Fruchtbare Gespräche

von: Lyriost

Ein Gespräch zwischen Menschen ist dann besonders fruchtbar, wenn sie sich darin einig sind, daß sie sich in unterschiedlichen Dingen irren und das Ziel ihres Gesprächs nicht ausschließlich darin bestehen sollte, ihre Irrtümer zu nivellieren.

Meinungsauswahl

»Der Kommentar muss erst noch freigeschaltet werden …«

Jemand schrieb sinngemäß, die obersten europäischen Richter wären blöde Antisemiten. Daraufhin erklärte ich in einem Kommentar sachlich und mit, wie ich glaube, recht guten Argumenten, weshalb ich diese Meinung, die der Schreiber natürlich nicht für seine Meinung, sondern für Wahrheit hält, weshalb ich diese Meinung nicht teilen kann und daß ich es für eine schlechte Angewohnheit halte, Andersdenkenden, in diesem Fall den obersten europäischen Richtern, inflationär den Stempel Antisemit aufzudrücken.

Das ist ja sehr in Mode. Wie leider auch wieder der tatsächliche Antisemitismus. Ob und (wenn ja) wie beides zusammenhängen könnte, möchte ich hier nicht erörtern, sondern nur darauf hinweisen, daß es möglicherweise einen Zusammenhang gibt.

Daraufhin las ich kurz und knapp, ich schriebe »Schwachsinn«.

Leider wollte man mir nicht erklären, inwiefern meine Worte als »Schwachsinn« angesehen wurden und weshalb genau die Richter blöd sind. Möglicherweise weil es zuviel Mühe gemacht hätte, mir das zu erklären, oder weil man sich nicht mit Denkprozessen den Abend verderben mochte.

Also ließ man den »Schwachsinn«-Satz, den ein anderer als ich möglicherweise als beleidigend empfinden könnte, als letzten Kommentar stehen und gab weitere Kommentare nicht frei.

Da ich so etwas wie auch die Abschaltung der Kommentarfunktion in letzter Zeit öfter erlebt habe, obgleich meine Kommentare weder beleidigend noch unsachlich waren, sondern lediglich einer anderen Meinung argumentativ Ausdruck gaben, werde ich zukünftig Meinungsäußerungen auf Blogs, die Kommentare einer Zensur unterwerfen, nicht mehr dort kommentieren, sondern bei Bedarf hier in der Rubrik »Einer sagte«.

Dann bleiben die Genannten vom fremden Meinungsschmutz auf ihren heiligen Seiten verschont.

Kommunikative Widrigkeiten

Neulich stellte jemand auf einem Blog (sich selbst?) die Frage, warum jedes Gelingen ein solches Ausmaß an Zeit und Bemühung beanspruche. Und im weiteren erklärte er, „unser Dasein“ sei „gewissermaßen ins Uneigentliche abgerutscht“, und um es „wahrhaft zu leben“ sei ein anderer „psychischer Zustand erforderlich“. Kurz gesagt: „Ekstatisches Glück“ sei nur „in der Freiheit“ erfahrbar, die möglicherweise illusionär sei. So der Kern seiner Aussage.

Ich gab dazu einen freundlichen, sachlichen, in keiner Weise auf die Person des Autors zielenden Kommentar ab, der seine Aussagen ein wenig relativierte, und wurde wenig später mit persönlichen Unterstellungen, psychogrammähnlichen Mutmaßungen bombardiert, Äußerungen, deren Heftigkeit mich nicht nur wenig überraschte. Zum Inhalt meines Kommentars sagte er so gut wie nichts: Meine Aussagen seien zweifelhaft, es gäbe „tausend Argumente“, die man dagegen vorbringen könne, aber die Zeit sei zu kostbar, um sich mit „pseudophilosophischen Fragen“ zu beschäftigen.

Nachdem ich mich dazu durchaus detailliert geäußert hatte, wurden alle Kommentare gelöscht.

Jetzt frage ich mich: Aus welchem Grund stellt jemand Texte ins Netz und ermöglicht durch die Kommentarfunktion einen Meinungsaustausch, wenn er an einem Meinungsaustausch nicht interessiert ist?

Das zur Vorrede. Nun zum Eigentlichen.

Das Mühevolle am Gelingen. – Soll man auf bekannte Sprichwörter verweisen wie: „Ohne Fleiß kein Preis“ oder „Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen“, oder ist es besser, einfach zu erwähnen, daß sich bereits in der Bibel, Genesis 2, der Ausspruch findet: „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen …“? Ja, das Leben der meisten Menschen ist bisweilen mühsam.

Das ins Uneigentliche abgerutschte Dasein. – Da stellt sich mir die Frage, was wir uns unter einem Eigentlichen vorzustellen haben, in dem unser Dasein sich zu einem früheren Zeitpunkt befunden haben könnte. Wie sah das aus, und zu welchem Zeitpunkt war unser Dasein noch im Eigentlichen? (Mir kam gerade der Gedanke, der Autor könnte mit „wir“ etwas anderes meinen als ich, also nicht einen Pluralis modestiae, sondern eine Art Pluralis majestatis oder einen Beziehungsplural benutzen – das sollte er dann aber erwähnen.)

Glück und Freiheit. – Ich will es kurz machen: Glück ist zum großen Teil Ansichtssache und Freiheit darüber hinaus ein Wort wie ein hohler Backenzahn, solange es nicht definiert ist, ein Leerraum, den jeder beliebig mit dem füllt, was er darin unterzubringen wünscht.

Der autoritäre Charakter

Der autoritäre Charakter platzt in eine Diskussion zum Thema Singvögel und ihre Stimmen. Da ihn dieses Thema jedoch so gar nicht interessiert und er bestenfalls laienhafte Kenntnisse auf dem Gebiet der Ornithologie vorzuweisen hat, erhebt er das Wort, um darauf hinzuweisen, daß Vogelfreunde fälschlich behaupteten, Vögel würden häufig Opfer von umherstreunenden Katzen, was jedoch unzutreffend sei. Nun beginnt er (es ist sein Steckenpferd), Belege für die Vogelfreundlichkeit der Katzen auszubreiten, und fährt jedem über den Mund, der Einwände erhebt. 

Einer, der verwundert schaut ob der Themenverlagerung, aber ansonsten schweigt, wird von unserem autoritären Katzenfreund auf barsche und beleidigende Weise genötigt, endlich etwas zu seinen Thesen zu sagen, und man sieht dem Katzenfreund an, der sich mehr und mehr erregt und außer sich gerät, daß er dem Wortverweigerer am liebsten Daumenschrauben anlegen würde, um dessen Aussage zu erzwingen.

Der Wortverweigerer aber lächelt nur und sagt: Es steht nirgendwo geschrieben und ist auch nicht üblich, daß jemand gezwungen werden kann, über Themen anderer zu reden, seien es nun fixe Ideen, Zwangsvorstellungen oder auch nur Belanglosigkeiten.

Dummerweise ist Folter zur Zeit verboten, denkt sich der autoritäre Charakter. Und schleicht grummelnd davon.

Negative Kongruenz

Ein sinnloses Unterfangen: mit schwachen, unfairen Menschen offen, geduldig und rücksichtsvoll zu verkehren. Weit entfernt davon, sich ein Beispiel zu nehmen, legen sie es dir als Schwäche aus und warten auf eine günstige Gelegenheit, dir deine Fairneß durch Bosheit zu vergelten. Statt Annäherung und den Versuch, kommunikative Deckungsgleichheit zu erreichen, erzeugt faires Verhalten des einen eher das Gegenteil: negative Kongruenz.

Penisverlängerung

Alle Welt klagt angeblich über Spam zum Thema Penisverlängerung. Mich stört solcherlei Werbemüll nicht. Ich mache klick und weg. Ist es wirklich alle Welt, die klagt? Sind es am Ende nicht vor allem die Zukurzgekommenen, die mit den Kleinen, die von derartigen Mails an ihre Mißlichkeiten erinnert werden? Als wüßte nicht jeder aufgeklärte Mensch, daß es nicht so sehr auf die Länge ankommt bei den Bohrwürmern, als vielmehr aufs Volumen. Doch die allzu kurzen Gerätchen sind meistens gleichzeitig allzu schlank.

Gern wird von jenen Benachteiligten die Penisverlängerung auch als Metapher im Wortgefecht benutzt. Da wird dann einem, dessen begründeten Argumenten man nichts entgegenzusetzen hat, vorgeworfen, er wolle sich wichtig machen, er habe wohl eine Penisverlängerung nötig. So einfach ist die Wahrnehmung dieser Armen im Fleische, daß sie tatsächlich glauben, es ginge allen so wie ihnen.

Penisverlängerung ist wirklich nur ein Thema für die Armen.

Mißverständnisse

Jede Kommunikation, und sei sie auch noch so aufmerksam und auf Genauigkeit bedacht, ist nicht nur geprägt von Verstehen und Verständnis, sondern in gleichem Maße auch von Mißverstehen, zumindest von partiellem.

Bevor wir miteinander ins Gespräch kommen und uns mitteilen, hat bereits ein internes Gespräch stattgefunden (und findet auch während des Austauschs unentwegt statt), und auch dieses ist mit Mißverständnissen behaftet, denn wer verstünde sich selbst zur Gänze? Der Mischmasch von Gefühlen und Gedanken, der in uns hochsteigt, muß in irgendeiner Weise in Sprache umgesetzt werden, verbal und nonverbal, und dieser Umsetzungsprozeß geschieht zum größten Teil unbewußt und ist mit idiographischen Vorgaben behaftet, die wir selbst nicht durchschauen.

Nichtsdestotrotz gehen wir davon aus, daß der Gesprächspartner uns versteht. Notwendigerweise äußern wir uns in einer Sprache, die auf der einen Seite viel zu ärmlich ist, um komplexe Gefühlswelten darzustellen, aber andererseits vieldeutiger, als es die Wörterbücher der Semantik glauben machen wollen, denn alles steht und fällt mit den konnotativen Bedeutungen des Gesagten, und diese sind nicht so universell, wie von vielen angenommen wird. Von den persönlichen Assoziationsgebirgen ganz zu schweigen.

Und dann gibt es noch die Mißverständnisse, die auf der syntaktischen Struktur der Sprache beruhen, aber das sind die im Gespräch am leichtesten aufzulösenden. Ein Beispiel:

Ich sage: »Gefühle können nicht lügen, aber sie können täuschen. Und wir können unsere Gefühle nicht verstehen oder mißverstehen.« Darauf bekomme ich die Antwort: »Wenn wir sie nicht verstehen und nicht mißverstehen können, wie du sagst, dann wären sie erst mal einfach so, und sie würden irgend etwas mit uns machen, was uns unverständlich bleibt.«

Gemeint hatte ich: Es besteht die Möglichkeit, daß wir unsere Gefühle nicht verstehen, und es kann sein, daß wir unsere Gefühle mißverstehen. Gut, zugegeben, so wie ich mich ausgedrückt hatte, ist der Satz auch anders interpretierbar, als ich ihn gemeint hatte. Aber immerhin ist er mehrdeutig, wenn man genau hinschaut. An der Antwort aber wird deutlich, daß weder meine Intention noch die Mehrdeutigkeit meines Satzes vom Empfänger wahrgenommen wurde, sondern der Satz wurde in der Antwort zu einer gewissermaßen dogmatischen Aussage über das Verstehen von Gefühlen uminterpretiert.

Ob eine solche gleichsam dogmatische Aussage ihre Berechtigung haben könnte, ist wieder eine andere Frage, und nach genauerem Überlegen komme ich zu dem vorübergehenden Schluß, daß es vielleicht tatsächlich so sein kann, daß wir unsere Gefühle nicht verstehen können.

Aber daß wir uns und einander hin und wieder trotzdem verstehen, oder zu verstehen scheinen, grenzt an ein Wunder.

Und hätte ich nicht nachträglich das Reziprokpronomen »einander« in diesem Text eingefügt, wäre das nächste Mißverständnis bereits vorprogrammiert.

So schwierig kann das Verstehen sein.

Verständigungsparadoxie

Zu den tragischen Absonderlichkeiten der zwischenmenschlichen Kommunikation gehört die Tatsache, daß uns die am besten zuhören, zu denen wir nicht sprechen, und daß uns die, denen wir etwas sagen wollen, nicht zuhören.