Welthaltigkeit – Teil II

Ursprünglich als Instrument für die Beurteilung der Weltwahrnehmung im Roman gedacht, habe ich einen Kriterienkatalog entwickelt, der sich, wie ich meine, auch auf andere Textsorten anwenden läßt. Die zu Text geronnene Weltwahrnehmung eines Schriftstellers, einer Schriftstellerin, eines schreibenden Transsexuellen oder eines textproduzierenden Kindes (ich hoffe, niemanden vergessen zu haben) läßt sich folgendermaßen kategorisieren:

Wahrnehmung und Reflexion der Welt als

1. kosmisches physikalisches Geschehen oder Sein (mit Erkenntnistheorie und Grundlagenwissenschaft, Chaostheorie);

2. ökologisch-evolutionäres Naturgeschehen (mit anthropologischer Entwicklung);

3. politisch-sozial organisiertes und verwaltetes Wirtschaftsgefüge (mit Kampf ums Überleben, um Ideologien, Ressourcen, Macht und Status);

4. historisches Ereignis, kulturell-zivilisatorisches Experiment mit Provisoriumscharakter (mit Entwicklung von Mythos, Religion, Ethik und Moral, mit Geschichtsteleologie, Eschatologie, Utopie);

5. als Heimat oder Unbehaustheit der Subjekte (Ort der Gefährdung des einzelnen und Projektionsfläche seiner Wünsche und Spielplatz zur Bedürfnisbefriedigung);

6. als Entität, die auf ein Tieferes hinweist (mit Seins- und Lebensphilosophie, kollektiven Archetypen, morphischen Feldern etc.)

 

Dieses Schema, dessen Kategorien sich in der Praxis ganz unschematisch überlappen, ja überdecken können, beinhaltet, so meine ich, alle möglichen Perspektiven eines Autors, die er einnehmen könnte, um die Welt zu betrachten und zu beschreiben, gleich ob er sie nun, je nach Erfahrung, Status und Blickwinkel, eher als Schädelspaltanstalt, als Experiment mit offenem Ausgang oder als Vorstufe des Paradieses oder der Hölle wahrnimmt.

Ob er ihre Ränder am Spiegelrand überhaupt bemerkt und wie weit er über die Schreibtischecken und die Cappuccinotasse hinaussieht, das ist, mit diesen Kriterien bewaffnet, leicht in Erfahrung zu bringen, und so haben wir schnell eine Antwort auf die Frage nach der »Welthaltigkeit« eines Textes.

Die blöde Böe

Über »Segel auf Butterfly« von Vea Kaiser

Das Lexikon der maritimen Terminologie liegt auf dem Schreibtisch bereit, und das Abenteuer kann beginnen. Nun ja, das Abenteuerchen, denn man steuert nicht aufs offene Meer, sondern, bescheiden, wie man ist, »aufs offene Wasser«, immerhin also keine Fahrt in der geschlossenen Flasche, kein Ritt auf dem Buddelschiff.

Bevor es richtig losgehen kann, muß der Hintergrund beschrieben werden, denn das Ganze soll ja mehrschichtig daherkommen. Also werden im folgenden die Großeltern, aus deren Erbmasse das Segelbötchen stammt, von der höheren Warte jugendlicher Selbstüberschätzung gehörig durch den Kakao gezogen, ihre romantische Lebenseinstellung »enttarnt«. Verhöhnt, sollte man besser sagen. Zu dieser Verhöhnung gehört die Depersonalisierung im sprachwitzresistenten Dümmlichjargon: »Wir dachten, unsere Großeltern wären unkaputtbar«, weil sie nicht, wie andere Alte, »im Lift zu Blut-Lungen- und Stuhluntersuchungen emporgebracht wurden«. (Natürlich wird niemand zu einer Stuhluntersuchung irgendwo hingebracht, sondern das Darmmus ins Labor geschickt, doch woher soll ein junger Mensch das wissen? Und Blut-Lungen-Untersuchungen gibt es ebenfalls nur in der Phantasie von medizinisch Unbedarften.) Aber nein: »Totalschaden an Auto und Großeltern.«

Der Beitrag ist eine Sammlung von Klischees und nichtdurchdachten sprachlichen Bildern (z. B. »Packung Silikonbrüste« statt Kunsttittenfrau als mißlungene Metonymie). Man merkt, wie verzweifelt um den Anschein von Originalität gekämpft wird.

Bei aller demonstrativen Coolness gibt es aber auch »Tränen auf Pfirsichwangen«, Kirschgeruch und pflaumenfarbene und knallpinke Haarentferner und allerlei andere Kitschelemente wie das »Höschen auf dem Kopf« aus dem Handbuch »Wie schreibe ich eine erotische Erzählung?«

Zur Sprache: Das »unkaputtbar« hatte ich bereits erwähnt. »Als wir the first time in meinem Teakholzbett lagen« ist auch nicht ohne, ebensowenig die »ultimative« Traumfrau. Was sollte eine Traumfrau anderes sein als »ultimativ«? Alles schwächelt sprachlich genauso vor sich hin wie inhaltlich. »Urst blöde.« Beinahe schon urkomisch.

Die Erzählperspektive ist: »Ich, die ich«. Das sagt viel. Rechtschreibung und Zeichensetzung mangelhaft. Auch das sagt einiges.

Am Ende der Geschichte wird als Pointenersatz noch ein Filmzitat aus »The Big Lebowski« aufgeboten: Asche wird verstreut. Doch im Gegensatz zum Film nicht aufs eigene Haupt. Und über der kleinmaritimen Szene brennt nur gratwandernd die »gradwandern«de Sonne und weht die »blöde Böe«, aber nicht ein Hauch von Selbstironie. Nicht mal ironisches Fremdeln.

»Welthaltigkeitsfaktor« null Komma fünf von zehn. Es kommen andere Menschen vor, ein Flugzeug wird erwähnt und daß es Hippies (»Sonnenblumenmasche«) gegeben hat.

Selbstironie

Gelegentlich selbstironisch zu sein ist die Ratenzahlung eines Autors für die Versicherung gegen die mögliche üble Nachrede, er nähme sich selbst zu wichtig, und mit diesem Obulus zeigt er, wie wichtig er die andern nimmt. Beides wird er auf Nachfrage selbstverständlich vehement bestreiten und erklären, wichtig sei ihm ausschließlich sein Werk, mit dem er sich voll identifiziere. Ob die Versicherung auch das abdeckt?

Über Benns »Ptolemäer«

Das Leben – dies Speibecken, in das alles spuckte, die Kühe und die Würmer und die Huren –, das Leben, das sie alle fraßen mit Haut und Haar, seine letzte Blödheit, seine niedrigste physiologische Fassung als Verdauung, als Sperma, als Reflexe – und das nun noch mit ewigen  Zwecken garniert …

 

Das ist die Reduktion des Lebens auf das, was übrigbleibt, wenn man die Diskrepanz zwischen dem tatsächlichem Sein in den Trümmern der Ideologeme und dem idealistischen Denken betrachtet, wenn man sieht, was sich trotz des Kanons der moralischen Werte ereignet hat: Völkerabschlachten. Man mußte 1947 die moralischen Werte nicht mehr in den Mülleimer werfen, denn sie lagen längst darin, und auch wenn sie wieder herausquellen, so sind sie doch auf alle Zeit fragwürdig geworden. Oder richtiger noch: Ihre Fragwürdigkeit trat allen Sehenden vor Augen, aber sie hatten nicht mehr die Kraft, diese zu reiben. Noch Raskolnikow hatte unter seiner Tat gelitten, aber nun war das »moralische Fluidum«, wie Benn das nennt, zur Ruhe gekommen.

Was bleibt für Benn, ist individualistische Ästhetisierung in der Nachfolge Spenglers und vor allem Nietzsches. Benn nennt das prismatischen Infantilismus, Kinderspiele auf Erwachsenenniveau. Auch der Schöpfer, so vermutet Benn, hat nicht mehr vor mit den Menschen als »seine übliche Spielerei«, und das Gerede von der Menschheit ist nichts als Propaganda ohne jede teleologische Relevanz.  

Dem Irrationalen im Sein ist mit dem Denken nicht beizukommen, deshalb wird das Denken nur noch als eine Art mechanischer Zwang wahrgenommen, und es bietet sich für den einzelnen als Aufgabe (in seiner doppelten Bedeutung) der Ausweg, der keiner ist: sich abzufinden und mit Seeblick zu privatisieren. Und das Spiel der Kunst. Soweit Benns verbittertes Resümee.

Zynismus? Oder Wahrheit? Als wären diese Begriffe antonymisch. Was ist Zynismus? Die Antwort auf diese Frage hängt von der subjektiven Interpretation des Fragenden ab, von seiner Definition, die wiederum abhängig ist davon, wie er Wahrheit definiert. Dem Wahrheitsbesitzer ist jede spöttische Abweichung von seiner Wahrheit Zynismus. Erst recht die kritische Dekonstruktion seiner Wahrheitsbasis. In diesem Fall ist man versucht zu sagen, Benn spricht die Wahrheit auf zynische Art und Weise aus. Aber in Wirklichkeit ist es nur bitterer Sarkasmus, den wir hier sehen. Und Benns Wahrheit ist nur seine Wahrheit, so wie meine meine ist und deine deine; denn die alleinseligmachende Wahrheit propagieren nur Lügner, Gläubige und Verblendete.

Wahrheit ist stets perspektivisch, und nur einer könnte all diese verschiedenen Perspektiven zu einem Ganzen zusammenfassen. Das wäre dann die Wahrheit der Wahrheiten. Wir können das nicht, denn wir sind nur kleine Göttchen oder wären nur winzige Schnipsel vom großen Gott, wenn es ihn gäbe. Aber ob es ihn gibt, das wissen wir nicht.

Dynamische Exegese und Hermeneutik

Je älter und bemooster die Überlieferung, die ja nichts anderes ist als eine ergraute Deutung, um so mehr ist sie es wert, durch Umdeutung entwertet zu werden. Doch auch die Umdeutung sollte offen für entwertende Neuinterpretation sein, damit sich nicht erneut der Nebel des Ergrauten über die Betrachtung senkt. 

Krankheiten

Beim Lesen von Thomas-Mann-Texten kam mir der Gedanke, ob sich nur Extremegozentriker mit ausgeprägter Ruhmsucht ausreichend für das Laster der Hypochondrie qualifizieren können, und ich fragte mich, ob nicht Ruhmgeilheit und Anerkennungsverlangen die wichtigste Quelle von Hypochondrie und Egozentrik sein könnten.   

Zum Geburtstag Günter Kunerts

Günter Kunert, einer der bedeutendsten deutschen Schriftsteller, wird heute achtzig. In der ZEIT habe ich keine Würdigung wahrgenommen. Habe ich sie übersehen, oder fand man den Geburtstag tatsächlich nicht der Erwähnung wert?

In einem Gedicht Kunerts heißt es:

Wir sind die vor und
hinter Scheiben
gewöhnt die Stille und den
falschen Ton
in einem sicher, daß wir bleiben
dieselben immer
wie uns selbst zum Hohn.

Falsche Töne zu Kunerts Geburtstag gab es in der ZEIT heute nicht.

Lieber Günter Kunert, seien Sie herzlich gegrüßt
von mir und von Neil Young. Sie wissen schon …

Die Welt

PS: Inzwischen ist Günter Kunert neunzig und immer noch präsent. Wie schön. 

Narrative Gedichtinterpretation

Narrative Interpretationsstrategien wie die meine, angewendet auf Alfred Wolfensteins Gedicht »Städter« aus dem Jahr 1914, sind zwangsläufig hochspekulativ und literaturwissenschaftlich in beträchtlichem Maße fragwürdig. Und dennoch sind sie vielleicht näher am Text und wahrhaftiger als so manche akademische Trottelei, die sich in Silbenzählerei und metrischer Scheinanalyse ergeht, vollgestopft mit tropischen Reziprokprojektionen, die nichts sichtbar machen als die scheinbare Gelehrsamkeit des Interpreten und dessen Verinnerlichung der gültigen literarhistorischen Epochenschablonen.