Zimmergeschichte

Wir sitzen alle zusammen in einem Zimmer mit verschlossenen Türen. Die einen versuchen, sich dort einzurichten, und streiten über das Muster der Tapete und die richtige Anordnung der Sitzgruppen, während andere neue Legierungen für Brechstangen ersinnen, mit denen wieder andere vergeblich auf die Türen einstürmen, die sich als außerordentlich widerstandsfähig erwiesen haben. Dies ganze Szenarium existiert seit langer Zeit, und wir haben uns angewöhnt, es Geschichte zu nennen. Ein großes Wort für die Wirklichkeit in unserm kleinen Zimmer, das sich, wie wir vermuten dürfen, in einem Haus befindet, von dem wir aber leider nichts wissen, weil die Türbrecher, diese ewigen Versager, zwar viel schwitzen, doch leider nichts fertigbringen, als Brechstange um Brechstange zu verbiegen.

Diese Geschichte als Ganzes können wir ebensowenig sehen wie das Sein als Ganzes – die Türen sind zu, und wir kommen nicht raus, um eine höhere Perspektive einzunehmen.

Wie wollen wir nun eine Totalität erfassen, in deren Innerem wir uns befinden? Bleibt erst mal nichts weiter übrig, als das Ganze als ein Abenteuer zu betrachten und sich zu bemühen, innenarchitektonisch Akzente zu setzen.

Wenn – dann

Wenn ich aus heiterem Himmel zum Besuch einer Zaubervorstellung zwangsververpflichtet werde, mir erklärt wird, am Ende sei der volle Eintrittspreis zu entrichten – ob mir die Vorstellung nun gefalle oder auch nicht –, dann habe ich mehrere Möglichkeiten: Ich kann den Zauberern zuschauen und mich an deren Kunstfertigkeit freuen, ich kann meine Blicke auf die Dekolletés der Assistentinnen fokussieren oder die Bewegungsabläufe der Zaubererhände akribisch zu analysieren versuchen. Auch besteht die Möglichkeit, die Augen zu schließen, Finger in die Ohren zu stecken und sich der Magie des Augenblicks zu verweigern. Wenn mir das alles nichts ist, kann ich alternativ die andern Zwangsverpflichteten beobachten und mich mit deren Gesichtsausdrücken beschäftigen. Es sind noch einige andere Herangehensweisen denkbar. Da ich nicht genau weiß, wie lange die Vorstellung dauern wird, schaue ich erst mal eine Weile staunend zu, wie die Kaninchen aus dem Zylinder wachsen, dann interessiere ich mich mehr für die Assistentinnen, gähne irgendwann herzhaft und beginne ein Gespräch mit meinem Nachbarn zur Rechten, das nach einer Weile so intensiv wird, daß mich das Drumherum nicht mehr interessiert … bis ein neues, bisher nie gezeigtes Kunststück angekündigt wird. Inzwischen haben sich die Assistentinnen umgezogen … Später dann wende ich mich meinem Nachbarn zur Linken zu. Und dann … So oder so ist das Leben.    

Essenz

Dies ist die
Stille im Lärm
unerkannt
unter rhythmisch
klatschenden Zungen
ihr Gesang ist
von Worten
umwachsen
ihre Augen
sind stumm.

Dies ist das
Glühen im Eis
Diamant
hinter Bergen
blinder Gesteine
seine Pracht ist
von Spiegeln
umstellt
und die Blicke
sind krumm.

Dies ist das
Kreisen im Kreise
an der Wand
unterm Röcheln
ratloser Sterne
ihr Gestöhn ist
von Dunkel
umschlungen
täuschend mildes
Gebrumm