Geschichtsschreibung und retrospektive Projektion

In dem Aufsatz »Natur und Geschichte« schreibt Hannah Arendt, für das Denken der ausgehenden Antike sei es nahezu selbstverständlich gewesen, geschichtliche Abläufe als kreisförmige Bewegung wahrzunehmen.

Schon im nächsten Satz aber heißt es bei ihr: »Im Sinne der klassischen Philosophie konnte das nur heißen, daß das geschichtliche Leben, seines linearen Charakters beraubt, in die Kreisbewegung der Natur zurückgenommen war …«

Wer wurde da »beraubt«? Ist es wirklich die klassische Philosophie?
Ist es nicht tatsächlich so, daß ein heutiger Denker, dessen Vorstellungen sich an einem linearen Modell der Zeitabläufe orientieren, dieses Modell in die klassische Philosophie identifizierend hineininterpretiert und deren Weltbild damit im nachhinein subtil und meistens ungewollt verfälscht?

Solcherart retrospektive Projektion ist sehr häufig, im alltäglichen Leben, wenn wir die Vergangenheit unserer Altvorderen bewertend betrachten, wie in der wissenschaftlichen Aufarbeitung der Geschichte.

Wir können unsere Augen jedoch nicht verleihen, schon gar nicht in die Skelette der Früheren verfrachten in der irrigen Annahme, sie könnten uns dann mehr über Sehgewohnheiten vergangener Epochen erzählen, als uns überliefert ist.

Systematiker

Es geht den meisten Systematikern in ihrem Verhältnis zu ihren Systemen wie einem Mann, der ein ungeheures Schloß baut und selbst daneben in einer Scheune wohnt: sie leben nicht selber in dem ungeheuren systematischen Gebäude. Aber in geistigen Verhältnissen ist und bleibt dies ein entscheidender Einwand. Geistig verstanden, müssen die Gedanken eines Mannes das Gebäude sein, in dem er wohnt – sonst ist es verkehrt.

Sören Kierkegaard

 

Alle großen philosophischen Systematiker der Weltgeschichte wohnen inzwischen in einer kleinen rechteckigen Kiste.

Zu philosophisch

Sollte einer sich die Mühe machen und versuchen, die Verhältnisse durch differenziertes Denken sichtbar werden zu lassen und auf den Punkt zu bringen, kommt immer schnell ein Hohlkopf daher und sagt: Jetzt wollen wir mal nicht zu philosophisch werden.

Konstanten der Wahrnehmung

Wir erfahren die Welt nicht nur gemäß unseren Erfahrungen und Glaubenssätzen, sondern vor allem und in erster Linie gemäß unseren angeborenen Wahrnehmungskonstanten.

Raum und Zeit sind nicht real im materiellen Sinn, sondern Ausdruck unserer apriorischen Bewußtseinsstrukturen.

Niemand hat in dieser Hinsicht eine Wahl.

Wählen können wir lediglich bei der Bewertung des Ganzen: Unsere Erfahrungen, Religion und Philosophie sind Folge unserer Sinneseindrücke und gedanklichen Ableitungen, nicht etwa umgekehrt. Sosehr wir uns das auch wünschen mögen.

Was wir ändern können, sind lediglich Bewußtseinszustände, Fokussierungen und Perspektiven. Die Grundmuster unserer Wahrnehmung, das eigentliche Bewußtsein können wir nicht ändern, es ist gewissermaßen ins Sein eingewachsen.

All unser Denken und Handeln ist Ausdruck unserer Sinneswahrnehmung, und wir können uns mit Hilfe der Phantasie unendlich viel zurechtmachen, aber eine Welt jenseits von Zeit und Raum können wir uns nicht vorstellen. Und dabei sind Zeit und Raum nichts anderes als unsere angeborene Vorstellung von der Realität. Sie kommen nicht den Dingen selbst zu.

Was wirklich „ist“, können wir nicht wahrnehmen, wir bleiben immer im Netz unserer selbstgeschaffenen Vorstellungen, Erscheinungen hängen. Bestenfalls können wir spekulieren, welche böse Spinne dieses Netz gewebt hat und ob und, wenn ja, warum sie uns darin fangen will.

Esoterische Ganzheitlichkeit

»… So ist der Körper – ein Vehikel. Aber etwas Tieferes als der Körper ist da, etwas Höheres als der Körper ist vorhanden – etwas von der Totalität. Ein Fenster hat sich in die Ganzheit geöffnet.«

Als ich vor 40 Jahren in der Pubertät Plotin las mit seinen platonischen Vorstellungen vom Körper als Kerker der Seele, konnte ich das damals mühelos nachvollziehen und dem vehement beipflichten, stand ich doch mit meinem eigenen Körper wie die meisten Pubertierenden auf Kriegsfuß. Heute aber habe ich eine ganzheitliche Betrachtungsweise, und ich sehe den Körper eher als Verkörperung meiner und seiner selbst. Und wenn etwas klirrt und rattert, dann klirrt und rattert es bei mir selbst. Das auf jemand anderen zu schieben ist so einfach wie unoriginell. Und ein Beitrag zur Theorie der Schizophrenie. Wer das lebendige Seiende in Körper und Seele aufspaltet, ist von einer ganzheitlichen Betrachtungsweise weit entfernt. Merkwürdig nur, daß die meisten der lauthals Ganzheitlichen dies nicht bemerken. Sie reden von Ganzheitlichkeit und verachten doch ihren Körper.

Und wer ganz genau hinschaut, der vermißt bei dieser Art esoterischer Ganzheitlichkeit noch eines, was zur wirklichen Ganzheitlichkeit unbedingt dazugehört: den Geist.

Taoismus

Der alte Taoismus ist zumindest in großen Teilen keine geignete Philosophie für junge Leute, sondern eher für unrüstige alte und rüstige, aber antriebsschwache junge Rentner, und deshalb besteht immer die Gefahr, daß er zur Rechtfertigungsideologie einer gerontokratisch organisierten und geprägten Gesellschaft wird.

Heidegger und die Sprache

»Was sich uns entzieht, zieht uns dabei gerade mit, ob wir es sogleich und überhaupt merken oder nicht. Wenn wir in den Zug des Entziehens gelangen, sind wir – nur ganz anders als die Zugvögel – auf dem Zug zu dem, was uns anzieht, indem es sich entzieht … «

Wenn man intuitiv kreisend die ontologische Differenz soseiend in ihrer Daßheit reproduzieren will, wie Heidegger das manchmal tut, dann kommen solcherart Sätze herausgesprudelt, vielmehr, sie werden herausgezogen. Das Erstaunliche ist nur, daß dabei nicht die Knöpfe von der Trachtenjacke abgesprungen sind, so daß Heidegger hätte hinterherrobben müssen, um die Knöpfe daran zu hindern, sich seiner Joppe dauerhaft zu entziehen, und jene wieder in seinen Besitz zu bringen.

Arthur Schopenhauer

So ernst die Lehre des letzten großen Systematikers der Philosophie auch ist, bei der Lektüre keines anderen Philosophen habe ich so sehr und so häufig gelacht wie bei ihm, aber nicht wie bei manchem anderen über unerklärliche Widersprüche, falsche Schlußfolgerungen und Mißdeutungen oder Irrtümer.

Was mich bei Schopenhauer zum Lachen bringt – und deshalb lese ich seine Schriften lieber als die jedes anderen Welterklärers –, was mich bisweilen vor Freude brüllen läßt, das ist sein impertinenter Witz, der grollige Humor eines gesunden, aufgeklärten Griesgrams, der beim Sprechen die Hand vor die Augen hält, damit man das Augenzwinkern nicht sieht.

Für mich ist das Werk dieses lebenssprühenden Lebensverneiners das mit Abstand Beste, was die deutsche Philosophie hervorgebracht hat, und nur beim Lesen der Schriften des kränklichen Lebensbejahers Nietzsche, Schopenhauers invertiertem Zwillingsenkel, vermag ich ähnlichen ästhetischen Genuß zu empfinden, aber dort wegen der großartigen Sprache, in die er alles kleidet, tiefste Einsichten wie auch größte Irrtümer.