Die eigene Dummheit

Es ist eine Dummheit, zu glauben, ein Dummer könne seine eigene Dummheit erkennen. Seine eigene Dummheit erkennt man immer nur retrospektiv, also zu spät, nämlich dann, wenn man sie bereits überwunden hat. Das weiß ich aus eigener, bitterer Erfahrung. Dummheit kann, wenn überhaupt, nicht durch unmittelbare Erkenntnis, sondern nur durch bittere Erfahrung überwunden werden. Hoffe ich.

Klugheit und Weisheit 

Unendlich sind nicht nur das Universum und die menschliche Dummheit, wie Einstein sagt – wenngleich er sich bei der Dummheit nicht ganz sicher ist –, unendlich sind auch die Sprüchesammlungen über ebendiese Dummheit. 

Sehr beliebt ist der Spruch: „Nur der Dumme muß alle Erfahrungen selber machen.“ Gern Laotse zugeschrieben, obgleich so ein Diktum nicht zu der Weltsicht Laotses paßt. Oder, wie mein Vater sagte: „Der Kluge lernt aus den Fehlern der anderen.“

Die weniger Dummen schicken also die ganz Dummen vor, damit diese für sie das Terrain erkunden. Durchaus klug gedacht, aber leider ist es so, daß es unsere schmerzlichsten Erfahrungen sind, die uns zur größten Klugheit führen, denn nur aus eigener Erfahrung wird man wirklich klug. Wir müssen alle erst einmal durch die Sümpfe der eigenen Dummheit waten, bevor wir ans rettende Ufer gelangen können. Bei vielen – und das sind nicht die Dümmsten – dauert das lebenslang, und die allermeisten versinken vorher im Morast. 

Weise kann nur werden, wer seine eigene Dummheit erkennt – und nicht nur die der anderen. Und die eigene Klugheit nicht mit Weisheit verwechselt. Wie sagt Laotse: „Andere durchschauen ist Umsicht – sich selbst durchschauen ist Einsicht.“ Oder: „Wer die anderen Menschen gut kennt, ist klug, wer sich selbst aber kennt, ist weise.“

Nur ein Dummer kann weise werden.

Vom Universellen und Individuellen

Intelligenz ist individuell, Dummheit universell. Und umgekehrt. Aber dies nur dann, wenn man den zweiten Teil des Satzes mit einbezieht und dabei nicht vergißt, eine Teilinversion der Adjektive vorzunehmen.

Krieg

Krieg zu führen ist von jeher eine Sache der Dummköpfe, und das war es auch schon, als nur erwachsene Männer sich gegenseitig wegen Nichtigkeiten das Lebenslicht ausgeblasen haben.

Wenn jetzt wieder alle Seiten tote und verletzte Kinder in die Kameras halten und die Unmenschlichkeit des Gegners beklagen, sollten sie sich mal überlegen, was sie selbst dazu beitragen, daß es soweit kommt.

Wer Straßen nach Kindern benennt, denen man einen Sprengstoffgürtel umgebunden hat, damit sie sich und andere in den Tod schicken können, hat ebensowenig das Recht, die Unmenschlichkeit des Gegners zu beklagen, wie einer, der bei jeder Gelegenheit mit Kanonen auf Spatzen in fremden Gärten schießt und dabei in Kauf nimmt, daß sich die Gärten in Wüsten verwandeln.

Dummheit hat viele Gesichter, aber aus allen Nasen fließt der gleiche Rotz.

Klugheit

Ein kluger Mensch weiß, daß er bessere geistige Entwicklungsmöglichkeiten hat, wenn er davon ausgeht, daß er dumm ist – absolut gedacht und nicht im Vergleich zu anderen Mitdummen, seien sie nun klüger oder dümmer oder sogar relativ weise.

Der Weise würde niemals auf die Idee kommen, sich für absolut weise zu halten. Auch nicht für absolut dumm. Bestenfalls kann sich der Weise für relativ dumm halten.

Aber auch das wäre natürlich attitüdenverdächtig.

Thesen zur Dummheit

Dumm ist ein Mensch, der die Entfaltung seiner Intelligenz dadurch behindert, daß er sie überschätzt.

Dumm ist ein Mensch, der die Relativität seiner Bildungsinhalte nicht reflektiert.

Dumm ist ein Mensch, der glaubt, das Sein sei wissenschaftlich zu erfassen.

Intelligenz und Bildung erzeugen ebensoviel Dummheit, wie sie abbauen. Nur die Kleider werden prächtiger.

Dummheit

Dummheit ist weniger eine Folge mangelnden Wissens, sondern eher ein Symptom der mangelnden Fähigkeit oder Bereitschaft, diesen Mangel bei sich selbst zu diagnostizieren.

Das sokratische Εν οίδα οτι ουδέν οίδα (Ich weiß, daß ich nicht weiß) ist nach wie vor trotz seiner paradoxen Struktur wegweisend. Und im Kern ist die sokratische Ironie viel weniger ironisch, als man sich zu denken angewöhnt hat.