Über Kunst und Fälschung

Wenn spektroskopische Altersbestimmung, reflektoskopische und mikroskopische Untersuchungen notwendig sind, um zu bestimmen, ob ein Kunstwerk echt ist, und nicht mal ausgewiesene Kunstwissenschaftler in der Lage sind, ohne all diese technischen Hilfsmittel eine Fälschung vom Original zu unterscheiden, dann wird deutlich, daß der Mythos von der Aura des Kunstwerks eben das ist, was er ist: ein Mythos. Wäre es nicht so, könnte jeder Kunstrezipient problemlos das Original von der Reproduktion unterscheiden, und man könnte sich aufwendige und teure Expertisen sparen, weil ja jeder gleich sehen würde, was Sache ist.

Wichtig ist, was die Menschen glauben. Wenn sie an die Echtheit eines Kunstwerks glauben, werden sie der Kopie gestatten, so auf sie zu wirken, als seien sie mit dem Original konfrontiert. Das ist das eine.

Das andere ist Folgendes: Wenn ein begnadeter Fälscher mir die perfekte Kopie eines Bildes von Max Ernst anfertigt, dessen Ausdruckskraft mich jedesmal, wenn ich im Museum war, trotz des Gefühls, nicht allein und unter Beobachtung zu sein, tief auf mich gewirkt und mich mitgerissen hat, dann reicht mein Bewußtsein, eine Fälschung vor mir zu haben, nicht aus, um mir diese tiefe Empfindung zu nehmen, wenn ich, wann immer ich will, in meinem Wohnzimmer vor dieses Bild trete.

Wenn der reiche Mensch dagegen, der es sich leisten kann, einem Museum ein bedeutendes Kunstwerk wegzuschnappen, in seinem elektronisch gesicherten privaten Museum vor den Rembrandt tritt, dann genießt er nicht so sehr die Aura des Kunstwerks, sondern in erster Linie sich selbst, seine Herausgehobenheit, seine gesellschaftliche Stellung, seine Macht.

Qualität

Im Kulturbetrieb wie auch in der Gesellschaft allgemein ist nicht so sehr entscheidend, welche Qualität das hat, was einer tut, entscheidend ist vielmehr, welche Stellung er hat oder welche ihm zuerkannt wird. Das führt dazu, daß nicht mehr so wichtig ist, wie gut ein Kunstwerk ist, sondern entscheidend ist, was sich daraus machen läßt. Autoren, Musiker und dergleichen machen sich nicht mehr selbst, sie werden gemacht: von Werbestrategen und Multiplikatoren, von ernannten und selbsternanntenKunstkennern.

Jeder Dummkopf kann aus einem durchschnittlichen Buch einen großen Wurf machen, wenn er nur die Stellung dazu hat – und sei es auch nur eine An-Stellung: bei einer Feuilletonredaktion.