Der zweite Mensch

Als der erste Mensch starb
dachte der zweite
erst mal nichts
dann vermißte er
Hilfe bei der Jagd.
Erst dann fragte er sich:
Was ist denn mit dem
der sieht ja so anders aus
und hüpft nicht mehr.
Obwohl ich ihn anstoße
bewegt er sich nicht.
Komische Sache

Dann ging der zweite weg
und sagte zu sich selbst:
Schön blöd der
das kann mir
nicht passieren.

Und das denkt er heute noch
ein wenig.

Täuschungsmanöver

Menschen neigen dazu, die Ungenauigkeiten der andern als Fehler und die eigenen Fehler als Ungenauigkeiten zu bezeichnen. So hyperbeln sich die meisten euphemistisch durchs Leben. Und wenn ihnen ihre Bäume dabei zu Büschen werden, beschwören sie den hohen Wert ihrer Erdverbundenheit. 

Die Phantasie der Natur

Wenn die Natur Sinn für Artenschutz hätte, dann hätte sie sich nicht so eine aggressive Spezies wie den Menschen einfallen lassen. Und wenn der »Schöpfung« die Krone vom Kopf gefallen ist, der Mensch also Geschichte sein wird, dann wird das Prinzip Fressen und Gefressenwerden neue Arten hervorbringen, bis eines Tages ein anderer Artenplünderer seine Bahnen ziehen wird – und so weiter. Die Natur hat viel Phantasie.

Von Menschen und Mäusen

»Es gibt sehr wenige Menschen in der Welt.« Das schrieb einer, der sich für einen »erwachten« Menschen hält. Eine Leuchte, die anderen, lebend »in dunklen Löchern«, den Weg zum ewigen Licht weisen will und Tag für Tag mit wortreichem Pathos, das sich in die grandiosesten Verzückungen steigert, über die Notwendigkeit des Schweigens parliert.

Er befindet: »Es gibt sehr wenige Menschen in der Welt.« Was sagt das? Das heißt nichts anderes, als daß der, der solches schreibt, der Mehrheit, der übergroßen Mehrheit, das Recht abspricht, sich als Menschen zu bezeichnen. Sie sind minderwertig. Nur ein paar, vermutlich er und seine sektiererischen Freunde, haben demnach das Recht, sich als Menschen zu bezeichnen.

Die anderen sind: Mäuse. (»Es gibt Millionen von Mäusen, aber keine Menschen.«)
Lassen wir die Logik beiseite, die es nicht erlaubt, gleichzeitig zu behaupten, es gäbe „sehr wenige“ und „keine“ Menschen, kommt uns eine derartige Tiermetaphorik nicht bekannt vor? Gab es da nicht mal eine arische Ratte (um bei der vorgegebenen Metaphorik zu bleiben), die in solchen Bildern schwelgte, was zur Folge hatte, daß Millionen von Menschen in wertes und unwertes Leben kategorisiert, an Rampen selektiert und anschließend wie Ungeziefer vernichtet wurden? 

Von der Charakterisierung der Mitmenschen als Mäuse ist es nur ein kurzer Weg zum »Mausgift kaufen«, wie es Bernhard Minetti in einem Theaterstück von Thomas Bernhard so unvergleichlich sagt.

Reifengesichter

Reifen verlieren mit zunehmendem Alter immer mehr an Profil und werden mit der Zeit so glatt, daß sie runderneuert werden müssen. Nach der Runderneuerung sehen sie wieder aus wie neu. Menschen dagegen, vielmehr menschliche Gesichter, erodieren, wenn sie älter werden, und ihre Träger laufen immer mehr Gefahr, mit neuen oder runderneuerten Reifen verwechselt zu werden. 

Daher läßt sich so mancher Mensch, der Wert auf Äußerlichkeiten legt, das Gesicht retuschieren, wenn Cremes und Tinkturen nicht mehr helfen und Make-ups die Furchen mehr betonen, als sie sie camouflieren. Nach der Runderneuerung, nicht direkt danach, sondern ein paar Jahre später, wenn die Wunden abgeheilt sind, sehen viele unter der Schminke etwas geglättet und durchaus erneuert aus, aber es gibt auch einige, deren Gesichter Ähnlichkeit haben mit abgefahrenen Reifen.

Der Mensch ist gut

Eine Idee, eine Weltanschuung, eine Religion ist es nicht wert, daß in ihrem Namen Menschen umgebracht werden, sagt man. Natürlich ist sie es nicht. Und doch geschieht das seit Menschengedenken.

Ob nun in neuerer Zeit die mittelalterlichen Kreuzzüge, der Kolonialismus, stalinistischer Terror, der Hitlerwahn oder in neuester Zeit spinnerte Fundamentalisten, hinter alldem verbirgt sich zweierlei: einige wenige Leute, die Ideen mißbrauchen, um sich zu bereichern oder der Welt die pathologische Struktur ihres Charakters einzuprägen, und ganz viele, die erkannt haben, wie einfach es doch ist, hinter vorgeschobenen Ideen das zu verstecken, was seit Jahrtausenden, oder besser: schon immer, des Menschen Lieblingsbeschäftigung ist: anderen den Kopf einzuschlagen oder ihn abzureißen.

Der Mensch ist gut – in der Theorie. Aber nur in der schlechten.

Die Philosophie der Etiketten

Der Mensch weiß so gut wie nichts über sich und die Dinge. Also kauft er sich einen Drucker und Zweckform-Etiketten, denkt sich Bezeichnungen aus, druckt und druckt und klebt die Etiketten auf die Dinge und die Menschen. Und manche kleben sich solch ein Etikett sogar auf die eigene Stirn.