Gedanken

Gedanken kommen einem nur dann, wenn man sich Zeit zum Nachdenken nimmt. Und Zeit zum Nachdenken sollte man sich nehmen, wenn man ein Bild dessen bekommen möchte, was gemeinhin die Wirklichkeit genannt wird. Mehr denn je aber ist es heute so, daß die meisten Menschen ihre freie Gedankenzeit damit zubringen, eine kognitive Repräsentanz ihrer persönlichen Interessen einzurichten und zu pflegen, statt ihre Gedanken wie eine Lampe in einer dunklen Höhle zu benutzen.

Hinterherdenken

Es ist schon erstaunlich, wie weit unsere Kultur des Hinterherdenkens, des Paraphrasierens und Zitierens entfernt ist von dem, was ich als Ausdruck menschlicher Denkfähigkeit betrachte. Kaum hat man einen eigenen Gedanken, wird nachgefragt, von wem er entliehen sein könnte, so als sei aufmerksames Selbst-Denken etwas Abseitiges, Unnatürliches.

Aber wen wundert das, ist doch schon der Begriff „Nachdenken“ doppeldeutig. Natürlich darf nicht übersehen werden, daß jede ernsthafte Beschäftigung mit dem Denken anderer ein Nach-Denken ist und unser eigenes Denken durch die Gedanken anderer angeregt und befruchtet wird und unsere Sichtweisen von ihnen beeinflußt werden. Aber ist das nicht von jeher so?

Wir müssen schon weit in die Antike zurückgehen, um auf Denker zu treffen, die bei ihrem Blick auf Welt und Menschen nicht auf den Schultern anderer standen.

Verteidigung der Ruhe

Was tun wir, wenn uns einer sagt, unser Urteil beruhe auf Vorurteilen und sei deshalb getrübt? Wir fühlen uns verurteilt und sprechen dem andern die Urteilsfähigkeit ab. So verteidigt das Denken seine Nachtruhe. Es ist so ähnlich, als wenn wir träumten, wir seien bereits aufgestanden und auf dem Weg zur Arbeit, obgleich wir noch faul im Bett herumliegen. 

Apodiktisches

Ganz erstaunlich, was passiert, wenn ich mich in einem Beitrag über den Vorwurf des Apodiktischen äußere. Einer findet meine Infragestellung der Relevanz des Apodiktischen apodiktisch und bietet mir eine andere Herangehensweise und ein anderes Denken an, will mir einen anderen Denkort, nämlich seinen, zuweisen, natürlich ohne sich der Mühe einer Begründung zu unterziehen, und ist beleidigt, wenn ich nicht darauf eingehe. Ein anderer wiederum hält meine Sprache für elaboriert und gibt mir in stilistisch und lexikalisch ungehobelter Sprache, gewürzt mit mannigfaltigen Beleidigungen und Unterstellungen, gute Ratschläge, wie ich meinen Stil – und damit mein Denken – ändern könne. Und sie merken nicht, wie unverschämt, intolerant und rücksichtslos sie sich verhalten, wenn sie ihr eigenes Denken oder Sprechen zur kognitiven oder sprachlichen Norm erklären, an der ich mich zu orientieren hätte.

Esoterik und Intellekt

Einige Esoteriker in der Nachfolge Oshos neigen dazu, den Intellekt intellektuell zu verteufeln: Sie kleben sich mit Hilfe ihrer reduzierten Interpretation des Intellekts, den Teil für das Ganze nehmend, einen Pappkameraden mit Namen Intellekt zusammen, stellen jede Menge leere Flaschen drumherum auf, und dann stoßen sie alles mit dem gleichen reduzierten Intellekt und großem Getöse wieder um.

Wen kann das überzeugen, wenn nicht ihren Intellekt? Wenn man, wie ich, davon ausgeht, daß das, was dort als Intellekt bezeichnet wird, nur das ist, was der nichtintuitive Intellekt durch analytische Dekonstruktion des Denkens übrigläßt, dann kann man nur lächeln darüber, wie sie sich selbst auszutricksen versuchen, rein intellektuell. Das, was dort als Intellekt beschrieben wird, ist doch schon eine Reduktion des Intellekts mit Hilfe des Intellekts. Das ist nicht schwer zu verstehen, jedenfalls dann nicht, wenn der Intellekt um diese Tendenz seines Wesens weiß und Wert darauf legt, nicht von sich selbst auf einen Teil seiner selbst reduziert zu werden. Das kann man natürlich nur verstehen, wenn man nicht rein intellektuell an die Beschreibung des Intellekts herangeht. Das, was verschiedentlich von Esoterikern als Intellekt beschrieben wird, um das Denken allgemein zu desavouieren, ist nur ein Teil dessen, was vom Denken übrigbleibt, wenn sie es reduziert-intellektuell zergliedern. Das, was dort als Denken bezeichnet wird, ist kein reales Bild, sondern ein modellhaft-intellektuelles Bild des Denkens.

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Moralische Urteile

Gegen moralische Urteile, die auf Nachdenken beruhen, habe ich nichts, soweit sie schlüssig aus den Ergebnissen des Nachdenkens hervorgehen. Nachdenken, das auf moralischen Urteilen beruht, sie zu ihrem Ausgangspunkt macht, halte ich jedoch für entbehrlich. Es sei denn, das Nachdenken geschieht mit der Absicht, ebendiese moralischen Urteile auf ihre Sinnhaftigkeit zu überprüfen.

Bevor ich begründe, warum etwas von Übel ist, gebietet es die intellektuelle Aufrichtigkeit, zu prüfen, ob dies tatsächlich zutrifft und nicht nur meinen Neigungen und vorgefaßten, wenig reflektierten Überzeugungen widerspricht.

Über den »Sinn« von Sinn

Über Sinn oder Unsinn von etwas können wir nur dann etwas sagen, wenn wir ein System zugrunde legen, in dem beides definiert ist. Alle solche Systeme stehen jedoch wackelig in den Zeitläuften und sind aus konventionellem Material zusammengeschustert und in hohem Maße subjektiv und abhängig von der Perspektive des jeweiligen Gedankenschusters. Die Wörter »Sinn« und »Unsinn« sind wie ihr Inhalt eine Erfindung des Menschen und haben keine tiefere Bedeutung als ein Holzpflock, den man auf einer Wiese in die Erde treibt.

Wenn wir uns fragen, ob das Wort Sinn Sinn hat, ähneln wir einer Katze, die sich in den Schwanz beißt. Deshalb fragen wir nicht danach, sondern setzen es stillschweigend voraus. So auch die Katze: Wenn sie das Jagen nach ihrem Schwanz nicht sinnvoll fände, schliefe sie lieber.

Gedanken und Stil

Die Gedanken sind frei. Das sagt sich so leicht. Aber was heißt das? Unsere Gedanken sind ein unentwirrbares chaotisches Gewusel, von dem wir nur einen kleinen Teil mitbekommen, denn wenn wir sie lassen, halten sie sich nicht an die Vorgaben irgendeiner Gedankenverkehrsordnung, sie sind wie eine Herde Wildpferde, die durch unseren Kopf galoppiert, sich trennt, mit anderen Herden vereinigt und wieder trennt …

Wir schauen dem, wenn wir mal zur Ruhe kommen, fasziniert oder auch beängstigt zu und staunen über die Vielfalt der Farben und Formen. Und wenn wir genauer hinsehen, stellen wir verwundert fest, daß sich ständig Eigenes mit Fremdem vermischt, ja, daß wir bei der Betrachtung gar nicht unterscheiden können zwischen Autochthonen und Eroberern: Verkleidete Kolonialisten und Missionare haben sich unter die Eingeborenen gemischt.

Da bleibt uns nichts übrig, als die Gedanken einzufangen, um sie genauer zu betrachten, sie in unsere eigene Ordnung zu bringen, notfalls auch zu zwingen. Nur wer die Gedanken in seinem Kopf einfängt und domestiziert, Fremdes vom Eigenen trennt, kann davon sprechen, daß seine Gedanken (wenigstens ein bißchen) frei sind.

Also fangen wir die Gedanken ein, versehen sie mit dem Brandzeichen unseres eigenen Stils und lassen sie wieder frei.