Narrative Gedichtinterpretation

Narrative Interpretationsstrategien wie die meine, angewendet auf Alfred Wolfensteins Gedicht »Städter« aus dem Jahr 1914, sind zwangsläufig hochspekulativ und literaturwissenschaftlich in beträchtlichem Maße fragwürdig. Und dennoch sind sie vielleicht näher am Text und wahrhaftiger als so manche akademische Trottelei, die sich in Silbenzählerei und metrischer Scheinanalyse ergeht, vollgestopft mit tropischen Reziprokprojektionen, die nichts sichtbar machen als die scheinbare Gelehrsamkeit des Interpreten und dessen Verinnerlichung der gültigen literarhistorischen Epochenschablonen.

Mutmaßungen über Alfred und ein Gedicht

Vom Belle-Alliance-Platz fuhr Alfred mit der Groschenbahn, vorbei an der Kürassierkaserne, an der verwaisten Markthalle, wo Arbeiter den letzten Schmutz des Tages zusammenkehrten. Auf der anderen Seite thronte gravitätisch das Kammergericht, und er dachte kurz an sein staubtrockenes Jus-Studium. Dann aber durchfuhr ihn wieder der bohrende Liebesschmerz. Diesmal hatte ihn Konrad brüsk zurückgewiesen, so als wäre Alfreds zaghaft tastende Hand eine lepröse Klaue. Und dann hatte Konrad ihm einen Vortrag gehalten über wahre Freundschaft, die nur mit wahren Freunden gelebt werden könne und nicht mit Fehlgeleiteten wie Alfred, und Alfred war geflüchtet, als wären tausend Teufel hinter ihm her. Ja, weggelaufen war er, geflohen vor … Ja, vor was? Sich der Einsicht zu verschließen, daß Männer seine Sinne mehr affizierten als alle noch so attraktive Weiblichkeit, ja ihn erotisch echauffierten, hatte er längst aufgegeben, und Konrad, das hatte Alfred gespürt, es gesehen, gerochen, mit allen Sinnen aufgesaugt, Konrad ging es ebenso wie ihm selbst. Aber Konrad hatte gelacht und gewütet, getobt und hämisch gegrinst und … Konrad war noch nicht so weit, er wollte sich noch ein Weilchen selbst betrügen. Wie so viele.

Alfred sackte in sich zusammen und blickte auf die endlosen Fensterreihen, die an ihm vorbeizogen, dieses graue Gewürge, dieses blutleere Steinfeuerwerk, das alles Leben garottengleich langsam, ganz langsam strangulierte, erstickte und schlußendlich fossilierte. Nichts würde bleiben als Sedimente vergeblicher Träume.

Die Tram hielt und spuckte alle aus. Nur Alfred blieb sitzen, leidend und voller Zorn und innerlich geschüttelt von einem gnomigen Mischwesen aus Selbsthaß und Larmoyanz. Im letzten Moment, die Straßenbahn hatte bereits angeruckt, kamen sie hereingeflogen und schwebten wie schwarze Engel auf die Sitze, die beiden, deren Blicke sich ineinanderbohrten wie Schrauben in Holzbretter. Sie verzehrten einander mit einer Glut, die Alfred frösteln machte. Der junge Mann, die junge Frau, sie sprachen nicht, sie nahmen nichts um sich herum wahr, sie kopulierten geradezu mit orgiastisch geröteten Augen. Und Alfred wurde klein und alt und grau wie das Straßenpflaster. Und alles war so dicht, so dicht an seiner Kehle und er so fern, so fern von allem, was lebte und glühte.

Als er nach Jahren, wie ihm schien, endlich sein Zimmer betrat, brach Übelkeit sich Bahn, und er erleichterte sich in den Nachttopf. Er weinte, schluchzte, sprach stakkatoartig mit sich selbst und erlebte das Echo seiner Verzweiflung wie den Widerhall von Rufen in einer Tropfsteinhöhle. Erst nach langen Kämpfen mit Decken und Laken schlief er erschöpft ein.

In der Nacht weckten ihn Geräusche. Ein Kind schrie, er hörte flüsternde Stimmen, die sich zu polterndem Geschrei aufbliesen und dann wieder beruhigten, bevor sie ebenso schnell verstummten wie zuvor das Kind. Alfred machte Licht, setzte sich an den Tisch und schrieb:

 
Städter

Nah wie die Löcher eines Siebes stehn
Fenster beieinander, drängend fassen
Häuser sich so dicht an, daß die Straßen
Grau geschwollen wie Gewürgte sehn.

Ineinander dicht hineingehakt
Sitzen in den Trams die zwei Fassaden
Leute, ihre nahen Blicke baden
ineinander, ohne Scheu befragt.

Unsre Wände sind so dünn wie Haut,
Daß ein jeder teilnimmt, wenn ich weine.
Unser Flüstern, Denken .. wird Gegröle ..

– Und wie still in dick verschloßner Höhle
Ganz unangerührt und ungeschaut
Steht ein jeder fern und fühlt: alleine.

»Schwarze Milch der Frühe«

Die angeblich paradoxe »schwarze Milch der Frühe« in Celans »Todesfuge«, über die so viel gestritten wurde in der Literaturwissenschaft, verliert sehr leicht einen Großteil ihres oxymorotischen Charakters, wenn man bedenkt, daß Hippokrates empfahl, bei schweren Krankheiten die Milch schwarzer Kühe zu trinken.

Schweizer Wörter

Die Lieblingsausrede von Wortkäseherstellern, die auf Widersprüchliches oder andere Ungereimtheiten in ihren Texten hingewiesen werden: Man solle doch bitte „zwischen den Zeilen lesen“, sonst könne man nicht verstehen, was gemeint sei. Ich schaue dann immer gern zwischen den Zeilen nach, finde aber normalerweise nur käseweißes Papier. Es sei denn, es handelt sich um Texte, die in zensurverseuchten Diktaturen geschrieben wurden.

Jeder Verkäufer von Emmentaler würde gern seinen Käse nach Volumen berechnen, weil er meint, die Löcher seien das Wesentliche. Aber aus gutem Grund geht’s doch nicht nur beim Käse, sondern auch bei Texten nach Gewicht.

Blitzgedanken

Gelungene Aphorismen sind die elegantesten und charmantesten Formen der nichtsyllogistischen Beweiserschleichung. Sie sind schillernde Hypothesen im Dunkel unbekannter Voraussetzungen. Solche Aphorismen sparen sich die Mühe, zu Ihren Konklusionen fragwürdige Prämissen zu konstruieren.

Aphorismus

Jeder gelungene Aphorismus ist Ausdruck einer individuellen Erfahrung oder das Resultat eines subjektiven Denkprozesses. Nur unkritische Weisheitssammler werden ihn nicht als Aufforderung zum Selberdenken begreifen. Aphorismen fordern, nicht zuletzt wegen der fehlenden Begründungen, zum Widerspruch geradezu heraus.

Wie wär’s mit Ehrlichkeit?

Wieder und wieder wird Günter Grass die gleiche Frage gestellt, und inzwischen kann er sie nicht mehr hören. Jetzt ist er auf Lesereise in den USA, und natürlich will man auch dort wissen, warum er so lange gewartet hat mit seinem Coming-out. Und wieder fällt ihm nichts Besseres ein als die einstudierten, wenig überzeugenden Ausflüchte statt entwaffnender Ehrlichkeit.Grass charakterisiert die insistierende Fragerei inzwischen larmoyant als »Lust am Niedermachen«, ohne sich darüber klarzuwerden, daß es an ihm selbst liegt, alle Fragerei dadurch zu beenden, daß er endlich eine ehrliche Antwort gibt.

2007

 

 

»Sommerhaus, später«

Etwas stört mich an diesem hochgelobten Erzählungsbüchlein von Judith Hermann. Vielleicht ist es das: Hier wird das Leben – durchaus kunstvoll – in atmosphärisch dichte Langeweile aufgelöst. Und es löst sich tatsächlich auf wie Zucker in einer Tasse Tee.

Wenn dies, wie gesagt wird (»Der Sound einer neuen Generation« – Karasek), tatsächlich Ausdruck eines dahinterliegenden Paradigmenwechsels sein sollte, dann gehen wir ärmlichen Zeiten entgegen: das Leben als minimalistischer Manierismus.