9. November

Am 9. November denke ich an vieles. Immerhin war ich vor dreißig Jahren zu Fuß von der Willibald-Alexis-Straße in Kreuzberg zum Checkpoint Charly gelaufen, um zuzuschauen, wie sich die Gefängnistore öffneten.

Das war schon ein besonderes Erlebnis, und ich dachte in diesem Augenblick, der ein Wendepunkt in der Weltgeschichte, der europäischen Geschichte, besonders aber auch in der deutschen Geschichte war, nicht an andere Tage mit dem Beinamen 9. November, die ganz genauso Wendepunkte in der deutschen Geschichte waren. Und da gibt es einige.

Heute denke ich vor allem daran: Während sich für die einen 1989 die Tore öffneten, wurden den anderen 1938 die Türen eingetreten, und nach Verunglimpfung, Mobbing und Diskriminierung begann nun die Verfolgung der Juden, die in industrieller Massenvernichtung mit dem Ziel der »Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa« gipfelte. 

Vor allem aber denke ich daran, daß es zwischen beiden Ereignissen einen Zusammenhang gibt. Leider denken nicht alle daran, im Osten noch weniger als im Westen Deutschlands.

 

 

 

Hinter die Pentimenti schauen

Die Menschheit hat im Laufe vieler Jahrtausende ihre häßliche Realität bis zur Unkenntlichkeit zu übermalen versucht mit dem, was wir Kultur oder auch Zivilisation nennen, und mehr und mehr haben die Maler vergessen, was sie da tun, wenn sie den Pinsel in die Farbe tauchen und Schicht um Schicht auf die bereits vorhandenen Schichten auftragen. Vergessen haben die Kolorateure auch, daß unter all den Krakelüren, auf denen sie herumklecksen, und unter den diversen weißen Neugrundierungen allerlei Lasuren und die ursprüngliche Grundierung verborgen sind. Und unter der ersten Grundierung befindet sich eine Leinwand. Manchmal reicht es schon, das Bild mal umzudrehen und von hinten anzuschauen.

Woodstock

Es war einmal. So fangen Märchen an, selbst dann, wenn sie keine Märchen sind. Wir haben viel dazugewonnen in fünfzig Jahren, aber ebensoviel oder gar mehr haben wir verloren. Es gibt manches, was ersetzbar ist, wie Toiletten ohne Spülung und Kohleöfen, und einiges, was unersetzbar ist. Das Lebensgefühl von 1969 gehört dazu.

Neil Young

Perspektivwechsel

Wenn ich den Blick vom Mikroskop abwende und einer zeitweiligen misanthropischen Neigung nachgebe, stellt sich mir die Menschheitsgeschichte dar als eine Krise der Evolution, und wenn ich mein Fernglas zur Hand nehme, sehe ich Bilder, die vermuten lassen, daß die ganze Geschichte, und nicht nur die des Organischen, sondern alles Kommen und Gehen, nichts weiter ist als eine Krise des Seins. Krise ist der Normalfall der Existenz.

Mord ist Mord

Viele Deutsche tun sich schwer mit ihrem Erbe. Und manche nehmen jede sich bietende Gelegenheit wahr, um die historische Schuld kleinzureden. So auch jetzt wieder anläßlich der Littell-Debatte. Da hört man etwa Mord sei Mord, und deshalb könne es keine Relativierung solcher Taten geben. Doch gerade eine solche Aussage relativiert, indem sie versucht, Ungleiches in einen Topf zu werfen.

Das »Mord gleich Mord« ist das Relativierungsargument? Wäre Mord tatsächlich gleich Mord, dann machte solch ein gerichtliches Instrument wie die »Feststellung der Schwere der Schuld« keinen Sinn. Bei der Relativierung geht es doch gerade darum, daß auch »die anderen« gemordet haben oder morden. Dieser Hinweis dient dazu, die eigenen Verbrechen als habituelles menschliches Verhalten darzustellen und damit weniger schlimm aussehen zu lassen und von der besonderen Schwere der eigenen Schuld abzulenken. 

Aber es ist nun mal ein Unterschied zwischen den Verantwortlichen und den Ausführenden eines Systems ausgeklügelter Fließbandmorde und mehr oder weniger affektiven Mördern. Die besondere Schwere der deutschen Schuld läßt sich nicht wegdiskutieren. Man sollte das gar nicht erst versuchen.

Geschichtsschreibung

Die Geschichtsschreibung ist Ausdruck politischer Kultur und gesellschaftlicher Machtverhältnisse, und es ist eine Illusion, daß es in der offiziellen Historiographie so etwas gäbe wie eine lineare Annäherung an die geschichtliche Wahrheit. In Wirklichkeit findet ein ständiges Umschreiben statt und ein Interpretieren von Interpretationen, das letztlich nur noch dazu dient, die Quisquilienverliebtheit einiger weniger zu befriedigen. So wendet man sich vom Beschriebenen ab und verliert sich in Debatten über Beschreibung und Beschreiber. Am Ende dann das Mündungsdelta, wo die Informationen in unterirdische Fußnotenfriedhöfe fließen, zu denen nur noch „ausgewiesene“ Fachleute Zugang haben.

Geschichtsschreibung und retrospektive Projektion

In dem Aufsatz »Natur und Geschichte« schreibt Hannah Arendt, für das Denken der ausgehenden Antike sei es nahezu selbstverständlich gewesen, geschichtliche Abläufe als kreisförmige Bewegung wahrzunehmen.

Schon im nächsten Satz aber heißt es bei ihr: »Im Sinne der klassischen Philosophie konnte das nur heißen, daß das geschichtliche Leben, seines linearen Charakters beraubt, in die Kreisbewegung der Natur zurückgenommen war …«

Wer wurde da »beraubt«? Ist es wirklich die klassische Philosophie?
Ist es nicht tatsächlich so, daß ein heutiger Denker, dessen Vorstellungen sich an einem linearen Modell der Zeitabläufe orientieren, dieses Modell in die klassische Philosophie identifizierend hineininterpretiert und deren Weltbild damit im nachhinein subtil und meistens ungewollt verfälscht?

Solcherart retrospektive Projektion ist sehr häufig, im alltäglichen Leben, wenn wir die Vergangenheit unserer Altvorderen bewertend betrachten, wie in der wissenschaftlichen Aufarbeitung der Geschichte.

Wir können unsere Augen jedoch nicht verleihen, schon gar nicht in die Skelette der Früheren verfrachten in der irrigen Annahme, sie könnten uns dann mehr über Sehgewohnheiten vergangener Epochen erzählen, als uns überliefert ist.