Rechtfertigung

Menschen auf verzweifelter Sinnsuche oder solche in einer schmerzenden Sinnkrise fragen sich manchmal, wodurch das Dasein der Welt gerechtfertigt, worin es begründet sein könnte. Doch bedarf es einer Rechtfertigung, und ist Rechtfertigung tatsächlich möglich? Rechtfertigung setzt Moral voraus, jede Moral jedoch ist wegen ihrer Relativität fragwürdig, und es verbietet sich, das eine Fragwürdige auf der Grundlage eines andern Fragwürdigen zu rechtfertigen. Sinnleere kann nur dem weh tun, der an Sinn glaubt; wenn einer jedoch an Sinn glaubt, ist Sinnleere nicht existent. Paradox, mal wieder. So scheint aller Schmerz in Hinsicht auf den Sinn des Seins entbehrlich, es sei denn, man ist von der Existenz als Inkarnation des Bösen überzeugt. Doch auch in diesem Fall wäre das metaphysische Zähneklappern Folge eines moralischen Miß-Verständnisses.

Mit Kot werfen

Die Praxis der Cancel Culture wurde von Affen erfunden, die es leid waren, daß die Menschen ihnen ständig ihre Bananen wegfressen, obgleich das Verzehren von Bananen eindeutig Affensache ist und das Verhalten der Menschen eine ungebührliche kulturelle Aneignung. Da darf man als Affe auch mal seinem Unmut Luft machen und mit Kot werfen.

Tugend als Last und Laster

Bisweilen sieht man, daß ein allzu heftiges Streben nach Tugend, wenn es zur Gewohnheit, zum inneren Zwang wird, sich für den Betroffenen nicht nur zur Last wandeln kann, sondern einem Außenstehenden auch den Eindruck vermittelt, er habe es mit etwas zu tun, das dem Charakter eines Lasters nicht unähnlich zu sein scheine.

Tirade 231 –Vom Wert der Werte

Kann glauben wer mag
Wer wissen will kann wissen
vom Herzen der Finsternis

befreit vom betäubenden
Duft der Blumen des Bösen

Arte

Zurechtgedreht

Ein entfernter Bekannter war internetsüchtig, wie er mir vor kurzem bekannte, als ich ihn in einer Verfassung antraf, die dazu angetan war, ihm die ansonsten ein wenig blockierte Zunge zu lösen: Ein klein wenig durch Alkoholeinfluß beeinträchtigt, stolperte er durch die Landschaft und suchte erfolglos nach seiner Wohnung. Während ich ihn nach Hause geleitete, berichtete er, er sei sogar sexsüchtig gewesen, schlimm sei solch ein Zustand. Aufmerksame Freunde jedoch, die, mit denen er vorhin bowlen gewesen sei, hätten ihn gerettet und ihm professionelle Hilfe verschafft bei solch einem Psychofuzzi, und der hätte ihm das Hirn gekonnt zurechtgedreht: Nun sei er glücklich wie früher, schaue mit Genuß beinahe jede Serie im Fernsehen und sei auch wieder dreimal wöchentlich beim Bowlen.
Das Leben sei schön.

Die Zeit

Divina providentia

Beinahe jeder einfach gestrickte Anwärter auf den Schwachsinnigenorden, der in größeren Dimensionen zu denken versucht, als man angesichts seiner Hirnleistungsfähigkeit erwarten könnte, schwafelt bisweilen von »ganz anderen Mächten« (der Vorsehung, den höheren Mächten), die er in die Geschicke der Menschen eingreifen sieht. Das kennt man aus Hitlers »Mein Kampf« , einem Prototyp wahnhaften theologischen Vorsehungsgeschwätzes.

Daß immer wieder moralisch Empörte diese »Mächte« als Reaktion auf den »Sittenverfall« ins Gespräch bringen, wie weiland Eva Hermann nach der Katastrophe von Duisburg (»Eventuell haben hier ja auch ganz andere Mächte mit eingegriffen, um dem schamlosen Treiben endlich ein Ende zu setzen«), läßt tief blicken, tief ins schlichte Gemüt mit seinem schlichten Denken. Als wäre Gott eine Figur, die menschliche Vorurteile und Abneigungen hegte. Ich glaube eher, daß Gott auch an Sex and Drugs and Rock ’n‘ Roll seinen Spaß hat. Aber ich kann mich vielleicht täuschen.

2010

Moralapostelei

Die Hauptschwierigkeit bei der Apostrophierung anderer als »Moralapostel« – das ergibt sich aus der inneren Logik der Nachdrücklichkeit –, ist der Umstand, daß man dabei erst schleichend, doch dann immer offensichtlicher selbst zu dem wird, was man zu bekämpfen glaubt. Apostolisches Sendungsbewußtsein schafft sich selbst eine Moral, von deren Warte aus es die Moral der anderen zu entwerten versucht. Dabei wird man leicht zum Demagogen oder zum Prediger.

Gutmensch

»Gutmensch« ist ein Schmähwort des egoistischen Menschen, meistens benutzt, um weniger egoistische Menschen zu verunglimpfen. Gern laut gerufen, damit das unterdrückte eigene schlechte Gewissen, das sich bisweilen zögerlich meldet, übertönt wird. Annähernd synonym mit »Weltverbesserer«.

Säkulare Ethik

Die christlichen Morallehren haben sich als unzureichend erwiesen, die Schlachthöfe auf der Erde zu schließen und den Menschen ein verträgliches Miteinander schmackhaft zu machen, die Bergpredigt wird als Sonntagsrede betrachtet und nicht ernst genommen, und weder der Koran noch die Thora können dazu beitragen, die Quellen zu schließen, aus denen Menschenverachtung und Boshaftigkeit sprudeln wie Geysire. Ganz im Gegenteil: Fundamentalisten aller Glaubensrichtungen und Schattierungen graben die Hackebeilchen aus und wollen den Menschen ihre Moralvorstellungen notfalls mit Gewalt in die Köpfe transplantieren, und wenn die Köpfe nicht willig sind, dann werden sie eben abgeschlagen.

Was will man dem entgegensetzen? Keine Frage, wir brauchen eine säkulare humanistische Ethik, die locker über alle Fallstricke hinausschreitet und mit ihrer Schönheit und ihrer vollkommenen Gestalt ganz ohne Missionierung alle Welt beeindruckt und binnen kürzester Zeit universelle Gültigkeit erlangt, noch bevor die überall tickenden Zeitzünder abgelaufen sind. Doch woher soll eine solche Ethik kommen, wo ist das Fundament, auf dem sie sicher stünde, unangreifbar und für alle gleich gültig und von allen gleichermaßen akzeptiert? Wir selbst können uns ein eigenes Wertesystem schaffen, das nicht theonom ist, sondern seine Grundlagen in unserem Weltwissen, unseren Erfahrungen und Gefühlen hat. Dabei sind wir frei, in religiösen Vorstellungen wurzelnde Werte eklektisch in unser System zu übernehmen oder auch nicht.

Genau das tue ich. Die Frage ist nur: Weshalb sollte das jemand anderen interessieren? Wie allgemeingültig kann eine solche private Ethik sein? Und wenn wir überzeugt sein sollten, daß unsere säkulare Ethik – die sich wahrscheinlich von Fall zu Fall wenn nicht grundlegend, so doch zumindest en détail unterscheidet –, daß diese Ethik besser geeignet wäre als Überkommenes, um das Leben der Menschen zu erleichtern und Schlimmes zu verhüten, wie wollen wir das andern dann vermitteln, ohne selbst als Prediger und Missionar eines neuen Vernunftglaubens aufzutreten?

Dabei werden wir vermutlich schon genügend Probleme haben, uns selbst zu überzeugen, denn ein solides Fundament für eine universelle Ethik zu finden oder zu gießen (Stahlbeton sollte es schon sein), das ist gar nicht so leicht, wie es auf den ersten Blick erscheint.

Die christliche Moral

Die christliche Moral
hat die Menschen gezähmt

ist kreuzgefahren

hat die Heiden entwolft

hat Hexen und Ketzer gerettet
vor dem Feuer
Indianer geschützt
den Dreißigjährigen Krieg verhütet
die Armen den Reichen
aus dem Rachen gezogen

den Ersten Weltkrieg unterbunden
den Zweiten Weltkrieg verhindert

Dank der christlichen Moral
kein Auschwitz und Hiroshima
der Mensch dem Menschen
kein Wolf

Was wären wir
ohne die christliche Moral?

Laster

Der Jahresbeginn ist die Hochzeit der (zumindest vorübergehenden) Lasterbekämpfung. All die guten Vorsätze wollen in die Tat umgesetzt werden. Weshalb aber bekämpft jemand seine Laster? Nun, die Antwort ist einfach: damit er mehr Zeit und moralische Rechtfertigung gewinnt, sich über die Laster der anderen zu echauffieren. Wenn es auch nur selten gelingt, den eignen guten Vorsätzen gerecht zu werden, die Aufregung über die moralische Fehlbarkeit der anderen wird durch diese Mißerfolge eher zunehmen und sich im Laufe der Jahre so verdichten, daß ein neues Laster entsteht: das Laster der Intoleranz. Ja, der Vorrat an Duldsamkeit ist begrenzt, und die meisten Menschen benötigen zunehmend so viel Indulgenz für sich selbst, daß für andere immer weniger übrigbleibt. Die Positition des gütigen Beichtigers ist so verwaist, wie das Wort »Beichtiger« veraltet ist.

Über Benns »Ptolemäer«

Das Leben – dies Speibecken, in das alles spuckte, die Kühe und die Würmer und die Huren –, das Leben, das sie alle fraßen mit Haut und Haar, seine letzte Blödheit, seine niedrigste physiologische Fassung als Verdauung, als Sperma, als Reflexe – und das nun noch mit ewigen  Zwecken garniert …

 

Das ist die Reduktion des Lebens auf das, was übrigbleibt, wenn man die Diskrepanz zwischen dem tatsächlichem Sein in den Trümmern der Ideologeme und dem idealistischen Denken betrachtet, wenn man sieht, was sich trotz des Kanons der moralischen Werte ereignet hat: Völkerabschlachten. Man mußte 1947 die moralischen Werte nicht mehr in den Mülleimer werfen, denn sie lagen längst darin, und auch wenn sie wieder herausquellen, so sind sie doch auf alle Zeit fragwürdig geworden. Oder richtiger noch: Ihre Fragwürdigkeit trat allen Sehenden vor Augen, aber sie hatten nicht mehr die Kraft, diese zu reiben. Noch Raskolnikow hatte unter seiner Tat gelitten, aber nun war das »moralische Fluidum«, wie Benn das nennt, zur Ruhe gekommen.

Was bleibt für Benn, ist individualistische Ästhetisierung in der Nachfolge Spenglers und vor allem Nietzsches. Benn nennt das prismatischen Infantilismus, Kinderspiele auf Erwachsenenniveau. Auch der Schöpfer, so vermutet Benn, hat nicht mehr vor mit den Menschen als »seine übliche Spielerei«, und das Gerede von der Menschheit ist nichts als Propaganda ohne jede teleologische Relevanz.  

Dem Irrationalen im Sein ist mit dem Denken nicht beizukommen, deshalb wird das Denken nur noch als eine Art mechanischer Zwang wahrgenommen, und es bietet sich für den einzelnen als Aufgabe (in seiner doppelten Bedeutung) der Ausweg, der keiner ist: sich abzufinden und mit Seeblick zu privatisieren. Und das Spiel der Kunst. Soweit Benns verbittertes Resümee.

Zynismus? Oder Wahrheit? Als wären diese Begriffe antonymisch. Was ist Zynismus? Die Antwort auf diese Frage hängt von der subjektiven Interpretation des Fragenden ab, von seiner Definition, die wiederum abhängig ist davon, wie er Wahrheit definiert. Dem Wahrheitsbesitzer ist jede spöttische Abweichung von seiner Wahrheit Zynismus. Erst recht die kritische Dekonstruktion seiner Wahrheitsbasis. In diesem Fall ist man versucht zu sagen, Benn spricht die Wahrheit auf zynische Art und Weise aus. Aber in Wirklichkeit ist es nur bitterer Sarkasmus, den wir hier sehen. Und Benns Wahrheit ist nur seine Wahrheit, so wie meine meine ist und deine deine; denn die alleinseligmachende Wahrheit propagieren nur Lügner, Gläubige und Verblendete.

Wahrheit ist stets perspektivisch, und nur einer könnte all diese verschiedenen Perspektiven zu einem Ganzen zusammenfassen. Das wäre dann die Wahrheit der Wahrheiten. Wir können das nicht, denn wir sind nur kleine Göttchen oder wären nur winzige Schnipsel vom großen Gott, wenn es ihn gäbe. Aber ob es ihn gibt, das wissen wir nicht.

Schamgefühl

Es gibt kaum ein Gefühl, das überflüssiger ist als Scham. Selbstkritische Nachdenklichkeit ist weitaus besser und angemessener. Und läßt sich von andern nicht so leicht für deren eigene Zwecke der Machtentfaltung instrumentalisieren. Scham ist ein vorzügliches Mittel der Kontrolle des einzelnen durch die Gruppe, in der er sich bewegt. Wer sich schämt, räumt damit andern das Recht ein, sich selbst auf eine höhere moralische Stufe zu stellen. Schämt man sich – und sei es seiner Scham darüber, daß man sich zu schämen gezwungen sieht –, sollte dies zu möglicherweise schamüberwindender Nachdenklichkeit führen.

Denn wie die meisten andern Gefühle, ist auch das Schamgefühl durch Denken zu beeinflussen, ist Scham doch kein naturgegebenes Gefühl, sondern nichts anderes als Widerspiegelung konventionalisierter gesellschaftlicher Erwartungen. Stellt man diese durch Entwicklung von Selbstbewußtsein in Frage, relativiert sich die Meinung über die Notwendigkeit, fremden gesellschaftlich-moralischen Schamerwartungen gerecht zu werden und diese zufriedenzustellen. In der Folge wird sich das reflexartige Schamgefühl mehr und mehr verlieren, je intensiver man sich klarmacht, daß die Schamerwartung anderer nichts weiter repräsentiert als deren überwiegend unreflektierte, relative Wertvorstellungen, die unüberlegt zu teilen nur dann notwendig ist, wenn man sich außerstande sieht, eigene Wertmaßstäbe zu entwickeln, und die bewußtseinsmäßige Bequemlichkeit vorzieht, sich mit tradierten fremden Normen und Wertvorstellungen zu identifizieren.

Mit der Scham ist es ähnlich wie mit manchen Krankheiten: Sie geben uns eine Möglichkeit zur Flucht, und sie dienen manchmal dazu, Vermeidungshaltungen in unserer Entwicklung zu rechtfertigen. Wenn die Scham nicht in irgendeiner Weise Lustgewinn bedeutete, würde sie nur eine sehr untergeordnete Rolle spielen – oder gar keine.

Tirade 25 000 – Ganz ohne Corona

Tägliches Sterben
fünfundzwanzigtausend
es berührt uns
kümmert uns nicht
unter unsern Masken
desinfizierten Gehirnen
täglich hungern
nein verhungern
Menschen wie wir
fast zehn Millionen
Jahr für Jahr
während wir
fleißig kauen
darauf achtend
daß dabei
der Mundschutz nicht
verrutscht

Wandrers Neid

Wenn der Neid an ihnen nagt, entdecken die Menschen gern ihre ansonsten verborgene moralische Ader. So wird der Wanderer auf Schlappen geneigt sein, dem mit dem festen Schuhwerk vorzuwerfen, er zertrete mit seinen Füßen unnötig viele von den zarten Blumen und sein fester Tritt schade den Wurzeln des Weges über Gebühr. 

Würde

Was ist das für eine Phantasmagorie, wenn ich, eingesponnen im Netz der Sitten und Gebräuche, gesellschaftlicher Konventionen, von andern beschlossener Gesetze, vollgepumpt mit moralischen Vorurteilen der Kultur, von meiner Würde spreche, von meiner und der Würde anderer, die hauptsächlich darin besteht, den Würdenträgern aller Länder die Taschen zu füllen, Leuten, die neben der Verantwortung die Würde vor sich hertragen (und manchmal auch um den Hals), während die große Masse der Menschen für die wirklichen Lasten zuständig ist? Und damit die Leidtragenden sich nicht allzu traurig und beladen fühlen, gesteht man ihnen, zumindest auf dem Papier, auch eine Würde zu, leicht zu tragen, denn sie sind schon beschäftigt mit anderen Gewichten: Man verleiht ihnen die innere Würde. Und nicht nur diese, sondern gleich auch noch die Würde der Arbeit, sofern diese nicht gegen die guten Sitten verstößt.

Da geht die Arbeit, und sei sie noch so entfremdet, gleich besser von der Hand, wenn der Mensch sie und sich selbst als etwas Würdevolles anstaunen kann. Als wären gerade diese Begriffshalluzinationen vom »inneren Wert an sich« (mit dem an sich hatte es der Königsberger Trockentüftler), von der »Menschheit selbst als eine Würde«, wie Kant das nennt, nicht ein phantastisches Mittel, das Streben des Menschen nach persönlicher Autonomie, die doch die Grundlage jeder wirklichen Würde sein muß, auszuhebeln, dieses Streben, das einzig den Namen Würde verdiente, wäre er nicht schon so sehr in den Schmutz gezogen, daß man ihn ohne Ekel anzufassen sich getraute.

Weil aber die Menschheit selbst als eine Würde gesehen wird, wird diese nun des einzelnen Bürde, denn er hat nach Kant die Pflicht, die »Würde der Menschheit in seiner Person zu bewahren«. Diese Kantsche Autonomie ist jedoch keine tatsächliche Autonomie, sondern die Grundlage der Fähigkeit, »moralische Gesetze frei und selbstbestimmt aufstellen und befolgen zu können«. Und da wir die moralischen Gesetze bereits weitgehend fertig vorfinden – an dieser Stelle ein Dankeschön an die Kirchen und Religionsgemeinschaften –, können wir uns mit unsrer Autonomie vollständig auf die Befolgung der Gesetze konzentrieren. Wenn wir das schön artig und anständig tun und nicht vom Weg abkommen, jedenfalls nicht allzu weit, haben wir das Recht, uns, des Glanzes unserer inneren Würde sicher, ein wenig in die äußere Würdesonne zu begeben. Wir haben Würde, wie schön.

Und wie wir da so liegen auf dem Würdegrill, stellen wir mit einem Mal fest, daß um uns herum lauter kalkige Gestalten zu sehen sind, denen es offensichtlich an Würde mangelt, sei es weil sie ihnen vorenthalten wird, obgleich doch jedem Menschen diese Würde zusteht, sei es weil sie sich würdelos verhalten und damit ihre Würde zu verlieren drohen. Nun stehen wir, falls wir nicht zu sehr mit der persönlichen Würdepflege beschäftigt sind, ein wenig schläfrig zwar, aber doch entschlossen auf und sind ehrlich entrüstet. Und würdevoll, wie wir mittlerweile sind, beginnen wir zu ermahnen. Und wir tun das gerecht: Wir weisen die Unterdrücker der Würde auf den Umstand hin, daß niemand die Akzeptanz seiner Würde vorenthalten, niemandem die Würde abgesprochen werden dürfe, da er sie von Anfang an besitze und nicht verlieren könne, es also sinnlos sei, sie ihm nehmen oder vorenthalten zu wollen – und die Würdelosen ermahnen wir, ihrer Würde gerecht zu werden wie wir selbst, wobei wir freilich vergessen zu sagen, daß sie, ganz gleich wie würdelos sie sich auch immer verhalten mögen, nach unserer Würdedefinition ihrer Würde unter allen Umständen sicher sein können.

Wie man sehen kann, ist der Begriff »Würde« für mich nicht wie für viele andere ein Analgetikum, sondern ein Emetikum. Und ein Absurdikum sowieso.