Antisemitismus unverstanden

»An einem Berliner S-Bahnhof haben Unbekannte einen der 29-Jährigen erst auf seinen Glauben angesprochen und dann mit Reizgas ins Gesicht gesprüht. Der Staatsschutz ermittelt.« So kann man bei »Spiegel online« lesen.

Im weiteren Text liest man dann etwas von einer »antisemitischen Straftat«. Wegen des »jüdischen Glaubens«. So einen Schwachsinn höre ich immer wieder, und so langsam reicht es mir. Ich frage mich: Wie ungebildet sind die Schreiber und Laberer eigentlich, die diesen Unsinn verbreiten? Wenn ich mich recht erinnere, geht es den Judenhassern heute ebensowenig um theologische Dinge wie den Nazis früher. Schon Hitler und seinen Konsorten ging es nicht um Glaubensdinge, sondern um »die Vernichtung der jüdischen Rasse«.

Also hört auf, von was anderem zu reden als »Rasse«, und Rassenhaß, wenn es um Antisemitismus geht, nur weil das Wort »Rasse« nicht mehr in euren weichgespülten Sprachgebrauch paßt.

Spiegel online

Utopie als Heilserwartung

Wenn die chiliastischen Vorstellungen, die allen religiösen Fata Morganen zugrunde liegen, säkularisiert werden, entsteht als weltliche Variante die politische Utopie. Beide speisen sich aus eschatologischen Auffassungen von der Geschichte als Verwirklichung eines Telos.

Das führt zum Streben nach Tausendjährigen Reichen und ist das Gegenteil von Freiheit. Gesellschaftliche Utopie begreift den einzelnen lediglich als Hülle einer Entelechie und nicht als individuelles Wesen. Das ist der Grund, weshalb politische Utopie, sobald man mit ihrer Verwirklichung beginnt, rasch menschenfeindliche Züge annimmt und manchmal in Barbarei endet. Wenn der Zweck die Mittel heiligt, wird die Heilserwartung zum Unheil.

Weit entfernt davon, den Begriff der Utopie ungebrochen positiv zu sehen, aber durchaus kein Mensch ohne Phantasie, Visionen und Idealvorstellungen, möchte ich darauf hinweisen, daß auch und gerade totalitaristische Weltherrschaftsträume in utopischen Vorstellungen wurzeln, ebenso der Wahn von der technischen Beherrschung der Natur, den man abgeschwächt und modifiziert auch bei Denkern findet, die nicht ohne weiteres dem Totalitarismus zugeordnet werden können. Oder die Betonwüsten vieler Großstädte, sie sind, gewachsen aus dem Samen utopischen Bauhausdenkens, das, was von theoretischen Idealen übrigbleibt, wenn sie zu gesellschaftlicher Praxis werden.

Blickend über die Dächer von Berliner Altbauten, freue ich mich, in einem ebensolchen Gebäude zu wohnen. Es gibt jedoch sehr unterschiedliche Auffassungen über Hygiene und Lichtdurchflutung, wie über Wohnqualität ganz allgemein, und genau da ist der Kern der Verwirklichung utopischer Visionen: Bisher haben alle mir bekannten gesellschaftlichen Utopien bei ihrer Umsetzung die Neigung entwickelt, sich über unterschiedliche Auffassungen, die nicht mit denen der »Erfinder« solcher Modelle übereinstimmten, nonchalant hinwegzusetzen. Auch darüber, was tatsächlich gesellschaftlicher »Fortschritt« ist und was nicht, läßt sich trefflich streiten. Solange das Streiten noch erlaubt ist.

Es liegt mir fern, Visionäre für die mißlungene Umsetzung ihrer Visionen verantwortlich zu machen, ich möchte lediglich zu bedenken geben, ob nicht vernünftigerweise beim Visionieren bedacht werden sollte, wie Menschen seit Menschengedenken sind und daß der »neue Mensch«, den man bei vielen dieser optimistischen Visionen einfach voraussetzt, bei der Umsetzung utopischer Konzepte nicht von selbst aus der Erde wächst.

Utopische Vorstellungen einer gerechten und schönen Welt unterscheiden sich wesentlich, sind Idealvorstellungen unterschiedlicher Individuen, und die Utopie des Spießbürgers ist eine ganz andere als die des Ästheten, und beide wenden sich vielleicht mit Grausen ab, wenn sie mit der gesellschaftlichen Utopie eines Dritten konfrontiert werden, selbst wenn es nicht der utopische Bauernstaat von Pol Pot ist.

Der Mensch braucht Utopien, um sich darüber hinwegzutäuschen, wie er tatsächlich ist, und er braucht Utopien, die stets das Gute wollen, auch wenn sie meist das Böse schaffen, um nicht zuletzt auch seine Bosheit zu rechtfertigen, die der eigentliche Antrieb ist, der ihn in Schwung bringt und der ein Teil von jener Kraft sein soll, »die stets das Böse will und stets das Gute schafft«, wie Goethe noch hoffte.

Hat der Mensch eine Vision, so gießt er anschauliche Abbilder davon, abstrahiert diese zu Buchstaben und formt daraus eine Ideologie, deren es bedarf, um vorzutäuschen, man wolle eine Utopie verwirklichen. In Wirklichkeit strebt man nur nach Macht über die andern. Die Utopie des Esels ist eine Gesellschaft, in der ein andrer seine Lasten trägt: Utop-ia.

Heute, in einem scheinbar nachutopischen Zeitalter, da die utopischen Vorstellungen vom »Absterben des Staates« und »Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen« geräuschvoll auf der Deponie der Geschichte abgefackelt wurden, sind nur noch die Utopien der Marktes geblieben, die Träume des Kapitals. Aber auch diese utopischen Blütenträume werden mittelfristig immer weniger Menschen die Nächte erhellen und spätestens dann enden, wenn die Lebensgrundlagen in Klump gehauen sind.

Man muß schon mit Hegel an die Vernunft der Geschichte glauben, um die Unvernuft der Geschichte zu übersehen, die man durch den Glauben an die Vernunft der Geschichte erst hervorgebracht und nach Kräften gefördert hat.

Politische Utopien sind der Stoff für Menschheitsbeglücker, die die Menschheit (angeblich) in eine leuchtende, schattenlose Zukunft führen wollen – notfalls mit Gewalt. Ich bin eher bescheiden, gebe mich mit Licht und Schatten der Gegenwart zufrieden und zünde hier und da eine Kerze an.

Ein anzustrebender Zustand wäre einer, an dem keine Veranlassung mehr bestünde, utopische Vorstellungen zu entwickeln. Doch ein solcher Zustand ist – leider – Utopie.

Gewohnt peinlich

Der FDP-Abgeordnete Paul Fresdorf, Abgeordnetenhaussitzer in Berlin, hat mir mal wieder vor Augen geführt, weshalb die FDP zu Recht dort in aller Regel in der Nähe der Fünf-Prozent-Hürde herumsitzt.

In der Debatte um die Berliner Bildungspolitik meinte Herr Fresdorf: »Es wäre eine gute Möglichkeit für die große Hoffnung der Sozialdemokratie, Franziska Giffey, nach Berlin zu eilen. Da könnte sie zeigen, wie wichtig ihr ihre Heimatstadt ist.«

Mal wieder zeigt sich ein FDP-Abgeordneter wie üblich so vorlaut wie schlecht informiert. Tatsächlich ist Frau Giffey in Frankfurt (Oder) geboren, in dem kleinen Dorf Briesen aufgewachsen und hat in Fürstenwalde ihr Abitur gemacht. Per definitionem ist eine Heimatstadt aber der Ort, in dem man aufgewachsen ist. Das ist in diesem Fall nun wirklich nicht Berlin.

Ob Spandau (bei Berlin) die Heimatstadt eines Berliners sein kann, darüber läßt sich streiten. Vor allem aber streitet man in Spandau darüber, ob Berlin die Heimatstadt eines Spandauers sein kann. Dazu muß man wissen: Herr Fresdorf ist in Spandau geboren und aufgewachsen.

Die Phantasie von der „Mitte“

Wenn der Generalsekretär der CDU sich „große Sorgen um die SPD“ macht und befürchtet, daß sie sich von ihrer Wählerbasis entfernt, dann weiß man, der Wahlkampf hat begonnen. Demnächst mutiert das dann, nach dem Vorbild Trumps (linksradikale Demokraten“) wie in den USA zum Schüren von absurden Ängsten vor dem „Kommunismus“. Etwa so: „Alle Wege der SPD führen nach Pjöngjang.“ Nicht mehr wie früher nach Moskau.

„… nicht mehr in der Mitte“

Bei Anruf Mord-(Geständnis)

En gewisser Alexej Nawalny hat seinen „Mörder angerufen“. Was ganz erstaunlich ist, denn Tote können bekanntlich nicht telefonieren, und ein Mörder ist jemand, der verurteilt wurde, weil er jemanden getötet hat. Auch finde ich, es ist ein netter Zug von einem Giftmischer, dem Opfer seine Telefonnummer zukommen zu lassen. Aber wahrscheinlich war das nötig, weil der Täter bereits während der Tat ahnte, er werde bald von seinem schlechten Gewissen übermannt werden und nur wenn er dem Mordopfer gegenüber geständig wäre … Von früher kenne ich derlei Dinge unter dem Namen „Räuberpistolen“, und so was las man in Groschenheften oder in der „BILD-Zeitung“.

Süddeutsche Zeitung

Telepolis

Unter dem Mäntelchen der Verschwörungstheorie

Hat sich schon mal einer ernsthaft gefragt, welcher Sprachakrobat auf die glorreiche Idee gekommen ist, abstruses Verschwörungsgefasel, abseitige Hypothesen und manifeste Paranoia mit dem Wort »Theorie« zum Kompositum Verschwörungstheorie zu veredeln?

Sollten wir solche »Theorien« deshalb unter die Gesellschaftstheorien einordnen oder eher unter Psychophantasien? Wie auch immer, ich denke mit Wissenschaft oder ernsthafter Weltanschauung hat das alles nichts zu tun; derartige »Theorien« sind eher Ausdruck von metaphysischen Bedürfnissen wahrnehmungsmäßig überforderter Menschen, eine Art Katechismus für Freireligiöse.

Und natürlich sind diese geraunten Scheinzusammenhänge politische Waffen für Leute mit bösen Absichten. Zum Beispiel der, eine Verschwörung anzuzetteln. Wo keimen die eigenen Verschwörungswünsche besser als im Humus von sogenannten Verschwörungstheorien?

Präsident Zahl

Interview des amerikanischen Präsidenten bei Fox News. Trump sagt, er selbst habe einen Test der geistigen Leistungsfähigkeit gemacht und großartig abgeschnitten. Biden solle das auch tun, doch er würde durchfallen, behauptete Trump. Auch hier, wie an anderer Stelle gab der Interviewer Wallace Kontra. Er habe den Test auch gemacht, und dieser sei nicht besonders schwer. Zum Beispiel müsse man das Bild eines Elefanten erkennen, führte Wallace aus. Klare Falschdarstellung, beschwerte sich Trump, weil die letzten fünf Fragen enorm schwierig seien. Wallace habe sie ganz sicher nicht beantworten können. Eine davon sei: Ziehen sie sieben von hundert ab.

»93«, antwortete der Journalist.

Ein Psychologe, der diesen Test im Bereich der Demenzfrüherkennung anwendet, dazu: »Wer sich damit brüstet, diesen Test bestanden zu haben, der kann sich auch damit brüsten, am Morgen die Schuhe selbst gebunden zu haben.«

Eroberer im eigenen Land

Ganz erstaunlich, wie gerade wieder im Radio gehört von einem Herrn Röttgen, finde ich, daß die syrische Regierung einen »Eroberungskrieg« in Syrien führt mit Hilfe der von ihr eingeladenen Russen, mit dem »Strippenzieher« Putin an der Spitze. Also die Bösen der Welt unter sich. Das geht doch gar nicht, daß man das eigene Land erobern will und dann auch noch gegen die Guten, die Ableger von al-Quaida, IS und anderen Gott-ist-groß-Rufern und deren Unterstützer, die sich allesamt einen Dreck um die Zivilbevölkerung scheren, es sei denn, die Frauen wagen sich ohne Kopftücher auf die Straße. Dann gibt es Ärger.

Wenn denen was an ihren Frauen und Kindern läge, dann würden sie ihre Waffen niederlegen, und der Krieg wäre im wesentlichen vorbei. Aber dann müßten sie lernen, Hacke und Schaufel in die Hand zu nehmen. Und deren Gebrauch macht müde und nicht spektakulär Bum-bum. Nichts für sie.

Hungertücher

Wie zu hören ist, sollen nach der Bundestagswahl unentgeltlich schmucklose linnene Hungertücher an alle ausgegeben werden. Da jedoch der Etatansatz voraussichtlich nicht ausreichen wird, um der gesamten Bevölkerung solche Schmachtlappen zukommen zu lassen, werden die Bezieher hoher und höchster Einkommen gebeten, sich selbst mit diesen traditionsreichen Sakralkunstwerken zu versorgen. Die Finanzverwaltung teilte mit, daß die Anschaffung von Hungertüchern als Sonderausgabe von der Steuer abgesetzt werden kann. Dabei wird auch der Kauf kunstvoller Tücher aus edelstem Material steuermindernd Berücksichtigung finden.

Luftpost aus Israel

Nachdem Hamas-Aktivisten Israel in einer Art Kassam-Luftflaschenpost in allgemeinverständlicher Sprache über längere Zeit höflich um eine neue Diskussionsrunde zu beiderseitig interessierenden Fragen gebeten hatten, hat Israel nun kurzfristig eine Informationsveranstaltung zum Existenzrecht des jüdischen Staates abgehalten, wenngleich nicht, wie von der Hamas erhofft, auf arabisch, sondern ebenfalls in einer Sprache, die von jedem zu verstehen ist. Man mag das unhöflich finden, aber verständlich ist es allemal.

Der übliche Schwindel

Der Multimillionär Friedrich Merz warnt schon wieder: Die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie ist in Gefahr (Focus).  In der Vergangenheit war in diesem Zusammenhang stets vom Bremsen beim Sozialklimbim und von Steuererleichterungen für Besserverdienende wie Friedrich Merz die Rede. Nach der jüngsten Steuerschätzung werden bereits wieder Bilder von leeren Kassen gemalt, und das demonstrative Nach-außen-Krempeln von leeren Hosentaschen kommt bei Reichen und ihren politischen Hofnarren wieder in Mode. Kennt man alles, wiederholt sich alles. Der übliche Schwindel. Merkwürdigerweise kann man am gleichen Tag auch etwas anderes lesen: FAZ. Wahrscheinlich die letzten Zuckungen vor dem Exitus.

Labermoderne

Was Politikern oder solchen, die sich für Politiker halten, früher schon nicht möglich war, zum Beispiel, sich in der Öffentlichkeit einigermaßen verständlich und floskelarm auszudrücken, das hat sich nicht geändert, nur heißt es heute nicht mehr, etwas sei nicht möglich. Heute sagt man, es sei »nicht darstellbar«. Sind halt keine Künstler, diese Leute.

Justizirrtum?

Wirklich merkwürdig, im größten Teil der Presse, in Rundfunk und Fernsehen hören wir regelmäßig, wie auch jetzt wieder bei Daimler, von möglicher »Schummelei« oder »Unregelmäßigkeiten« großer Autokonzerne, wenn es um Abschalteinrichtungen bei Dieselfahrzeugen geht.

Irgendwann kommt es dann jedoch ebenso regelmäßig zu Ermittlungen der Justiz wegen »schweren Betrugs« bzw. Betrugs in einem besonders schweren Fall wie jetzt bei Herrn Winterkorn von VW. Lesen die Staatsanwälte keine Zeitungen, oder … oder was ist der Grund für diese sprachliche Diskrepanz? Oder sind vielleicht die Redakteure … 

Finde den Fehler.

Fremdnebel

Im »Briloner Anzeiger« von heute, 27. März 2019, konnte man Folgendes lesen:

Stichwort der Woche: Ist es die Berliner Luft?

Manchmal hat man den Eindruck, dass es in unserer Bundeshauptstadt irgendetwas gibt, was die Gehirne vernebelt und den nie ausgeträumten Traum einer deutschen Großmacht immer wieder neu aufleben lässt. Liegt es an der Berliner Luft oder sind da noch irgendwelche Altlasten im Boden, zum Beispiel über dem Bunker der Reichskanzlei? Nachdem man mit etlichen Steuermilliarden, die natürlich von den Bürgern in den Provinzen erarbeitet wurden, die ehemalige Reichshauptstadt wieder zum repräsentativen Regierungssitz ausgebaut hat, scheinen die Großmachtfantasien immer noch weiter ins Kraut zu schießen.

Seitdem sich die Stadt von „arm aber sexy“, wie es ein ehemaliger Oberbürgermeister ausdrückte, zur tatsächlich angesagten Partyhochburg entwickelt hat, die gern an das Berlin der „goldenen Zwanziger“ des vergangenen Jahrhunderts anknüpfen möchte, scheinen alle Traditionen der Bescheidenheit der alten Bundesrepublik komplett über Bord gegangen zu sein.

Gut, die Sache mit dem Großflughafen hat bisher noch nicht funktioniert, aber der Aufbau des ehemaligen Stadtschlosses, „auferstanden aus den Ruinen“ des Palasts der Republik, macht inzwischen doch große Fortschritte. Aber auch jenseits des Hauptstadtausbaus hat die „Großdeutsche Republik“ inzwischen alle Hemmungen verloren. Ein sonst eher „hanseatisch bescheidener“ Finanzminister träumt von einer deutschen Großbank mit Weltgeltung, indem er die abgehalfterte Deutsche Bank mit der Commerzbank, die noch vor einigen Jahren mit vielen Steuermilliarden gerettet wurde, fusionieren will. Für Risiken und Nebenwirkungen haftet, wie immer, der Steuerzahler.

Auch die Bundeskanzlerin, die dem „Es ist erreicht“ Schnurrbart des letzten deutschen Kaisers, mit ihrer „Es kann noch mehr erreicht werden“ Raute nacheifert, bringt jetzt ernsthaft den Bau eines eigenen deutschen Flugzeugträgers ins Gespräch. Über den militärischen Nutzen eines solchen Dinosauriers kann man natürlich streiten, unbestritten ist jedoch ein Flugzeugträger das Symbol für einen Großmachtanspruch. Mich würde aber doch mal interessieren, wie man ein solches Waffensystem mit dem reinen Verteidigungsauftrag der Bundeswehr vereinbaren kann.

Was kommt als nächstes? Der Einmarsch in Ungarn, um den unbotmäßigen Viktor Orban abzusetzen und damit den deutschen Führungsanspruch in Europa zu demonstrieren? Gott sei Dank hat unsere Verteidigungsministerin, sicher eine verkappte Pazifistin, die Bundeswehr inzwischen so kampfunfähig gemacht, dass die Ungarn in aller Ruhe Grenzzäune bauen könnten, bevor sich das einzig funktionstüchtige Feuerlöschfahrzeug der Bundeswehr aus dem Emsland in Richtung Budapest in Bewegung setzen könnte. Zwischen dem verbalen Großmachtanspruch und der tatsächlichen Schlagkraft der Truppe liegen nun mal Welten.

Vielleicht geht es mir allein so, aber ich trauere immer noch dem alten Hauptstadtprovisorium am Rhein nach. Mit Bonn war sicher „kein Staat zu machen“, dafür stand es für einen noch wirklich funktionierenden Staat. Der Geist von Beethoven, Adenauer und Schumacher war für eine vernünftige Regierungsarbeit vermutlich zuträglicher, als die Geister, die noch in der Berliner Luft rumschwirren. Vielleicht sollte man da mal die „Ghostbusters“ ranlassen.

Ihr Norbert Schnellen

 

Dazu fällt mir ein:

Lieber Norbert Schnellen,

Ihr »Stichwort der Woche« ist bisweilen eine durchaus realitätsnahe, beachtenswerte Stimme im provinziellen Gemurmel, das mir hier in Brilon in die Ohren dringt, aber mit dem Artikel »Ist es die Berliner Luft« liegen Sie so was von daneben, daß das nicht unwidersprochen bleiben darf.

Grundsätzlich ist Ihre Kritik an neu erwachenden Großmachtphantasien in Deutschland sicher berechtigt, aber was hat das mit Berlin zu tun? Um es vorwegzunehmen, derartige Phantasien, die von jeher besonders im Bierdunst von Provinzstammtischen hervorragend gedeihen, haben nichts, aber auch gar nichts mit der Berliner Luft zu tun.

Schon immer hat nicht die Berliner Luft für Gehirnvernebelung gesorgt, sondern der Zuzug von Gehirnvernebelten von auswärts hat die Luft belastet. Denken wir nur an den Österreicher aus Braunau, der in Bayern hochgepäppelt wurde und dann nach Berlin kam, um sein Unwesen zu verbreiten. Der Joseph mit der großen Klappe kam aus dem Rheinland, Himmler aus München, Göring aus Rosenheim, Heydrich aus Halle. Und so weiter und so fort. All diese großen politischen Verbrecher haben ihre Verderbtheit mitgebracht nach Berlin und die Luft der Stadt verpestet.

Was sollen denn diese unsäglichen Ressentiments wie »Steuermilliarden, die natürlich von den Bürgern in der Provinzen erarbeitet wurden«? Glauben Sie ernsthaft, die Berliner säßen überwiegend den ganzen Tag in Cafés rum und tränken Latte macchiato? Auch in Berlin wird gearbeitet wie überall. Der Lokführer muß auch dort früh aufstehen, nicht nur in der Provinz. Und die Polizisten und Feuerwehrleute auch. Nur haben sie meist etwas mehr zu tun als im ländlichen Raum.

Wenn die armen und sexy Zeiten des Regierenden Bürgermeisters (so heißt das in Berlin) Wowereit vorbei sind, dann hat das vor allem auch etwas mit dem Zuzug von Politdeppen, Großmannssüchtigen und Gewinnlern aus den (bevorzugt südlichen) Provinzen zu tun, aber nichts mit Berlin. Das von Ihnen erwähnte Stadtschloß übrigens ist weiß Gott keine Berliner Idee, sondern damit möchten sich andere schmücken. Gerade lese ich: »Freundeskreis Berliner Schloss Düsseldorf übergibt über eine halbe Million Euro …« Nur ein Beispiel.

Der »deutsche Führungsanspruch«, von dem Sie schreiben, wird unserem Land ja nicht zuletzt von anderen nahegelegt, weil das Land nun mal die wirtschaftliche Stärke hat, die andere gern hätten. Frei nach dem Motto: Hannemann, geh du voran, du hast die größten Stiefel an. Und der erwähnte »Flugzeugträger« ist weniger eine Idee in Richtung Großmachtanspruch als vielmehr Reaktion auf das US-NATO-Drängen nach mehr Rüstungsanstrengung bzw. Aufträgen für die US-Rüstungsindustrie.

Und was Bonn betrifft, da assoziiere ich Wiederbewaffnung, Notstandsgesetze, „Spiegel“-Affäre, Starfighter, Altnazis in hohen Ämtern bis ins Bundeskanzleramt.

Ick weeß ja nich, meen Lieba. Da kommt bei mir keene Trauer uff. Det sin Jeister, uff die ick jut vazichten kann.

Nebenbei: Überschrift in der gedruckten Ausgabe: »Ist es die Berliner Luft?«, online: »Ist das die Berliner Luft?« Wie gesagt: Weder noch.

 

 

Religion und Politik

Hätte man rechtzeitig dafür gesorgt, die Politik aus der Religion herauszuhalten, brauchte man heute nicht dazu aufzurufen, die Religion aus der Politik herauszuhalten. Da die Religion jahrhundertelang nichts anderes war als eine Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln, sehe ich wenig Chancen, dieses gefährliche Amalgam zu entmischen.

»Gutmensch«

Der von anderen verächtlich so genannte Gutmensch, also der, der nicht ausschließlich an sich selber denkt, ist eine Spezies, die dem gewöhnlichen Menschen ein Stachel ist, weil er ihn beständig daran erinnert, daß er in moralischer Hinsicht weniger Luft auf den Reifen hat, als er zu denken beliebt.

Bücherverbrennung 2006

Wie es scheint, sollen in Deutschland wieder Bücher verbrannt werden. Das jedenfalls muß man annehmen, wenn man die gegenwärtige Debatte und die Meinungsäußerungen im Streit um Peter Handkes politische Handlungen, Wortmeldungen und Ansichten verfolgt, ohne genauer hinter die Überschriften und Schlagworte zu schauen, die durch die Gegend geistern.

»Wir erkennen, dass Meinungsfreiheit auch im Westen nicht mehr besteht«, sagt Claus Peymann und schlägt Handke für den Nobelpreis vor.

Für Marlene Streeruwitz ist gar »das Ende der Kunst, wie wir sie kennen, das Ende der Aufklärung« gekommen.

In der »Zeit« werden politisch irrende Größen der literarischen Vergangenheit beschworen, um eine neue Auflage des Geniekultes ins Werk zu setzen.

Nun ist es aber in Wirklichkeit so, daß es nicht darum geht, Handke den Mund zu verbieten oder sein Werk madig zu machen, nein, es geht um seine politische Haltung und die damit verbundenen Handlungen.

Ich finde, daß jeder, der sich in der Öffentlichkeit äußert, mit Begleiterscheinungen wie Lob und Kritik rechnen muß, und zwar unabhängig davon, ob er die ihm eigene Intelligenz nutzt oder nicht.

Einen besonderen Geniebonus sollte es ebensowenig geben wie einen Rechtsanspruch auf dotierte Preise.

Und ich kann durchaus nichts Falsches dabei entdecken, wenn diejenigen, die solche Preise ausloben und finanzieren, ihr Mitspracherecht bei der Vergabe in Anspruch nehmen.

Immerhin hat Peter Handke nun mit großer Geste und nicht ohne Worte mit Leberwurstgeruch rechtzeitig abgewinkt. Auf jeden Fall immer noch honoriger, als wenn er den vielleicht doch noch verliehenen Preis mit noch größerer Geste abgelehnt hätte, wie weiland die obengenannte Frau Streeruwitz den Badener Kulturpreis.

There’s No Business Like Show Business.

2006