Über Empathie

Wenn wir verliebt sind oder wenn uns ein andrer leid tut, dann versuchen wir, wenn wir es können und wenn wir nette Menschen sind, uns in ihn einzufühlen.

Aber so traurig das auch klingt: Wir können niemals die Perspektive des andern einnehmen, sosehr wir uns auch mit Verständnis und Toleranz einzufühlen versuchen.

Was wie einnehmen können, ist immer nur die Perspektive, von der wir glauben, daß sie die des andern sei – und immer schleppen wir unsere Irrtümer mit hinein. Ja, es ist sogar eine Art Anmaßung dabei, wenn wir dem andern sagen: Ich verstehe dich. Ist es nicht so, daß wir dem andern unsere Version von seiner Perspektive überzustülpen versuchen und damit seine eigene in Frage stellen?

Einer, der nicht todkrank ist und es nie war, wie sollte der die Perspektive eines Todkranken einnehmen können? Einer, der nicht verliebt ist und es nie war, wie sollte der …

Freundschaft

Es ist oft nicht leicht, uns für einen langjährigen engen Freund zu freuen, daß er die große Liebe gefunden hat, weil wir notwendigerweise in Kauf nehmen müssen, daß wir von dem nahen Menschen zukünftig nicht mehr so viel Zuwendung bekommen können wie gewohnt. Wir müssen akzeptieren, daß ein anderer ihm nun wichtiger ist als wir. Das ist nicht immer einfach. Und es kann weh tun, in der Gunst des Freundes hinter einen anderen und noch dazu fremden Menschen zurücktreten zu müssen.

Aber wenn wir uns von Herzen für den Freund freuen und die Veränderung unserer Stellung verstehend akzeptieren, dann ist das ein Zeichen echter Freundschaft. Wenn wir jedoch beleidigt von dannen ziehen oder auf der Beibehaltung unseres Status bestehen, dann ist das eher ein Zeichen von Infantilität und Egoismus. Und von mangelndem Einfühlungsvermögen.

Übel

Wer von ihm nicht betroffen ist, weil er nicht von ihm getroffen wurde, möglicherweise weil es schlecht gezielt hatte, sollte sich in jedem Augenblick darüber im klaren sein, daß es schon heute besser zielen und ihn treffen könnte. Es schießt dauernd und sehr häufig vorbei. Doch es trifft jeden mindestens einmal. Meist jedoch viel, viel öfter. Es ist nicht die schlechteste Art und Weise, sich auf diesen Augenblick, da man selbst getroffen werden wird, dadurch einzustellen, daß man sich in Menschen einfühlt, die bereits getroffen wurden.

Dazu ist es manchmal notwendig, sich erst einmal an die eigenen Wunden zu erinnern und ihren Schmerz nicht ständig zu verdrängen. Der zweite Schritt fällt dann leichter.