Regeln

Wenn ich mich in der Öffentlichkeit äußere, muß ich damit rechnen, daß ein anderer öffentlich etwas dazu sagt. Dabei kann es vorkommen, daß mir das, was gesagt wird, mehr oder weniger gut gefällt. Das ist Risiko und Chance zugleich.

Zum einen kann durch den Kommentar des andern etwas deutlich werden, von dem ich (zum Beispiel aus Gründen der Eitelkeit) nicht möchte, daß es deutlich wird. Zum anderen aber kann mir klar werden, daß ich nicht genügend nachgedacht habe über dieses oder jenes. Ich habe also Gelegenheit, etwas dazuzulernen.

In jedem Falle entspricht es meinem Demokratieverständnis, alle zu Wort kommen zu lassen, die anderer Meinung sind als ich selbst, solange sie ihre Meinung sachlich oder polemisch, ironisch, süffisant oder sonstwie originell äußern. Persönliche Angriffe, Beschimpfungen und Beleidigungen kann ich, muß ich jedoch nicht dulden, wenngleich auch solche manchmal sinnvollerweise geduldet werden sollten, weil sie sichtbar und für die Mehrheit nachvollziehbar auf ihre Urheber zurückfallen und deren Gedankenarmut deutlich werden lassen. Denn persönlich beleidigende Angriffe sind normalerweise ein Zeichen fehlender Argumente oder eines Mangels an Argumentierfähigkeit. Oder auch nur eines Überschusses von Gallensekret.

So halte ich das auch hier auf meinem Blog. Hier darf jeder kommentieren, der etwas zu sagen hat, und auch jeder, der nichts zu sagen hat, aber auf originelle Art und Weise davon ablenkt, daß er nichts zu sagen hat. Ob das Gesagte sich mit meiner Meinung deckt, spielt dabei naturgemäß keine Rolle. Aber selbstverständlich muß jeder, der einen Kommentar abgibt, wissen, daß dieser Kommentar kommentierbar ist und von mir selbst oder von anderen kommentiert wird.

Persönliche Verunglimpfungen und Beleidigungen, die erkennbar über metaphorisch mehr oder weniger kunstvolle Charakterisierungen von Verhaltensweisen oder Haltungen hinausgehen, sind davon ausdrücklich ausgenommen. Sie werden entweder gelöscht, oder der Urheber wird gebeten, sich zu entfernen, und erst dann wieder zu erscheinen, wenn er meine Regeln hier respektiert. Auf seinem eigenen Blog kann er es halten, wie er will. Hier nicht.

Auf anderen Blogs erfahre ich manchmal, daß es Zeitgenossen gibt, die ganz andere Regeln haben. Und diese Regeln haben häufig eher totalitäre Tendenz. Sachliche Kritik ist nicht erwünscht, und bei Nichtbeachtung gibt es postwendend persönliche Beschimpfungen, Unterstellungen und dergleichen. Da merkt man schnell, daß diese Blogs nur der Selbstdarstellung und narzißtischen Bestätigungssucht dienen, und wenn man es nicht schnell genug merkt, dann läuft man Gefahr, verbal aufgeschlitzt oder in einen Betonmischer gesteckt zu werden. Nun ist ja mein Fell härter, als es die Spielzeugmesser sind, mit denen an solchen Orten herumgefuchtelt wird, aber unästhetisch ist das Ganze dennoch.

Wenn man sich dann, schon aus hygienischen Gründen, aus dem „Gespräch“ von solchen Orten zurückzieht und das ausdrücklich in einem letzten Kommentar, explizit, vermerkt, muß man aber damit rechnen, daß einem noch jede Menge verbale Steine hinterherfliegen. Manchmal wird es sogar spaßig, wenn man, nachdem man sich schon weit entfernt hat, noch zu hören bekommt, man solle endlich Ruhe geben.

Doch ich verstehe das Bedürfnis. Ruhe ist die erste Bürgerpflicht, für die andern.

Was ich nicht verstehe, ist, daß man einen Ruhigen auffordert, Ruhe zu geben.

Ein Wahrnehmungsproblem.

Bumerang

Vor einiger Zeit bekam ich eine lange Mail von einem, der mir und einem anderen mal auf den Schlips treten wollte, was ihm jedoch nicht gelang, weil er übersehen hatte, daß ich keinen Anpassungsstrick um den Hals trage, aber der selbst einen derart langen mit sich schleppte, daß ich nicht vorbeitreten konnte. Was ihm nun wieder gar nicht gefiel.

Trotz enervierend redundanter Diktion habe ich nicht verstanden, was er von mir wollte, nur eines: Mein Blog gefällt ihm nicht. Das ist sein gutes Recht, und er darf das gern auch öffentlich kundtun. Was ihm, wie er mir mitteilte, zu umständlich sei, wobei er mir gleich unterstellte, das liege in meiner Absicht. Tut mir leid, kann ich nur sagen, da irrst du dich gewaltig. Ich habe nicht beim Blogbetreiber (damals noch Blogigo, ist schon ein paar Jahre her) darauf hingewirkt, daß die Leser sich anmelden müssen, bevor sie kommentieren können, obwohl das so umständlich nun auch nicht ist, aber sei’s drum: Ich freue mich über jeden Kommentar, und ich gehöre nicht zu denen – ich will hier keine Namen nennen –, die jeden Kommentar umgehend löschen, wenn er sich inhaltlich nicht mit ihrer eigenen Meinung deckt, oder die Kommentarfunktion ängstlich der Zensur unterwerfen, was ich bei längerer Abwesenheit allerdings nachvollziehen kann. Im Gegenteil: Man kann aus Kommentaren lernen. Immer.

Der Kommentar dieses Menschen kam also per Mail und bestand darin, daß er mir in Gänsefüßchen mitteilte, in der Schwerelosigkeit lasse sich trefflich luftleer philosophieren. Das war’s. Nicht die Spur einer inhaltlichen Aussage.

Nun weiß ich aus dem Biologieunterricht, obwohl der schon lange zurückliegt, daß das Leben in der Schwerelosigkeit ziemlich schwierig ist und erst recht das Philosophieren, denke ich mal, was ich hier nicht näher zu erklären brauche, weil die meisten wissen werden, warum das so ist.

Vermutlich weiß der Schreiber der Mail das auch, aber er wollte wohl etwas anderes sagen, was ihm aber nicht gelungen ist. Also tue ich das jetzt für ihn. Ich denke, er wollte sagen, fernab der Realität lasse es sich gut philosophieren, weil der Bezug zur Realität das Philosophieren erschwert. Dazu kann ich nur sagen: Ich befinde mich mitten in der Realität – oder vielleicht am Rand, wer weiß das schon so genau. Der Schreiber der Schwerelosigkeit jedoch hat hier eine Aussage getroffen, die irreal ist. Mit Recht könnte ich jetzt sagen, es sei sinnlos, mit irrealen Aussagen anderen Realitätsferne zu unterstellen. Und das sage ich.

Da fällt mir ein Gedicht von Ringelnatz ein:

Bumerang

War einmal ein Bumerang
War ein Weniges zu lang.
Bumerang flog ein Stück
Aber kam nicht mehr zurück.
Publikum – noch stundenlang –
Wartete auf Bumerang.

Aber manchmal kommt der Bumerang dann doch noch zurück.

PS: Der andere hat sich übrigens weniger zurückhaltend ausgedrückt. Er sagte zu dem weltfremden Mail-Schreiber schlicht: »Dir haben sie wohl ins Gehirn geschissen.« Möglich, aber wohl doch auch eher irreal.