Normal dumm

Es heißt, wer dumm sei, denke weniger nach. Doch woher will man wissen, daß jemand, der »dumm ist« – was immer das für ein Zustand sein soll und wie immer der zu definieren wäre –, daß also ein Dummer weniger nachdenkt? Vielleicht ist der Dumme nur scheinbar dumm und redet nur weniger über sein Nachdenken, weil er davon ausgeht, andere hielten sich für klüger und könnten sich möglicherweise über seine Gedanken, die eventuell gar nicht so dumm sind, amüsieren. Das wäre übrigens ziemlich klug gedacht von dem angeblich Dummen.

Und wenn ich mir die Horde von klugscheißenden Plapperern anschaue, die heute in den Medien geräuschvoll eine Fülle von Gedanken ausfurzen, ganz am Beginn des notwendigen Gärprozessses, und morgen bereits wieder mit neuen, kumulusartigen Gedankengebilden schwanger gehen, dann habe ich sehr große Zweifel, daß bei tatsächlich Dummen Gedankenarmut herrscht. Es ist wohl nicht so sehr die Fülle, an denen es den Dummen mangelt, ja nicht mal die Form; vielmehr fehlt es an Tiefe und Substanz.

Man sieht, die Definition von Klugheit und Dummheit scheint nicht ganz so einfach zu sein, wie allgemein glauben gemacht wird, und unter denen, die sich für klug halten, grassiert Dummheit mindestens ebensosehr wie unter denen, die glauben, sie wären dumm.

Ziemlich sicher ist jedoch die Frage nach der Dummheit nur perspektivisch zu beantworten und nicht mit dem Maßstab des sogenannten Normalen zu messen, denn ich kann mir ohne Mühe eine Perspektive vorstellen, von der aus das »Normale« als dumm zu betrachten ist.

Klugheit und Weisheit 

Unendlich sind nicht nur das Universum und die menschliche Dummheit, wie Einstein sagt – wenngleich er sich bei der Dummheit nicht ganz sicher ist –, unendlich sind auch die Sprüchesammlungen über ebendiese Dummheit. 

Sehr beliebt ist der Spruch: „Nur der Dumme muß alle Erfahrungen selber machen.“ Gern Laotse zugeschrieben, obgleich so ein Diktum nicht zu der Weltsicht Laotses paßt. Oder, wie mein Vater sagte: „Der Kluge lernt aus den Fehlern der anderen.“

Die weniger Dummen schicken also die ganz Dummen vor, damit diese für sie das Terrain erkunden. Durchaus klug gedacht, aber leider ist es so, daß es unsere schmerzlichsten Erfahrungen sind, die uns zur größten Klugheit führen, denn nur aus eigener Erfahrung wird man wirklich klug. Wir müssen alle erst einmal durch die Sümpfe der eigenen Dummheit waten, bevor wir ans rettende Ufer gelangen können. Bei vielen – und das sind nicht die Dümmsten – dauert das lebenslang, und die allermeisten versinken vorher im Morast. 

Weise kann nur werden, wer seine eigene Dummheit erkennt – und nicht nur die der anderen. Und die eigene Klugheit nicht mit Weisheit verwechselt. Wie sagt Laotse: „Andere durchschauen ist Umsicht – sich selbst durchschauen ist Einsicht.“ Oder: „Wer die anderen Menschen gut kennt, ist klug, wer sich selbst aber kennt, ist weise.“

Nur ein Dummer kann weise werden.

Klugheit

Ein kluger Mensch weiß, daß er bessere geistige Entwicklungsmöglichkeiten hat, wenn er davon ausgeht, daß er dumm ist – absolut gedacht und nicht im Vergleich zu anderen Mitdummen, seien sie nun klüger oder dümmer oder sogar relativ weise.

Der Weise würde niemals auf die Idee kommen, sich für absolut weise zu halten. Auch nicht für absolut dumm. Bestenfalls kann sich der Weise für relativ dumm halten.

Aber auch das wäre natürlich attitüdenverdächtig.