Schweizer Wörter

Die Lieblingsausrede von Wortkäseherstellern, die auf Widersprüchliches oder andere Ungereimtheiten in ihren Texten hingewiesen werden: Man solle doch bitte „zwischen den Zeilen lesen“, sonst könne man nicht verstehen, was gemeint sei. Ich schaue dann immer gern zwischen den Zeilen nach, finde aber normalerweise nur käseweißes Papier. Es sei denn, es handelt sich um Texte, die in zensurverseuchten Diktaturen geschrieben wurden.

Jeder Verkäufer von Emmentaler würde gern seinen Käse nach Volumen berechnen, weil er meint, die Löcher seien das Wesentliche. Aber aus gutem Grund geht’s doch nicht nur beim Käse, sondern auch bei Texten nach Gewicht.

Blitzgedanken

Gelungene Aphorismen sind die elegantesten und charmantesten Formen der nichtsyllogistischen Beweiserschleichung. Sie sind schillernde Hypothesen im Dunkel unbekannter Voraussetzungen. Solche Aphorismen sparen sich die Mühe, zu Ihren Konklusionen fragwürdige Prämissen zu konstruieren.

Aphorismus

Jeder gelungene Aphorismus ist Ausdruck einer individuellen Erfahrung oder das Resultat eines subjektiven Denkprozesses. Nur unkritische Weisheitssammler werden ihn nicht als Aufforderung zum Selberdenken begreifen. Aphorismen fordern, nicht zuletzt wegen der fehlenden Begründungen, zum Widerspruch geradezu heraus.

Wie wär’s mit Ehrlichkeit?

Wieder und wieder wird Günter Grass die gleiche Frage gestellt, und inzwischen kann er sie nicht mehr hören. Jetzt ist er auf Lesereise in den USA, und natürlich will man auch dort wissen, warum er so lange gewartet hat mit seinem Coming-out. Und wieder fällt ihm nichts Besseres ein als die einstudierten, wenig überzeugenden Ausflüchte statt entwaffnender Ehrlichkeit.Grass charakterisiert die insistierende Fragerei inzwischen larmoyant als »Lust am Niedermachen«, ohne sich darüber klarzuwerden, daß es an ihm selbst liegt, alle Fragerei dadurch zu beenden, daß er endlich eine ehrliche Antwort gibt.

2007

 

 

»Sommerhaus, später«

Etwas stört mich an diesem hochgelobten Erzählungsbüchlein von Judith Hermann. Vielleicht ist es das: Hier wird das Leben – durchaus kunstvoll – in atmosphärisch dichte Langeweile aufgelöst. Und es löst sich tatsächlich auf wie Zucker in einer Tasse Tee.

Wenn dies, wie gesagt wird (»Der Sound einer neuen Generation« – Karasek), tatsächlich Ausdruck eines dahinterliegenden Paradigmenwechsels sein sollte, dann gehen wir ärmlichen Zeiten entgegen: das Leben als minimalistischer Manierismus.

Trivialliteratur

Der von mir früher, wenn auch selten, benutzte Begriff Trivialliteratur, schwammig definiert, oft mißbraucht und deshalb zu Recht heftig kritisiert und mittlerweile in den Hintergrund getreten, fehlt mir manchmal, ich gestehe es, wenn ich konfrontiert werde mit Literatur minderer Qualität. Natürlich gibt es auch heute, wie man weiß, mehr Prosaschrott als Kleinodien der Literatur, und vieles Belangarme stürmt in den Verkaufslisten in Richtung der vorderen Plätze. Doch das war zu allen Zeiten so, nur sind die Bestseller von gestern längst vergessen und werden nicht wieder ausgegraben. 

Wenn doch hin und wieder eine literarische Exhumierung stattfindet, handelt es sich eher um Hochwertiges, bisher weitgehend Übersehenes.

»Bella Rosa« und die Chromosomen

Zur Story gibt es nicht viel zu sagen. Im Mittelpunkt steht eine »starke Frau«, natürlich. Dieser wird von einem charakterlich indifferenten Menschen übel mitgespielt, einem, der sanft und sensibel ist, mit künstlerischer Veranlagung, der jedoch im Verlauf der Geschichte immer mehr den starken Mann markiert, obgleich er nicht mal aus humangenetischer Sicht ein Mann ist, sondern eine Art Zwitterwesen.

Jedenfalls behauptet das die Autorin und entwirft den zerrissenen Charakter ihres Massimo, eines intriganten Unternehmers, der sich als Heranwachsender auch schon mal selbst mit einem Brotmesser zu Leibe gerückt ist. Den Grund für die polymorphe Mischung aus Minderwertigkeitsgefühlen, knallharter Rücksichtslosigkeit, Bösartigkeit, Großmut und Larmoyanz, die die Autorin in diesen Charakter gelegt hat, erklärt sie damit, daß er ein X0-Mensch sei:

»Anfangs hatte er gar nichts verstanden. Es war um ein X0-Chromosom gegangen, was immer das sein mochte. Mittlerweile wußte er es … X0, X0, X0, das war die Formel, die Massimo um ein Haar das Leben gekostet hätte.«

Um diese Chromosomenanomalie herum, vermutlich die Grundidee des Ganzen, hat Lea Wilde einen mit Absonderlichkeiten und mythischem Ornithologenpathoschen gespickten 400-Seiten-Roman geschrieben, voller Selbstmitleid und Stimmen, die sich in alten Gewölben brechen, dessen Geschichte mit ebendieser Anomalie des Massimo, des armen Bösen, steht und fällt. Und man sollte meinen, die Autorin hätte vorher das ein oder andere medizinische Buch oder besser noch einen Menschen vom Fach zu Rate gezogen. Hat sie aber nicht.

Hätte sie das getan, wäre ihr zu Ohren gekommen, daß die von ihr beschriebene gonosomale Genommutation, Monosomie X, wie es fachsprachlich heißt, nur bei Frauen und Mädchen auftritt. Und keinesfalls bei Männern. 

Glücklicherweise werden aber die meisten Lea-Wilde-Leserinnen bei ihrem Schulabschluß nicht Biologie im Leistungsfach belegt haben, sonst ginge sie nun den Bach runter, die schöne Geschichte.

Demimonde

Nur zu gern griff die blasierte und triebreduzierte Oberschicht der moralisierenden städtischen Anstandszivilisation in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts Dumas‘ Begriff »Demimonde«, Halbwelt, aus dem Roman »Kameliendame« auf, um die lebenspralle, abenteuerliche Parallelwelt zu entwerten, die so ganz andere Vorstellungen von Sitte und Moral hatte – und vor allem lebte – als sie selbst.

Die Bezeichnung »Halbwelt« hat sich bis heute gehalten, ebenso wie ihre pejorative Konnotation, und sobald in der geschrumpften Ganzwelt der anständigen, wenn auch sexualmoralisch verknöcherten Kulturbeauftragten und feministischen Oberlehrerinnen die Rede auf die »Halbwelt« kommt, gehen sichtbar überall die roten Lichter an, und die Beteiligten verschwinden nach kurzer Zeit in Richtung Toilette, Verzeihung: Waschraum, und waschen sich den Mund aus.

Nur den einen oder anderen Professor Unrat halten vielgestaltigere Erfahrungen auf seinem Platz, denn er ist sich immer noch nicht sicher, welche der beiden Halbwelten die richtige für ihn ist oder ob es nicht wünschenswert sein könnte, beide Halbwelten auf neue und kreative Weise miteinander zu verbinden.