Glaubensfrage

Das Haupthindernis im Verstehensprozeß ist die Gläubigkeit. Die Überzeugung, es gäbe nichts zu verstehen oder wir hätten bereits verstanden. 

Die Haupttriebkraft im Verstehensprozeß ist der Glaube. Der Glaube, wir könnten etwas verstehen. 

Beides ein hoffnungsloses Unterfangen.

Konstanten der Wahrnehmung

Wir erfahren die Welt nicht nur gemäß unseren Erfahrungen und Glaubenssätzen, sondern vor allem und in erster Linie gemäß unseren angeborenen Wahrnehmungskonstanten.

Raum und Zeit sind nicht real im materiellen Sinn, sondern Ausdruck unserer apriorischen Bewußtseinsstrukturen.

Niemand hat in dieser Hinsicht eine Wahl.

Wählen können wir lediglich bei der Bewertung des Ganzen: Unsere Erfahrungen, Religion und Philosophie sind Folge unserer Sinneseindrücke und gedanklichen Ableitungen, nicht etwa umgekehrt. Sosehr wir uns das auch wünschen mögen.

Was wir ändern können, sind lediglich Bewußtseinszustände, Fokussierungen und Perspektiven. Die Grundmuster unserer Wahrnehmung, das eigentliche Bewußtsein können wir nicht ändern, es ist gewissermaßen ins Sein eingewachsen.

All unser Denken und Handeln ist Ausdruck unserer Sinneswahrnehmung, und wir können uns mit Hilfe der Phantasie unendlich viel zurechtmachen, aber eine Welt jenseits von Zeit und Raum können wir uns nicht vorstellen. Und dabei sind Zeit und Raum nichts anderes als unsere angeborene Vorstellung von der Realität. Sie kommen nicht den Dingen selbst zu.

Was wirklich „ist“, können wir nicht wahrnehmen, wir bleiben immer im Netz unserer selbstgeschaffenen Vorstellungen, Erscheinungen hängen. Bestenfalls können wir spekulieren, welche böse Spinne dieses Netz gewebt hat und ob und, wenn ja, warum sie uns darin fangen will.

Unvermischt

Zum Sinn oder Unsinn der Debatte um das Verbot multireligiöser Feiern an Schulen sollte man den Nikolaus befragen.

Was mich interessiert, ist die Begründung des Verbots von Kardinal Meisner, multireligiöse Feiern katholisch mitzuverzieren. Der Kardinal sagt, Kinder hätten »einen Anspruch darauf, ihren Glauben unvermischt kennenzulernen«.

Nun dachte ich immer, Glaube wäre etwas, was in einem Menschen Gestalt annimmt, sich in ihm, im Innern formt. Hier aber sollen Kinder etwas Vorgegebenes kennenlernen, das ihnen als ihres vorgeführt wird. Den Kindern soll also »unvermischt« demonstriert werden, was sie glauben. Ja, wenn sie das nicht schon vorher wissen, was ist der Glaube dann wert? Ist das überhaupt ein Glaube?

Ob nun Moslems, evangelische oder katholische Christen, Juden oder wer auch immer: Alles die gleiche Dressurschule. Glaube soll dadurch generiert werden, daß man den Kindern zeigt und sagt, was sie glauben sollen.

So entsteht kein Glaube, sondern vielmehr Glaube an die Richtigkeit vorgegebener Glaubensinhalte. Ein schwarzes Luftschloß.