Unvermischt

Zum Sinn oder Unsinn der Debatte um das Verbot multireligiöser Feiern an Schulen sollte man den Nikolaus befragen.

Was mich interessiert, ist die Begründung des Verbots von Kardinal Meisner, multireligiöse Feiern katholisch mitzuverzieren. Der Kardinal sagt, Kinder hätten »einen Anspruch darauf, ihren Glauben unvermischt kennenzulernen«.

Nun dachte ich immer, Glaube wäre etwas, was in einem Menschen Gestalt annimmt, sich in ihm, im Innern formt. Hier aber sollen Kinder etwas Vorgegebenes kennenlernen, das ihnen als ihres vorgeführt wird. Den Kindern soll also »unvermischt« demonstriert werden, was sie glauben. Ja, wenn sie das nicht schon vorher wissen, was ist der Glaube dann wert? Ist das überhaupt ein Glaube?

Ob nun Moslems, evangelische oder katholische Christen, Juden oder wer auch immer: Alles die gleiche Dressurschule. Glaube soll dadurch generiert werden, daß man den Kindern zeigt und sagt, was sie glauben sollen.

So entsteht kein Glaube, sondern vielmehr Glaube an die Richtigkeit vorgegebener Glaubensinhalte. Ein schwarzes Luftschloß.

Über Päpste und Muslime und andere

Ist es nicht eine der größten Merkwürdigkeiten daß so viele keine Gelegenheit auslassen, um dafür zu sorgen, daß die begründeten oder unbegründeten Vorurteile, die man gegen sie hat, immer neue Nahrung bekommen? Ist es nicht Zeichen einer wahnhaften Gesinnung, wenn man geradezu auf den Knien darum bittet, die eigenen religiösen Gefühle mögen verletzt werden, damit man gegen die Verletzung auf die Barrikaden gehen kann?

Nur wer sich seines Glaubens nicht sicher ist, kann von einem Andersgläubigen oder einem Nichtgläubigen verletzt werden.

Das gilt für Papstzitate wie für Papstsatiren gleichermaßen. Und natürlich auch für Karikaturen aller Art.

Wenn die Köpfe zu voll sind mit Glauben und vor allem Glauben an den Glauben, können die Denkinstrumente nicht störungsfrei tätig werden, und die Instrumentalisierer aller Fundamentalismen kochen böse lächelnd ihr vergiftetes Süppchen.

Denkfähigkeit

Wir sollten unsere Denkfähigkeit nicht nur dazu mißbrauchen, um unsere Glaubenssätze intellektuell zu frisieren und zu illustrieren, wir sollten vielmehr mit unserem Denken unsere Glaubenssätze immer wieder auch überprüfen und die Grundlage für bessere schaffen. Denn ohne einen Glauben an was auch immer ist das Leben nicht sonderlich lebenswert. Aber dieser Glaube sollte auch in schwierigen Stunden vor unserm Denken Bestand haben.

Glaube und Wahrheit

Jeder Glaube an die Möglichkeit einer absoluten Wahrheit, und sei diese Wahrheit noch so leuchtend und menschenfreundlich, führt zwangsläufig zu Dogmatismus, totalitärem Denken und menschenfeindlichem Handeln.

Wahrheit

Immer wieder wird gesagt, daß Wahrheitsfindung mit dem Denken nicht zu machen sei. Vor allem Gläubige aller Art und Meditationserprobte, diverse Seher und Verzückte behaupten das. Und sie haben recht damit.

Aber sie bedenken nicht bei ihren Aussagen, daß das, was sie selbst so dringend suchen, die Wahrheit, eine Forderung und Erfindung des Denkens selbst ist. Es ist das Denken, das nach Wahrheiten und Wahrheit verlangt. Bevor man über das Denken hinauskommen und zu elementaren überlogischen Erkenntnissen gelangen kann, muß das Denken erst mal sich selbst bedenken und seine Prämissen in Frage stellen.

Wer nicht begreift, daß man logische Begriffe nicht aufpumpen kann wie Fahrradschläuche, der fährt besser mit Vollgummireifen.

Über Glauben und Freiheit

Es ist ein untrügliches Merkmal von Emanzipation, an etwas zu glauben und nicht an jemand. So wie der Glaube an die Freiheit, und sei er auch noch so naiv und unbegründet, um vieles wertvoller ist als der Glaube an jemanden, der sie uns gewährt, so ist auch der Glaube an ein wie immer geartetes göttliches oder auch teuflisches Prinzip Ausdruck von selbstbestimmtem Denken, der Glaube an einen Gott oder den Teufel hingegen ein Zeichen von Unmündigkeit. Und der Glaube an unser äußeres Selbst als Maß aller Dinge ist nur ein Reflex dieser anthropomorphen Vorstellungen und der Gipfel der Dependenz. Die wahre Freiheit des Königs liegt in der Möglichkeit der freiwilligen Abdankung.