Verschweigen

In politischen, ideologischen Auseinandersetzungen ist es eine gern angewendete Methode, dem Angegriffenen zu unterstellen, er würde etwas verschweigen.

So gerade erst wieder in der Überschrift eines Artikels im „Tagesspiegel“ zum neuen Spielberg-Film: „Was Spielberg verschweigt“. Damit ist klar, daß jemand der Unlauterkeit bezichtigt wird, denn er hat nicht das gesagt, was der Schreiber dieser Titelzeile hören wollte. Der sprachkritische Leser weiß: Verschweigen heißt bewusst nicht sagen, etwas verheimlichen, jemandem eine Neuigkeit, Fakten, die Wahrheit verschweigen. Damit ist der Stab gebrochen, noch bevor der Artikelschreiber darlegt, was er als die Wahrheit betrachtet, die von dem Filmemacher mißachtet worden sei.

Daß es sich bei dem Film nicht um einen Dokumentarfilm handelt, sondern einen Spielfilm mit dokumentarischem Hintergrund wird ebenso ausgeblendet wie die Tatsache, daß die „Wahrheit“ viele Facetten hat und wir alle nichts anderes tun, als die gleichen Fakten (durchaus unterschiedlich) zu interpretieren, wobei jeder gemäß seinem Weltbild und seiner Erfahrung selbst die Schwerpunkte setzt. Es gibt immer mehr zu sagen, als man sagt, schließlich sind wir keine Sprechmaschinen, und ein Journalist hat einen anderen Schwerpunkt als ein Filmemacher, ein Philosoph oder Psychologe einen anderen als ein Politiker.

Es gibt keine einzig richtige allumfassende Realität, es gibt nur unterschiedliche Realitäten, erfaßt und widergespiegelt in unterschiedlichen Gehirnen. Zu sagen, jemand verschweige etwas, unterstellt ihm einen Grund, das zu tun, verdächtigt ihn, aus eigennützigen Beweggründen nicht die ganze Wahrheit kundzutun. Dabei hat er doch nur etwas anderes oder weniger gesagt, als der, der ihn kritisiert, gerne hören wollte, nämlich das, was dieser selber denkt. Soll er es doch auch selber sagen. Wenn er es kann. Wenn er es dann tut, können wir ihm sagen, was er verschweigt.

Aber wir werden nicht sagen: „Was er verschweigt“, wir werden lieber sagen: „Was er nicht sagt“ …

Klirrende Fahnen

Wenn ihr die Fahnen bei Hölderlin nicht klirren hört, dann liegt das bestimmt nicht daran, daß Fahnen normalerweise nicht klirren. Es liegt eher daran, daß ihr versucht, mit dem Schläfenlappen zu hören, statt mit dem inneren Ohr zu lauschen. Hölderlin hat sie klirren hören, da bin ich sicher. Aber der war ja ver-rückt. Hin und wieder muß man aus der banalen Realitätsverzückung heraustreten, um die Weite der Realität zu begreifen.

Der Boden der Realität

Die meisten Leute, die vollmundig erklären, sie stünden mit beiden Beinen auf dem Boden der Realität, behaupten dies, während sie in Wirklichkeit an Tischen – meist Schreibtischen – sitzen, die Füße in Socken oder Strümpfen, und auf ihre Schuhe schauen, prüfend, ob diese wirklich blankgeputzt sind.

Zivilisation kann eine angenehme Sache sein, aber Realität erfährt man besser barfuß auf einer Wiese oder wenn man im Sand an einem Strand entlangschlendert. Es muß ja nicht unbedingt gleich im Winter sein. Jeder hat mal klein angefangen.

Über die Qualität der Realität

Einer sagte, die »Qualität der Realität« wäre »eindeutig verbesserungsbedürftig«. Soll ein Witz sein und heißt: Ich bin unzufrieden mit meiner Umgebung. Aber kann man der Realität überhaupt eine Qualität zusprechen? Jeder kennt doch das Bild von Eule und Nachtigall.

Die Realität als solche hat (außer für Platoniker) keine Qualität, die unabhängig wäre von ihrer Wahrnehmung. Qualität wird vielmehr von den einzelnen Wahrnehmenden immer nur in die verschiedenen oder gleichen Bilder hineinprojiziert, die sie sich selbst und die sich die vielen anderen von der Realität machen oder zu machen vorgeben.

In der Werbepause eines Fußballspiels hörte ich im Fernsehen jemanden, der Autos verkaufen wollte, sagen: »Autos sind toll …«

Das Leben ist schön.