Scheuklappenwechsel

Wenn man sich vornimmt, ohne Scheuklappen zu denken, merkt man schnell, wie schwierig das ist. Man ist es nicht gewohnt und außerdem eingebunden in die kulturellen und intellektuellen Traditionen der Kultur, in der man das Denken gelernt hat. Schnell rutscht man von einem Ideologem in ein anderes und merkt plötzlich, daß man nur die Scheuklappen gewechselt hat. Vielleicht ist der Versuch, frei zu denken, erst einmal nicht mehr als die Beschleunigung des Scheuklappenwechsels. Zumindest ein Anfang. Am Ende steht dann vielleicht die durchsichtige Scheuklappe, weil es uns nicht gelingt, auf das gewohnte Gefühl dieser Klappe zu verzichten. So wie wir nicht ohne Kleidung in die Öffentlichkeit gehen mögen.

Über die Funktion des Schlipses


Seit Jahrzehnten schon denke ich darüber nach, welche Funktion dieser Strick hat, den sich viele Männer um den Hals hängen, ohne so recht zu wissen, warum. Heute morgen nun kam mir die Erleuchtung: Der Schlips hat die gleiche Funktion wie der Sicherungsbügel bei einer Waffe, etwa einem Gewehr oder einer Pistole. Das Ding um den Hals ist eine Hemdsicherung und soll verhindern, daß der Kragen zur Unzeit platzt.

Über üble Gewohnheiten

William Faulkner sagt: »Wer keine üblen Gewohnheiten hat, hat wahrscheinlich auch keine Persönlichkeit.«

Dem muß ich, wenn auch augenzwinkernd, widersprechen, denn jener, der sich mit Akribie von allen denkbaren üblen Gewohnheiten fernhält, entwickelt damit eine Persönlichkeit, nämlich die eines Pedanten. Und Pedanterie ist nun wirklich eine der übelsten Gewohnheiten. Aber Faulkner hat ja vorsichtigerweise das Wörtchen »wahrscheinlich« eingefügt, weil er sicherlich mit einem derartigen Einwand gerechnet hat.

Gewohnheiten

Bild: Cronos (bei Blogigo)

»Wenn der Guru sich abends zur Andacht niederließ, kam oft die Ashramkatze und störte die Meditierenden. So ordnete er an, die Katze während der abendlichen Meditation anzubinden.

Nachdem der Guru gestorben war, band man die Katze bei der abendlichen Andacht weiterhin an. Und als die Katze gestorben war, wurde eine neue Katze in den Ashram geholt, damit sie während der Andacht entsprechend angebunden werden konnte.

Jahrhunderte später verfassten gelehrige Schüler des Gurus gelehrte Abhandlungen über die liturgische Bedeutung des Festbindens einer Katze während der Zeit der Mediation.«

(Quelle unbekannt)

 

Wir tun vieles, ohne darüber nachzudenken, warum wir es tun. Wenn aber jemand kommt und fragt, warum tust du das?, finden wir häufig keine Erklärung für das, was wir tun. Doch wollen wir nicht wahrhaben, daß der Grund unseres Tuns allein in der Gewohnheit liegt. Wir schämen uns ein wenig. Also setzen wir uns hin und basteln uns eine Erklärung für unser Tun. Es muß sich doch irgendein Grund finden lassen … Notfalls müssen wir einen erfinden. Denn nichts lieben wir so sehr wie unsere Gewohnheiten – und kaum etwas ist uns wichtiger als unsere Überzeugung, daß unsere Gewohnheiten mehr sind als nur Gewohnheiten.

Neuerungen

So mancher, der seit Jahren mühsam durch die Gegend humpelt und sich an seine Krücken so sehr gewöhnt hat, daß er sie nicht mehr wahrnimmt, und glaubt, wie ein Wiesel laufen zu können, schaut argwöhnisch, wenn einer ihm einen fabrikneuen Rollstuhl hinstellt.

Und dann mosert der Krückenakrobat rum, nur weil die Räder des Rollstuhls ein wenig quietschen und das Ding nach neuer Farbe riecht. Und statt sich mal probeweise reinzusetzen und ein Fläschchen Maschinenöl zu besorgen, wird wild mit den Krücken rumgefuchtelt und »Scheiße« geschrien.

Dabei klebt die Scheiße vor allem am eigenen Hintern. Sie riecht bloß nicht mehr, weil sie schon so angetrocknet ist.

Gewohnheit

Man sollte sich angewöhnen, sich abzugewöhnen, andern etwas abgewöhnen zu wollen, und statt dessen angewöhnen, sich anzugewöhnen, sich selbst das abzugewöhnen, was nicht stimmig ist. Das wäre eine gute Gewohnheit.