Die christliche Moral

Die christliche Moral
hat die Menschen gezähmt

ist kreuzgefahren

hat die Heiden entwolft

hat Hexen und Ketzer gerettet
vor dem Feuer
Indianer geschützt
den Dreißigjährigen Krieg verhütet
die Armen den Reichen
aus dem Rachen gezogen

den Ersten Weltkrieg unterbunden
den Zweiten Weltkrieg verhindert

Dank der christlichen Moral
kein Auschwitz und Hiroshima
der Mensch dem Menschen
kein Wolf

Was wären wir
ohne die christliche Moral?

Laster

Der Jahresbeginn ist die Hochzeit der (zumindest vorübergehenden) Lasterbekämpfung. All die guten Vorsätze wollen in die Tat umgesetzt werden. Weshalb aber bekämpft jemand seine Laster? Nun, die Antwort ist einfach: damit er mehr Zeit und moralische Rechtfertigung gewinnt, sich über die Laster der anderen zu echauffieren. Wenn es auch nur selten gelingt, den eignen guten Vorsätzen gerecht zu werden, die Aufregung über die moralische Fehlbarkeit der anderen wird durch diese Mißerfolge eher zunehmen und sich im Laufe der Jahre so verdichten, daß ein neues Laster entsteht: das Laster der Intoleranz. Ja, der Vorrat an Duldsamkeit ist begrenzt, und die meisten Menschen benötigen zunehmend so viel Indulgenz für sich selbst, daß für andere immer weniger übrigbleibt. Die Positition des gütigen Beichtigers ist so verwaist, wie das Wort »Beichtiger« veraltet ist.

Über Benns »Ptolemäer«

Das Leben – dies Speibecken, in das alles spuckte, die Kühe und die Würmer und die Huren –, das Leben, das sie alle fraßen mit Haut und Haar, seine letzte Blödheit, seine niedrigste physiologische Fassung als Verdauung, als Sperma, als Reflexe – und das nun noch mit ewigen  Zwecken garniert …

 

Das ist die Reduktion des Lebens auf das, was übrigbleibt, wenn man die Diskrepanz zwischen dem tatsächlichem Sein in den Trümmern der Ideologeme und dem idealistischen Denken betrachtet, wenn man sieht, was sich trotz des Kanons der moralischen Werte ereignet hat: Völkerabschlachten. Man mußte 1947 die moralischen Werte nicht mehr in den Mülleimer werfen, denn sie lagen längst darin, und auch wenn sie wieder herausquellen, so sind sie doch auf alle Zeit fragwürdig geworden. Oder richtiger noch: Ihre Fragwürdigkeit trat allen Sehenden vor Augen, aber sie hatten nicht mehr die Kraft, diese zu reiben. Noch Raskolnikow hatte unter seiner Tat gelitten, aber nun war das »moralische Fluidum«, wie Benn das nennt, zur Ruhe gekommen.

Was bleibt für Benn, ist individualistische Ästhetisierung in der Nachfolge Spenglers und vor allem Nietzsches. Benn nennt das prismatischen Infantilismus, Kinderspiele auf Erwachsenenniveau. Auch der Schöpfer, so vermutet Benn, hat nicht mehr vor mit den Menschen als »seine übliche Spielerei«, und das Gerede von der Menschheit ist nichts als Propaganda ohne jede teleologische Relevanz.  

Dem Irrationalen im Sein ist mit dem Denken nicht beizukommen, deshalb wird das Denken nur noch als eine Art mechanischer Zwang wahrgenommen, und es bietet sich für den einzelnen als Aufgabe (in seiner doppelten Bedeutung) der Ausweg, der keiner ist: sich abzufinden und mit Seeblick zu privatisieren. Und das Spiel der Kunst. Soweit Benns verbittertes Resümee.

Zynismus? Oder Wahrheit? Als wären diese Begriffe antonymisch. Was ist Zynismus? Die Antwort auf diese Frage hängt von der subjektiven Interpretation des Fragenden ab, von seiner Definition, die wiederum abhängig ist davon, wie er Wahrheit definiert. Dem Wahrheitsbesitzer ist jede spöttische Abweichung von seiner Wahrheit Zynismus. Erst recht die kritische Dekonstruktion seiner Wahrheitsbasis. In diesem Fall ist man versucht zu sagen, Benn spricht die Wahrheit auf zynische Art und Weise aus. Aber in Wirklichkeit ist es nur bitterer Sarkasmus, den wir hier sehen. Und Benns Wahrheit ist nur seine Wahrheit, so wie meine meine ist und deine deine; denn die alleinseligmachende Wahrheit propagieren nur Lügner, Gläubige und Verblendete.

Wahrheit ist stets perspektivisch, und nur einer könnte all diese verschiedenen Perspektiven zu einem Ganzen zusammenfassen. Das wäre dann die Wahrheit der Wahrheiten. Wir können das nicht, denn wir sind nur kleine Göttchen oder wären nur winzige Schnipsel vom großen Gott, wenn es ihn gäbe. Aber ob es ihn gibt, das wissen wir nicht.

Schamgefühl

Es gibt kaum ein Gefühl, das überflüssiger ist als Scham. Selbstkritische Nachdenklichkeit ist weitaus besser und angemessener. Und läßt sich von andern nicht so leicht für deren eigene Zwecke der Machtentfaltung instrumentalisieren. Scham ist ein vorzügliches Mittel der Kontrolle des einzelnen durch die Gruppe, in der er sich bewegt. Wer sich schämt, räumt damit andern das Recht ein, sich selbst auf eine höhere moralische Stufe zu stellen. Schämt man sich – und sei es seiner Scham darüber, daß man sich zu schämen gezwungen sieht –, sollte dies zu möglicherweise schamüberwindender Nachdenklichkeit führen.

Denn wie die meisten andern Gefühle, ist auch das Schamgefühl durch Denken zu beeinflussen, ist Scham doch kein naturgegebenes Gefühl, sondern nichts anderes als Widerspiegelung konventionalisierter gesellschaftlicher Erwartungen. Stellt man diese durch Entwicklung von Selbstbewußtsein in Frage, relativiert sich die Meinung über die Notwendigkeit, fremden gesellschaftlich-moralischen Schamerwartungen gerecht zu werden und diese zufriedenzustellen. In der Folge wird sich das reflexartige Schamgefühl mehr und mehr verlieren, je intensiver man sich klarmacht, daß die Schamerwartung anderer nichts weiter repräsentiert als deren überwiegend unreflektierte, relative Wertvorstellungen, die unüberlegt zu teilen nur dann notwendig ist, wenn man sich außerstande sieht, eigene Wertmaßstäbe zu entwickeln, und die bewußtseinsmäßige Bequemlichkeit vorzieht, sich mit tradierten fremden Normen und Wertvorstellungen zu identifizieren.

Mit der Scham ist es ähnlich wie mit manchen Krankheiten: Sie geben uns eine Möglichkeit zur Flucht, und sie dienen manchmal dazu, Vermeidungshaltungen in unserer Entwicklung zu rechtfertigen. Wenn die Scham nicht in irgendeiner Weise Lustgewinn bedeutete, würde sie nur eine sehr untergeordnete Rolle spielen – oder gar keine.

Tirade 25 000 – Ganz ohne Corona

Tägliches Sterben
fünfundzwanzigtausend
es berührt uns
kümmert uns nicht
unter unsern Masken
desinfizierten Gehirnen
täglich hungern
nein verhungern
Menschen wie wir
fast zehn Millionen
Jahr für Jahr
während wir
fleißig kauen
darauf achtend
daß dabei
der Mundschutz nicht
verrutscht

Wandrers Neid

Wenn der Neid an ihnen nagt, entdecken die Menschen gern ihre ansonsten verborgene moralische Ader. So wird der Wanderer auf Schlappen geneigt sein, dem mit dem festen Schuhwerk vorzuwerfen, er zertrete mit seinen Füßen unnötig viele von den zarten Blumen und sein fester Tritt schade den Wurzeln des Weges über Gebühr.