements und Einzelhandelsflächen.

Auf der Website der Firma ist zu lesen: „Wir unterscheiden uns von den meisten unserer Mitbewerber durch den hohen Designstandard …“ Nun frage ich mich als potentieller Kunde, ob zum Stil nicht immer auch ein wenig Konvention gehören sollte, nämlich hier die Beachtung orthographischer und logischer Gesichtspunkte.

Was würden wir von einem Pharmazeuten halten, der uns in seiner Einzelhandel(s)fläche „Appotheke“ etwas verkaufen will, etwa Medizien? Das zur Orthographie. Und die Logik? Was soll ich mir unter einer flexiblen Einzelhandel(s)fläche vorstellen? Die Fläche in einem Gebäude bleibt, anders als beim Luftballon, gemäß dem äußeren Grundriß immer gleich, und wenn ich Wände einziehe, dann teile ich die Grundfläche in mehrere kleinere Flächen auf. Die Gesamtfläche selbst wird dabei nicht flexibel, sondern lediglich durch den Platzbedarf der Mauern verringert. Reiße ich die Mauern wieder ein, gewinne ich nur das zurück, was ich vorher verloren habe. Das nennt man: flexible Flächen-Gestaltung. Aber nicht „flexible Fläche“.

Bibliographisches Institut

Im Duden, ehemals maßgeblich und amtlich in Fragen der Rechtschreibung, heute jedoch hauptsächlich maßgebend in seiner Maßlosigkeit willkürlicher Empfehlungen der eigenen rechtschreiblichen Präferenzen von orthographischen Varianten, finde ich die Empfehlung, das Wort »bibliographisch« nicht mehr zu verwenden, sondern durch »bibliografisch«zu ersetzen. Nun denke ich natürlich nicht daran, mich solcherlei geschmäcklerischer Anmaßung zu unterwerfen. Aber, so dachte ich mir, der Duden sollte sich doch wohl an seine eigenen Empfehlungen halten.

Der Duden erschien bisher im Verlag Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus AG, Mannheim. Also nicht Bibliografisches Institut & F.A. Brockhaus AG. Da Eigennamen weder der vom Rat für deutsche Rechtschreibung zu verantwortenden Rechtschreibreform unterliegen noch den eigenwilligen Auslegungen dieser Reform durch die Duden-Redaktion, war die Schreibweise mit »ph« bisher gerechtfertigt.

Unlängst fand jedoch eine Hauptversammlung dieser Firma statt, die den Duden herausgibt. Da sich die Besitzverhältnisse geändert haben, stand eine Namensänderung an, und eine Umbenennung wurde beschlossen. Zukünftig firmiert man unter »Bibliographisches Institut«. Ohne Brockhaus, aber wie gewohnt mit »ph«.
Nun frage ich mich: Warum hält man sich beim Duden nicht an die eigenen orthographischen Empfehlungen, deren Berücksichigung man mir seit geraumer Zeit mit dicken gelben Farbklecksen so sehr ans Herz gelegt hat?

 

PS: Der Duden habe »sich immer stark gemacht« für eine einheitliche Rechtschreibung, kann man auf der Website des Verlages lesen, wo die Parodie eines Interviews mit dem Redaktionsleiter geboten wird. Dummerweise wird »stark gemacht«, im Sinne von »sich für etwas einsetzen«, in reformierten Texten seit längerem zusammengeschrieben. Vielleicht sollte man beim Duden mal das eigene Korrekturprogramm verwenden. Oder sich, besser noch, für eine externe Prüfung von Dokumenten »starkmachen«.

Duden

Klettische Rechtschreibung

Rechtschreibung

Letztens fand ich in meiner Post einen Brief von Klett College. »Damit Ihr Kind mehr Erfolg in der Schule hat! – Perfekte Hilfe für bessere Noten«. Nun hat meine Tochter auch ohne Klett Erfolg in der Schule, aber das können die bei Klett ja nicht wissen, denn so weit ist die Überwachungs-Verkabelung der Individuen glücklicherweise noch nicht gediehen.

Was die Klettianer jedoch wissen müßten: Wer »perfekte« Hilfe anbietet, sollte ein Mindestmaß an Professionalität walten lassen. Zwar wurde das Wort »perfekt« richtig geschrieben und nicht mit »ck«, aber so einiges andere leider nicht.

Wie es scheint, ist bei Klett nicht bekannt, daß das »neue und besondere«, unangetastet von jeder Rechtschreibreform, von jeher das »Neue und Besondere« ist. Glasklare Nomen werden selbstverständlich am Anfang mit einem Großbuchstaben versehen.

Auch gibt es in anständigen Texten nach wie vor keine Abkürzungen am Satzanfang, Gedankenstriche sind Gedankenstriche und keine Divise, vor Prozentzeichen findet sich immer ein Zwischenraum, und nicht nur manchmal, ok schreibt man in Deutschland o.k., vor sowie steht, außer bei Appositionen, kein Komma, eine »CD-Rom« gibt es nur als CD-ROM, außer vielleicht in Italien …

»Für eine erfolgreiche Deutsch-Note …« Erfolgreiche Note? Nein. Noten können nicht erfolgreich sein, sondern nur diejenigen, die eine gute Note bekommen. Jedenfalls manchmal.

Keine gute Note für Klett.

 

 

Anmerkung: Ich selbst schreibe natürlich, wie immer, nach den Regeln der traditionellen Orthographie.

Als erster alles wissen

»Behalten Sie den Überblick!« So wirbt »Die Zeit« für ihre Online-Ausgabe mit neuem Layout: »Als erster alles wissen.« Wie aber kann man als erster alles wissen, wenn die Wissensquelle es nicht weiß? Doch wer weiß schon alles?

Hier haben die Texter übersehen, daß die reformierte Rechtschreibung, trotz aller Hin-und-her-Reformierungen beim »Ersteren« ausschließlich Großschreibung vorsieht. Oder sollte diese Information noch nicht bis in die Redaktion vorgedrungen sein? In diesem Falle sollten die Redakteure»Die Zeit« lesen. Damit sie als erste alles erfahren. Oder als Erste, wenn man, wie »Die Zeit«, reformiert schreibt.

Schrift und Rede

Bei »Schrift und Rede«, dem sicherlich fachlich fundiertesten Forum der Gegner der Rechtschreibreform, wo die Unsinnigkeiten dieser unsäglichen Schriftverhunzung gnadenlos ans Licht gezerrt werden, ist es leider so wie überall, wo Gesinnungssympathisanten unter sich bleiben wollen: Kritiker werden rausgedrängt und auf undemokratische Art und Weise ausgeschlossen, denn man möchte unter sich bleiben. Nicht die Leser sollen entscheiden, ob ein Diskussionsbeitrag erhellend ist oder nicht, die Redaktion tut das für sie und greift zensierend ein, indem sie mißliebige Diskussionsbeiträge mit fadenscheinigen Begründungen oder einfach so kurzerhand löscht.

Das ist undemokratisch und kurzsichtig und schadet dem Anliegen dieses wichtigen Forums.

Wie jeder an meinen schriftlichen Äußerungen und an meinen Wortmeldungen sehen kann, gehöre ich nicht zu den Anhängern des Neuschriebs, bin also keiner von denen, die dort herausgedrängt werden. Aber man sollte auch dann auf undemokratische Verhaltensweisen hinweisen, wenn man nicht selbst betroffen ist.

Bei allem Einsatz für die richtige Schreibung von Wörtern darf eines nicht vergessen werden: Noch wichtiger als das rechte Schreiben ist das unzensierte Recht zu schreiben.

Verfall einer Institution

Wenn man mit der Rechtschreibung mal per du ist und mal per Du, das heißt, wenn man mal die eine und mal die andere Schreibweise empfiehlt, also mal Großschreibung und mal Kleinschreibung, wie der Duden neuerdings, ist die Reputation perdu.

Anmerkung: Wer nun glaubt, der Wahrig könnte eine Entscheidungshilfe sein, der irrt, denn sowohl beim Stichwort »per« wie auch bei »du« suchen Lehrer und Schüler vergeblich. Wenn man hier klein schreibt, liegt man damit immer richtig.

2006

Der neue Duden

Heute erscheint der neue Duden, und damit ist die nächste Stufe dieser unseligen, unsinnigen Rechtschreibreform in Zement gegossen. Die Treppe sollte ursprünglich in die lichten Räume einer erleichterten Rechtschreibung führen, aber daraus wurde nichts. Die Treppe führt ins Leere, und die obersten Stufen sind bereits verstaubt, und auf ihnen liegt der verharschte Schnee von gestern. Eine grausige Mischung.

Die jetzige Treppe, von der der neue Duden eine Stufe ist, führt uns auf Umwegen langsam dorthin zurück, wo wir hergekommen sind. Und es wird nicht die letzte Stufe sein.

Dort, wo wir jetzt stehen, herrscht allgemeine Verunsicherung. Wenn selbst ausgewiesene Experten, wie unlängst Theodor Ickler, beim Wahrig, dem Konkurrenzprodukt der Mannheimer Wörterschinder, nicht zwischen »Druckfehlern« und systematischen Lapsus calami unterscheiden können, nur weil sie im Doppelpack auftreten, wer soll dann noch wissen, wie man richtig reformiert schreibt?

Den neuen Duden werden – und man muß kein anerkannter Prophet sein, um dies zu prognostizieren – neben vielen systematischen Fehlern auch »Druckfehler« zieren. Und deshalb wird auch er nicht das sein, was Schüler und Lehrer und »Innen« brauchen.

Wohl dem, der es sich wie ich leisten konnte und kann, wenigstens privat auf diesen ganzen Blödsinn zu verzichten und einfach nur traditionell richtig zu schreiben.

Aber das kann sich doch jeder leisten, der es kann. Oder?

2006

Über das Engsehen

Beim Streit darum, ob ein Wort »großgeschriben« wird oder »groß geschriben«, sollte man nicht außer acht lassen, daß es bei dem Wort »großgeschrieben« nicht sonderlich gut aussieht und auch nicht den gültigen Regeln und unseren Sehgewohnheiten entspricht, auf das »e« zu verzichten. Neben Zoom und Makro muß bei Sprachwissenschaftlern stets ein Weitwinkelobjektiv zur Hand sein, damit sie über dem Detailproblem nicht das Ganze aus den Augen verlieren. Ob Aufmerksamkeit großgeschrieben oder groß geschrieben wird, ist nicht nur eine Frage der Rechtschreibung, sondern vielmehr und viel mehr eine Charakterfrage.