Letjat Zhuravli

Wege wohin
in flatternder Lust
unter Flügelschweben
kein Ort drunterdrin
auf den breiten Straßen
wie Honigmond
dahin dahin

wie Milch
in den Abfluß
wie Fleisch
in den Sumpf

die Wege dahin
zu den Kranichfedern
nie wieder
verziehn

Kein Märchen
wie es so
scheint

Kein Märchen
so wie es
scheint

Zum Schluß nur
Kraniche und leuchtender
Irrtum

und die
weichwortbespülte
Insel im Meer

La Strada

Auf dem Weg von Meer zu Meer
am Rande des Universums
Ketten sprengen
aus Metallpapier
kein Woher kein Wohin
ein Strandzigeuner
verwickelt in die Fäden
unendlicher Zeiten.
Ariadne ist fern.
Nur die Sterne
sehen deine Tränen

Lost Highway

Du siehst dich halb
wenn du dich doppelt siehst
in den Augen
blutiger Begierde
zerteilter Zungen
Fieberwahn

Gegen den gespaltenen Schädel
hilft dir kein Aspirin
und wenn du am Ende der Treppe stehst
im dunklen Licht
beginnt alles von vorn
bevor es endet

Solange du dich
nicht selbst anrufst
bist du gesund
solange du atmest
fallen die Türen
nicht ins Schloß.

Du bist unterwegs
zu ihr
und zu dir selbst

Wilde Erdbeeren

Umflutet vom Mißverstand
sich selber verstehn
wie verschwundene Väter
ohne Gesichter
begrabene Zeigefinger
die Zeichen zeitloser Uhren
kein Blick aus
vernagelten Fenstern
das Sarggeflüster
wenn die Pferde scheuen
nicht hängenbleiben
an leuchtenden Laternen
als wolltest du dir selbst etwas sagen
wenn die Hand dich ergreift
die knochigen Finger
die Heimwärtszeiger
heim zu den verschmorten Hölzern
wo die Erdbeeren blühen
die nie gereiften
wo die Träume schäumten
und erstarrten
im Eis der marmornen Mütter
begraben im Ungefähr
verschollener Väter
die zeigerlose Uhr
zeigt den Weg
durch die Gänge
durch die Türen
in den Ohren Schlüsselklirren
wo der Prozeß beginnt
mit dem Ende
nichts ist zu sehen
aber niemand ist tot
nur die Augen
sind lahm und müde
müde wie alte Gesichter
aber die Erdbeeren
sind reif

Vom Perlensticken

Allein auf dem Feld
ohne sich allein
mit sich und den
wortlosen Wolken
das Gefühl
in den Kohl gewühlt
als wäre alles
nicht wahr.

Wären da nicht
die Spuren
auf den Wangen.

Bis sich die
Tränen kreuzen
im Schweigen
tickt schwer
so manche
Nachtsekunde
Stunde um Stunde
gemeinsam allein.

Wären da nicht
die Spuren
auf den Wangen.

Wenn sich die
Tränen kreuzen
über den Perlen
ist der Fisch
vom Haken frei
und schwimmt davon
in die Nacht.
In den Tag.

Wären da nicht
die Spuren
auf den Wangen.

Und in den
Herzen

Whisky

Guten Morgen
Tristesse
so Gott will
stehende
Bewegung
auf alten Socken
nur die Glut
der Zigarette
Hoffnungsschimmer.

Begegnungsloses Begegnen
wortloses Nichtverstehn
verschobener Fluch.

Wie ein Zahnrad
im Getriebe
der Vergangenheit
der ruhige Puls
Schatten des Vulkans.

Die letzte Glut zertreten.
Kein Weg hinaus
in die Zukunft.
Nur das rückwärts
gesprochene Wort.
Sag mal Leben:
Nebel

Anregung

»Die Krise der Lyrik hängt auch damit zusammen, daß man sie nicht verfilmen kann«, sagt Peter Rühmkorf. Das klingt erst mal plausibel, aber bei genauerer Betrachtung umschwirren immer mehr Fragezeichen den kriselnden Lyrikkopf.

Abgesehen davon, daß Lyrik schon immer in der Krise ist, weil sie, wenn sie gut ist, existentielle Krisen dokumentiert (wer will das schon so genau ungenau wissen) und mit ihren Mitteln zwar nicht löst, aber doch mildert, ist es nicht in Wahrheit so, daß die Leser in einer Krise sind, weil sie sich durch medial vermittelte, leicht zugängliche, leicht zu konsumierende Literaturfilmkost nicht nur aus Hollywood zu Fastfood-Bildessern entwickelt haben?

Wer sagt denn, daß man Lyrik nicht verfilmen kann? Kann man das wirklich nicht? Ich kann mir gut vorstellen, zwischen all den karibischen Trinkgenüssen
und anderen lifestyleprägenden Bildzaubereien vor dem Hauptfilm im Kino ein visualisiertes Gedicht zu sehen, vielleicht gar als verstörendes oder einfühlsames Entree zum Spielfilm. Wie wäre es? Warum nicht mal was Neues im Kino?