Der Mensch ist gut

Eine Idee, eine Weltanschuung, eine Religion ist es nicht wert, daß in ihrem Namen Menschen umgebracht werden, sagt man. Natürlich ist sie es nicht. Und doch geschieht das seit Menschengedenken.

Ob nun in neuerer Zeit die mittelalterlichen Kreuzzüge, der Kolonialismus, stalinistischer Terror, der Hitlerwahn oder in neuester Zeit spinnerte Fundamentalisten, hinter alldem verbirgt sich zweierlei: einige wenige Leute, die Ideen mißbrauchen, um sich zu bereichern oder der Welt die pathologische Struktur ihres Charakters einzuprägen, und ganz viele, die erkannt haben, wie einfach es doch ist, hinter vorgeschobenen Ideen das zu verstecken, was seit Jahrtausenden, oder besser: schon immer, des Menschen Lieblingsbeschäftigung ist: anderen den Kopf einzuschlagen oder ihn abzureißen.

Der Mensch ist gut – in der Theorie. Aber nur in der schlechten.

Das Märchen von der Sicherheit

Nur wer an das Märchen von der sicheren und warmen menschlichen Gesellschaft, an die Mär vom Guten in jedem Menschen glaubt, wird die Realität als Abweichung von der Realität empfinden, und zwar unabhängig von der Gesellschaftsordnung. Wer aber wissen will, wie die Menschen wirklich sind, der schaue sich um und werfe einen Blick in die Geschichte.

Und wenn er dann merkt, daß er zu einem Zeitpunkt und an einem Ort lebt, wo die Fratzen des Bösen überwiegend hinter Gitterstäben aufleuchten, dann freue er sich, daß er sein Leben jetzt leben darf und noch ein wenig frei atmen, bevor der Geruch verbrannten Menschenfleisches wieder durch alle Ritzen in sein wohnliches Provisorium dringt.

Freu dich, Mensch, wenn du frei atmen kannst, und rede dir nicht ein, die Luft sei erfüllt vom kalten Kreischen böser Gewalten, wo doch nur die Stimmen der vielen unterschiedlichen Vögel miteinander konkurrieren. Lerne zu unterscheiden. Das kalte Kreischen kommt aus den Verliesen, wo die Dämonen an den Gitterstäben rütteln.