Täuschungsmanöver

Menschen neigen dazu, die Ungenauigkeiten der andern als Fehler und die eigenen Fehler als Ungenauigkeiten zu bezeichnen. So hyperbeln sich die meisten euphemistisch durchs Leben. Und wenn ihnen ihre Bäume dabei zu Büschen werden, beschwören sie den hohen Wert ihrer Erdverbundenheit. 

Den andern verstehen

Hinter dem Wunsch, den andern zu verstehen, steckt häufig die Absicht, uns selbst mißzuverstehen und uns über unsere Tendenz zur Selbststilisierung hinwegzutäuschen. In Wirklichkeit suchen wir im andern nicht den andern, sondern uns selbst. 

Wer sich selbst nicht ohne Selbsttäuschung zu verstehen versucht, versucht auch nicht, den andern zu verstehen.

Verstehen

Heißt nicht wirkliches Verstehen, eine Ahnung davon zu bekommen, daß wir von den meisten Dingen keine Ahnung haben? Nichtverstehen ist demnach nur völlige Abwesenheit von Ahnung. Es ist zwar frustrierend und eine Kränkung für unser Ego, aber wir sollten uns eingestehen, daß die wichtigsten Dinge für uns undurchschaubar sind. 

Egologik

Zum Wesen des Egozentrikers gehört, daß er »wir« sagt, wenn er »ich« meint, und daß er jeden der maßlosen Egozentrik verdächtigt, der »ich« sagt, wenn er »ich« meint. Dieses »Ich« des anderen schränkt den »Wir«-Spielraum, den Raum der beherrschenden Vereinnahmung, des Egozentrikers ein. Nichts ist dem Egozentriker so verhaßt wie das Ego des anderen.

Die drei Kränkungen

Immer wieder mal ist in den Feuilletons von den drei wissenschaftlichen Kränkungen des Menschen die Rede, und meistens wird dem Erfinder der dritten, Sigmund Freud, zumindest verhalten zugestimmt, so als träfe seine Behauptung auch heute noch den Kern der menschlichen Befindlichkeit.

Dabei hat Freud die ersten beiden Kränkungen (also die kopernikanische und die darwinsche) nicht zuletzt deshalb so sehr herausgestrichen – das Ego ist listig –, weil er seiner eigenen, der Mensch habe bei sich zu Hause nicht wirklich was zu sagen, damit noch mehr Gewicht geben wollte.

So wird ein Bild des in Sack und Asche gehenden Menschen gezeichnet, der, verloren und aller Wurzeln beraubt, einsam und nicht mal mehr seiner selbst gewiß, über den Planeten wandert.

Als hätte nicht die Wissenschaft in ihrer Weisheit, also als angewandte Wissenschaft, als Technik, für reichlich Medizin gesorgt, denn weit davon entfernt, gekränkt zu sein, sitzt der Mensch – das Ego ist listig –, tatsächlich mit der Fernbedienung vor dem Fernseher und empfindet sich als Herrscher des Universums.

Esoterische Avantgarde

Versuchen kann man’s ja.

Immer wieder diese kläglichen Bemühungen, aus dem hypertrophierten, ichzentrierten, individualistischen westlichen Konzept der Persönlichkeit auszubrechen durch die Verteufelung des Egos mit Hilfe von buddhistisch oder taoistisch gefärbten Heilsversprechen kosmischer Transzendenz.

Daß auch diese nur zu temporären Verschiebungen des Egos in periphäre Gefilde führen, sieht man am besten am Totalitarismus und elitären Scheinavantgardismus vieler esoterischer Vereinigungen.

Das lächerliche Bild des eingebildeten Weltgeistes im Rolls-Royce zeigt unübersehbar, daß die Egozertrümmerung, trotz aller sophistisch-dialektischen Erklärungsversuche, nichts anderes ist als Verschiebung und Aufblähung des Egos an anderer Stelle.

Unser Ego läßt sich nicht wegmeditieren oder wegdiskutieren, wir »verlieren« es erst, wenn wir sterben.

Und ob das ein Verlust oder ein Gewinn ist, werden wir vermutlich niemals erfahren.

Ich neige allerdings dazu, Verlust und Gewinn gleichzusetzen.