Das Bordell und die Wünsche

In einer Diskussion in FAZ.NET zu Johanna Adorjáns Kritik an Thomas Brussigs Buch über Bordellbesuche und an diesem selbst (»Das Buch als Porträt des Autors«), in der es unter anderem heißt:

Wie ein Restaurantkritiker, dem für seine Beurteilung der Anblick der Tischdecke genügt, ist Thomas Brussig durchs Rotlichtmilieu gezogen und hat sich mit Prostituierten: unterhalten,

schrieb ich unter der Headline „Jeder liefert sein eigenes Porträt“:

Frau Adorján scheint mir ideologisch angeblindet und vor allem frei von jeder persönlichen Erfahrung. Sie selbst hat, da bin ich sicher, diese Tischdecke, von der sie spricht, noch nie gesehen, aber sie glaubt, in feministischen Uni-Seminaren und dazu passender Sekundärliteratur genügend Kompetenz erworben zu haben, um über die verhandelte Realität auch ohne persönliche Anschauung urteilen zu können. Sie beurteilt das Restaurant aus der theoretischen Sicht einer abstinenzlerischen Magersüchtigen. Das muß niemand ernst nehmen. So halbgar Brussigs Sichtweise sein mag, Adorjáns Sicht ist theoretische Rohkost. Als würde man mit einem Kohlkopf nach der Wurst werfen.

Nun fragt sich eine Leserin (Zitat: Muß die Autorin Expertin sein, wenn sie einen Erlebnisbericht rezensiert), was einen wohl bewege, »sich da hineinzubegeben«, und gibt unfreiwillig mit ihrer Vermutung eine teilweise zutreffende Antwort:

Wie man sehen kann, verstehen manche nicht, daß es zu einer gelungenen Partnerschaft, auch einer Sexualpartnerschaft, gehört, sich nicht nur »an den eigenen Wünschen« zu orientieren, sondern auch an denen des andern.