Unzulänglichkeiten

Beim Kampf gegen Unzulänglichkeiten lohnt sich besonders das Vorgehen gegen die eigenen Schwächen. Leider geht das nicht selten mit unzulänglichen Mitteln vonstatten oder wird gar auf später verschoben. Es ist leichter, die Schwimmtechnik anderer zu kritisieren und sich über deren Tolpatschigkeit zu mokieren, als selbst versuchsweise den Schwimmring beiseite zu legen.

Besonders genau bei der Beurteilung von Schwimmern nehmen es nicht etwa Schwimmlehrer, sondern jene, die selbst gerade mit Mühe und Not das Schwimmen gelernt haben. Die schärfsten Kritiker der Schwimmer aber sind seit eh und je die Nichtschwimmer.

Über Kritik

Da wir in unserem fortgeschrittenen Denken beim Pluralismus der Perspektiven angekommen sind, sollten wir diesen auch bei der Kritik anwenden: Es gibt viele Formen von Kritik, und wir müssen in jedem einzelnen Fall herausfinden, ob die Kritik Wert für uns oder an sich hat oder nicht. Auch die Frage, ob eine Kritik „akzeptabel“ ist oder nicht, hängt ab von den Maßstäben, die wir anlegen, um Kritik zu beurteilen. Eine inhaltlich wertvolle Kritik kann ebenso unakzeptabel sein, zum Beispiel in der Form, wie eine von geringem Wert akzeptabel.

Einen allgemeingültigen Maßstab für Kritik gibt es nicht. Am besten scheint mir jedoch solche Kritik zu sein, die sich offen zeigt für jede Form der Kritik an der Kritik. Obgleich auch die selbstkritische Kritik alles Recht hat, auf exogene Kritik kritisch zu reagieren. Eine Kritik, die Kritik auszuschließen versucht, verliert ihr Recht.

These – Antithese – Synthese, das ist ein guter Weg, vorausgesetzt, die Synthese gebiert neue Thesen und Antithesen und erstarrt nicht in Selbstgefälligkeit.

Wie das Denken allgemein, so ist auch Kritik als Prozeß zu betrachten und nicht als Endpunkt eines Prozesses.

Kritik und Kreativität

Wenn es etwas zu kritisieren gibt, wird auch der Unkreativste kreativ. Vor allem dann, wenn er etwas nicht verstehen will, weil es gegen seine eingeschliffenen Überzeugungen gerichtet ist. Dann ist kein Mittel zu billig, keine Unterstellung zu abwegig, um nicht mit viel Brimborium geäußert zu werden.

Der Stillose entdeckt plötzlich seinen Sinn für den Stil (des zu Kritisierenden), und der grobschlächtig Argumentierende reagiert hypersensibel auf rhetorische Wackeligkeit (beim anderen), wenn er schon keine offensichtlichen Rechtschreib- oder Grammatikfehler findet. Und am Ende glaubt der Kritiker des Kreativen tatsächlich, er selbst wäre der eigentlich Kreative. Dagegen hilft nur eines: die Kritik des Kreativen, die kreative Kritik der Kritik.

Kultur

Jemand schrieb:

Kultur ein typisch deutsches Wort. Eine (sic!) so lebendiges Miteinander, (sic!) mit so einem bürokratischen Wort zu benennen. Am besten noch Kulturen studieren. Der Höhepunkt einer sprachlichen Entgleisung.

(Genaugenommen sind eher diese unvollständigen Sätze in mehrerer Hinsicht neben der Spur.)

Mein ebenso dezenter wie begründeter Hinweis, daß das, was er schreibt, in jeder Hinsicht unzutreffend ist, wurde nicht freigeschaltet, weil wohl zu kritisch. Deshalb hier kurz meine Begründung, weshalb diese zwei Zeilen barer Unsinn sind und nicht wirklich zum Weiterlesen einladen.

Zum einen ist Kultur alles andere, nur kein typisch deutsches Wort, denn es ist abgeleitet von lateinisch cultura, wie das in den meisten europäischen Sprachen der Fall ist. Cultura, colturo, kultur, culture, kulttuuri und so weiter. Zugegeben, auf Hawaii, in Birma und in Tibet ist man weniger »bürokratisch« …

Was macht nun das deutsche Wort Kultur im Gegensatz zu den anderen Ableitungen, also zum Beispiel zum typisch? dänischen kultur, bürokratisch?, frage ich mich. Und die Antwort, man ahnt es, ist: nichts. Nichts, außer der Phantasie des Autors.

Wahrscheinlich hat er auch nicht Ethnologie studiert, was man früher Völkerkunde nannte, sonst käme er nicht auf die Idee, ein solches Studienfach wäre »der Höhepunkt einer sprachlichen Entgleisung«.

Aber man kann ja jeden Unfug unwidersprochen von sich geben, und der steht dann da, als wäre es keiner, wenn man Widerspruch nicht zuläßt.

Kulturen sprechen Sprachen

Über die Negativität kritischer Einwände

Ein farbenblinder Regisseur esoterischer Stummfilme antwortete auf einen meiner kritischen Einwände:

Du interpretierst kontinuierlich. Und du interpretierst natürlich gemäß deines Denkens. Was ich schreibe, wird nicht gelesen, du liest es schon auf deine eigene Weise. Und da du zweifelst, liest du nur Zweifelhaftes. Und da du negativ bist, liest du nur Negatives.

Meine Antwort:

Du weißt ja: Ich habe sehr viel Geduld, und wenn es nötig ist, wiederhole ich mich auch gern noch mal und noch mal.

1. »Du interpretierst kontinuierlich.«

Alles, was du sagst, sind DEINE Interpretationen DEINER Wirklichkeit. Es gibt keinen hinreichenden Grund, mehr darin zu sehen als Interpretationen. Warum nun sollten diese Interpretationen von mir anders behandelt werden als meine eigenen Interpretationen oder diejenigen anderer Leute? Wenn ich sogar selbstkritisch genug bin, meine eigene Sicht der Dinge mit einer gewissen Vorsicht zu beäugen und auf Plausibilität abzuklopfen, warum sollte ich dann gerade bei dir, der so offensichtliche und objektivierbare Fehler produziert, eine Ausnahme machen, als wäre ich eine Mutter, die ihr Söhnchen trotz seiner Mängel über den grünen Klee lobt, weil eine Mutter das eben tut.

2. »Und du interpretierst natürlich gemäß deines Denkens.«

Abgesehen davon, daß »gemäß« und der Genitiv sich von jeher nicht miteinander vertragen und deshalb nicht zusammen in einen Satz gesperrt werden sollten, hast du völlig recht: Ich interpretiere gemäß meinem Denken. Und du hast auch recht mit dem „natürlich“. Wenn deine Weisheiten nur dann verstanden werden, wenn ich meinen Kopf abschraube, ihn durch einen andern ohne Urteilsfähigkeit und eigene Denkleistung ersetze, dann kann es mit deinen Weisheiten nicht weit her sein.

3. »Was ich schreibe, wird nicht gelesen, du liest es schon auf deine eigene Weise.«

Was heißt das? Hier handelt es sich um eine sehr eigentümliche Logik. In dem Satz wird gesagt »nicht gelesen« und »du liest«. Es werden zwei Aussagen gemacht, die einander widersprechen. Selbst Laotse mit seiner brillanten paradoxen Denkweise würde hier milde lächeln ob der vordergründigen Absicht, dem Wunsch nach Unterwerfung, der diesem Unsinn zugrunde liegt. Das ist nicht mal ein Taschenspielertrick.

4. »Und da du zweifelst, liest du nur Zweifelhaftes.«

Das heißt also, du kannst schreiben, was immer du willst: etwa die Erde ist ein Fahrrad, und wenn einer seine Zweifel hat, daß diese Aussage richtig ist oder auch nur semantisch nachvollziehbar, dann nicht etwa, weil du Blödsinn erzählst, sondern weil sein Denken durch Zweifel vergiftet ist. Du machst es dir ganz schön leicht. Du erklärst, man solle sich erst mal einer Gehirwäsche unterziehen, bevor man die heiligen Hallen deiner Wortkunst betritt.

5. »Und da du negativ bist, liest du nur Negatives.«

Das ist nun wirklich ein Taschenspielertrick. Oder sollte man besser sagen: die letzte Konsequenz aller gescheiterten Möchtegernimperatoren? Wer nicht für mich ist, ist gegen mich.

Es ist so, als würde ein Regisseur von Schwarzweißfilmen, der behauptet, seine Filme seien die einzig farbigen, zu den zweifelnden Zuschauern im Kino sagen: Wenn ihr keine Farben seht, dann liegt das an eurer Wahrnehmung.

 

 

 

 

Kritiker

Ein Kritiker sollte stets ein wenig klarsichtiger sein als der Kritisierte, denn ein Großteil der Kritik ist bei genauerer, lichtunterstützter Betrachtung nichts anderes als ein entzückendes Nebelschauspiel, sieht man doch, wie so mancher Nebelkerzen in den Nebel wirft, als wolle er sagen: Mein Nebel ist der interessantere.

Hat man keine intellektuelle Windmaschine zur Verfügung, ist es besser, man wartet, bis der Nebel sich von allein verzogen hat oder andere ihren Argumentationsfön in Gang gebracht haben. Dann kann man in aller Ruhe die hellsichtige Kritik der anderen paraphrasierend nachplappern.

Kritik als Geschenk

Kritik als Geschenk

Bei keiner Art Geschenke wird das Geschenkpapier so wichtig genommen wie beim Geschenk der Kritik. Meist wichtiger als das Geschenk, das in diesem Fall gern zusammen mit dem Papier weggeworfen wird. Doch wehe, es gibt keine Schleife. Ist eine dabei, ist sie oft das einzige, was vom Geschenk der Kritik überdauert.