»Gutmensch«

Der von anderen verächtlich so genannte Gutmensch, also der, der nicht ausschließlich an sich selber denkt, ist eine Spezies, die dem gewöhnlichen Menschen ein Stachel ist, weil er ihn beständig daran erinnert, daß er in moralischer Hinsicht weniger Luft auf den Reifen hat, als er zu denken beliebt.

Asketen

Asketen sind Menschen, die dafür belohnt werden wollen, daß sie sich selbst für ihren Mangel an Moralität bestrafen. Als wäre Asketentum mehr als eine rigide Form der Sublimierung von adulten inneren Greifreflexen, die sich nicht wie der frühkindliche von selbst verlieren. 

Wie wär’s mit Ehrlichkeit?

Wieder und wieder wird Günter Grass die gleiche Frage gestellt, und inzwischen kann er sie nicht mehr hören. Jetzt ist er auf Lesereise in den USA, und natürlich will man auch dort wissen, warum er so lange gewartet hat mit seinem Coming-out. Und wieder fällt ihm nichts Besseres ein als die einstudierten, wenig überzeugenden Ausflüchte statt entwaffnender Ehrlichkeit.Grass charakterisiert die insistierende Fragerei inzwischen larmoyant als »Lust am Niedermachen«, ohne sich darüber klarzuwerden, daß es an ihm selbst liegt, alle Fragerei dadurch zu beenden, daß er endlich eine ehrliche Antwort gibt.

2007

 

 

Demimonde

Nur zu gern griff die blasierte und triebreduzierte Oberschicht der moralisierenden städtischen Anstandszivilisation in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts Dumas‘ Begriff »Demimonde«, Halbwelt, aus dem Roman »Kameliendame« auf, um die lebenspralle, abenteuerliche Parallelwelt zu entwerten, die so ganz andere Vorstellungen von Sitte und Moral hatte – und vor allem lebte – als sie selbst.

Die Bezeichnung »Halbwelt« hat sich bis heute gehalten, ebenso wie ihre pejorative Konnotation, und sobald in der geschrumpften Ganzwelt der anständigen, wenn auch sexualmoralisch verknöcherten Kulturbeauftragten und feministischen Oberlehrerinnen die Rede auf die »Halbwelt« kommt, gehen sichtbar überall die roten Lichter an, und die Beteiligten verschwinden nach kurzer Zeit in Richtung Toilette, Verzeihung: Waschraum, und waschen sich den Mund aus.

Nur den einen oder anderen Professor Unrat halten vielgestaltigere Erfahrungen auf seinem Platz, denn er ist sich immer noch nicht sicher, welche der beiden Halbwelten die richtige für ihn ist oder ob es nicht wünschenswert sein könnte, beide Halbwelten auf neue und kreative Weise miteinander zu verbinden.

Der Prozeß der Erinnerung

»Die Erinnerung ist ein unzuverlässiges Instrument«, sagt Günter Grass. »Deswegen ist die Erinnerungsarbeit ein Prozess, die (sic!) immer aufs Neue geprüft werden muss.«

Nun wurde ja genügend darüber geschrieben, daß die Grass’sche Erinnerungsarbeit besonders schleppend, geradezu schneckenhaft vor sich geht, jedenfalls dann, wenn es sich um Verstrickungen der eigenen Person handelt. Bei Verfehlungen anderer dagegen hat Grass in aller Regel traditionell weniger Hemmungen gehabt, die Moralkeule unter dem Schreibtisch vorzuholen. Aber so sind wir Menschen nun einmal: Man denke an die Sache mit dem Splitter und dem Balken aus der Bergpredigt.

Was aber muß immer wieder geprüft werden? Geprüft werden muß die eigene Erinnerung, und das ist ein immerwährender Prozeß mit hoffentlich vielen Revisionen und Wiederaufnahmeverfahren, bei dem wir zugleich Ankläger und Verteidiger sein sollten. Wer der Richter ist, wissen wir nicht so genau, aber wahrscheinlich sind auch der wir selbst: unheilige Trinität.

Und wenn der Richter ein guter Richter ist, dann wird er zu keiner Zeit abschließend urteilen, sondern uns Gelegenheit zur Bewährung geben und nie das Wort sprechen: »Eine Revision ist nicht möglich.«

Eines aber sollten wir bei dem Verfahren auf keinen Fall: Wir sollten unsere Wahrheitsfindung nicht an den Zuschauern im Gerichtssaal und den Gerichtsreportern orientieren, die bei genauerer Betrachtung allesamt eine überraschende Ähnlichkeit mit uns selbst haben.

Moralische Fragen

Neulich las ich, »Arbeitssuchenden dürften keine Angebote aus dem Erotikbereich vorgelegt werden«. Nun frage ich mich: Dürfen Vegetariern oder feinfühligen Menschen Jobangebote aus dem Schlachthofbereich gemacht werden?

Vermutlich ohne weiteres.

Der Fall Grass

Obgleich ich ihn als Schriftsteller schätze, habe ich Günter Grass als Persönlichkeit nie sonderlich gemocht. Eher möchte ich von einer persönlichen Abneigung sprechen, nicht zuletzt auch wegen der walrössischen Oberlippenbehaarung.

Und als moralische Instanz? Das müssen andere beurteilen, die an moralische Instanzen glauben, als wüßten sie nichts von der tief eingeschriebenen Amoralität und Zerrissenheit eines jeden Menschen. Als könnte nicht jeder im besten Falle sich selbst die einzige moralische Instanz sein.

Insofern halte ich das Getue vieler Intellektueller, allen voran Rolf Hochhuth, das zur moralischen Diskreditierung von Grass führen soll, für eine Aktion von Neidern und Mißgünstigen, die alte Rechnungen zu begleichen haben und nur wieder eine Gelegenheit sehen, um auf sich selbst aufmerksam zu machen.

Einen dummen Jungen zum »SS-Mann« hochzustilisieren, das zeugt nicht gerade von Einsicht in die damaligen Verhältnisse und noch weniger von psychologischem Verstand. Da hat wohl so mancher seine eigene Adoleszenzperiode mit all ihren Merkwürdigkeiten vergessen oder verdrängt.

Das ganze Gerede ist ebenso lächerlich und überflüssig wie der Schnurrbart von Grass. Vielleicht sollte Grass sich von seinem Unternasenpelz trennen, damit dann in jeder Hinsicht gesagt werden kann: Der Bart ist ab.

Aber der Grass hängt an seinem Bart. Und das ist das einzige, was ich ihm vorwerfe.

Viele werden sich demnächst mit mannigfaltigen Nomen-est-omen-Spielereien vergnügen. Doch dafür, daß einer Grass heißt, kann er noch weniger als für die Tatsache, daß er als Jüngelchen Mitglied der SS war.

Auf jeden Fall ist es stets besser, man nimmt sich den Bart ab, bevor’s ein andrer tut.

2006