Moralische Fragen

Neulich las ich, »Arbeitssuchenden dürften keine Angebote aus dem Erotikbereich vorgelegt werden«. Nun frage ich mich: Dürfen Vegetariern oder feinfühligen Menschen Jobangebote aus dem Schlachthofbereich gemacht werden?

Vermutlich ohne weiteres.

Der Fall Grass

Obgleich ich ihn als Schriftsteller schätze, habe ich Günter Grass als Persönlichkeit nie sonderlich gemocht. Eher möchte ich von einer persönlichen Abneigung sprechen, nicht zuletzt auch wegen der walrössischen Oberlippenbehaarung.

Und als moralische Instanz? Das müssen andere beurteilen, die an moralische Instanzen glauben, als wüßten sie nichts von der tief eingeschriebenen Amoralität und Zerrissenheit eines jeden Menschen. Als könnte nicht jeder im besten Falle sich selbst die einzige moralische Instanz sein.

Insofern halte ich das Getue vieler Intellektueller, allen voran Rolf Hochhuth, das zur moralischen Diskreditierung von Grass führen soll, für eine Aktion von Neidern und Mißgünstigen, die alte Rechnungen zu begleichen haben und nur wieder eine Gelegenheit sehen, um auf sich selbst aufmerksam zu machen.

Einen dummen Jungen zum »SS-Mann« hochzustilisieren, das zeugt nicht gerade von Einsicht in die damaligen Verhältnisse und noch weniger von psychologischem Verstand. Da hat wohl so mancher seine eigene Adoleszenzperiode mit all ihren Merkwürdigkeiten vergessen oder verdrängt.

Das ganze Gerede ist ebenso lächerlich und überflüssig wie der Schnurrbart von Grass. Vielleicht sollte Grass sich von seinem Unternasenpelz trennen, damit dann in jeder Hinsicht gesagt werden kann: Der Bart ist ab.

Aber der Grass hängt an seinem Bart. Und das ist das einzige, was ich ihm vorwerfe.

Viele werden sich demnächst mit mannigfaltigen Nomen-est-omen-Spielereien vergnügen. Doch dafür, daß einer Grass heißt, kann er noch weniger als für die Tatsache, daß er als Jüngelchen Mitglied der SS war.

Auf jeden Fall ist es stets besser, man nimmt sich den Bart ab, bevor’s ein andrer tut.

2006

Über die Illusionen der Desillusionierer und das Sein des Seienden

Wenn Seiendes in der Illusion des Andersseins lebt, ändert das nichts an seinem Sein. Sein Sein kann nicht als Nichts-Sein bezeichnet werden. Es gibt auch keine Auflösung von Sein, sondern lediglich eine Metamorphose der Wahrnehmung. Das Sein bleibt unberührt. Der Mensch kommt zu der Erkenntnis, daß er als Essenz zu jeder Zeit existierte, daß er jetzt existiert und daß er immer existieren wird. Das Ganze existiert in seinen Teilen. Wie man das Ganze bezeichnet, ist Geschmackssache und völlig unerheblich. Die Bezeichnung ist niemals identisch mit dem Bezeichneten.

Die Vielfalt von Schlafmützigkeit und Wachheit spiegelt die Vielfalt wider, die in der Einheit steckt, und sowenig die Schlafmützigkeit das Universum in irgendeiner Weise berührt und verändert, sowenig tut dies die Wachheit. Kein Mensch bereichert das Universum, und keiner macht es wacher. Das Universum ist einfach, wie es ist. Alles andere ist bewertende Interpretation ohne Grundlage.

Wenn gesagt wird, das Ganze existiere, nicht die Teile, wie sollte dann ein „Teil des Universums träge, abgestumpft und tot“ sein? Es gibt doch gar keinen „Teil“. Und deshalb kann auch nichts erblühen, was nicht durch sich selber blüht.

Und was ist denn abgestumpft und was blühend? Es ist doch nichts weiter als beschränkte menschliche Moralduselei, wenn das Sein mit solchen wertenden Adjektiven belegt wird. Dem Universum ist eine Moralität eigen, so es denn überhaupt eine hat, die nichts mit der menschlichen gemein hat.

Warum sollte sich das Universum um die Wunschvorstellungen von irgendwelchen moralisierenden Menschen kümmern? Wenn wir Moralvorstellungen entwickeln und nach ihnen leben, dann sollte das geschehen, um uns und anderen dieses Leben leichter zu machen, aber nicht um einem wie auch immer gearteten Gott zu gefallen oder das Universum zu verbessern.