Über den kontrastiven Charakter des Glücksempfindens

Wären die Menschen in der Lage, die Abwesenheit von Unglück als Glück zu empfinden, dann gäbe es, zumindest in unseren Breiten, viel mehr glückliche Menschen. Doch Glückserleben hat, konstitutionell bedingt, kontrastiven Charakter, ist erlebnis- und nicht zustandsbezogen.

Da jede »Fortdauer der ersehnten Situation« beim Menschen nur »laues Behagen« erzeugt, wie Freud das nennt, machen wir uns schnell auf die Suche nach der besseren Situation, die wir als glückversprechend imaginieren, und dabei generieren wir den größten Teil unseres gegenwärtigen (wir sind ja noch nicht am Ort unserer Träume) und zukünftigen Unglücks (wieder nur »laues Behagen« oder gar intensives Erleben der Kehrseite).

Ein Glücksmodell für Masochisten.

Zahnschmerzen

Daß es pures, goldenes Glück ist, keine Zahnschmerzen zu haben, merken wir nur in dem Augenblick, da sie gerade nachlassen. Dann vergessen wir das blitzschnell wieder und denken, Glück wäre, etwas zu haben.

Glücksvorstellungen

Kein noch so ungünstiger Umstand kann einen Menschen unglücklicher machen als seine Glücksvorstellungen. Was die Menschen quält und unglücklich macht, sind nicht die Umstände selbst, sondern es ist das, was sie darüber denken. Und vor allem das »Wie schön wäre es, wenn …« ist eine beständig sprudelnde Quelle des Unglücks.

Wahrnehmung

Glücklich ist, wer wahrnimmt, daß er glücklich ist. Man könnte meinen, viele Menschen wären glücklicher, wenn sie nur etwas bewußter durchs Leben gingen und sich nicht so sehr von dem medialen Tinnef ablenken ließen, der sie tagtäglich überflutet.

Aber leider würden auch viele ihr Unglück wahrnehmen, wenn ihr Bewußtsein nicht so getrübt wäre. In der Summe bleibt das vermutlich mindestens gleich.

Unglücklich ist, wer wahrnimmt, daß er unglücklich ist.