Über Gastgeber besonderer Art

Wenn jemand halbgare Behauptungen als leckeres Menü auf den Tisch stellt und die Gäste zeigen eine gewisse Unzufriedenheit, würzen nach und beginnen ein Gespräch über Kochkunst, dann holt der eine oder andere verhinderte Meisterkoch schon mal ein Tranchiermesserchen aus der Küche, aber nicht um das zähe Fleisch zu schneiden, sondern um mit dem Metall herumzufuchteln. Und wenn es dann immer noch Gäste geben sollte, die nicht überzeugt sind von der Einzigartigkeit der angebotenen Köstlichkeiten, dann weist man den Kostverächtern die Tür und wirft ihnen das Messer hinterher.

Solche Gastgeber sind nicht nur schlechte Gastgeber, sondern auch schlechte Gäste. Selbst eingeladen, ergehen sie sich, wenn sie überhaupt erscheinen, wortreich über die Ungenießbarkeit der angebotenen Speisen, ohne sie vorher gekostet zu haben – allein vom Anblick wird ihnen bereits schlecht –, und noch bevor der Gastgeber sich zu ihren Bemerkungen äußern kann, sind sie bereits wieder verschwunden: Später sieht man sie dann an der Imbißbude im ausgelassenen Fachgespräch mit einem Currywurstproduzenten.

Kein Märchen

Ein Mensch ist mit sich und seiner Umgebung nicht im reinen und entschließt sich, seine Gedanken im Internet zu veröffentlichen, sucht das Gespräch mit andern. Ein normaler Vorgang.

Nun hat dieser Mensch aber auch eine Neigung zum Provozieren und schreibt einen Beitrag zu einem Reizthema. Unter einer aggressiven Überschrift tut er in aggressiver Manier und großer Widersprüchlichkeit seine Meinung kund und erklärt, das sei nicht nur seine Meinung. Und er tut das auf provokative Art und Weise. Er wird sachlich darauf hingewiesen, daß sein Beitrag widersprüchlich ist und gekennzeichnet von Schwarzweißdenken, niemand verunglimpft ihn persönlich, niemand greift ihn persönlich an, sondern die hinter seinen Worten (und es ist ja nicht nur seine Meinung, wie er selbst erklärt hat) stehende Haltung wird kritisch betrachtet.

Seine Reaktion darauf ist gekennzeichnet von vollkommener Uneinsichtigkeit. Er nimmt die Reaktionen als Angriffe wahr und holt die Keule raus. In der Folge werden die Kritiker beschimpft, persönlich angegriffen, es wird ihnen etwas unterstellt, unsinnige Behauptungen werden aufgestellt. Wer anderer Meinung ist, wird verunglimpft, beleidigt, unter Verdacht gestellt. Andere werden als Extremisten, arrogante Intelligenzler, Leute von einer »Sorte«, gar als »aufgeblasener Frosch« bezeichnet. Und man scheut sich nicht, Gesinnungsverwandte dazu aufzufordern, einen Kritiker, dessen Kritik zu keiner Zeit ein persönlicher Angriff war, »niederzubetonieren«. (»Tu mir den Gefallen und betonier den aufgeblasenen Frosch mit einm guten Argument nieder – aber ich fürchte, der steht wieder auf.«)

Man weist auf angebliche »Eigentore« und »Widersprüche« anderer hin, ohne auch nur ein einziges Beispiel dafür anzuführen, es wird einfach blind und lustvoll auf andere eingeschlagen. Bei alldem wird dieser aggressive Mensch nicht müde, auf seine große Toleranz und Menschenliebe hinzuweisen, und vergießt bittere Tränen darüber, daß er mißverstanden worden sei. Was ihn nicht daran hindert, bei nächster Gelegenheit den nächsten Kritiker auf die übliche Weise mundtot machen zu wollen.

Und dann stellt er sich hin und erklärt, Haß sei »kein wirklich guter Nährboden für Frieden«. Abgesehen davon, daß Haß NIE Nährboden für irgend etwas Positives ist und schon gar nicht für Frieden und immer ein Zeichen von emotionaler Unreife: Ausgerechnet der, der solche Gefühle hat und versucht, sie bei andern zu erzeugen, sagt so etwas. Das ist der Gipfel der Impertinenz.

Aber vielleicht ist es ja nur ein Versuch der Selbstsuggestion und ein Selbstgespräch. Vielleicht die erste zarte Blüte der Einsicht. Der Friede fängt immer bei einem selbst an. Wenn ich mit mir selbst nicht in Frieden leben kann und deshalb andere beleidigen, provozieren, angreifen muß, dann ist wenig Hoffnung auf Frieden. Ohne akzeptable Gesprächskultur kein Gespräch.

 

Über Unbelehrbarkeit

Manche Menschen haben sich dermaßen gut eingerichtet in ihrer Selbstherrlichkeit, daß nichts sie erreicht, was sie nachdenklich machen könnte, weder Kritik noch gutgemeinte Ratschläge, noch fundierte Argumente. Sie sind wie imprägniert gegen Meinungen und Sichtweisen anderer, und sie sorgen mit mentalem Imprägnierspray dafür, daß ihr Denken und die damit verbundenen Haltungen und Handlungen nicht durch Fremdes beeinträchtigt werden. So weit, so gut. Man kann sie bedauern oder nicht, jeder, wie er mag.Auch die Imprägnierten haben das Recht, nach ihrer Fasson zu leben. Jeder hat dieses Recht.

Nun ist es aber so, daß gerade diese geistig unbeweglichen Menschen häufig mit überdimensionalem Sendungsbewußtsein ausgestattet sind und dazu neigen, anderen ihre Denkart als vorbildlich aufdrängen zu wollen. Das führt dazu, daß sie ihren Mitmenschen mit geradezu missionarischem Eifer vorgeben wollen, wie Texte zu lesen seien, was wie und wo geschrieben werden soll und darf und welche Gefühle die richtigen sind.

Sie glauben allen Ernstes, sie hätten ganz allein das Recht, darüber zu entscheiden, über was geredet werden darf und wann Diskussionen, wenn sie sich überhaupt auf solche einlassen, beendet sind. Dieses Recht hat niemand.

Diskussion

Der Sinn einer kreativen Diskussion ist es nicht, herauszufinden, wer recht hat, oder sich mit seiner Meinung oder Theorie durchsetzen zu wollen, sondern auszuloten, was richtig sein könnte. Dabei wird sich manches Mal herausstellen, daß keiner recht hat oder alle recht haben, und zwar deshalb, weil die Perspektive eine jeweils andere ist oder einem Diskussionsgegenstand mehrere Erscheinungsformen zukommen können. Dann kann man natürlich über die Qualität der Perspektive diskutieren und über eine eventuelle Ungleichwertigkeit der Erscheinungsformen und so weiter.

Diskussion sollte aber kein Kriegsersatz sein. Spielen und mit Gegenständen werfen kann man besser im Sandkasten. (Wenn ich meinen Text betrachte, fällt mir ein möglicher Ansatzpunkt für Kritik oder eine Diskussion auf: das Spielen im Sandkasten. Wie jeder weiß oder wissen sollte, kann Spielen im Sandkasten sehr kreativ sein, und deshalb habe ich hier zu allgemein formuliert, weil ich die kreativen Erscheinungsformen des Sandkastenspiels außer acht gelassen habe.

Ich dachte daran, daß die Kontrahenten sich in Diskussionen häufig gegenseitig Sand in die Augen streuen, und finde diese Unart wenig förderlich. Spielerische Elemente jedoch können Diskussionen in mancherlei Hinsicht beleben. Ein zweiter möglicher Einwand könnte sein, daß ich die sportliche Komponente von Diskussionen nicht erwähnt habe: Diskussion als geistige Eristik. Und schon wären wir in einer fruchtbaren Diskussion über Diskussionen.)