Von Menschen und Mäusen

»Es gibt sehr wenige Menschen in der Welt.« Das schrieb einer, der sich für einen »erwachten« Menschen hält. Eine Leuchte, die anderen, lebend »in dunklen Löchern«, den Weg zum ewigen Licht weisen will und Tag für Tag mit wortreichem Pathos, das sich in die grandiosesten Verzückungen steigert, über die Notwendigkeit des Schweigens parliert.

Er befindet: »Es gibt sehr wenige Menschen in der Welt.« Was sagt das? Das heißt nichts anderes, als daß der, der solches schreibt, der Mehrheit, der übergroßen Mehrheit, das Recht abspricht, sich als Menschen zu bezeichnen. Sie sind minderwertig. Nur ein paar, vermutlich er und seine sektiererischen Freunde, haben demnach das Recht, sich als Menschen zu bezeichnen.

Die anderen sind: Mäuse. (»Es gibt Millionen von Mäusen, aber keine Menschen.«)
Lassen wir die Logik beiseite, die es nicht erlaubt, gleichzeitig zu behaupten, es gäbe „sehr wenige“ und „keine“ Menschen, kommt uns eine derartige Tiermetaphorik nicht bekannt vor? Gab es da nicht mal eine arische Ratte (um bei der vorgegebenen Metaphorik zu bleiben), die in solchen Bildern schwelgte, was zur Folge hatte, daß Millionen von Menschen in wertes und unwertes Leben kategorisiert, an Rampen selektiert und anschließend wie Ungeziefer vernichtet wurden? 

Von der Charakterisierung der Mitmenschen als Mäuse ist es nur ein kurzer Weg zum »Mausgift kaufen«, wie es Bernhard Minetti in einem Theaterstück von Thomas Bernhard so unvergleichlich sagt.

Reifengesichter

Reifen verlieren mit zunehmendem Alter immer mehr an Profil und werden mit der Zeit so glatt, daß sie runderneuert werden müssen. Nach der Runderneuerung sehen sie wieder aus wie neu. Menschen dagegen, vielmehr menschliche Gesichter, erodieren, wenn sie älter werden, und ihre Träger laufen immer mehr Gefahr, mit neuen oder runderneuerten Reifen verwechselt zu werden. 

Daher läßt sich so mancher Mensch, der Wert auf Äußerlichkeiten legt, das Gesicht retuschieren, wenn Cremes und Tinkturen nicht mehr helfen und Make-ups die Furchen mehr betonen, als sie sie camouflieren. Nach der Runderneuerung, nicht direkt danach, sondern ein paar Jahre später, wenn die Wunden abgeheilt sind, sehen viele unter der Schminke etwas geglättet und durchaus erneuert aus, aber es gibt auch einige, deren Gesichter Ähnlichkeit haben mit abgefahrenen Reifen.

Der Mensch ist gut

Eine Idee, eine Weltanschuung, eine Religion ist es nicht wert, daß in ihrem Namen Menschen umgebracht werden, sagt man. Natürlich ist sie es nicht. Und doch geschieht das seit Menschengedenken.

Ob nun in neuerer Zeit die mittelalterlichen Kreuzzüge, der Kolonialismus, stalinistischer Terror, der Hitlerwahn oder in neuester Zeit spinnerte Fundamentalisten, hinter alldem verbirgt sich zweierlei: einige wenige Leute, die Ideen mißbrauchen, um sich zu bereichern oder der Welt die pathologische Struktur ihres Charakters einzuprägen, und ganz viele, die erkannt haben, wie einfach es doch ist, hinter vorgeschobenen Ideen das zu verstecken, was seit Jahrtausenden, oder besser: schon immer, des Menschen Lieblingsbeschäftigung ist: anderen den Kopf einzuschlagen oder ihn abzureißen.

Der Mensch ist gut – in der Theorie. Aber nur in der schlechten.

Die Philosophie der Etiketten

Der Mensch weiß so gut wie nichts über sich und die Dinge. Also kauft er sich einen Drucker und Zweckform-Etiketten, denkt sich Bezeichnungen aus, druckt und druckt und klebt die Etiketten auf die Dinge und die Menschen. Und manche kleben sich solch ein Etikett sogar auf die eigene Stirn.

Wärmeaustausch

Ein Mensch, der im Übermaß Wärme ausströmt, läuft leicht Gefahr, beim zwischenmenschlichen Energieaustausch zu kurz zu kommen. Wozu ihm geben, was er schon so reichlich zu haben scheint? Wir suchen uns gern die Kühleren, scheinbar Bedürftigen, um ihnen unsere Liebe anzutragen. 

Als könnte man mit einem Kühlschrank etwas kochen.

Kohäsionsverschiebung

Sie klingt so plausibel, die östliche Lehre von der Befreiung des Menschen durch die Übung des Nicht-Anhaftens an die Außenwelt unserer gewohnten Vorstellungen und Denkmuster.

Wenn nur nicht das Problem bestünde, daß wir, wenn wir den Klebstoff Schicht für Schicht akribisch aus den Ritzen unserer Verbindung mit den Dingen und Ideen herauslösen, denen wir anhaften, ebendiesen Klebstoff sammeln und nicht wissen, wohin damit. So stehen wir da mit verklebten Fingern und haben nichts Besseres zu tun, als uns mit der Idee des Nicht-Anhaftens noch stärker zu verkleben, als wir es ohnehin schon getan hatten, denn sonst hätten wir mit der Aktion gar nicht erst begonnen.

Sehr witzig das Ganze und nicht ohne Unterhaltungswert, aber eben doch keine Befreiung, sondern nur eine Substitution, ein Trip in ein anderes Zimmer des Gefängnisses.

 

 

Das Glück der Alltäglichkeit

Wenn ich morgens vor den Spiegel trete, schaut mich das ganze Elend dieser Welt an. Dabei habe ich mich mit der obersten Schicht im Laufe der Jahre recht ordentlich angefreundet. Und auch die Veränderungen der Oberfläche nehme ich so gelassen wie möglich hin, und manchmal begrüße ich sie sogar, für was auch immer sie Indikatoren sind.

Zum Glück scheint es nicht die einzige Bestimmung des Menschen zu sein, vor dem Spiegel zu stehn, jedenfalls habe ich das für mich so bestimmt, als wüßte ich etwas anderes über die Bestimmung des Menschen als das, was ich an teleologischem Geschwätz in Büchern von Philosophen und und Religionsverkäufern kennengelernt habe.

Deshalb wende ich mich ohne Eile, aber doch zielstrebig vom Elend der Welt ab, um mich ins glückliche Elend der Alltäglichkeit zu stürzen und mein zufriedenes Leben zu leben.