Normal dumm

Es heißt, wer dumm sei, denke weniger nach. Doch woher will man wissen, daß jemand, der »dumm ist« – was immer das für ein Zustand sein soll und wie immer der zu definieren wäre –, daß also ein Dummer weniger nachdenkt? Vielleicht ist der Dumme nur scheinbar dumm und redet nur weniger über sein Nachdenken, weil er davon ausgeht, andere hielten sich für klüger und könnten sich möglicherweise über seine Gedanken, die eventuell gar nicht so dumm sind, amüsieren. Das wäre übrigens ziemlich klug gedacht von dem angeblich Dummen.

Und wenn ich mir die Horde von klugscheißenden Plapperern anschaue, die heute in den Medien geräuschvoll eine Fülle von Gedanken ausfurzen, ganz am Beginn des notwendigen Gärprozessses, und morgen bereits wieder mit neuen, kumulusartigen Gedankengebilden schwanger gehen, dann habe ich sehr große Zweifel, daß bei tatsächlich Dummen Gedankenarmut herrscht. Es ist wohl nicht so sehr die Fülle, an denen es den Dummen mangelt, ja nicht mal die Form; vielmehr fehlt es an Tiefe und Substanz.

Man sieht, die Definition von Klugheit und Dummheit scheint nicht ganz so einfach zu sein, wie allgemein glauben gemacht wird, und unter denen, die sich für klug halten, grassiert Dummheit mindestens ebensosehr wie unter denen, die glauben, sie wären dumm.

Ziemlich sicher ist jedoch die Frage nach der Dummheit nur perspektivisch zu beantworten und nicht mit dem Maßstab des sogenannten Normalen zu messen, denn ich kann mir ohne Mühe eine Perspektive vorstellen, von der aus das »Normale« als dumm zu betrachten ist.

Denkfabriken

Jetzt, da das Industriezeitalter peu à peu von der Wissensgesellschaft abgelöst wird, wie man hört, erleben wir eine Reindustrialisierung besonderer Art: In den wissensgetränkten Ländern wird die Produktion von Filzpantoffeln und Schlafanzügen umgewandelt in Gedankenproduktion. Ein produktionslogisch gesteuerter Strukturwandel. Nur mit dem Denken ist es in dem überkommenen industriellen Ambiente ein wenig schwierig, denn wie in den meisten Fabriken, geht es in den Denkfabriken allerorten hektisch und laut zu. Da fällt das Denken nicht so leicht wie gedacht.

»Warme Temperaturen«

Bei jedem zweiten Wetterbericht höre ich seit Jahrzehnten Meteorologen oder Nachrichtensprecher von »warmen Temperaturen« oder dergleichen reden. In Zeitungen, Romanen, im persönlichen Gespräch: überall milde Temperaturen, eisige, unerträgliche. 

Tatsächlich aber wird die Beschaffenheit, der »Charakter« der Luft auf der Haut oder besser im Gehirn als mild, warm oder lau empfunden oder auch als kühl oder eisig; die Temperatur dagegen ist qualitätlos, ein Punkt auf einer Maßskala, also nicht irgendwie beschaffen, sondern ist hoch oder niedrig oder »liegt« (besonders beim horizontalen Thermometer) bei 22 Grad.

Temperatur ist nicht mild oder kühl oder eisig. Nur ein Objekt kann einen Charakter haben. Temperatur jedoch ist wie etwa Masse, Druck oder Volumen eine Meßgröße und kein Objekt und hat im Gegensatz zu der uns umgebenden Luft ebensowenig einen Charakter, wie diese Luft hoch oder niedrig ist oder bei 22 Grad liegt oder steht.

 

 

 

Gedanken

Gedanken kommen einem nur dann, wenn man sich Zeit zum Nachdenken nimmt. Und Zeit zum Nachdenken sollte man sich nehmen, wenn man ein Bild dessen bekommen möchte, was gemeinhin die Wirklichkeit genannt wird. Mehr denn je aber ist es heute so, daß die meisten Menschen ihre freie Gedankenzeit damit zubringen, eine kognitive Repräsentanz ihrer persönlichen Interessen einzurichten und zu pflegen, statt ihre Gedanken wie eine Lampe in einer dunklen Höhle zu benutzen.

Hinterherdenken

Es ist schon erstaunlich, wie weit unsere Kultur des Hinterherdenkens, des Paraphrasierens und Zitierens entfernt ist von dem, was ich als Ausdruck menschlicher Denkfähigkeit betrachte. Kaum hat man einen eigenen Gedanken, wird nachgefragt, von wem er entliehen sein könnte, so als sei aufmerksames Selbst-Denken etwas Abseitiges, Unnatürliches.

Aber wen wundert das, ist doch schon der Begriff „Nachdenken“ doppeldeutig. Natürlich darf nicht übersehen werden, daß jede ernsthafte Beschäftigung mit dem Denken anderer ein Nach-Denken ist und unser eigenes Denken durch die Gedanken anderer angeregt und befruchtet wird und unsere Sichtweisen von ihnen beeinflußt werden. Aber ist das nicht von jeher so?

Wir müssen schon weit in die Antike zurückgehen, um auf Denker zu treffen, die bei ihrem Blick auf Welt und Menschen nicht auf den Schultern anderer standen.

Verteidigung der Ruhe

Was tun wir, wenn uns einer sagt, unser Urteil beruhe auf Vorurteilen und sei deshalb getrübt? Wir fühlen uns verurteilt und sprechen dem andern die Urteilsfähigkeit ab. So verteidigt das Denken seine Nachtruhe. Es ist so ähnlich, als wenn wir träumten, wir seien bereits aufgestanden und auf dem Weg zur Arbeit, obgleich wir noch faul im Bett herumliegen. 

Apodiktisches

Ganz erstaunlich, was passiert, wenn ich mich in einem Beitrag über den Vorwurf des Apodiktischen äußere. Einer findet meine Infragestellung der Relevanz des Apodiktischen apodiktisch und bietet mir eine andere Herangehensweise und ein anderes Denken an, will mir einen anderen Denkort, nämlich seinen, zuweisen, natürlich ohne sich der Mühe einer Begründung zu unterziehen, und ist beleidigt, wenn ich nicht darauf eingehe. Ein anderer wiederum hält meine Sprache für elaboriert und gibt mir in stilistisch und lexikalisch ungehobelter Sprache, gewürzt mit mannigfaltigen Beleidigungen und Unterstellungen, gute Ratschläge, wie ich meinen Stil – und damit mein Denken – ändern könne. Und sie merken nicht, wie unverschämt, intolerant und rücksichtslos sie sich verhalten, wenn sie ihr eigenes Denken oder Sprechen zur kognitiven oder sprachlichen Norm erklären, an der ich mich zu orientieren hätte.