Geistige Unabhängigkeit

Wir sollten es unserem eigenen, durch Erfahrung gewachsenen Urteilsvermögen überlassen, ob wir einen Ausspruch richtig oder falsch oder auch nur fragwürdig finden, und uns nicht darum scheren, von wem dieser Ausspruch ist, noch ob wir uns mit unserer Meinung beliebt oder unbeliebt machen.

Meinungsbildungsprozeß

Wenn wir mit uns irritierenden Meinungen eines anderen konfrontiert werden, sollte es nicht in erster Linie darum gehen, ob diese oder unsere Meinung richtig ist oder falsch. Vielmehr ist der Sinn des Meinungsaustauschs, die Irritation durch die abweichende Meinung des anderen fruchtbar werden zu lassen, indem wir diese zum Anlaß nehmen, unsre eigene Meinung auf ihre Stichhaltigkeit hin zu überprüfen, denn jeder hat zu jedem Aspekt des Lebens und zu dessen sprachlicher Repräsentanz ganz persönliche Definitionen parat, die etwas zu tun haben mit den gängigen Vorstellungen davon, was dieses oder jenes sei, und jeder hat seine persönlichen Erfahrungen und philosophischen oder religiösen Strickmuster, nach denen er sich seine Meinung zusammenbastelt.

Sinn des Meinungsaustauschs sollte es sein, die eigene Meinung mit denen der anderen zu vergleichen und alle Meinungen, aber vor allem erst mal die eigene, immer wieder auf ihre Aktualität und Plausibilität zu überprüfen. Dabei ist die Meinung der anderen nichts weiter als eine weitere zu überprüfende Meinung.
Das ist Meinungsaustausch als Denkanstoßgeschehen.

Meinungsaustausch als Wettkampf kann nur in den Bereichen betrieben werden, wo absolute Gewißheit besteht. Und diese Bereiche sind um vieles kleiner, als wir wahrhaben wollen.

Meinungsbildung ist ein Prozeß, der niemals abgeschlossen ist, aber wir sind in aller Regel so fest durch unsere Begrifflichkeiten und Vorannahmen geprägt, daß wir gar nicht bemerken, wie sehr uns die dadurch generierten Meinungen, die wir meinen verteidigen zu müssen, am Nachdenken hindern.

Wenn wir nicht genau wissen, was Sache ist – und niemand weiß das in den meisten Fällen so ganz genau –, wie können wir da bestimmen, was richtig ist und was falsch?

Über Weltbilder

Die Bücher, die wir lesen, die Predigten, die wir hören, sind voller Weltbilder anderer Leute. Wir können uns eines dieser stabilen Bilder mit Wahrheitsanspruch aussuchen, das zu uns und unseren Vorannahmen, unseren Vorurteilen und Interessen paßt, und wenn es nicht mehr paßt, weil wir aus ihm wie aus einem Anzug herausgewachsen sind oder unsere Interessen sich verändert haben, können wir nach einem neuen Ausschau halten. Das ist ziemlich einfach.

Wir können aber auch versuchen, nach innen und nach außen zu schauen und über alles, was wir wahrnehmen, immer wieder neu nachzudenken und ein eigenes Bild von der Welt zu entwickeln, das lebendig ist und voller Irrtümer und sich mit unserem Sehen und Denken ständig weiterentwickelt. Das ist viel mühsamer. 

Umgang mit den Medien

Wichtig scheint mir, daß man eigene Wertvorstellungen besitzt, die in immer wieder überprüften Grundüberzeugungen ankern, und daß man weiß, wie Medien funktionieren und welche Interessen sich hinter ihnen verbergen. Dann ist es sehr unwahrscheinlich, Zeitgeistphänomenen naiv auf den Leim zu gehen.

Eine vollständige Verweigerung allerdings, als Reaktion auf die Allgegenwart medialer Beeinflussung, wird unweigerlich dazu führen, daß sich Vorannahmen zu Vorurteilen verkrusten und das eigene Denken an Lebendigkeit verliert, weil es nicht mehr ausreichend kritisch überprüft wird.

Und manchmal wird dann das Haltbarkeitsdatum überschritten, ohne daß wir es merken.

Meinungsbildung

Freie Meinungsbildung, soweit sie möglich ist, findet vor allem durch private Exkursionen ins eigene Denken statt, nicht so sehr durch Teilnahme am öffentlichen Diskurs, denn der Diskurs enthält zu viele interessengeleitete korruptive Elemente, und man findet sich, noch ehe man es richtig begreift, als zahlend empfangendes Mitglied eines der vielen Meinungskartelle wieder.

Meinungsbildung

Jeder hat seine Meinung. Das soll er. Aber recht hat, wer recht hat. Und richtig ist, was richtig ist.

Wer recht hat und was richtig ist, das wird sich (wobei das erstere weniger wichtig ist als das zweite, was vielen leider weniger bekannt ist) dem ehrlichen und selbstkritischen Mitmeiner und dem urteilsfähigen Publikum zeigen, wenn es auch manchmal etwas länger dauert, bis die Luft in den Arenen nach den Wortgefechten oder nach dem Rauch um nichts klarer wird, als sie vorher war.

Natürlich hat jeder ein Recht auf seine eigene Meinung, aber es hat auch jeder das Recht, diese Meinung als unangemessen zu qualifizieren oder als nicht allgemeinverbindliches Privatvergnügen. Dazu reicht es jedoch nicht aus, einfach die eigene Meinung dagegenzustellen, es bedarf schon des einen oder anderen Argumentes. Daß ein großer Teil der Disputierenden und ein noch größerer der schweigend Partizipierenden nicht beurteilen kann, welches Argument das bessere ist, damit müssen wir leben.

So hat jeder seine Meinung. Aber nicht jede Meinung ist es wert, gehabt zu werden. Schon gar nicht von mir. In bezug auf die Hirntätigkeit gibt es, man denke an den Umweltschutz, glücklicherweise keine Demokratie.

Trunkenheit im Wortverkehr

Wenn einer betrunken ist von Ideologemenbowle oder Moralinpunsch, ist er, nüchtern betrachtet, rauscheuphorisiert und nicht zur sachlichen Betrachtung und Beschreibung der Dinge und noch viel weniger seines eigenen Zustandes bereit und in der Lage. So geht es den meisten von uns, wenn wir unsere in ideologisch gedüngtem Boden gewachsenen Vorurteile in Diskussionen oder Debatten hätscheln oder hätscheln lassen.

Die meisten Diskussionen sind Gewächshaustratsch.