Roman und Persönlichkeit

Kein Mensch läßt sich auf eine einzige homogene Persönlichkeit reduzieren. Dies gilt in besonderer Weise für den Romanschreiber, der davon lebt, diese Tatsache stärker zu reflektieren als der ausschließliche Romanleber. Deshalb gerade gibt es den Roman: damit der Autor seine ganze Schulklasse, die ihm am Hacken hängt, mal toben lassen kann.

Intrinsische Familienaufstellung

Systemische Familienaufstellung kann dazu dienen, herauszufinden, welche »äußeren« Familienkonstellationen (also extrinsische Beziehungen) wir verinnerlicht haben oder uns aufgeprägt wurden, die wir nun musterhaft reproduzieren, womit sie Intrinsizität erlangen und als unsere ureigenen Motive mißverstanden werden können.

Noch viel spannender als das (und der nächste Schritt) scheint mir jedoch so etwas zu sein wie eine intrinsische, eine innere Familienaufstellung, bei der die divergierenden Teile unseres Ichs systemisch abgebildet werden, was in der Folge dazu führen kann, daß wir uns ganz bewußt und mit der nötigen Autorität zum Spiritus rector unseres eigenen Ichs ernennen können.

Zumindest dann, wenn wir die Truppe in den Griff kriegen.

Ich

Wenn wir unser Ich definieren, geschieht das in Abhängigkeit von Erziehung, Denktraditionen und mehr oder weniger wissenschaftlichen Moden. Was ich als mein Ich betrachte, ist, abgesehen von meiner Körperlichkeit, nichts als eine Glaubensfrage. Ich weiß nicht, wer ich bin, ich weiß nur, was ich zu sein scheine. Und du?

Über Selbstwahrnehmung

Es ist nicht nur eine Spezialität des Narziß, sich schöner zu sehen, als er ist. Die Tendenz zur Selbstverschönerung ist eine strukturelle Eigenschaft des Menschen überhaupt. Beim Narziß ist diese Eigenschaft nur hypertrophiert.

Lost Highway

Du siehst dich halb
wenn du dich doppelt siehst
in den Augen
blutiger Begierde
zerteilter Zungen
Fieberwahn

Gegen den gespaltenen Schädel
hilft dir kein Aspirin
und wenn du am Ende der Treppe stehst
im dunklen Licht
beginnt alles von vorn
bevor es endet

Solange du dich
nicht selbst anrufst
bist du gesund
solange du atmest
fallen die Türen
nicht ins Schloß.

Du bist unterwegs
zu ihr
und zu dir selbst

Über Ich-Setzung

Ich-Setzung als Selbst-Definition, genau das ist es, was ich mit Selbst-Täuschung meine. Ich will es mal mit einer philosophischen Anekdote veranschaulichen, die mich immer wieder zum Lachen reizt: Nach seinem Tod fand sich in Schopenhauers Bibliothek das Exemplar einer Fichte-Ausgabe, in der Schopenhauer immer dann einen Stuhl an den Rand gezeichnet hatte, wenn es bei Fichte hieß: »Das Ich setzt sich.«

Klarer und humorvoller kann man den unsinnigen Wunsch des Ich, sich über den ganzen Menschen mit seinem Getriebensein zu erheben, nicht der Lächerlichkeit preisgeben. Eine Ich-Setzung, die von der Abgründigkeit und Getriebenheit des Menschen abstrahiert, ist nichts weiter als die Schaffung eines Windbeutels mit Über-Ich-Kruste.