Holocaustleugnung

Irgendein durchgeknallter Bischof relativiert den Holocaust dahingehend, alles sei gar nicht so schlimm gewesen, andere meinen gar, er hätte nicht stattgefunden. Der Papst hat diesen Bischof, der (aus anderen Gründen) aus der Kirche ausgeschlossen war, wieder aufgenommen, obwohl jener solchen Unsinn erzählt (wie auch allerlei andere kapriziöse Kuriositäten hervorbringt). Und schon läuft die Debatte über den Holocaust wieder auf Hochtouren. Holocaustleugnung hat Konjunktur.

Deshalb habe ich mich gefragt, wozu es gut sein soll, daß jemand den Holocaust leugnet oder – meinetwegen – auch nur relativiert. Was ist die Motivation derer, die das tun? Haben sie selber oder Angehörige Dreck am Stecken, verstehe ich das. Auch wenn sie in irgendeiner nationalistischen Traumheldenwelt leben, kann man das nachvollziehen, denn wer möchte schon aus seinen so schöngeträumten Gefilden weggehen? Bei dem Bischof – der übrigens auch bemerkenswerte Träume hat: von frauenfreien Universitäten zum Beispiel, und der Meinung ist, der Vatikan sei unter satanischer Kontrolle, kann ich nur vermuten, was ihn treibt, ich kenne ihn ja nicht persönlich, wiewohl ich das nicht bedaure. Wissenschaftliches Genauigkeitsbedürfnis aber ist, da bin ich sicher, eher weniger der Grund für die krausen bischöflichen Thesen. Im Vertrauen gefragt, und wenn er ein paar Gläser Wein zuviel getrunken hätte, würde der Bischof vielleicht sagen, er habe schon immer was gegen die Juden gehabt, wie auch die römisch-katholische Kirche zu früheren Zeiten, als sie noch Judenhüte mit gelben Spitzen verteilte. Und er sei eben ein Traditionalist.

Wenn man aber nun keines dieser Bedürfnisse hat, weshalb sollte man dann den Holocaust leugnen oder relativieren, habe ich mich gefragt. Und die Antwort: um Ideologie, die zur Menschenverbrennung geführt hat, in ihrem Kern zu retten, indem man sie von Vorwürfen befreit. Und warum versucht man das? Weil man diese Ideologie oder wesentliche Teile von ihr wieder salonfähig machen möchte.

Der Holocaustleugner ist kein rückwärtsgewandter, er ist ein vorwärtsgewandter Akteur. Er ist dabei, das Gelände vorzubereiten, auf dem das Fundament des nächsten Holocaust gebaut werden soll. Und sollte das gelingen, dann werden irgendwann wieder die Schornsteine rauchen. Ob diejenigen, die solches befördern, das wollen oder nicht. Es ist die Konsequenz, die dieser Ideologie innewohnt.

Gesundes Volksempfinden und gesunder Menschenverstand

»Das gesunde Volksempfinden ist die NS-ideologische Interpretation des gesunden Menschenverstandes«, lese ich bei Wikipedia. 

Das ist ja nun in vieler Hinsicht grundfalsch. Unabhängig von dem Begriff »gesundes Volksempfinden«, der bei den Nazis en vogue war und heute nicht mehr so gern verwendet wird, gibt es natürlich etwas, auf das dieser Begriff rekurriert, denn Begriffe wachsen nicht auf Bäumen, sondern sind Ausdruck eines Verhältnisses des Begriffsschöpfers zu etwas Konkretem oder Abstraktem, dem er eine Bezeichnung gibt. Dieses Etwas ist das, was jeder Begrifflichkeit vorausgeht. 

Verkürzt formuliert, wird hier behauptet, das Empfinden sei Interpretation des Verstandes. Nun fühlt jeder unmittelbar, daß es genau umgekehrt ist. Noch bevor irgendein Datenneuron zu flattern beginnt, war da ein Gefühl. Und alles Denken, aller Verstand zapft die Batterie der Gefühle an, bevor etwas Kognitives zu flackern anfängt. Richtig ist: Der gesunde Menschenverstand ist nichts anderes als zum kollektiven Verstand verdichtetes allgemeines Sittlichkeitsgefühl, eine Art Gefühlssubstrat, das sich als Hirnprodukt ausgibt und seine Herkunft aus der natura archetypa verschleiert. 

Der gesunde Menschenverstand ist das gesunde Volksempfinden in pulverisierter Form. Ein gutes Konzentrat für den Aufguß jeder Ideologie, die um die archetypischen Bilder, die anthropologischen Tiefenstrukturen des Menschen weiß und diese inneren Bildwelten geschickt appellativ in Schwingung bringt.

Xenophobie ist nur eine von vielen möglichen biologischen Determinanten, die so gezielt zu neuem Leben erweckt werden können, wenn sie nicht ohnehin gleichsam autosuggestiv virulent sind.

Und es braucht viel skeptischen Verstand, um den schlimmsten Formen des gesunden Menschenverstands zu widerstehen und ihnen die pathologischen Züge attestieren zu können, die sie leider nicht immer für alle sichtbar auszeichnen.

Sprache und Utopie

Einer der Herausgeber der FAZ, Berthold Kohler, schrieb in einem Kommentar: »Ein Regierungswechsel in Hessen aber ermöglichte es dem linken SPD-Flügel, wieder von sozialistischen Utopien zu träumen.«

Woran wieder einmal deutlich wird, wie negativ ideologische Panzerung sich auf Urteilsfähigkeit und Sprachgestaltung auswirkt. Denn: Ein Flügel träumt nicht. Und wenn ein Linker in der SPD träumt, dann vielleicht von etwas, was ein Rechter in der FAZ für Utopie hält, weil er selbst andersgeartete Träume oder auch Utopien hat. Und wenn ich von einer Utopie als Utopie träume, dann hat sie bereits ihren utopischen Charakter verloren und ist bestenfalls nostalgisches Wehmutsschnarchen. Geträumte Utopie ist schimmeliger Schimmelkäse.

Über einfache Weltbilder

Die einfachen Weltbilder für den Durchschnittsdenker aus dem Hirnverleih des Ideologicus sind nicht witterungsbeständig, und auf die Dauer schützt kein Schirm vor dem Abblättern der Farben. Da auch das Tageslicht zum Ausbleichen führt, hilft dem Anhänglichen nur der Rückzug in einen Bunker.

Trunkenheit im Wortverkehr

Wenn einer betrunken ist von Ideologemenbowle oder Moralinpunsch, ist er, nüchtern betrachtet, rauscheuphorisiert und nicht zur sachlichen Betrachtung und Beschreibung der Dinge und noch viel weniger seines eigenen Zustandes bereit und in der Lage. So geht es den meisten von uns, wenn wir unsere in ideologisch gedüngtem Boden gewachsenen Vorurteile in Diskussionen oder Debatten hätscheln oder hätscheln lassen.

Die meisten Diskussionen sind Gewächshaustratsch.

Taoismus

Der alte Taoismus ist zumindest in großen Teilen keine geignete Philosophie für junge Leute, sondern eher für unrüstige alte und rüstige, aber antriebsschwache junge Rentner, und deshalb besteht immer die Gefahr, daß er zur Rechtfertigungsideologie einer gerontokratisch organisierten und geprägten Gesellschaft wird.

Spiritus sanctus profanus

Einer, den ich von Zeit zu Zeit auf Widersprüche, falsche Verallgemeinerungen und ärmlich plausible oder auch ganz und gar unsinnige Behauptungen in seinen Texten hinweise, schrieb mir Folgendes:

»Du kannst den anderen nicht verstehen, wenn du innerlich schon Worte hast, denn dann verbindet sich alles mit deinen Worten, mit deinem Denkprozeß, und dann ist es gefärbt. Intellektuelles Verstehen bedeutet: Wenn du liest, argumentierst du gleichzeitig schon dagegen. Ein ständiges Argumentieren geht vor sich. Ich schreibe etwas, du liest es, und ständig ist in dir schon ein Gegenargument präsent: Ob dies richtig oder falsch ist. Du vergleichst es mit deinen eigenen Konzepten, deiner eigenen Ideologie, deinem eigenen System. Wenn du also hier liest, vergleichst du ständig, ob ich deine Ideen bestätige oder nicht, ob ich dir entsprechend bin oder nicht; ob du mir etwas zugestehen kannst oder nicht, ob ich dich überzeuge oder nicht. Wie ist auf diese Weise ein Verstehen möglich? Du bist zu voll von dir selbst. Was auch immer du also verstanden hast, wird nicht das sein, was ich gemeint habe. Das kann es nicht sein – denn wenn das Denken voll ist mit seinen eigenen Ideen, gibt es ständig allem eine Färbung, was zu ihm kommt. Es versteht nicht, was gemeint ist, sondern, was es verstehen möchte. Es wählt aus, es läßt aus, es interpretiert, und erst dann dringt etwas nach innen – aber das hat dann schon eine völlig andere Form. Dies also ist intellektuelles Verstehen.

Im spirituellen Leben sind die Gesetze diametral entgegengesetzt zu dem, was sie in der gewöhnlichen profanen Welt sind.«

Mein Kommentar dazu:

Wenn du willst, daß ich dich verstehe, mußt du sagen, was du meinst. Wenn du aber sagst, was du meinst, dann ist das, wie alles, was einer sagt, falsifizierbar, weil es mehr oder weniger plausibel ist. Und Plausibilität ist der Maßstab für alles, was einer sagt.

Wenn du dich auf die intellektuelle Abbildung deiner Denk- und Fühlprozesse einläßt – und das tust du, indem du etwas schreibst – und die Öffentlichkeit darüber informierst – und das tust du, indem du etwas publizierst –, dann mußt du damit rechnen, daß das, was du schreibst, überprüft wird. Dummerweise trifft deine eigene Ideologie nun auf andere Ideologien und muß sich mit ihnen messen, ob dir das nun paßt oder nicht, denn das, was du schreibst, ist keine heilige Schrift, sondern nur ganz «profane« Repräsentation von subjektiven Gedanken und Gefühlen und natürlich auch der Ausfluß der Ideologie, die du dir selbst zur Grundlage deiner Lebensweise gemacht hast.

An deinen Texten bemerke ich vor allem das, was du mir unterstellst – und sicher zu Recht: idiographische Färbung. Der Unterschied zwischen uns beiden aber ist der, daß ich ganz bewußt perspektivisch denke und meine Farben ständig wechsle und mische, während du dich allenfalls für die Mischung der Grautöne zu begeistern scheinst.

»Du bist zu voll von dir selbst. Was auch immer du also verstanden hast, wird nicht das sein, was ich gemeint habe.«

Aber sicher. Nur erwarte ich von dir, daß du aufhörst mit den Simplifizierungen und Generalisierungen, wenn es um die andern geht, und etwas mehr Genauigkeit und Präzision bei der Formulierung deines Anliegens walten läßt. Denn nur dann sind andere bereit, auf das einzugehen, was du sagst. Aber du scheinst mir so voll zu sein mit dichotomischen Bildern, daß du die andern nur als Kulisse deiner eigenen, ideologisch generierten Traumwelt wahrnehmen kannst.

Was du hier schreibst, ist ein ständiges Argumentieren von deinem ganz persönlichen, individuellen Standpunkt aus, und es macht ganz und gar keinen Sinn, anderen genau das vorzuwerfen, was du selber tust.

»Im spirituellen Leben sind die Gesetze diametral entgegengesetzt zu dem, was sie in der gewöhnlichen profanen Welt sind.«

Diesen Satz möchte ich mir zum Abschluß einmal kurz anschauen, damit du meine Denkweise etwas genauer kennenlernen kannst:

Was ist »spirituelles Leben«? Für mich ist das nur ein Spruch von Leuten, die ihr eigenes Leben auf einen Aspekt zu reduzieren versuchen. Aber es gibt nur mehr oder weniger Spiritualität im Leben, nicht »spirituelles Leben«. Ein spirituelles Leben ist kein »Leben«.

Im Grunde ist spirituelles Leben eine Contradictio in adjecto, aber so, wie du es gebrauchst, ein Epitheton ornans. Andere hängen sich andere Ketten um den Hals.

Welche »Gesetze«? Und wer hat sie erlassen? Und wie allgemeingültig sind sie?

»Diametral«? Das ist ein Lieblingsbegriff von Spätpubertierenden, die nicht begreifen wollen, daß sie in derselben Welt leben wie alle anderen. Weil diese Welt ihnen zu gewöhnlich ist. Und damit sind wir beim Schluß des Satzes:

»in der gewöhnlichen profanen Welt«. Altes Priestergewäsch. Und dann auch noch pleonastisch. Ich gestehe dir ja gerne zu, daß diese Welt dich anekelt, mir geht es häufig auch nicht anders. Aber wir haben nur diese eine Welt. Und die »heiligen Bezirke«, auf die das Wort »profan« dichotomisierend rekurriert, sind selbstreferentiell und nichts anderes als der matte Abglanz uralter Priesterphantasien.

Es gibt in dem Film »Gandhi« eine sehr schöne Szene, in der Gandhi seiner spirituell statusdünkelnden Frau deutlich zu machen versucht, daß es keine Schande ist, das eigene Klo selbst sauberzumachen. Für mich ist das eine Schlüsselszene.

Wenn du das hier liest, was ich schreibe, solltest du dir aber klarmachen, was grundsätzlich für alle gilt, die Profanen wie die Überprofanen: »Du vergleichst es mit deinen eigenen Konzepten, deiner eigenen Ideologie, deinem eigenen System. Wenn du also hier liest, vergleichst du ständig, ob ich deine Ideen bestätige oder nicht, ob ich dir entsprechend bin oder nicht; ob du mir etwas zugestehen kannst oder nicht, ob ich dich überzeuge oder nicht. Wie ist auf diese Weise ein Verstehen möglich? Du bist zu voll von dir selbst.«

Und du solltest nicht vergessen, daß aus deinem Hintern genauso unappetitliche, gewöhnliche, profane Krümel in die Welt entlassen werden wie aus jedem andern.

Eskapismus

Von gesellschaftspolitisch interessierten Menschen wird Poeten häufig vorgeworfen, sie interessierten sich nicht genügend für das Politische, und gern wird in diesem Zusammenhang das Wort Eskapismus gebraucht. Daß Poeten gesellschaftspolitisch Interessierten vorwerfen, sie beschäftigten sich zuwenig mit Poesie, hört man dagegen eher selten.

Dabei ist jede einseitige Orientierung eine Art Weltflucht und Verengung des Horizonts, und die Hierarchie der Prioritäten ist nicht allgemeingültig festzulegen. Nicht jedem ist es existentielles Bedürfnis, seinen Hintern auf Gewerkschaftsversammlungen breitzusitzen.