Problemlösung

Wir haben im allgemeinen weniger Probleme, Probleme zu finden, als sie zu lösen. Nicht selten besteht die Lösung eines Problems jedoch darin, zu erkennen, daß das Problem entweder keines ist oder Folge einer falschen Anschauung.

Bevor wir einen Sachverhalt zum Problem erklären, sollten wir unsere Sicht auf diesen überprüfen. Wenn unser Problem zum Beispiel darin zu bestehen scheint, zuwenig Geld zu haben, kann es durchaus sein, daß wir tatsächlich nicht zuwenig Geld haben, sondern nur falsche Vorstellungen darüber, wieviel Geld wir brauchen, um zufrieden zu sein.

Mir scheint, wir haben hauptsächlich deshalb zuwenig Geld, weil wir zuviel über Geld nachdenken.

Selbstschutz und Tabu

Anatomie der Schwachsinnsbehauptung: Wer sich nicht traut, seine Meinung zu sagen, weil er Angst davor hat, daß sie sich im Gespräch als unsinnig erweist, meidet das Gespräch und die Selbsterkenntnis am besten dadurch, daß er erklärt, er dürfe das, was er denkt, nicht sagen, denn er verstoße sonst gegen Tabus. So kann man bequem weiter dummdenken. Eine Variante: Der etwas Mutigere sagt das, was er denkt, freiheraus, ohne nachzudenken, und führt den folgenden Widerstand und das Gelächter ausschließlich darauf zurück, daß dieses Ausdruck einer Tabuisierung sei. Auch so bleibt der eigene Standpunkt imprägniert gegen Fremdargumente und kann Stehpunkt bleiben.

Urteil und Meinung

Da gibt es jemanden, der eine Rezension oder zumindest eine urteilsgesättigte Leseerfahrung zum Besten gibt, in der er einen Roman zwar nicht als durchweg schlecht bewertet und sogar ein Teillob ausspricht: »Es ist eine leichte Kost mit vielen köstlichen Stellen und mancherlei Trivialitäten.« Nun habe ich selbst das Manuskript des Buchs vor etwa zehn Jahren gelesen und jetzt darauf hingewiesen, daß ich wenig von einer solchen Bewertung vom hohen Roß herunter halte.

Darauf schrieb er, wenn er gewußt hätte, daß er sein Urteil begründen müsse, hätte er sich Notizen gemacht. Ich schrieb, man müsse stets damit rechnen, zur Begründung seines Urteils aufgefordert zu werden, im Bereich der Justiz gebe es überhaupt kein Urteil ohne Begründung.

Darauf schrieb er mir sinngemäß, es müsse reichen, was im Wörterbuch als Definition von Trivialität zu lesen sei; wenn es danach gehe, müsse auch ich mein Urteil begründen. Nun hatte ich zwar gar kein Urteil abgegeben, sondern lediglich meine Meinung kundgetan, aber was soll’s, ich war gern bereit, diese Meinung noch etwas ausführlicher zu erläutern. Leider las ich aber nun unter seiner Begründungsaufforderung folgenden Hinweis: »Kommentare geschlossen“.

Was soll man dazu sagen?

Meinungsauswahl

»Der Kommentar muss erst noch freigeschaltet werden …«

Jemand schrieb sinngemäß, die obersten europäischen Richter wären blöde Antisemiten. Daraufhin erklärte ich in einem Kommentar sachlich und mit, wie ich glaube, recht guten Argumenten, weshalb ich diese Meinung, die der Schreiber natürlich nicht für seine Meinung, sondern für Wahrheit hält, weshalb ich diese Meinung nicht teilen kann und daß ich es für eine schlechte Angewohnheit halte, Andersdenkenden, in diesem Fall den obersten europäischen Richtern, inflationär den Stempel Antisemit aufzudrücken.

Das ist ja sehr in Mode. Wie leider auch wieder der tatsächliche Antisemitismus. Ob und (wenn ja) wie beides zusammenhängen könnte, möchte ich hier nicht erörtern, sondern nur darauf hinweisen, daß es möglicherweise einen Zusammenhang gibt.

Daraufhin las ich kurz und knapp, ich schriebe »Schwachsinn«.

Leider wollte man mir nicht erklären, inwiefern meine Worte als »Schwachsinn« angesehen wurden und weshalb genau die Richter blöd sind. Möglicherweise weil es zuviel Mühe gemacht hätte, mir das zu erklären, oder weil man sich nicht mit Denkprozessen den Abend verderben mochte.

Also ließ man den »Schwachsinn«-Satz, den ein anderer als ich möglicherweise als beleidigend empfinden könnte, als letzten Kommentar stehen und gab weitere Kommentare nicht frei.

Da ich so etwas wie auch die Abschaltung der Kommentarfunktion in letzter Zeit öfter erlebt habe, obgleich meine Kommentare weder beleidigend noch unsachlich waren, sondern lediglich einer anderen Meinung argumentativ Ausdruck gaben, werde ich zukünftig Meinungsäußerungen auf Blogs, die Kommentare einer Zensur unterwerfen, nicht mehr dort kommentieren, sondern bei Bedarf hier in der Rubrik »Einer sagte«.

Dann bleiben die Genannten vom fremden Meinungsschmutz auf ihren heiligen Seiten verschont.

Meinungsumschwung

Eine vorgefaßte Meinung ist auch durch relativierende Erfahrungen nur schwer zu erschüttern. Eher ändern wir eine vorgefaßte Meinung durch die Übernahme einer gegenläufigen vorgefaßten Meinung. Dazu ist es nötig, daß wir diese auf einem Stückchen Zucker oder in einer Geschenkverpackung mit Schleife serviert bekommen.

Geschlossene Gesellschaft

Wenn wir uns allzusehr mit unseren Meinungen identifizieren, laufen wir Gefahr, sie für Wissen zu halten. Dieses Scheinwissen lähmt uns und nimmt dem Prozeß der Meinungsbildung alle Dynamik. Wir prüfen nur noch, ob unsere Erlebnisse und Wahrnehmungen unser Wissen bestätigen, und nicht mehr, ob unser Wissen mit den neuen Erfahrungen übereinstimmt. Im ungünstigsten Fall wissen wir über das Bescheid, was geschieht, ohne unsere äußere Wahrnehmung ins Bewußtsein zu heben, ja wir können es nicht, weil uns unser Bewußtsein signalisiert, Neuaufnahmen seien nicht nötig, da alles, was an die Tür klopft, bereits bekannt und bewertet sei. Keineswegs wegen Überfüllung geschlossen, sondern geschlossene Gesellschaft.

Die Tücken der Agonalität

Man sollte meinen, jede gelungene Selbstreflexion decke den verborgenen agonalen Charakter des eigenen kulturellen Denkens und Handelns auf und wäre das Einfallstor für intellektuelle Gelassenheit und eine bescheidenere Sicht. Da jedoch das Agonale archetypisch tief im Menschen verwurzelt ist, wird der Reflektierende alsbald versuchen, jeden andern in der Tiefe der Reflexion über das Phänomen der Agonalität zu übertreffen. Die eigenen Erleuchtungen sollen heller strahlen als die der andern, und wenn wir uns mit anderen Reflektierenden auf der dritten Stufe der Metaebenen befinden, halten wir doch heimlich Ausschau nach einer vierten, um die andern zu übertreffen: das Agens (sic!) jeder kulturellen und intellektuellen Entwicklung.

Vielleicht ist das auch der wahre Sinn von Goethes letzten Worten: »Mehr Licht!«

Geistige Unabhängigkeit

Wir sollten es unserem eigenen, durch Erfahrung gewachsenen Urteilsvermögen überlassen, ob wir einen Ausspruch richtig oder falsch oder auch nur fragwürdig finden, und uns nicht darum scheren, von wem dieser Ausspruch ist, noch ob wir uns mit unserer Meinung beliebt oder unbeliebt machen.

Meinungsbildungsprozeß

Wenn wir mit uns irritierenden Meinungen eines anderen konfrontiert werden, sollte es nicht in erster Linie darum gehen, ob diese oder unsere Meinung richtig ist oder falsch. Vielmehr ist der Sinn des Meinungsaustauschs, die Irritation durch die abweichende Meinung des anderen fruchtbar werden zu lassen, indem wir diese zum Anlaß nehmen, unsre eigene Meinung auf ihre Stichhaltigkeit hin zu überprüfen, denn jeder hat zu jedem Aspekt des Lebens und zu dessen sprachlicher Repräsentanz ganz persönliche Definitionen parat, die etwas zu tun haben mit den gängigen Vorstellungen davon, was dieses oder jenes sei, und jeder hat seine persönlichen Erfahrungen und philosophischen oder religiösen Strickmuster, nach denen er sich seine Meinung zusammenbastelt.

Sinn des Meinungsaustauschs sollte es sein, die eigene Meinung mit denen der anderen zu vergleichen und alle Meinungen, aber vor allem erst mal die eigene, immer wieder auf ihre Aktualität und Plausibilität zu überprüfen. Dabei ist die Meinung der anderen nichts weiter als eine weitere zu überprüfende Meinung.
Das ist Meinungsaustausch als Denkanstoßgeschehen.

Meinungsaustausch als Wettkampf kann nur in den Bereichen betrieben werden, wo absolute Gewißheit besteht. Und diese Bereiche sind um vieles kleiner, als wir wahrhaben wollen.

Meinungsbildung ist ein Prozeß, der niemals abgeschlossen ist, aber wir sind in aller Regel so fest durch unsere Begrifflichkeiten und Vorannahmen geprägt, daß wir gar nicht bemerken, wie sehr uns die dadurch generierten Meinungen, die wir meinen verteidigen zu müssen, am Nachdenken hindern.

Wenn wir nicht genau wissen, was Sache ist – und niemand weiß das in den meisten Fällen so ganz genau –, wie können wir da bestimmen, was richtig ist und was falsch?

Über Weltbilder

Die Bücher, die wir lesen, die Predigten, die wir hören, sind voller Weltbilder anderer Leute. Wir können uns eines dieser stabilen Bilder mit Wahrheitsanspruch aussuchen, das zu uns und unseren Vorannahmen, unseren Vorurteilen und Interessen paßt, und wenn es nicht mehr paßt, weil wir aus ihm wie aus einem Anzug herausgewachsen sind oder unsere Interessen sich verändert haben, können wir nach einem neuen Ausschau halten. Das ist ziemlich einfach.

Wir können aber auch versuchen, nach innen und nach außen zu schauen und über alles, was wir wahrnehmen, immer wieder neu nachzudenken und ein eigenes Bild von der Welt zu entwickeln, das lebendig ist und voller Irrtümer und sich mit unserem Sehen und Denken ständig weiterentwickelt. Das ist viel mühsamer. 

Umgang mit den Medien

Wichtig scheint mir, daß man eigene Wertvorstellungen besitzt, die in immer wieder überprüften Grundüberzeugungen ankern, und daß man weiß, wie Medien funktionieren und welche Interessen sich hinter ihnen verbergen. Dann ist es sehr unwahrscheinlich, Zeitgeistphänomenen naiv auf den Leim zu gehen.

Eine vollständige Verweigerung allerdings, als Reaktion auf die Allgegenwart medialer Beeinflussung, wird unweigerlich dazu führen, daß sich Vorannahmen zu Vorurteilen verkrusten und das eigene Denken an Lebendigkeit verliert, weil es nicht mehr ausreichend kritisch überprüft wird.

Und manchmal wird dann das Haltbarkeitsdatum überschritten, ohne daß wir es merken.

Meinungsbildung

Freie Meinungsbildung, soweit sie möglich ist, findet vor allem durch private Exkursionen ins eigene Denken statt, nicht so sehr durch Teilnahme am öffentlichen Diskurs, denn der Diskurs enthält zu viele interessengeleitete korruptive Elemente, und man findet sich, noch ehe man es richtig begreift, als zahlend empfangendes Mitglied eines der vielen Meinungskartelle wieder.

Meinungsbildung

Jeder hat seine Meinung. Das soll er. Aber recht hat, wer recht hat. Und richtig ist, was richtig ist.

Wer recht hat und was richtig ist, das wird sich (wobei das erstere weniger wichtig ist als das zweite, was vielen leider weniger bekannt ist) dem ehrlichen und selbstkritischen Mitmeiner und dem urteilsfähigen Publikum zeigen, wenn es auch manchmal etwas länger dauert, bis die Luft in den Arenen nach den Wortgefechten oder nach dem Rauch um nichts klarer wird, als sie vorher war.

Natürlich hat jeder ein Recht auf seine eigene Meinung, aber es hat auch jeder das Recht, diese Meinung als unangemessen zu qualifizieren oder als nicht allgemeinverbindliches Privatvergnügen. Dazu reicht es jedoch nicht aus, einfach die eigene Meinung dagegenzustellen, es bedarf schon des einen oder anderen Argumentes. Daß ein großer Teil der Disputierenden und ein noch größerer der schweigend Partizipierenden nicht beurteilen kann, welches Argument das bessere ist, damit müssen wir leben.

So hat jeder seine Meinung. Aber nicht jede Meinung ist es wert, gehabt zu werden. Schon gar nicht von mir. In bezug auf die Hirntätigkeit gibt es, man denke an den Umweltschutz, glücklicherweise keine Demokratie.

Trunkenheit im Wortverkehr

Wenn einer betrunken ist von Ideologemenbowle oder Moralinpunsch, ist er, nüchtern betrachtet, rauscheuphorisiert und nicht zur sachlichen Betrachtung und Beschreibung der Dinge und noch viel weniger seines eigenen Zustandes bereit und in der Lage. So geht es den meisten von uns, wenn wir unsere in ideologisch gedüngtem Boden gewachsenen Vorurteile in Diskussionen oder Debatten hätscheln oder hätscheln lassen.

Die meisten Diskussionen sind Gewächshaustratsch.

Meinungsfreiheit

Meinungsfreiheit heißt nicht, daß man vor jede fremde Tür seinen Haufen setzen darf und darauf bestehen kann, daß niemand mit Schaufel und Besen zur olfaktorischen »Zensur« schreitet.

Aber im eigenen Wohnzimmer darf nach Herzenslust gefurzt werden. Und mehr. Das ist Meinungsfreiheit.

Eigenständigkeit

Die Meinung, die in unserem Kopf entsteht, ist häufig der Ausdruck unserer Interessen. Nicht selten aber sind die Interessen, die wir vertreten, Ausdruck unserer Meinung. Das Ganze ist ein buntes Wechselspiel, das unsere Freiheit begrenzt und das jeder von Zeit zu Zeit unter die lupigen Linsen seines Urteilsvermögens legen sollte, wenn er eines hat, und dann mit Farbe, Pinsel und Palette ein wenig willkürlich eingreifen.

Solche Farbtupfer der Willkür sind Zeichen von Eigenständigkeit. Passende Malutensilien kann man sich überall ausleihen, scharfe Lupen leider nicht.

Da muß man es machen, wie einst Spinoza: Linsen schleifen.