Esoterische Avantgarde

Versuchen kann man’s ja.

Immer wieder diese kläglichen Bemühungen, aus dem hypertrophierten, ichzentrierten, individualistischen westlichen Konzept der Persönlichkeit auszubrechen durch die Verteufelung des Egos mit Hilfe von buddhistisch oder taoistisch gefärbten Heilsversprechen kosmischer Transzendenz.

Daß auch diese nur zu temporären Verschiebungen des Egos in periphäre Gefilde führen, sieht man am besten am Totalitarismus und elitären Scheinavantgardismus vieler esoterischer Vereinigungen.

Das lächerliche Bild des eingebildeten Weltgeistes im Rolls-Royce zeigt unübersehbar, daß die Egozertrümmerung, trotz aller sophistisch-dialektischen Erklärungsversuche, nichts anderes ist als Verschiebung und Aufblähung des Egos an anderer Stelle.

Unser Ego läßt sich nicht wegmeditieren oder wegdiskutieren, wir »verlieren« es erst, wenn wir sterben.

Und ob das ein Verlust oder ein Gewinn ist, werden wir vermutlich niemals erfahren.

Ich neige allerdings dazu, Verlust und Gewinn gleichzusetzen.

Prediger

»All die Priester und Prediger haben die Menschheit korrumpiert, sie haben ihr Denken vergiftet«, sagte der Prediger, räusperte sich, ließ seinen Blick durch die Wüste um sich herum schweifen, freute sich über den gelungenen Prolog, und seine Stimme zitterte emphatisch, durchdrungen von seiner ahnungslosen Selbstgewißheit.

So begann seine tägliche ekklesiastische Übung. Und niemand gähnte gelangweilt, denn es war niemand da.

Jemand

Jemand schrieb im Anschluß an das, was er ein »Thema« nennt (nicht an mich gerichtet): »… Manchmal denke ich, ich sollte mein eigenes Ding machen … Und dann fällt mir ein, daß ich zwar mein eigenes Ding machen, aber nicht herauskommen kann aus diesem großen System der Unfähigkeit. … Gib mir mal’n Tip, wo ich Leute finde, die was bezahlen für die Sachen, die ich so schreibe. Ich würde auch gern meine Lebensweisheit in Kursen kundtun.« Sicher nicht zur Gänze ernstgemeint, aber doch auch nicht nur scherzhaft.

Da dieser Jemand, obschon wesentlich jünger als ich, mir und anderen bereits vorher des öfteren, statt argumentativ auf kritische Nachfragen einzugehen, von Lebenserfahrung gesprochen hatte, schrieb ich als Kommentar: »Bevor man sich einen neuen großen Kopf aufsetzt, sollte man daran denken, daß dann der alte Hut nicht mehr paßt. Sonst denken die Umstehenden, man ginge zum Fasching.« Antwort: »Ich wage mir gar nicht vorzustellen, wie leer dein Blog wäre, wenn du mich nicht hättest.« Und … erstaunlich, daß du die meisten deiner Themen von mir beziehst und nicht andersrum …«

Da man, wenn man die Kommentarfunktion einschränkt, unwidersprochen jede beliebige unsinnige Aussage machen kann, hier ein paar grundsätzliche Bemerkungen:

Abgesehen davon, daß es aus gutem Grund kein Copyright auf Themen gibt, kann ich mich nicht erinnern, jemals ein «Thema … bezogen« zu haben. Seit meinem Erscheinen bei Blogigo habe ich über 800 Beiträge verfaßt. Davon kann man vielleicht zwei Prozent auf diese Art Jemand beziehen: seine Haltung, seine Überheblichkeit, seine Vorurteile, seine Art zu argumentieren, seine Oberflächlichkeit, seine Unfairneß im Gespräch. Diese Charakteristika sind für mich jedoch nicht als individuelle Haltungen interessant, sondern repräsentieren einen Typus: den Typus des mager informierten Besserwissers, der glaubt, er wüßte was und könnte andern was beibringen. So eine Art Sozialmessias mit hypertrophiertem Selbstbewußtsein.

Mit solchen Menschen habe ich Erfahrung, auch hier bei blogigo. Es gab mal einen, der sich in Kommentaren gewohnheitsmäßig über andere und deren Schreibfehler lustig machte. Motto: Dummschreiber, lernt Deutsch. Dummerweise wimmelte es in seinen eigenen Kommentaren nur so von Fehlern, worauf ich ihn freundlich und dezent per E-Mail hinwies. Als er daraufhin aber mit Beschimpfungen und dergleichen anfing, jedoch munter weiter andere als Dummschreiber beschimpfte, begann ich diese Beiträge mit detaillierter Beschreibung seiner eigenen Fehlleistungen zu kommentieren, was ihn begreiflicherweise dazu brachte, seine Kommentarfunktion zu beschränken und meine Kommentare zu löschen. Es gab auch noch andere, ähnliche Fälle, und man kann das zum größten Teil nachlesen, wenn man will, ich möchte das hier jetzt nicht weiter ausführen.

Natürlich habe ich mich auch damals auf meinem Blog mit der Beschreibung solcher Charaktere befaßt, aus aktuellem Anlaß, aber doch prinzipiell und nicht individuell: prototypische Betrachtung. Und grundsätzlich ohne Nennung von Namen. Es ging und geht immer um die problematische Haltung von sich selbst überschätzenden Jemanden.

In diesem Fall überschätzt sich ein Jemand so sehr, daß er mir unterstellt, ich würde Themen von ihm beziehen. Als hätte einer wie ich das nötig.

Es gibt nur einen einzigen Fall, daß ich als Reaktion auf einen unausgegorenen Beitrag über das gleiche Thema, nämlich Genetik, geschrieben habe. Allerdings weniger oberflächlich als dieser Jemand. Und ohne dessen Denkfehler. Und besser informiert. Vielleicht sollte ich noch bemerken, daß ich zum gleichen Thema bereits Monate vorher ein Gedicht geschrieben hatte.

Ich hoffe, dieser Jemand findet zu einer realistischen Einschätzung seiner Fähigkeiten. Und vielleicht ein wenig Einsicht in seine unfaire Art, zu argumentieren und zu diskutieren. So wie er sich jetzt verhält, kann ich diesen Menschen nicht respektieren. Bei den meisten anderen fällt mir das leicht, obwohl es manchmal konträre Meinungen gibt, die keine intellektuelle oder moralische Annäherung erlauben.

Anmerkung: Ich habe in diesen Beitrag keinen Tippfehler, sondern bewußt nur eine kleine stilistische Unregelmäßigkeit eingebaut. Für den Fall, daß der Jemand wieder nach Fehlern sucht. Aber ich glaube nicht, daß er diesen «Fehler« findet, denn dem eignet eine gewisse Subtilität, die sich nicht jedem und nicht mal jeder so ohne weiteres erschließt. Und dem »Jeden« schon gar nicht.

2006

Ich

Wenn wir unser Ich definieren, geschieht das in Abhängigkeit von Erziehung, Denktraditionen und mehr oder weniger wissenschaftlichen Moden. Was ich als mein Ich betrachte, ist, abgesehen von meiner Körperlichkeit, nichts als eine Glaubensfrage. Ich weiß nicht, wer ich bin, ich weiß nur, was ich zu sein scheine. Und du?

Vom Ego

Nirgendwo läuft das (eigene) Ego so so sehr zur Hochform auf wie bei der Jagd auf das Ego (der andern). Und nicht nur das der andern. Wenn man sieht, mit welcher Inbrunst manche sich selbst geißeln und erniedrigen, dann bekommt man ein Gefühl für die egozentrische Selbstüberschätzung, die dahintersteckt.

Madentiraden

Ein Großteil der Menschen in den sogenannten zivilisierten Ländern wünscht sich materiellen Wohlstand, Zuwendung und Freizeit, aber je mehr Wohltaten diese Menschen genießen können (oder besser könnten), um so mehr fällt ihnen auf, was ihnen fehlt.

Und sei es auch noch so wenig, das Bewußtsein, daß etwas fehlt – und natürlich fehlt immer etwas, und sei es auch nur Bewußtsein –, macht sie unzufrieden. Von allem nur ein wenig zu haben, das scheint eine bessere Quelle des Glückes zu sein. Man kann aber auch das Bewußtsein dahingehend erweitern, daß man das Bewußtsein, daß etwas fehlt, ergänzt durch das Bewußtsein dessen, was man tatsächlich besitzt.

Am besten wäre es, wenn man sich klarmachte, daß es vor allem an klarem Bewußtsein fehlt, wenn ein Fetter glaubt, er hätte zuwenig zu essen.