Wachstum

Solange die Bäume im eigenen Garten prächtiger wachsen als die des Nachbarn und reichlich Früchte tragen, ist der Gartenbesitzer geneigt, das Thema Schatten zu vernachlässigen. Wenn aber dann auch bei den mickrigen Bäumchen in Nachbars Garten ein ungeahnter und ungebremster Wachstumsschub zu beobachten ist, beginnt sehr bald das immer lautere Nachdenken über den Schattenwurf der Bäume und das Theoretisieren über die allgemeine Notwendigkeit von Wachstumsbegrenzungen.

Krankheiten

Beim Lesen von Thomas-Mann-Texten kam mir der Gedanke, ob sich nur Extremegozentriker mit ausgeprägter Ruhmsucht ausreichend für das Laster der Hypochondrie qualifizieren können, und ich fragte mich, ob nicht Ruhmgeilheit und Anerkennungsverlangen die wichtigste Quelle von Hypochondrie und Egozentrik sein könnten.   

Literaturezeption als reduzierte Lektüre

Jeder, der einen literarischen Text liest, hat seine eigene Herangehensweise, seine ganz persönliche Lesart. Teilt er Ergebnisse seiner Lesart anderen mit, neigen diese häufig dazu, diese Lesart eines anderen als reduziert und damit minderwertig zu betrachten, weil sie beim andern das Eigene, Widerspiegelungen der eigenen Lesart vermissen. Es ist jedoch ganz natürlich, daß der andere der andere ist. Wenn ich die Gefühle, Erfahrungen und Erkenntnisse anderer nicht teile, dann bin ich ich, aber keineswegs reduziert. Von Reduktion zu sprechen setzt voraus, daß man das Ganze kennt. Aber wer kennt schon das Ganze eines Textes, die dazugehörigen Subtexte, den Prätext aus biographischen Details des Autors, des jeweiligen Lesers und nicht zuletzt die intertextuellen Voraussetzungen? Jeder kennt nur seine Version davon. Daß jemand nun seine eigene Version des Ganzen mit dem Ganzen als solchen verwechselt, verstehe ich, denn die meisten machen das so. So werden sie selbst (in ihrer Vorstellung) zu ganzen Persönlichkeiten, und die anderen werden (ebenfalls in der Vorstellung) degradiert. Diese Mischung aus Aufblasen des Eigenen und Destruieren des andern steckt meist dahinter, wenn einer sagt, ein anderer habe eine reduzierte Lesart. So simpel arbeitet das Ego.

Täuschungsmanöver

Menschen neigen dazu, die Ungenauigkeiten der andern als Fehler und die eigenen Fehler als Ungenauigkeiten zu bezeichnen. So hyperbeln sich die meisten euphemistisch durchs Leben. Und wenn ihnen ihre Bäume dabei zu Büschen werden, beschwören sie den hohen Wert ihrer Erdverbundenheit. 

Den andern verstehen

Hinter dem Wunsch, den andern zu verstehen, steckt häufig die Absicht, uns selbst mißzuverstehen und uns über unsere Tendenz zur Selbststilisierung hinwegzutäuschen. In Wirklichkeit suchen wir im andern nicht den andern, sondern uns selbst. 

Wer sich selbst nicht ohne Selbsttäuschung zu verstehen versucht, versucht auch nicht, den andern zu verstehen.

Verstehen

Heißt nicht wirkliches Verstehen, eine Ahnung davon zu bekommen, daß wir von den meisten Dingen keine Ahnung haben? Nichtverstehen ist demnach nur völlige Abwesenheit von Ahnung. Es ist zwar frustrierend und eine Kränkung für unser Ego, aber wir sollten uns eingestehen, daß die wichtigsten Dinge für uns undurchschaubar sind.