Über das Nichtdenken

Die Vorstellung vom Nichtdenken als Ultima ratio erfolgversprechenden menschlichen Umgangs mit der existentiellen Herausforderung des Daseins ist nichts weiter als eine Illusion unter vielen und nur das Negativ der Superrationalität. Eine von vielen Möglichkeiten, mit der unglaublichen Zumutung umzugehen, daß wir uns als existierend vorfinden und nicht wissen, was das bedeutet und wozu das gut sein soll. Denkstreik als eine Art verhaltenspsychologische Krücke führt bestenfalls zu so etwas wie zeitweisem animalischem Behagen, allerdings auf Kosten von Entwicklungsmöglichkeiten. Da können wir auch gleich einen Antrag beim Reinkarnationsamt stellen mit der Bitte, in die Haustierliste aufgenommen zu werden.

Nodum in scirpo quaerere

All diese Verächter des Denkens, die nicht mitbekommen, daß es sehr vieler eigener und vor allem fremder Gedanken bedurfte, um sie auf den Weg zum Nichtdenkenwollen zu schicken. Ein nichtdenkender Mensch ist eine Contradictio in adjecto, ein Theoretiker des Nichtdenkens ist ein Weg-Weiser, der vergessen hat, die Narrenkappe des Denkenden abzusetzen. Also eher ein Unweiser.

Als könnte es einen weisen Theoretiker geben.

Spiritus sanctus profanus

Einer, den ich von Zeit zu Zeit auf Widersprüche, falsche Verallgemeinerungen und ärmlich plausible oder auch ganz und gar unsinnige Behauptungen in seinen Texten hinweise, schrieb mir Folgendes:

»Du kannst den anderen nicht verstehen, wenn du innerlich schon Worte hast, denn dann verbindet sich alles mit deinen Worten, mit deinem Denkprozeß, und dann ist es gefärbt. Intellektuelles Verstehen bedeutet: Wenn du liest, argumentierst du gleichzeitig schon dagegen. Ein ständiges Argumentieren geht vor sich. Ich schreibe etwas, du liest es, und ständig ist in dir schon ein Gegenargument präsent: Ob dies richtig oder falsch ist. Du vergleichst es mit deinen eigenen Konzepten, deiner eigenen Ideologie, deinem eigenen System. Wenn du also hier liest, vergleichst du ständig, ob ich deine Ideen bestätige oder nicht, ob ich dir entsprechend bin oder nicht; ob du mir etwas zugestehen kannst oder nicht, ob ich dich überzeuge oder nicht. Wie ist auf diese Weise ein Verstehen möglich? Du bist zu voll von dir selbst. Was auch immer du also verstanden hast, wird nicht das sein, was ich gemeint habe. Das kann es nicht sein – denn wenn das Denken voll ist mit seinen eigenen Ideen, gibt es ständig allem eine Färbung, was zu ihm kommt. Es versteht nicht, was gemeint ist, sondern, was es verstehen möchte. Es wählt aus, es läßt aus, es interpretiert, und erst dann dringt etwas nach innen – aber das hat dann schon eine völlig andere Form. Dies also ist intellektuelles Verstehen.

Im spirituellen Leben sind die Gesetze diametral entgegengesetzt zu dem, was sie in der gewöhnlichen profanen Welt sind.«

Mein Kommentar dazu:

Wenn du willst, daß ich dich verstehe, mußt du sagen, was du meinst. Wenn du aber sagst, was du meinst, dann ist das, wie alles, was einer sagt, falsifizierbar, weil es mehr oder weniger plausibel ist. Und Plausibilität ist der Maßstab für alles, was einer sagt.

Wenn du dich auf die intellektuelle Abbildung deiner Denk- und Fühlprozesse einläßt – und das tust du, indem du etwas schreibst – und die Öffentlichkeit darüber informierst – und das tust du, indem du etwas publizierst –, dann mußt du damit rechnen, daß das, was du schreibst, überprüft wird. Dummerweise trifft deine eigene Ideologie nun auf andere Ideologien und muß sich mit ihnen messen, ob dir das nun paßt oder nicht, denn das, was du schreibst, ist keine heilige Schrift, sondern nur ganz «profane« Repräsentation von subjektiven Gedanken und Gefühlen und natürlich auch der Ausfluß der Ideologie, die du dir selbst zur Grundlage deiner Lebensweise gemacht hast.

An deinen Texten bemerke ich vor allem das, was du mir unterstellst – und sicher zu Recht: idiographische Färbung. Der Unterschied zwischen uns beiden aber ist der, daß ich ganz bewußt perspektivisch denke und meine Farben ständig wechsle und mische, während du dich allenfalls für die Mischung der Grautöne zu begeistern scheinst.

»Du bist zu voll von dir selbst. Was auch immer du also verstanden hast, wird nicht das sein, was ich gemeint habe.«

Aber sicher. Nur erwarte ich von dir, daß du aufhörst mit den Simplifizierungen und Generalisierungen, wenn es um die andern geht, und etwas mehr Genauigkeit und Präzision bei der Formulierung deines Anliegens walten läßt. Denn nur dann sind andere bereit, auf das einzugehen, was du sagst. Aber du scheinst mir so voll zu sein mit dichotomischen Bildern, daß du die andern nur als Kulisse deiner eigenen, ideologisch generierten Traumwelt wahrnehmen kannst.

Was du hier schreibst, ist ein ständiges Argumentieren von deinem ganz persönlichen, individuellen Standpunkt aus, und es macht ganz und gar keinen Sinn, anderen genau das vorzuwerfen, was du selber tust.

»Im spirituellen Leben sind die Gesetze diametral entgegengesetzt zu dem, was sie in der gewöhnlichen profanen Welt sind.«

Diesen Satz möchte ich mir zum Abschluß einmal kurz anschauen, damit du meine Denkweise etwas genauer kennenlernen kannst:

Was ist »spirituelles Leben«? Für mich ist das nur ein Spruch von Leuten, die ihr eigenes Leben auf einen Aspekt zu reduzieren versuchen. Aber es gibt nur mehr oder weniger Spiritualität im Leben, nicht »spirituelles Leben«. Ein spirituelles Leben ist kein »Leben«.

Im Grunde ist spirituelles Leben eine Contradictio in adjecto, aber so, wie du es gebrauchst, ein Epitheton ornans. Andere hängen sich andere Ketten um den Hals.

Welche »Gesetze«? Und wer hat sie erlassen? Und wie allgemeingültig sind sie?

»Diametral«? Das ist ein Lieblingsbegriff von Spätpubertierenden, die nicht begreifen wollen, daß sie in derselben Welt leben wie alle anderen. Weil diese Welt ihnen zu gewöhnlich ist. Und damit sind wir beim Schluß des Satzes:

»in der gewöhnlichen profanen Welt«. Altes Priestergewäsch. Und dann auch noch pleonastisch. Ich gestehe dir ja gerne zu, daß diese Welt dich anekelt, mir geht es häufig auch nicht anders. Aber wir haben nur diese eine Welt. Und die »heiligen Bezirke«, auf die das Wort »profan« dichotomisierend rekurriert, sind selbstreferentiell und nichts anderes als der matte Abglanz uralter Priesterphantasien.

Es gibt in dem Film »Gandhi« eine sehr schöne Szene, in der Gandhi seiner spirituell statusdünkelnden Frau deutlich zu machen versucht, daß es keine Schande ist, das eigene Klo selbst sauberzumachen. Für mich ist das eine Schlüsselszene.

Wenn du das hier liest, was ich schreibe, solltest du dir aber klarmachen, was grundsätzlich für alle gilt, die Profanen wie die Überprofanen: »Du vergleichst es mit deinen eigenen Konzepten, deiner eigenen Ideologie, deinem eigenen System. Wenn du also hier liest, vergleichst du ständig, ob ich deine Ideen bestätige oder nicht, ob ich dir entsprechend bin oder nicht; ob du mir etwas zugestehen kannst oder nicht, ob ich dich überzeuge oder nicht. Wie ist auf diese Weise ein Verstehen möglich? Du bist zu voll von dir selbst.«

Und du solltest nicht vergessen, daß aus deinem Hintern genauso unappetitliche, gewöhnliche, profane Krümel in die Welt entlassen werden wie aus jedem andern.

Über Ismen

Geschlossene ideologische Systeme sind nichts anderes als mehr oder weniger gut ausgestattete Gefängniszellen für unser Denken, je nach Geschmack eingerichtet, und manchmal (bei exquisitem Geschmack) sogar ansehnlich und gemütlich.

Zwar wird der Weitblick durch die geringe Größe des Fensters ein wenig eingeschränkt, und die Bilder, die wir uns von der Welt machen können, sind alle mit dunklen Streifen verunstaltet. Aber das ist doch nur eine Widerspiegelung der gestreiften Realität und nicht den Gitterstäben vor dem Fenster geschuldet. Oder?

Wer sich an diesen häßlichen Balken im Auge stört, dem sei geraten, lange genug zu meditieren. Dann verschwinden sie von ganz allein. Man muß sich nur den richtigen Ismus aussuchen, um frei zu sein und klar in die Welt blicken zu können.

Anecken

Wer als erwachsener Mensch anecken will, der hat seine Jugend ins Alter gerettet – oder vielmehr pubertäre Allmachtsphantasien. Vielleicht will er die Welt verändern, andere zum Nachdenken bringen. Als wäre es nicht sinnvoller, erst mal sich selbst zum Nachdenken zu bringen! Wer eigenständig denkt, muß sich keine Gedanken darüber machen, ob und wo er aneckt, er eckt garantiert an, denn eigenständiges Denken scheint mir mittlerweile so ungewöhnlich wie Turnschuhe in einem Ballsaal oder ein Flaneur an einer Straßenecke.

Mir reicht es, darauf zu lauschen, was ich denke, und das nach ethischer und logischer Selbstzensur zu sagen (am interessantesten ist es, wenn der Zensor noch schläft oder einfach müde vor sich hin grummelt), damit ich mich und meine Sicht der Dinge kennenlerne – und die, die sich in mir versteckt haben, um mir in mein Denken hineinzureden.

Das absichtsvolle Anecken überlasse ich denen, die sich beim intellektuellen Häßlichkeitschirurgen künstliche Ecken verpassen lassen. Und natürlich den Spät- oder Dauerpubertierenden.