Esoterik und Intellekt

Einige Esoteriker in der Nachfolge Oshos neigen dazu, den Intellekt intellektuell zu verteufeln: Sie kleben sich mit Hilfe ihrer reduzierten Interpretation des Intellekts, den Teil für das Ganze nehmend, einen Pappkameraden mit Namen Intellekt zusammen, stellen jede Menge leere Flaschen drumherum auf, und dann stoßen sie alles mit dem gleichen reduzierten Intellekt und großem Getöse wieder um.

Wen kann das überzeugen, wenn nicht ihren Intellekt? Wenn man, wie ich, davon ausgeht, daß das, was dort als Intellekt bezeichnet wird, nur das ist, was der nichtintuitive Intellekt durch analytische Dekonstruktion des Denkens übrigläßt, dann kann man nur lächeln darüber, wie sie sich selbst auszutricksen versuchen, rein intellektuell. Das, was dort als Intellekt beschrieben wird, ist doch schon eine Reduktion des Intellekts mit Hilfe des Intellekts. Das ist nicht schwer zu verstehen, jedenfalls dann nicht, wenn der Intellekt um diese Tendenz seines Wesens weiß und Wert darauf legt, nicht von sich selbst auf einen Teil seiner selbst reduziert zu werden. Das kann man natürlich nur verstehen, wenn man nicht rein intellektuell an die Beschreibung des Intellekts herangeht. Das, was verschiedentlich von Esoterikern als Intellekt beschrieben wird, um das Denken allgemein zu desavouieren, ist nur ein Teil dessen, was vom Denken übrigbleibt, wenn sie es reduziert-intellektuell zergliedern. Das, was dort als Denken bezeichnet wird, ist kein reales Bild, sondern ein modellhaft-intellektuelles Bild des Denkens.

tao

Von Menschen und Mäusen

»Es gibt sehr wenige Menschen in der Welt.« Das schrieb einer, der sich für einen »erwachten« Menschen hält. Eine Leuchte, die anderen, lebend »in dunklen Löchern«, den Weg zum ewigen Licht weisen will und Tag für Tag mit wortreichem Pathos, das sich in die grandiosesten Verzückungen steigert, über die Notwendigkeit des Schweigens parliert.

Er befindet: »Es gibt sehr wenige Menschen in der Welt.« Was sagt das? Das heißt nichts anderes, als daß der, der solches schreibt, der Mehrheit, der übergroßen Mehrheit, das Recht abspricht, sich als Menschen zu bezeichnen. Sie sind minderwertig. Nur ein paar, vermutlich er und seine sektiererischen Freunde, haben demnach das Recht, sich als Menschen zu bezeichnen.

Die anderen sind: Mäuse. (»Es gibt Millionen von Mäusen, aber keine Menschen.«)
Lassen wir die Logik beiseite, die es nicht erlaubt, gleichzeitig zu behaupten, es gäbe „sehr wenige“ und „keine“ Menschen, kommt uns eine derartige Tiermetaphorik nicht bekannt vor? Gab es da nicht mal eine arische Ratte (um bei der vorgegebenen Metaphorik zu bleiben), die in solchen Bildern schwelgte, was zur Folge hatte, daß Millionen von Menschen in wertes und unwertes Leben kategorisiert, an Rampen selektiert und anschließend wie Ungeziefer vernichtet wurden? 

Von der Charakterisierung der Mitmenschen als Mäuse ist es nur ein kurzer Weg zum »Mausgift kaufen«, wie es Bernhard Minetti in einem Theaterstück von Thomas Bernhard so unvergleichlich sagt.

Praktische Meditation

Er erwachte
und fühlte sich befreit
denn er hatte
endlich die Leiter
beiseite gelegt.
Nun nahm er die Säge
prüfte mit dem Daumen
das Blatt
es war scharf
und er sägte
und sägte
gutes Holz
für das Feuer
sagte er sich

Er warf alles von sich
das Feuer loderte auf
und wärmte ihn
und er lachte

die Säge aber
behielt er
für alle Fälle
man kann ja
nie wissen

Meditation

Der Hauptschwachpunkt aller auf Erkenntnis zielenden Meditation ist die Tatsache, daß durch die Fokussierung auf das Visuelle die eigenen vormeditativen textuellen Setzungen aus dem Blickfeld geraten. Es ist ein schönes Gefühl, wenn der Reisende im Flugzeug vergißt, daß er nicht selber fliegt, aber dadurch löst sich das Flugzeug nicht auf. Ist wohl auch besser so.

Brainbuilding

Wie sind sie mir zuwider, diese esoterischen Schwätzer, die davon faseln, wie schwer es sei, geradezu unmenschlich schwer, meditierend ins Innere einzutauchen, die Verstrickungen in die äußere Welt mit ihren Schlingen und Netzen und allen Verlockungen hinter sich zu lassen, um schwebend ins Nirwana eintauchen zu können. Mühsam, mühsam. Wie lächerlich leicht seien dagegen die Besteigung des Everest oder eine Mondlandung oder … blablabla.

Dabei sitzen sie zu Hause entspannt auf ihrer Meditationsmatte, haben die Uhr angehalten, damit das Ticken sie nicht stört, und bequeme Kleidung angelegt, damit nichts sie kneift und ablenken kann bei ihrer »größten Herausforderung, der ein Mensch sich in seinem Leben stellen kann«. Hängt doch schon „»die ganze Vergangenheit felsenschwer an ihrem Hals«.

»Dies ist das größte Abenteuer, das es gibt.« Ist es das wirklich? Oder ist das nicht vielmehr ein schweißsparender Muckibudenersatz zu klein geratener, verwöhnter Wohlstandsneurotiker, um sich wichtig zu machen?

Spiritueller Überschwang

Spiritueller Überschwang ist weniger Ausdruck emotionaler Reife als vielmehr die Folge des Wunsches nach tiefer gehender Emotionalität.

Dabei ist verbales Überschäumen häufig kein Zeichen von Fülle, sondern eher ein Indiz für Mangel. Und gerade dort, wo die Fülle blumenreich beschworen wird, ist der Mangel am größten.

Bei anspruchsloseren Menschen beschwören solche spirituellen Exzentrizitäten nicht selten ein Abziehbild der Gefühle herauf, als deren Ausdruck sie sich gebärden, und so lassen diese Menschen es sich auf dem wortgestrickten Gefühlsteppich gutgehen. 

Schlafgewohnheiten

Der wissenschaftliche Theoretiker ruht sich auf seinen Abstraktionen aus, hört den Ruf der Universität und hofft, daß ihm bald ein Licht aufgeht, der metaphysische Esoteriker hält sich an seine Meditationsmatte, hört den Ruf des Kuckucks und hofft auf Erleuchtung. Der metaphysische Theologe liegt auf einer harten Pritsche, hört die Glocken läuten und ist voller Hoffnung auf Erlösung. So bunt und vielfältig sind die Schlafgewohnheiten im anorganischen Leben.

Über die Negativität kritischer Einwände

Ein farbenblinder Regisseur esoterischer Stummfilme antwortete auf einen meiner kritischen Einwände:

Du interpretierst kontinuierlich. Und du interpretierst natürlich gemäß deines Denkens. Was ich schreibe, wird nicht gelesen, du liest es schon auf deine eigene Weise. Und da du zweifelst, liest du nur Zweifelhaftes. Und da du negativ bist, liest du nur Negatives.

Meine Antwort:

Du weißt ja: Ich habe sehr viel Geduld, und wenn es nötig ist, wiederhole ich mich auch gern noch mal und noch mal.

1. »Du interpretierst kontinuierlich.«

Alles, was du sagst, sind DEINE Interpretationen DEINER Wirklichkeit. Es gibt keinen hinreichenden Grund, mehr darin zu sehen als Interpretationen. Warum nun sollten diese Interpretationen von mir anders behandelt werden als meine eigenen Interpretationen oder diejenigen anderer Leute? Wenn ich sogar selbstkritisch genug bin, meine eigene Sicht der Dinge mit einer gewissen Vorsicht zu beäugen und auf Plausibilität abzuklopfen, warum sollte ich dann gerade bei dir, der so offensichtliche und objektivierbare Fehler produziert, eine Ausnahme machen, als wäre ich eine Mutter, die ihr Söhnchen trotz seiner Mängel über den grünen Klee lobt, weil eine Mutter das eben tut.

2. »Und du interpretierst natürlich gemäß deines Denkens.«

Abgesehen davon, daß »gemäß« und der Genitiv sich von jeher nicht miteinander vertragen und deshalb nicht zusammen in einen Satz gesperrt werden sollten, hast du völlig recht: Ich interpretiere gemäß meinem Denken. Und du hast auch recht mit dem „natürlich“. Wenn deine Weisheiten nur dann verstanden werden, wenn ich meinen Kopf abschraube, ihn durch einen andern ohne Urteilsfähigkeit und eigene Denkleistung ersetze, dann kann es mit deinen Weisheiten nicht weit her sein.

3. »Was ich schreibe, wird nicht gelesen, du liest es schon auf deine eigene Weise.«

Was heißt das? Hier handelt es sich um eine sehr eigentümliche Logik. In dem Satz wird gesagt »nicht gelesen« und »du liest«. Es werden zwei Aussagen gemacht, die einander widersprechen. Selbst Laotse mit seiner brillanten paradoxen Denkweise würde hier milde lächeln ob der vordergründigen Absicht, dem Wunsch nach Unterwerfung, der diesem Unsinn zugrunde liegt. Das ist nicht mal ein Taschenspielertrick.

4. »Und da du zweifelst, liest du nur Zweifelhaftes.«

Das heißt also, du kannst schreiben, was immer du willst: etwa die Erde ist ein Fahrrad, und wenn einer seine Zweifel hat, daß diese Aussage richtig ist oder auch nur semantisch nachvollziehbar, dann nicht etwa, weil du Blödsinn erzählst, sondern weil sein Denken durch Zweifel vergiftet ist. Du machst es dir ganz schön leicht. Du erklärst, man solle sich erst mal einer Gehirwäsche unterziehen, bevor man die heiligen Hallen deiner Wortkunst betritt.

5. »Und da du negativ bist, liest du nur Negatives.«

Das ist nun wirklich ein Taschenspielertrick. Oder sollte man besser sagen: die letzte Konsequenz aller gescheiterten Möchtegernimperatoren? Wer nicht für mich ist, ist gegen mich.

Es ist so, als würde ein Regisseur von Schwarzweißfilmen, der behauptet, seine Filme seien die einzig farbigen, zu den zweifelnden Zuschauern im Kino sagen: Wenn ihr keine Farben seht, dann liegt das an eurer Wahrnehmung.