Fluchtwesen

Menschen sind Fluchtwesen. Die weniger Phantasievollen fliehen vor der Realität, die sie als bedrückend empfinden, in virtuelle Träume und Phantasien, die Phantasievolleren hingegen suchen ihr Heil in der Realität, um sich selbst vor ihren verborgenen Träumen und Phantasien zu beschützen, denen sie ausgeliefert sind – und die sie als nicht realisierbar oder nicht realisierenswert betrachten –, und zu verhindern, daß diese Gestalt annehmen. Die sogenannte Realität ist eine kollektive Phantasmagorie von Individualphantasien.

Vanity Fair

Der Text ist in mehrfacher Hinsicht eine Kopfgeburt: Gedanken und Schlagzeilen, Assoziationen und Lektürefrüchte rieseln, nein: nicht aufs Papier, sondern ins Internet, ohne je mit der Wirklichkeit in Berührung kommen zu müssen.

Märkische Allgemeine

Das schrieb ein gewisser Frank Dietschreit in der Zeitung eines größeren Dorfes über ein Projekt der »vermeintlichen Literaturgöttin« Elfriede Jelinek.

Wie mir scheint, hat er sich da in mehrfacher Hinsicht ein wenig vermeint, der gute Frank Dietschreit, denn daß die Schreibfrau aus Österreich eine Göttin sei, wird doch wohl weder von ihr behauptet noch von irgendeinem ihrer verständnisvollen Leser. Nicht mal der Rowohlt Verlag käme auf so eine krude Idee. Und Leser wie ich, die den Jelinek-Stil bisweilen als übertrieben geschraubt und diffus empfinden, schon gar nicht.

Literaturgöttin. So euphorisch ist kein Euphoriker. Aber was soll man machen: Wenn man jemandem etwas absprechen will, muß man es ihm vorher zuerkennen. Also erfindet der verhinderte Feuilletongott die Bezeichnung Literaturgöttin, um in dem nichtschmückenden Epitheton »vermeintlich« seine eigene abneigende Meinung (oder auch seinen Neid?) unterzubringen. Das ist das eine.

»Der Text ist eine … Kopfgeburt.« Ja, was denn sonst? Jeder Text, sogar der im Fäkaldunst sanitärer Einrichtungen von Zeitungsredaktionen ersonnene Mumpitz ist letztlich nichts anderes als eine Kopfgeburt, selbst wenn ihm das Odium der erfolgreichen Darmperistaltik anhaften mag. Kopfgeburt? Kopfgeburt!

»… ohne je mit der Wirklichkeit in Berührung kommen zu müssen.« Daß das Internet inzwischen in weit höherem Maße Teil unserer Wirklichkeit geworden ist als eine vermiefte Redaktionsstube, sollte sich doch inzwischen bis in die allerletzte Hinterwaldtoilette herumgesprochen haben.

Hat es tatsächlich. Nur wird es noch immer nicht so richtig verstanden. »Denn das Internet ist heute der denkbar öffentlichste Marktplatz der Eitelkeiten«, schreibt der Herr Dietschreit selbst, ohne zu merken, daß er damit das Internet als einen vollassimilierten Teil der Wirklichkeit beschreibt, die doch in Gänze und im Kern nichts anderes ist als ebendieser »Jahrmarkt der Eitelkeiten«, um mit Thackeray zu sprechen. Das ist das andere.

»Vanity Fair« ist überall.

Pferdefuß

Wer es unternimmt, mit Hilfe der Sprache zu einer endgültigen, unangreifbaren Aussage über die Realität zu gelangen, zu objektiver Wahrheit, der muß scheitern, sei es, indem er begänne zu stammeln, sei es, daß er versuchte, ein Pferd ohne Füße zu reiten.

Nicht mal im Koan der Zen-Mönche (das nur als Anregung dient und keine objektive Wahrheit transportiert) wird die Logizität der Sprache aufgehoben, denn Antilogizität ist nur eine Spiegelung der Logizität und damit von ihr abhängig, also genaugenommen eine von deren Formen.

Sprachen und deren inhärente Logik sind nichts weiter als (zu entziffernde) Zeichen am Straßenrand, damit wir Hermeneutiker uns nicht ständig verlaufen.

Vom Leben in der »realen Welt«

Die Klage, jemand habe den Bezug zur Wirklichkeit verloren, ist meist nichts anderes als der Vorwurf, dieser teile weder unsere Meinung noch unsere Interessen und erfülle deshalb nicht unsere Erwartungen. Eine solche Klage ist Ausdruck von naiver Realitätsferne, denn warum sollte jemand unsere Realität dauerhaft als die seine mißverstehen?

 

Vom Träumen

Wer seine Träume für Realität hält, neigt dazu, den Realisten als Zyniker zu bezeichnen. Der Realist aber freut sich über seine Träume, auch wenn er weiß, daß sie Träume sind. Und er nennt den Träumer einen Träumer.

Verschweigen

In politischen, ideologischen Auseinandersetzungen ist es eine gern angewendete Methode, dem Angegriffenen zu unterstellen, er würde etwas verschweigen.

So gerade erst wieder in der Überschrift eines Artikels im „Tagesspiegel“ zum neuen Spielberg-Film: „Was Spielberg verschweigt“. Damit ist klar, daß jemand der Unlauterkeit bezichtigt wird, denn er hat nicht das gesagt, was der Schreiber dieser Titelzeile hören wollte. Der sprachkritische Leser weiß: Verschweigen heißt bewusst nicht sagen, etwas verheimlichen, jemandem eine Neuigkeit, Fakten, die Wahrheit verschweigen. Damit ist der Stab gebrochen, noch bevor der Artikelschreiber darlegt, was er als die Wahrheit betrachtet, die von dem Filmemacher mißachtet worden sei.

Daß es sich bei dem Film nicht um einen Dokumentarfilm handelt, sondern einen Spielfilm mit dokumentarischem Hintergrund wird ebenso ausgeblendet wie die Tatsache, daß die „Wahrheit“ viele Facetten hat und wir alle nichts anderes tun, als die gleichen Fakten (durchaus unterschiedlich) zu interpretieren, wobei jeder gemäß seinem Weltbild und seiner Erfahrung selbst die Schwerpunkte setzt. Es gibt immer mehr zu sagen, als man sagt, schließlich sind wir keine Sprechmaschinen, und ein Journalist hat einen anderen Schwerpunkt als ein Filmemacher, ein Philosoph oder Psychologe einen anderen als ein Politiker.

Es gibt keine einzig richtige allumfassende Realität, es gibt nur unterschiedliche Realitäten, erfaßt und widergespiegelt in unterschiedlichen Gehirnen. Zu sagen, jemand verschweige etwas, unterstellt ihm einen Grund, das zu tun, verdächtigt ihn, aus eigennützigen Beweggründen nicht die ganze Wahrheit kundzutun. Dabei hat er doch nur etwas anderes oder weniger gesagt, als der, der ihn kritisiert, gerne hören wollte, nämlich das, was dieser selber denkt. Soll er es doch auch selber sagen. Wenn er es kann. Wenn er es dann tut, können wir ihm sagen, was er verschweigt.

Aber wir werden nicht sagen: „Was er verschweigt“, wir werden lieber sagen: „Was er nicht sagt“ …

Klirrende Fahnen

Wenn ihr die Fahnen bei Hölderlin nicht klirren hört, dann liegt das bestimmt nicht daran, daß Fahnen normalerweise nicht klirren. Es liegt eher daran, daß ihr versucht, mit dem Schläfenlappen zu hören, statt mit dem inneren Ohr zu lauschen. Hölderlin hat sie klirren hören, da bin ich sicher. Aber der war ja ver-rückt. Hin und wieder muß man aus der banalen Realitätsverzückung heraustreten, um die Weite der Realität zu begreifen.

Der Boden der Realität

Die meisten Leute, die vollmundig erklären, sie stünden mit beiden Beinen auf dem Boden der Realität, behaupten dies, während sie in Wirklichkeit an Tischen – meist Schreibtischen – sitzen, die Füße in Socken oder Strümpfen, und auf ihre Schuhe schauen, prüfend, ob diese wirklich blankgeputzt sind.

Zivilisation kann eine angenehme Sache sein, aber Realität erfährt man besser barfuß auf einer Wiese oder wenn man im Sand an einem Strand entlangschlendert. Es muß ja nicht unbedingt gleich im Winter sein. Jeder hat mal klein angefangen.