Literaturezeption als reduzierte Lektüre

Jeder, der einen literarischen Text liest, hat seine eigene Herangehensweise, seine ganz persönliche Lesart. Teilt er Ergebnisse seiner Lesart anderen mit, neigen diese häufig dazu, diese Lesart eines anderen als reduziert und damit minderwertig zu betrachten, weil sie beim andern das Eigene, Widerspiegelungen der eigenen Lesart vermissen. Es ist jedoch ganz natürlich, daß der andere der andere ist. Wenn ich die Gefühle, Erfahrungen und Erkenntnisse anderer nicht teile, dann bin ich ich, aber keineswegs reduziert. Von Reduktion zu sprechen setzt voraus, daß man das Ganze kennt. Aber wer kennt schon das Ganze eines Textes, die dazugehörigen Subtexte, den Prätext aus biographischen Details des Autors, des jeweiligen Lesers und nicht zuletzt die intertextuellen Voraussetzungen? Jeder kennt nur seine Version davon. Daß jemand nun seine eigene Version des Ganzen mit dem Ganzen als solchen verwechselt, verstehe ich, denn die meisten machen das so. So werden sie selbst (in ihrer Vorstellung) zu ganzen Persönlichkeiten, und die anderen werden (ebenfalls in der Vorstellung) degradiert. Diese Mischung aus Aufblasen des Eigenen und Destruieren des andern steckt meist dahinter, wenn einer sagt, ein anderer habe eine reduzierte Lesart. So simpel arbeitet das Ego.

Täuschungsmanöver

Menschen neigen dazu, die Ungenauigkeiten der andern als Fehler und die eigenen Fehler als Ungenauigkeiten zu bezeichnen. So hyperbeln sich die meisten euphemistisch durchs Leben. Und wenn ihnen ihre Bäume dabei zu Büschen werden, beschwören sie den hohen Wert ihrer Erdverbundenheit. 

Den andern verstehen

Hinter dem Wunsch, den andern zu verstehen, steckt häufig die Absicht, uns selbst mißzuverstehen und uns über unsere Tendenz zur Selbststilisierung hinwegzutäuschen. In Wirklichkeit suchen wir im andern nicht den andern, sondern uns selbst. 

Wer sich selbst nicht ohne Selbsttäuschung zu verstehen versucht, versucht auch nicht, den andern zu verstehen.

Verstehen

Heißt nicht wirkliches Verstehen, eine Ahnung davon zu bekommen, daß wir von den meisten Dingen keine Ahnung haben? Nichtverstehen ist demnach nur völlige Abwesenheit von Ahnung. Es ist zwar frustrierend und eine Kränkung für unser Ego, aber wir sollten uns eingestehen, daß die wichtigsten Dinge für uns undurchschaubar sind. 

Egologik

Zum Wesen des Egozentrikers gehört, daß er »wir« sagt, wenn er »ich« meint, und daß er jeden der maßlosen Egozentrik verdächtigt, der »ich« sagt, wenn er »ich« meint. Dieses »Ich« des anderen schränkt den »Wir«-Spielraum, den Raum der beherrschenden Vereinnahmung, des Egozentrikers ein. Nichts ist dem Egozentriker so verhaßt wie das Ego des anderen.

Die drei Kränkungen

Immer wieder mal ist in den Feuilletons von den drei wissenschaftlichen Kränkungen des Menschen die Rede, und meistens wird dem Erfinder der dritten, Sigmund Freud, zumindest verhalten zugestimmt, so als träfe seine Behauptung auch heute noch den Kern der menschlichen Befindlichkeit.

Dabei hat Freud die ersten beiden Kränkungen (also die kopernikanische und die darwinsche) nicht zuletzt deshalb so sehr herausgestrichen – das Ego ist listig –, weil er seiner eigenen, der Mensch habe bei sich zu Hause nicht wirklich was zu sagen, damit noch mehr Gewicht geben wollte.

So wird ein Bild des in Sack und Asche gehenden Menschen gezeichnet, der, verloren und aller Wurzeln beraubt, einsam und nicht mal mehr seiner selbst gewiß, über den Planeten wandert.

Als hätte nicht die Wissenschaft in ihrer Weisheit, also als angewandte Wissenschaft, als Technik, für reichlich Medizin gesorgt, denn weit davon entfernt, gekränkt zu sein, sitzt der Mensch – das Ego ist listig –, tatsächlich mit der Fernbedienung vor dem Fernseher und empfindet sich als Herrscher des Universums.