Nachsokratisches Denken

Philosophisches Denken im nachsokratischen Sinne ist ein paradoxer Vorgang, bei dem der Fortschritt darin besteht, sich immer deutlicher seiner Unwissenheit und der Unmöglichkeit der Erkenntnis der letzten Dinge bewußtzuwerden.

Die Ironie dabei ist nicht wie bei Sokrates, daß sich einer dummstellt, um aus anderen die Wahrheit herauszukitzeln, die Ironie besteht vielmehr darin, daß man so redet und tut, als könnte es eine Wahrheit geben, der wir uns annähern, in Wirklichkeit aber weiß, daß wir uns mit jeder Annäherung an das, was wir für Wahrheit halten, von der Erkenntnis entfernen, daß es keine Wahrheit gibt.

Nur ein Spiel.

Aphorismus

Jeder gelungene Aphorismus ist Ausdruck einer individuellen Erfahrung oder das Resultat eines subjektiven Denkprozesses. Nur unkritische Weisheitssammler werden ihn nicht als Aufforderung zum Selberdenken begreifen. Aphorismen fordern, nicht zuletzt wegen der fehlenden Begründungen, zum Widerspruch geradezu heraus.

Kein Schlußpunkt

Er fand es nachdenkenswert, bei manchen Aussagen auf den Schlußpunkt zu verzichten, um deutlich zu machen, daß alle Erwägungen, selbst die im apodiktischen Gewand daherkommenden, Mutmaßungen sind. Oder sollte er drei Punkte setzen, um die Unabgeschlossenheit zu verdeutlichen? Eine andere Möglichkeit wäre es, alle Sätze so zu strukturieren, daß am Ende jedes Gedankens, das zumindest zu Lebzeiten niemals ein Ende ist, stets ein Fragezeichen stünde.

All dies erwägend, entschied er sich dennoch, den Punkt beizubehalten – und sei es als Ausdruck seines Mutes, seines Willens zur vollendeten Formbildung. 

Nur auf Ausrufezeichen wird er auch weiterhin verzichten, sind sie doch Ausdruck des Wunsches, nicht nur andere, sondern auch sich selbst von Schlußfolgerungen zu überzeugen, deren Stichhaltigkeit man im stillen bezweifelt.

Skeptisch-auktoriale Variation

Wenn er unvoreingenommen auf die Fülle von Ismen schaut, die ihn umgeben und werbend oder fordernd seine grauen Zellen umkreisen, dann fällt ihm auf, daß es nur einen Ismus zu geben scheint, der der freien Entfaltung seines Denkens förderlich ist. Das ist der Organismus.

Alle anderen, zumal als »Bewegung« oder Richtungszeichen, sind dem eigenen Denken eher abträglich und behindern die Konzentration der Gedanken mehr, als sie sie befördern. Sein Kopf wird nicht frei, wenn er sich in der Nähe von Ismen aufhält, denn in der Nase stört dieser metallische Geruch des blutbesudelten, aber nach wie vor sehr lebendigen Vaters aller Ismen: des Dogmatismus. 

Da sitzt er nun mit seiner Illusion der Unvoreingenommenheit, die in Wirklichkeit nur ein kleiner Schritt ist, ein Augenaufschlagen, das vielleicht irgendwann mal zu einer eigenen Sicht auf sich und die Welt führen wird, heraus aus den interessegeleiteten Vorurteilen und hinein, ja wohinein?

Er weiß es nicht. 

Und ich, der ich ihn dort hingesetzt habe, ich weiß es ebensowenig. Aber es ist ein Anfang.

Meinungsbildungsprozeß

Wenn wir mit uns irritierenden Meinungen eines anderen konfrontiert werden, sollte es nicht in erster Linie darum gehen, ob diese oder unsere Meinung richtig ist oder falsch. Vielmehr ist der Sinn des Meinungsaustauschs, die Irritation durch die abweichende Meinung des anderen fruchtbar werden zu lassen, indem wir diese zum Anlaß nehmen, unsre eigene Meinung auf ihre Stichhaltigkeit hin zu überprüfen, denn jeder hat zu jedem Aspekt des Lebens und zu dessen sprachlicher Repräsentanz ganz persönliche Definitionen parat, die etwas zu tun haben mit den gängigen Vorstellungen davon, was dieses oder jenes sei, und jeder hat seine persönlichen Erfahrungen und philosophischen oder religiösen Strickmuster, nach denen er sich seine Meinung zusammenbastelt.

Sinn des Meinungsaustauschs sollte es sein, die eigene Meinung mit denen der anderen zu vergleichen und alle Meinungen, aber vor allem erst mal die eigene, immer wieder auf ihre Aktualität und Plausibilität zu überprüfen. Dabei ist die Meinung der anderen nichts weiter als eine weitere zu überprüfende Meinung.
Das ist Meinungsaustausch als Denkanstoßgeschehen.

Meinungsaustausch als Wettkampf kann nur in den Bereichen betrieben werden, wo absolute Gewißheit besteht. Und diese Bereiche sind um vieles kleiner, als wir wahrhaben wollen.

Meinungsbildung ist ein Prozeß, der niemals abgeschlossen ist, aber wir sind in aller Regel so fest durch unsere Begrifflichkeiten und Vorannahmen geprägt, daß wir gar nicht bemerken, wie sehr uns die dadurch generierten Meinungen, die wir meinen verteidigen zu müssen, am Nachdenken hindern.

Wenn wir nicht genau wissen, was Sache ist – und niemand weiß das in den meisten Fällen so ganz genau –, wie können wir da bestimmen, was richtig ist und was falsch?

Umgang mit den Medien

Wichtig scheint mir, daß man eigene Wertvorstellungen besitzt, die in immer wieder überprüften Grundüberzeugungen ankern, und daß man weiß, wie Medien funktionieren und welche Interessen sich hinter ihnen verbergen. Dann ist es sehr unwahrscheinlich, Zeitgeistphänomenen naiv auf den Leim zu gehen.

Eine vollständige Verweigerung allerdings, als Reaktion auf die Allgegenwart medialer Beeinflussung, wird unweigerlich dazu führen, daß sich Vorannahmen zu Vorurteilen verkrusten und das eigene Denken an Lebendigkeit verliert, weil es nicht mehr ausreichend kritisch überprüft wird.

Und manchmal wird dann das Haltbarkeitsdatum überschritten, ohne daß wir es merken.

Satzfäule

Wenn wir in unseren Texten einen schlechten Satz finden, dann wissen wir sofort: Gedankenschlaf. An der Stelle hat der Kopftrommler ein Nickerchen gemacht. Weil unser Denken, besonders das rastlose, zum Sekundenschlaf neigt, müssen wir wieder und wieder hinterherdenken, nach-denken. Denken allein reicht nicht: Es muß auch nachgedacht werden.