Madentiraden

Ein Großteil der Menschen in den sogenannten zivilisierten Ländern wünscht sich materiellen Wohlstand, Zuwendung und Freizeit, aber je mehr Wohltaten diese Menschen genießen können (oder besser könnten), um so mehr fällt ihnen auf, was ihnen fehlt.

Und sei es auch noch so wenig, das Bewußtsein, daß etwas fehlt – und natürlich fehlt immer etwas, und sei es auch nur Bewußtsein –, macht sie unzufrieden. Von allem nur ein wenig zu haben, das scheint eine bessere Quelle des Glückes zu sein. Man kann aber auch das Bewußtsein dahingehend erweitern, daß man das Bewußtsein, daß etwas fehlt, ergänzt durch das Bewußtsein dessen, was man tatsächlich besitzt.

Am besten wäre es, wenn man sich klarmachte, daß es vor allem an klarem Bewußtsein fehlt, wenn ein Fetter glaubt, er hätte zuwenig zu essen.

Über Unbelehrbarkeit

Manche Menschen haben sich dermaßen gut eingerichtet in ihrer Selbstherrlichkeit, daß nichts sie erreicht, was sie nachdenklich machen könnte, weder Kritik noch gutgemeinte Ratschläge, noch fundierte Argumente. Sie sind wie imprägniert gegen Meinungen und Sichtweisen anderer, und sie sorgen mit mentalem Imprägnierspray dafür, daß ihr Denken und die damit verbundenen Haltungen und Handlungen nicht durch Fremdes beeinträchtigt werden. So weit, so gut. Man kann sie bedauern oder nicht, jeder, wie er mag.Auch die Imprägnierten haben das Recht, nach ihrer Fasson zu leben. Jeder hat dieses Recht.

Nun ist es aber so, daß gerade diese geistig unbeweglichen Menschen häufig mit überdimensionalem Sendungsbewußtsein ausgestattet sind und dazu neigen, anderen ihre Denkart als vorbildlich aufdrängen zu wollen. Das führt dazu, daß sie ihren Mitmenschen mit geradezu missionarischem Eifer vorgeben wollen, wie Texte zu lesen seien, was wie und wo geschrieben werden soll und darf und welche Gefühle die richtigen sind.

Sie glauben allen Ernstes, sie hätten ganz allein das Recht, darüber zu entscheiden, über was geredet werden darf und wann Diskussionen, wenn sie sich überhaupt auf solche einlassen, beendet sind. Dieses Recht hat niemand.

Über Egozentrik

Ein Egozentriker ist ein Mensch, der von einem andern erwartet, daß der ihm den Apfel vom höchsten Ast holt, aber selbst nicht bereit ist, dabei auch nur die Leiter zu halten. Daß der Egozentriker nicht willens ist, den Apfel zu teilen, versteht sich von selbst.

Befremden

Immer wieder sehe ich mit Befremden, daß es Menschen gibt, die Spaß daran haben, im Winter Fensterscheiben einzuwerfen, und sich in der Folge darüber beschweren, daß es so zugig ist. Und wenn man sie auf die Ursache des kühlen Luftstroms hinweist, die Chuzpe besitzen, andere dafür verantwortlich zu machen, während sie selbst sich gerade nach dem nächsten Stein bücken.

Man kann sicher lernen, darüber zu lachen. Das werde ich mir zur Aufgabe machen. Gegen die Arroganz von Egozentrikern hilft Lachen. Wissen allein ist machtlos. Aber Wissen reicht dennoch. Denn wirkliche geistige Lebendigkeit und Offenheit sind wichtiger als beißkräftige Zähne.

Über das Wollen

Jeder möchte tun, was er will. Und er tut, was er meint zu wollen. Dabei geschieht oft, daß er sich selbst und andere durch sein Handeln verletzt. Dann geht er manchmal in sich und versucht herauszufinden, ob er das wirklich will, was er tut, oder ob er nur Impulsen von Teilen seiner Persönlichkeit, seines Egos Ausdruck gibt. Das ist für mich der Beginn der Selbsterkenntnis.

Nichts ist schwieriger, als herauszufinden, was man im Innersten will, denn in uns streiten viele Teile um die Vorherrschaft und versuchen uns einzureden, wenn wir ihren Impulsen nachgäben, täten wir, was wir wollen. Und deshalb wollen wir mal dies und mal das und trudeln durch die Gegend. Wenn wir versuchen, herauszubekommen, was wir wollen, müssen wir tiefer schürfen, und vielleicht finden wir heraus, was wir sollen. Finden heraus, daß das, was wir für unser wollendes Ich halten, nicht wir selbst sind.

Und dann sind wir plötzlich da, wo wir uns erkennen als das, was wir sind, und dann sind wir unser eigener Souverän, der dem Ich sagt, wer der Chef ist, und all die streberischen Impulse als das entlarvt, was sie sind: Zwergenwünsche. Und wenn unser Ich bereit ist, ohne zu murren, sein Sollen zu akzeptieren und sein Wollen als Wünsche zu sehen, dann werden im Wollen auch Wünsche befriedigt, ohne sich selbst ständig zu verletzen.

Aber wenn das Ich nicht bereit ist, diese Beschneidung seiner angemaßten Souveränität zuzulassen, dann wird es zu einem bitteren inneren Kampf kommen. Das erleben wir alle mehr oder weniger.

Ruhiges, klares Handeln ist erst dann möglich, wenn die innere Hierarchie geklärt und akzeptiert ist. Im Innern des Menschen gibt es keine Demokratie.

Über emotionale Farbenblindheit

Manchmal ist es so, daß Menschen, wenn sie einander nahekommen, sich selbst näherkommen, aber wenn sie Probleme mit ihrem Selbst haben und diese gewohnheitsmäßig mit scheinbarem Erfolg in den Ego-Bereich verdrängen, sich von dem andern, der als eine Art Katalysator wirkt, abwenden, weil sie Angst davor haben, sich dem Teil in sich selbst zuzuwenden, auf den es ankommt, dem Kern ihrer Persönlichkeit – dann wenden sie sich vom andern ab, um zu vermeiden, sich sich selbst zuzuwenden.

Und sie leben weiter ihr verhängnisvolles Muster, weil es ihnen bekannt und gewohnt ist. Und wenn es bei ihnen immer wieder mal mächtig knallt, verlagern sie die Ursache dafür in den jeweils andern. Vermeidung der Auseinandersetzung mit sich selbst durch Projektion von Konfliktursachen auf den andern.

Das ist so etwas wie eine gefühlsmäßige Achromatopsie. Solche Menschen sind blind für die problemauslösende Struktur in ihrem Innern. Darauf hingewiesen, neigen sie gewohnheitsmäßig dazu, dem andern Fehlsichtigkeit zu attestieren. Und wenn beim nächsten andern das gleiche passiert, wundern sie sich nur darüber, daß es so viele Fehlsichtige gibt. 

Possessivpronomina

Menschen, deren Rede geradezu zwanghaft angereichert ist mit egozentrierten Possessivpronomina, sind nicht gerade ideale Beziehungspartner, und man sollte ihnen Gelegenheit geben, den Gebrauch dieser Pronomina auf Nomen wie zum Beispiel Einsamkeit auszudehnen. Doch das wird wahrscheinlich nichts nützen, denn sie werden dies nicht in so ausreichendem Maße als negativ empfinden, daß sie etwas an ihrem Sprachgebrauch und dem damit verbundenen Denken und Handeln ändern. Einsam sind meistens die, die wenig Sinn für solche Possessivpronomina haben.