Mini-Miszellen 6

Man liest, Wirtschaftsminister Habeck nenne die Gaskrise inzwischen eine »quasi wirtschaftskriegerische Auseinandersetzung«. Ach nein, »quasi« und »inzwischen«. Tatsächlich war sie das von Anfang an ganz klar und keinesfalls »quasi« durch die US-amerikanischen Sanktionen gegen North Stream 2 – ungefähr zehn Milliarden Euro in den Sand gesetzt. Und dann die diversen Sanktionen gegen Rußland seit 2014. »Inzwischen« kommen die Folgen der Sanktionen an – bei uns. Wie Erdmann das Anfang März bei mir sagte:

Für uns heißt das
zahlen für die Ukraine
und frieren
für die Ukraine.

Es ist keine Frage, wer die Verantwortung dafür trägt, wenn unsere Energieversorgung demnächst zusammenbrechen sollte. Putin ist es nicht, soviel steht fest. Es ist wie mit der angeblichen Zahlungsunfähigkeit Rußlands. Man sperrt die russischen Konten und beklagt sich dann, Rußland könne Schulden nicht zahlen. Man behindert durch allerlei Sanktionen russische Gaslieferungen, und demnächst wird man sich beschweren, Rußland (oder vielmehr Putin) drehe den Hahn zu und benutze Gaslieferungen als politische Waffe.

Und wir sollen das glauben.

Erdmann – Szenische Monodialoge 16

ERDMANN verknittert, verläßt das Schlafzimmer, geht zum PC und startet ihn, dann begibt er sich ins Bad.

Der Typ da im Spiegel
der guckt mich wieder so blöd an
kannst du auch anders?
Nee, kann er nicht
jeden Tag älter und faltiger
auf dem absteigenden Ast

also ehrlich, das geht
so nicht weiter
ich fordere ein
anständiges Morgengesicht
notfalls muß der Spiegel
ins Geschehen eingreifen

ach ja, fordern und eingreifen
die Deutschen sind ja
immer so gegen Krieg
und gegen Nationalismus
immerhin waren sie es
bis vor kurzem
keine Waffen in Krisengebiete
jedenfalls nicht ohne
Ausreden und Umwege

und immer wehrhaft gegen
nationalistische Tendenzen

neuerdings sieht man das
aber lockerer

angesichts der Bitten
der lupenreinen ukrainischen
Demokraten um Waffen
und um Beteiligung
am dritten Weltkrieg

ach nein, es sind ja
keine Bitten
nur Loser bitten um etwas

Selenskyj fordert
weltweit dies und das
tagtäglich von Deutschland
Waffen von Israel Waffen
von der NATO Eingreifen
durch Flugverbote
von der EU sofortige Aufnahme
von der Schweiz Sanktionen
gegen russische Gelder
erhebt Vorwürfe und fordert
weitere Unterstützung
gegen die lupenreinen
demokratischen Brüder
aus Russland
und fordert und fordert
von allen alles
oder doch von vielen vieles
und die Art wie er das tut
könnte man emotionale Erpressung
durch Erzeugung von
Schuldgefühlen nennen

und ein Herr Melnyk
Andrij, Träger eines
geschichtsträchtigen Namens
was aber nichts heißen muß
der hat Übung im Fordern
als Botschafter eines
Landes mit drei Prozent
Anteil an erneuerbarer Energie
hatte er doch schon 2018
gefordert von der
deutschen Regierung
eine Energiewende durch
Importstop von Gas und Kohle
aus Rußland, Öl sowieso und
Rußland ein Ultimatum
zu stellen, um die
sofortige Freilassung von
ukrainischen Marinesoldaten
zu erzwingen
jetzt fordert er
neben Waffen und Waffen
und Munition
eine Regierungserklärung
von Bundeskanzler Scholz
und von der ZEIT
eine Berichterstattung
über ukrainische Rechtsradikale
die näher an den
offiziellen Propagandavorgaben
der Ukraine liegt

was nicht gefordert wird
ist Hilfe für die Menschen
die vor dem Krieg fliehen
merkwürdig

aber erwähnt werden
sie schon mal
wenn es um die
rechte oder richtige
Gesinnung geht
so lehnt die ukrainische
Generalkonsulin Iryna Tybinka
eine Integration der Flüchtlingskinder
ins deutsche Schulsystem ab
taugt wohl nichts
wahrscheinlich zu liberal
ohne richtige Feindbilder

nun bin ich niemand
der zum Fordern neigt
aber ich wünsche mir bei uns

ein bißchen weniger
Propaganda als
in Rußland
und weniger Nationalismus
im Patriotenzwirn
und etwas mehr
Ehrlichkeit

und keine Selenskyjstraßen
vor russischen Botschaften
und auch keine
Bandera-Denkmäler bei uns
wir haben unsre
eigenen Faschisten

und etwas weniger
Heldenverehrung wäre schön
der Präsident der Ukraine
auf das Angebot
sich evakuieren zu lassen
er bleibe und brauche
keine Mitfahrgelegenheit
so wird zitiert
zeigt Mut und Größe
findet der Herr
Röttgen im Radio

wäre ja auch komisch
wenn der Präsident
das nicht täte
hat ja selber angeordnet
kein Mann zwischen 18 und 60
also auch kein Mann
in seinem Alter
darf das Land verlassen
das ist bekannt
auch Memmen müssen kämpfen
und diese dummen
Kriegsdienstverweigerer und
Pazifisten
denen das eigene Leben
wichtiger ist
als irgendeine Ideologie …

Verläßt das Bad, hört ein Summen

Diese blöde Kiste.
Hat sich beim Runterfahren
gestern abend wieder aufgehängt
die ganze Nacht gelaufen
bei den Strompreisen
oder hab ich Trottel im Vorschlaf
nur wieder vergessen
das Ding auszuschalten?

Setzt sich kopfschüttelnd
an seinen Arbeitsplatz.

Erdmann – Szenische Monodialoge 15

ERDMANN verknittert, verläßt das Schlafzimmer, geht zum PC und startet ihn, dann begibt er sich ins Bad.

Ganz schön kalt hier
und beim Wasser dauert es wieder
bis das warme ankommt
läuft erst durchs ganze Haus
und wärmt die Tapeten
in wenig genutzten Nebenräumen

war wohl mal anders geplant
oder gar nicht
im Sommer macht’s ja nichts
aber immerhin gute Übung
für den nächsten Winter
ohne russisches Erdgas

ein gewisser Herr Röttgen
macht sich stark für einen
Importstop russischer Heizprodukte
Sanktionen sind immer gut
meint er und meinen
viele andere auch

sieht man ja gerade
wie gut das funktioniert

die Ukraine und die NATO
haben so lange nach Sanktionen
Zwang Strafen Vergeltung geschrien
bis der Bär in seiner
Höhle aufgewacht ist
und jetzt den Elefanten
im Porzellanladen gibt

nur weiter so

und wieder trifft es
vor allem Unschuldige
so war es in Vietnam
so war es im Irak
so war es in Libyen
so war es in Afghanistan

so war es immer

ach so, ja, Sanktionen
gab es da keine
ging ja nicht um Rußland
den bösen Putin
sondern bluten für
die freie Welt
bluten für die gute Sache
der andern

jetzt wird mir ganz warm
vor Aufregung

unerträglich diese
Wettlügerei
wenn es um
die Ukraine geht
dieses zutiefst demokratische
Land, dessen Führung
gerade mit allen Mitteln versucht
uns in den Krieg hineinzuziehen
und die eigene Bevölkerung
zu verheizen

als wäre das Problem im
Osten des Landes nicht hausgemacht
als wäre die Krim
von alters her ukrainisch
statt ein Wodkawitz
von Chruschtschow
ein Geschenk in der Familie
reine Symbolik

was nützt das Völkerrecht
wenn die Völker nicht
gefragt werden?

dabei wäre ein Hafen mehr
für die Flotte der
freien Welt
nicht zu verachten
mit vielen Sternen
auf den Fahnen
und so schön nah
am Reich des Bösen

jetzt ist mir wieder kalt
bin etwas vom Thema abgekommen
schnell anziehen
auch der Blick in die
Geschichtsbücher wärmt nicht

Wozu das alles?
wo doch die Fleischtöpfe
mit denen gewinkt wird
nach und nach
vegetarisch verseucht sind
langfristig gibt es da
nicht viel zu holen

Ich frage mich wirklich
was den ukrainischen Nationalismus
im Westen für manche so sexy macht
ist es nur die Tradition
früher antisowjetisch
als man in der Westukraine
in der galizischen Waffen-SS
mit Hitler Bruderschaft trank

oder heute der
antirussische Reflex
der sich wieder Bahn bricht

wie auch immer
der große russische
Aggressor ist da
und die vielen kleinen
und auch die großen
Herausforderer tun so
als hätten sie ihn
nicht gerufen

Für uns heißt das
zahlen für die Ukraine
und frieren
für die Ukraine
sind noch Schulden
aus dem letzten
Weltkrieg

Und schaun wir mal
ob die Kindergeschichten

vom tapferen David
im oliven T-Shirt
und vom feigen Mann
am langen weißen Tisch
uns weiterhelfen

Ich glaub es nicht

Verläßt das Bad, hört ein Summen

Diese blöde Kiste.
Hat sich beim Runterfahren
gestern abend wieder aufgehängt
die ganze Nacht gelaufen
bei den Strompreisen
oder hab ich Trottel im Vorschlaf
nur wieder vergessen
das Ding auszuschalten?

Setzt sich kopfschüttelnd
an seinen Arbeitsplatz.

Zugespitzt

Man hört allerorten und liest, die sogenannte Ukraine-Krise spitze sich zu. Man sollte sich nicht täuschen lassen: Die Situation spitzt sich nicht zu. Sehr viele geben sich redliche Mühe, sie zuzuspitzen. Das ist etwas ganz anderes, und letztlich geht es auch um etwas ganz anderes als die Ukraine. Die Erben der Ostlandritter in manchen Redaktionen hierzulande scheinen heimlich begeistert zu sein.

Hintergrund