Mord ist Mord

Viele Deutsche tun sich schwer mit ihrem Erbe. Und manche nehmen jede sich bietende Gelegenheit wahr, um die historische Schuld kleinzureden. So auch jetzt wieder anläßlich der Littell-Debatte. Da hört man etwa Mord sei Mord, und deshalb könne es keine Relativierung solcher Taten geben. Doch gerade eine solche Aussage relativiert, indem sie versucht, Ungleiches in einen Topf zu werfen.

Das »Mord gleich Mord« ist das Relativierungsargument? Wäre Mord tatsächlich gleich Mord, dann machte solch ein gerichtliches Instrument wie die »Feststellung der Schwere der Schuld« keinen Sinn. Bei der Relativierung geht es doch gerade darum, daß auch »die anderen« gemordet haben oder morden. Dieser Hinweis dient dazu, die eigenen Verbrechen als habituelles menschliches Verhalten darzustellen und damit weniger schlimm aussehen zu lassen und von der besonderen Schwere der eigenen Schuld abzulenken. 

Aber es ist nun mal ein Unterschied zwischen den Verantwortlichen und den Ausführenden eines Systems ausgeklügelter Fließbandmorde und mehr oder weniger affektiven Mördern. Die besondere Schwere der deutschen Schuld läßt sich nicht wegdiskutieren. Man sollte das gar nicht erst versuchen.

Zeigefinger

Das Wichtigste beim Schreiben ist die Länge des Zeigefingers. Jeder ist gut beraten, sich mit den gesellschaftlichen Kodizes vertraut zu machen und notfalls chirurgisch tätig zu werden, denn: Ist der Zeigefinger zu lang, läuft man Gefahr, als Moralapostel belächelt zu werden, ist er jedoch zu kurz, oder zeigt man gar nur schelmisch mit dem Daumen, folgt mit großer Sicherheit der Vorwurf moralischer Indifferenz. Aufs Deuten darf selbst bei größter Eindeutigkeit niemand ganz verzichten, will er sich nicht dem Vorwurf aussetzen, ein moralischer Relativierer oder Schlimmeres zu sein.

»Gutmensch«

Der von anderen verächtlich so genannte Gutmensch, also der, der nicht ausschließlich an sich selber denkt, ist eine Spezies, die dem gewöhnlichen Menschen ein Stachel ist, weil er ihn beständig daran erinnert, daß er in moralischer Hinsicht weniger Luft auf den Reifen hat, als er zu denken beliebt.

Asketen

Asketen sind Menschen, die dafür belohnt werden wollen, daß sie sich selbst für ihren Mangel an Moralität bestrafen. Als wäre Asketentum mehr als eine rigide Form der Sublimierung von adulten inneren Greifreflexen, die sich nicht wie der frühkindliche von selbst verlieren. 

Wie wär’s mit Ehrlichkeit?

Wieder und wieder wird Günter Grass die gleiche Frage gestellt, und inzwischen kann er sie nicht mehr hören. Jetzt ist er auf Lesereise in den USA, und natürlich will man auch dort wissen, warum er so lange gewartet hat mit seinem Coming-out. Und wieder fällt ihm nichts Besseres ein als die einstudierten, wenig überzeugenden Ausflüchte statt entwaffnender Ehrlichkeit.Grass charakterisiert die insistierende Fragerei inzwischen larmoyant als »Lust am Niedermachen«, ohne sich darüber klarzuwerden, daß es an ihm selbst liegt, alle Fragerei dadurch zu beenden, daß er endlich eine ehrliche Antwort gibt.

2007

 

 

Demimonde

Nur zu gern griff die blasierte und triebreduzierte Oberschicht der moralisierenden städtischen Anstandszivilisation in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts Dumas‘ Begriff »Demimonde«, Halbwelt, aus dem Roman »Kameliendame« auf, um die lebenspralle, abenteuerliche Parallelwelt zu entwerten, die so ganz andere Vorstellungen von Sitte und Moral hatte – und vor allem lebte – als sie selbst.

Die Bezeichnung »Halbwelt« hat sich bis heute gehalten, ebenso wie ihre pejorative Konnotation, und sobald in der geschrumpften Ganzwelt der anständigen, wenn auch sexualmoralisch verknöcherten Kulturbeauftragten und feministischen Oberlehrerinnen die Rede auf die »Halbwelt« kommt, gehen sichtbar überall die roten Lichter an, und die Beteiligten verschwinden nach kurzer Zeit in Richtung Toilette, Verzeihung: Waschraum, und waschen sich den Mund aus.

Nur den einen oder anderen Professor Unrat halten vielgestaltigere Erfahrungen auf seinem Platz, denn er ist sich immer noch nicht sicher, welche der beiden Halbwelten die richtige für ihn ist oder ob es nicht wünschenswert sein könnte, beide Halbwelten auf neue und kreative Weise miteinander zu verbinden.

Der Prozeß der Erinnerung

»Die Erinnerung ist ein unzuverlässiges Instrument«, sagt Günter Grass. »Deswegen ist die Erinnerungsarbeit ein Prozess, die (sic!) immer aufs Neue geprüft werden muss.«

Nun wurde ja genügend darüber geschrieben, daß die Grass’sche Erinnerungsarbeit besonders schleppend, geradezu schneckenhaft vor sich geht, jedenfalls dann, wenn es sich um Verstrickungen der eigenen Person handelt. Bei Verfehlungen anderer dagegen hat Grass in aller Regel traditionell weniger Hemmungen gehabt, die Moralkeule unter dem Schreibtisch vorzuholen. Aber so sind wir Menschen nun einmal: Man denke an die Sache mit dem Splitter und dem Balken aus der Bergpredigt.

Was aber muß immer wieder geprüft werden? Geprüft werden muß die eigene Erinnerung, und das ist ein immerwährender Prozeß mit hoffentlich vielen Revisionen und Wiederaufnahmeverfahren, bei dem wir zugleich Ankläger und Verteidiger sein sollten. Wer der Richter ist, wissen wir nicht so genau, aber wahrscheinlich sind auch der wir selbst: unheilige Trinität.

Und wenn der Richter ein guter Richter ist, dann wird er zu keiner Zeit abschließend urteilen, sondern uns Gelegenheit zur Bewährung geben und nie das Wort sprechen: »Eine Revision ist nicht möglich.«

Eines aber sollten wir bei dem Verfahren auf keinen Fall: Wir sollten unsere Wahrheitsfindung nicht an den Zuschauern im Gerichtssaal und den Gerichtsreportern orientieren, die bei genauerer Betrachtung allesamt eine überraschende Ähnlichkeit mit uns selbst haben.