Die Philosophie der Etiketten

Der Mensch weiß so gut wie nichts über sich und die Dinge. Also kauft er sich einen Drucker und Zweckform-Etiketten, denkt sich Bezeichnungen aus, druckt und druckt und klebt die Etiketten auf die Dinge und die Menschen. Und manche kleben sich solch ein Etikett sogar auf die eigene Stirn.

Wärmeaustausch

Ein Mensch, der im Übermaß Wärme ausströmt, läuft leicht Gefahr, beim zwischenmenschlichen Energieaustausch zu kurz zu kommen. Wozu ihm geben, was er schon so reichlich zu haben scheint? Wir suchen uns gern die Kühleren, scheinbar Bedürftigen, um ihnen unsere Liebe anzutragen. 

Als könnte man mit einem Kühlschrank etwas kochen.

Kohäsionsverschiebung

Sie klingt so plausibel, die östliche Lehre von der Befreiung des Menschen durch die Übung des Nicht-Anhaftens an die Außenwelt unserer gewohnten Vorstellungen und Denkmuster.

Wenn nur nicht das Problem bestünde, daß wir, wenn wir den Klebstoff Schicht für Schicht akribisch aus den Ritzen unserer Verbindung mit den Dingen und Ideen herauslösen, denen wir anhaften, ebendiesen Klebstoff sammeln und nicht wissen, wohin damit. So stehen wir da mit verklebten Fingern und haben nichts Besseres zu tun, als uns mit der Idee des Nicht-Anhaftens noch stärker zu verkleben, als wir es ohnehin schon getan hatten, denn sonst hätten wir mit der Aktion gar nicht erst begonnen.

Sehr witzig das Ganze und nicht ohne Unterhaltungswert, aber eben doch keine Befreiung, sondern nur eine Substitution, ein Trip in ein anderes Zimmer des Gefängnisses.

 

 

Das Glück der Alltäglichkeit

Wenn ich morgens vor den Spiegel trete, schaut mich das ganze Elend dieser Welt an. Dabei habe ich mich mit der obersten Schicht im Laufe der Jahre recht ordentlich angefreundet. Und auch die Veränderungen der Oberfläche nehme ich so gelassen wie möglich hin, und manchmal begrüße ich sie sogar, für was auch immer sie Indikatoren sind.

Zum Glück scheint es nicht die einzige Bestimmung des Menschen zu sein, vor dem Spiegel zu stehn, jedenfalls habe ich das für mich so bestimmt, als wüßte ich etwas anderes über die Bestimmung des Menschen als das, was ich an teleologischem Geschwätz in Büchern von Philosophen und und Religionsverkäufern kennengelernt habe.

Deshalb wende ich mich ohne Eile, aber doch zielstrebig vom Elend der Welt ab, um mich ins glückliche Elend der Alltäglichkeit zu stürzen und mein zufriedenes Leben zu leben.

Gute Stimmung

Wer dauerhaft guter Stimmung ist, obgleich weder alkoholisiert noch naiv und dümmlich, und bei aller guten Stimmung sich selbst und andere kritisch betrachtet und beurteilt, der hat es schwer. Da man ihn nicht als naiv und gedankenlos abtun kann, weiß keiner so recht, was man mit ihm anfangen soll.

Als Heitergeist abqualifizieren kann man ihn nicht so leicht, obwohl er doch abqualifiziert gehört, denn die gute Laune wird von denen, die eher trübselig und beladen blickend durchs Leben gehen, obschon sich ihre Lebenssituation auf den ersten Blick nicht gravierend von der des Gutgelaunten unterscheidet, als Angriff auf die eigene Person empfunden. Miesepeter haben von jeher die Furcht, Gutgelaunte könnten ihnen die schlechte Laune verderben.

Damit müssen sie leben, und auch das ist eine verläßlich sprudelnde Quelle ihrer schlechten Laune. Deshalb sollten die Schlechtgelaunten den Gutgelaunten dankbar sein, denn so werden sie und andere davon abgelenkt, das die Hauptquelle ihrer schlechten Stimmung in ihnen selbst zu finden ist. Genauso wie die Hauptquelle der guten Stimmung.

Der Mensch ist wie ein Instrument, das sich hauptsächlich selbst stimmt. Und die meisten Dissonanzen sind auf mangelhafte Stimmung zurückzuführen.

Besser wissen

Die beste Medizin gegen Besserwisser ist besseres Wissen. Und die Fähigkeit, es auszudrücken. Beides kann man erwerben, heute mehr denn je. Freilich ist es einfacher, den Besserwissenden einen Besserwisser zu schimpfen. Das ist schnell getan, und man kann sich des applaudierenden Publikums sicher sein, denn wer will sich schon den Mühen des Denkens und Argumentierens aussetzen, wenn er den vermeintlichen Sieg über den Andersdenkenden auch ohne Anstrengung haben kann?

Der Mensch ist im allgemeinen zwar von Natur aus neugierig, aber von einem gewissen Niveau der Bedürfnisbefriedigung an ebenso faul.