Mutmaßlich

Spiegel online meldet: »Hamburg.
Mann bei Ikea attackiert und schwer verletzt …

Durch einen Stich in den Rücken ist ein 22-Jähriger in einer Ikea-Filiale schwer verletzt worden. Der mutmaßliche Täter konnte flüchten.«

Was soll der Unsinn? Jemandem wurde von einem anderen, wie man lesen kann, ein Messer in den Rücken gerammt. Der offensichtliche und nicht als mutmaßliches Opfer bezeichnete Leidtragende ist im Krankenhaus, und der offensichtliche Täter hat sich aus dem Staub gemacht.

Wieso aber bezeichnet man nun den Täter, dessen Existenz unstrittig, dessen Identität im Augenblick jedoch noch nicht bekannt ist, als »mutmaßlichen« Täter? Geht man vielleicht davon aus, der Verletzte hätte sich selbst in den Rücken gestochen, vielleicht aus Langeweile oder nur mal so zum Spaß?

Wenn ich sehe, wieviel hirnloses Zeug in der Presse an der Tagesordnung ist, überkommt mich immer wieder mal das Grausen.

Schengener Journalismus

Die News-Suche bei Google bringt es an den Tag: Der Durchschnittsjournalist hierzulande versteht sich in erster Linie als Angestellter einer Wiederaufbereitungsanlage für Agenturtexte, und die ganz Bequemen dieser Gattung winken solche Texte gar unverändert durch, als wären sie Zollbeamte, die einer Art Schengener Abkommen für Meldungen unterliegen.

Journalismus

Den verängstigten Journalisten, den allzu satten Wortbeamten, denen zu Bloggern nichts anderes einfällt, als sie als Gelegenheitsrülpser zu diffamieren, weil einige von diesen ihnen in Zukunft vielleicht die Butter auf dem Brot dünnkratzen könnten, kann ich nur raten, sich ein wenig mehr von ihren Beschreibungsobjekten zu entfernen, damit es sich wieder lohnt, eine Zeitung zu kaufen. 

Unkritischen Hofjournalismus gibt es viel zu viel, und es ist wünschenswert, daß der ebenso verschwindet wie die phantasiefreien Marketingstrategen ihrer selbst oder ihrer Verlage und deren Werbungssponsoren, die uns mit ungrammatischer Hülsenkost zupflastern. 

Wenn der klassische Journalismus sich nicht wandelt, wird er langfristig verschwinden. Im Augenblick aber gibt es noch nicht genug professionelle journalistische Blogs, um den traditionsreichen Medienzirkus ernsthaft zu gefährden.

Bild in Berlin

 Weil der Spiegel in Hamburg ist, kann sich der Berliner kein Bild von sich selbst machen. Damit sich das ändert, kommt »Bild« jetzt nach Berlin. Den Berliner freut’s, denn so braucht er auch weiterhin nicht direkt in den Spiegel zu schauen und kann mit noch mehr Berechtigung als bisher behaupten, die Bilder von ihm seien Zerrbilder.

Vanity Fair

Der Text ist in mehrfacher Hinsicht eine Kopfgeburt: Gedanken und Schlagzeilen, Assoziationen und Lektürefrüchte rieseln, nein: nicht aufs Papier, sondern ins Internet, ohne je mit der Wirklichkeit in Berührung kommen zu müssen.

Märkische Allgemeine

Das schrieb ein gewisser Frank Dietschreit in der Zeitung eines größeren Dorfes über ein Projekt der »vermeintlichen Literaturgöttin« Elfriede Jelinek.

Wie mir scheint, hat er sich da in mehrfacher Hinsicht ein wenig vermeint, der gute Frank Dietschreit, denn daß die Schreibfrau aus Österreich eine Göttin sei, wird doch wohl weder von ihr behauptet noch von irgendeinem ihrer verständnisvollen Leser. Nicht mal der Rowohlt Verlag käme auf so eine krude Idee. Und Leser wie ich, die den Jelinek-Stil bisweilen als übertrieben geschraubt und diffus empfinden, schon gar nicht.

Literaturgöttin. So euphorisch ist kein Euphoriker. Aber was soll man machen: Wenn man jemandem etwas absprechen will, muß man es ihm vorher zuerkennen. Also erfindet der verhinderte Feuilletongott die Bezeichnung Literaturgöttin, um in dem nichtschmückenden Epitheton »vermeintlich« seine eigene abneigende Meinung (oder auch seinen Neid?) unterzubringen. Das ist das eine.

»Der Text ist eine … Kopfgeburt.« Ja, was denn sonst? Jeder Text, sogar der im Fäkaldunst sanitärer Einrichtungen von Zeitungsredaktionen ersonnene Mumpitz ist letztlich nichts anderes als eine Kopfgeburt, selbst wenn ihm das Odium der erfolgreichen Darmperistaltik anhaften mag. Kopfgeburt? Kopfgeburt!

»… ohne je mit der Wirklichkeit in Berührung kommen zu müssen.« Daß das Internet inzwischen in weit höherem Maße Teil unserer Wirklichkeit geworden ist als eine vermiefte Redaktionsstube, sollte sich doch inzwischen bis in die allerletzte Hinterwaldtoilette herumgesprochen haben.

Hat es tatsächlich. Nur wird es noch immer nicht so richtig verstanden. »Denn das Internet ist heute der denkbar öffentlichste Marktplatz der Eitelkeiten«, schreibt der Herr Dietschreit selbst, ohne zu merken, daß er damit das Internet als einen vollassimilierten Teil der Wirklichkeit beschreibt, die doch in Gänze und im Kern nichts anderes ist als ebendieser »Jahrmarkt der Eitelkeiten«, um mit Thackeray zu sprechen. Das ist das andere.

»Vanity Fair« ist überall.

Typisch

So funktioniert die Zeitung mit den vier weißen Buchstaben auf rotem Grund: 

Ein Beispiel aus Berlin: Mit Riesenlettern steht in der Überschrift: »Wohnungsbrand mit Verletzten – Gaffer blockieren Straße«

Ganz klein im Text dann die inhaltlich korrekte Nachricht fast ohne Fake-Schnörkel:
»Die vielen Schaulustigen wurden von der Polizei aufgefordert, von der Straße zu gehen und für die Einsatzkräfte Platz zu machen, zeigten sie sich den Angaben zufolge besonnen.« Gemeint ist: Als die vielen Schaulustigen von der Polizei aufgefordert wurden, von der Straße zu gehen und für die Einsatzkräfte Platz zu machen, zeigten sie sich den Angaben zufolge besonnen.

Ein Hintertürchen für die Fake-News-Liebhaber hielt man sich mit »den Angaben zufolge« offen. Mit gutem Journalismus hat das natürlich nichts zu tun. Wer von solchen Zeitungen richtigen Journalismus erwartet, dem ist nicht zu helfen.