„Alles ist ein Hauch nur …“

Angeregt durch »Wesen wie wir«, dachte ich heute morgen auf dem Weg zum Bäcker über Anthropomorphisierung nach, über ein Gedicht von Arno Schmidt und über den Willen in der Natur im Denken Arthur Schopenhauers.

Genaugenommen ist diese animistische Art, Leben in seine Umgebung zu bringen, eine natürliche frühkindliche Phase der kognitiven Entwicklung, wie wir von Piaget wissen. Darüber hinaus Bestandteil mancher Naturreligionen und früher, vorchristlicher Religionen. Animismus, der altgriechische ἄνεμος ánemos, Hauch, später dann römisch-lateinisch anima, Seele, ist zwar vom Menschen gedacht, aber nicht anthropozentrisch, denn die beseelten Wesen nehmen nicht menschliche Form an, sind zwar belebt, aber nicht vermenschlicht.

Dazu paßt, daß ein Wille, der ihnen zugesprochen wird, kein individueller ist, sondern ein allgemeiner Wille der Natur, der sich in ihnen offenbart. Und damit sind wir dann bei Schopenhauers Vorstellung vom Willen in der Natur.

So meine Gedanken am Morgen. Und nun beiße ich in die Rosinenschnecke, die es sich in meinem Magen gemütlich machen will. Ihr ist es egal, ob sie dabei ihre Form verliert, denn die hatte sie sich ohnehin nicht ausgesucht.

Das Anthropomorphe in der Schnecke wie im Stuhl ist ganz präsent, hineingebracht durch die lange Hand des Bäckers und des Tischlers. Das Animistische aber finden wir auf einer tieferen Ebene: zumindest in unserer Vorstellung.

Tugend als Last und Laster

Bisweilen sieht man, daß ein allzu heftiges Streben nach Tugend, wenn es zur Gewohnheit, zum inneren Zwang wird, sich für den Betroffenen nicht nur zur Last wandeln kann, sondern einem Außenstehenden auch den Eindruck vermittelt, er habe es mit etwas zu tun, das dem Charakter eines Lasters nicht unähnlich zu sein scheine.

Egoismus

Das Schlimmste am Egoismus ist nicht die Rücksichtslosigkeit beim Ellbogengebrauch, sondern das phantasiearme Bewußtsein des Egoisten, die andern hätten eine ähnliche Einstellung wie er selbst (oder sie seien gar schlimmer) und würden diese nur besser verbergen. So gesehen, wird die eigene Egohampelei zu einer Art Schutzmechanismus. Wie so oft, spielt der Täter nichts lieber als Opferlamm.

Auf der Suche

Die meisten Menschen sind auf der Suche nach etwas, was sie längst haben, aber die wenigsten bemerken ihre Blindheit rechtzeitig, denn es kommt nicht selten vor, daß man bei dieserart Suchen das Gesuchte ganz nebenbei verliert. Mit etwas Glück findet man es jedoch eines Tages wieder – wenn man längst nach etwas anderem sucht. Nicht immer aber erkennt man das Gefundene als das früher Gesuchte wieder, noch weniger identifiziert man es als einstmals Besessenes, denn man ist zu sehr hingerissen vom Gesuchten des Augenblicks. 

Halb so schlimm

Das Schlimmere tröstet über das Schlimme hinweg. Solange das Schlimmere einen nicht selbst erwischt. Deshalb mögen Menschen Moritaten und Schauergeschichten, Geschichten von Mord und Totschlag so sehr und tragen ihre eigenen körperlichen und seelischen Verletzungen mit Fassung.

Populärer Reflex

Wenn wir mutig mutmaßend, ohne Indizien für das tatsächliche Vorhandensein solcher Gefühle vorweisen zu können, jemandem unterstellen, er sei neidisch auf einen andern, dann stilisieren wir unsere eigenen Neidgefühle zu universellen hoch. Das ist naiv und egozentrisch und eine veritable Selbstentlarvung.