Moralapostelei

Die Hauptschwierigkeit bei der Apostrophierung anderer als »Moralapostel« – das ergibt sich aus der inneren Logik der Nachdrücklichkeit –, ist der Umstand, daß man dabei erst schleichend, doch dann immer offensichtlicher selbst zu dem wird, was man zu bekämpfen glaubt. Apostolisches Sendungsbewußtsein schafft sich selbst eine Moral, von deren Warte aus es die Moral der anderen zu entwerten versucht. Dabei wird man leicht zum Demagogen oder zum Prediger.

Verblödungstheorien

Die immer wieder gehörte These von der Verblödung der Gesellschaft halte ich, obgleich auch ich hin und wieder den Fernseher einschalte, für falsch. Ein flüchtiger Blick ins Geschichtsbuch genügt, um zu erkennen, daß diese Behauptung offenkundig eine Folge mangelnder Geschichtskenntnis in Verbindung mit übermäßigem Fortschrittsglauben ist. Zwar haben wir tatsächlich gewisse Fortschritte gemacht, doch alle Ideale sind geblieben, was sie schon immer waren: Ideale. So ist auch unbegründeter Optimismus, der diese Ideale für erreichbar hält, ebenso eine Form von Blödheit wie die Annahme, frühere Gesellschaften wären weniger blödsinnig gewesen als unsere.

Spätrömische Dekadenz

Betrachtet man die Geschichte der Dekadenz, so war diese zu allen Zeiten – auch und gerade im alten Rom – eine Sache der Arbeitslosen. Arbeitslosigkeit verführt geradezu zur Dekadenz. Der Arbeitslose möchte nicht mehr in einer bescheidenen Stadtvilla wohnen, es zieht ihn in einen repräsentativen Marmorpalast. Ein Arbeitsloser, der nur über zehn bis zwanzig Sklaven gebietet, wird von anderen Arbeitslosen milde belächelt, und wer gar in einem kleinen Badezimmer in simples Wasser steigt, statt sich von Bediensteten zum Milch- oder Sektbad ins eigene Badehaus geleiten zu lassen, ist ein gesellschaftliches Nichts. So war das im alten Rom, und so ist das noch heute. Die Dekadenz der römischen Nichtstuer wurde dem Römischen Reich zum Verhängnis, es ging vor allem zugrunde an der Gier der beschäftigungslosen Reichen, der Jagd nach dem persönlichen Vorteil, mangelndem Gemeinsinn, verbunden mit Prunksucht. Insofern ist die neoliberale Gesellschaftsentwicklung eine Entwicklung in Richtung Neodekadenz. Nur das mit dem Prunken muß noch etwas verbessert werden. Der Maserati Quattroporte – auch mein Lieblingsfahrzeug – als Dienstwagen eines Sozialarbeiters, allerdings keines Arbeitslosen, ist so gesehen ein Anfang, der Hoffnung macht. Selbst begütertere Arbeitslose bescheiden sich dagegen meist noch mit S-Klasse-Kutschen aus Sindelfingen, unpathetische Fahrzeuge von geringem ästhetischem Wert.

Wenn in letzter Zeit von jemandem, der mit seiner zu kurzen Latte im (für ihn) historischen Nebel stochert, versucht wird, den Dekadenzbegriff auf nichtvermögende, zum großen Teil unfreiwillige Arbeitslose auszudehnen, dann steckt dahinter nicht zuletzt so etwas wie der Sozialneid von Besserverdienenden, die heimlich von spätrömischen Verhältnissen träumen, Verhältnissen, wo der Herr noch der Herr war und der Sklave der Sklave und wo man sich köstlich über die Rangelei der Bediensteten amüsieren konnte, die entstand, wenn die Herren ein paar Brosamen vom Tisch wischten.

Dekadenz, ja selbst der Anschein einer solchen Haltung, ist ausschließlich etwas für die Oberschicht, das muß klar sein.

Beschneidung

Jede Form von Beschneidung, ob nun die Beschneidung der Haare oder der Genitalien, also auch und gerade die rituelle, ist ein Übergriff einer Gesellschaft auf den einzelnen. Das Individuum wird damit seiner Individualität beraubt und den Regeln von Kultur und Gesellschaft unterworfen, zurechtgeschnitten, damit es wachse, wie die Gemeinschaft, der das Individuum angehört, es wünscht.

Hungertücher

Wie zu hören ist, sollen nach der Bundestagswahl unentgeltlich schmucklose linnene Hungertücher an alle ausgegeben werden. Da jedoch der Etatansatz voraussichtlich nicht ausreichen wird, um der gesamten Bevölkerung solche Schmachtlappen zukommen zu lassen, werden die Bezieher hoher und höchster Einkommen gebeten, sich selbst mit diesen traditionsreichen Sakralkunstwerken zu versorgen. Die Finanzverwaltung teilte mit, daß die Anschaffung von Hungertüchern als Sonderausgabe von der Steuer abgesetzt werden kann. Dabei wird auch der Kauf kunstvoller Tücher aus edelstem Material steuermindernd Berücksichtigung finden.