Projektion

Schematisch Denkende, klassifizierend Denkende denken differenzierungsarm und statisch. Wer so denkt, wähnt sich selbst schnell als abqualifiziert, weil in seinem Denkmuster nicht vorgesehen ist, daß ernstzunehmende andere eine andere Denkstruktur haben könnten als er selbst.

Der Abqualifizierer fühlt sich auch dann abqualifiziert, wenn das gar nicht geschieht, weil ihm selbst etwas anderes als Abqualifizierung nicht in den Sinn kommt. Wie sollte es also einem anderen in den Sinn kommen?

Das führt manchmal zu grotesken Situationen, in denen jemand, der andere fortwährend beleidigt und abqualifiziert, sich auf das schärfste gegen persönliche Beleidigungen und Abqualifizierungen verwahrt, obwohl er auf nichts weiter stößt als Gegenwind und sachliche Argumentation.

Innere Stimme

Dauernd dieses Gerede von der inneren Stimme. Wozu Vernunft und Verstand? Immer brav auf die innere Stimme hören und bloß nicht genau hinschauen, wer da spricht. Als hätte es weder die Aufklärung gegeben noch (mehr noch) die Erkenntnisse der Psychoanalyse.

Den klaren Blick mag die innere Stimme nicht, sie wird leicht unruhig und fängt an zu zicken, wenn wir sie mal unter die Lupe nehmen wollen, schauen, wer das ist, der da spricht. Aber wir sind folgsam und sehen nicht genau hin, sondern folgen brav unserer inneren Stimme. Nur wenn sie uns zu direkt sagte, es wäre gut für uns, aus dem Fenster im fünften Stock zu springen, dann würden wir doch etwas stutzig.

Aber so dumm ist die innere Stimme nicht, sie führt uns subtiler in unser Unglück. Wir hören auf dieses dumme Geschwätz, und alle Welt propagiert und idealisiert das Denken mit dem Bauch, während das Gehirn zu sehr mit Verdauung beschäftigt ist, um etwas dazu zu sagen. Und um seinen Teil dazu beizutragen, daß wir lernen, im Chor der inneren Einflüsterer unsere eigene innere Stimme zu hören. Die ist manchmal ganz leise und verschüchtert. Mit Hilfe des Gehirns im Gezeter der inneren fremden Stimmen die eigene zu finden und damit ganz wir selbst und handlungsfähig zu werden, das ist unsere Aufgabe. Eine wahrhaft schwieriger Versuch.

Über das Bloggen

Genaugenommen müßte die Überschrift heißen »Über mein Bloggen«, denn es gibt so viele Formen und Motivationen des Bloggens, daß man ein Buch darüber schreiben könnte, aber diese Formen interessieren mich im Augenblick nicht und sollen in diesem Beitrag nicht angesprochen werden.

Worum es mir geht, ist meine eigene Motivation und meine idealtypische Vorstellung vom Bloggen. Für mich ist Bloggen eine, wenn nicht die Möglichkeit, mein eigenes Denken zur Disposition zu stellen – und auch meine Gefühle. Und das Ganze zu dem Zweck der Erprobung in der virtuellen Wirklichkeit.

Bei der Wahl der Freunde sind wir geneigt, uns eher den Menschen zuzuwenden, mit denen uns möglichst vieles verbindet, und wir wählen sie dementsprechend aus, sei es nun bewußt oder unbewußt. Wenn wir aber unsern Blog in den Raum stellen, müssen wir mit Widerspruch ebenso rechnen wie mit Häme, Belustigung, Gleichgültigkeit und Unverständnis. Und wir laufen Gefahr, daß uns das ungeschminkt gesagt wird.

Freunde sind normalerweise verständnisvoller als Fremde, so wie wir ihnen gegenüber eher geneigt sind, ein Auge zuzudrücken, wenn sie etwas erzählen, das uns nicht überzeugt. Freunde wollen Freunde bleiben. Auch beim Bloggen können wir solcherart Rücksicht nehmen, aber wir müssen nicht, und auch die andern müssen nicht.

Jeder weiß, daß tiefere Einsichten so manches Mal Folge der Konfrontation mit konträren oder einfach nur abweichenden Ansichten sind, vorausgesetzt, man nimmt sich die Zeit, über Auseinandersetzungen nachzudenken.

Genau das ist es, was mich treibt, hier zu sagen, was ich denke, und mich als lyrisch kreativer Mensch zu zeigen. Ich möchte mich anderen mitteilen, um Resonanz zu erzeugen, die mich in meinem eigenen Denken und Dichten weiterbringt.

Und dasselbe möchte ich auch den andern geben: Resonanz. Und deshalb beteilige ich mich an den Denkvorgängen anderer, deren Denken und verborgenes oder weniger verborgenes Fühlen mich interessiert, berührt, bewegt, ärgerlich macht oder abstößt.

Jeder für sich und gemeinsam kreativ sein: Das ist meine idealtypische Vorstellung vom Bloggen. Ich glaube nicht, daß uns das dümmer macht.

Über das Lesen

»Lesen macht dumm.« Inmitten all der Bücher im Arbeitszimmer prangt dieses Diktum und lächelt ironisch und süffisant. Und die Bücher lächeln ironisch und noch süffisanter zurück: die guten wie die schlechten. Und Leute, die mich besuchen, tun es ihnen nach, manche lachen gar laut und möchten sich am liebsten wälzen angesichts dieses scheinbaren Widerspruchs.

Auch ich selbst habe gelächelt, als ich diesen Spruch einrahmte und ihm seinen Platz zuwies, denn »Lesen macht dumm« inmitten von Bücherhaufen, das ist schon ein starkes Stück und natürlich Witz und Provokation zugleich. So wird es im allgemeinen aufgefaßt, und das ist nicht ganz von der Hand zu weisen.

Doch die eigentliche Bedeutung ist eine andere.

Was tun wir, wenn wir etwas Gedrucktes in die Hand nehmen und zu lesen beginnen? Wir begeben uns in die Gedankenwelt eines anderen Menschen, vollziehen seine Gedankengänge nach, und wenn er gut schreibt, fällt uns das immer leichter und leichter. Und wenn wir viel lesen, gewöhnen wir uns daran, denn es ist einfacher für uns, wenn ein anderer für uns denkt, so wie es weniger anstrengend ist, im Auto zu fahren, als zu laufen. Und so wie dem Vielfahrer das Gehen nach und nach lästiger und mühsamer wird, so geht es auch dem Vielleser mit dem Denken.

Statt lange und ausdauernd selbst zu denken, was ein langsamer und mühsamer, widersprüchlicher Prozeß ist, sucht sich der Vielleser den Lesestoff und verschlingt Buch für Buch und freut sich an den Gedanken, die nicht seine eigenen sind. Und manche Leser verlernen das Denken beim Lesen ganz und gar. Das merkt man spätestens dann, wenn man länger mit ihnen redet und plötzlich feststellt, daß ein anderer aus ihnen spricht; und wenn man weiß, was sie zuletzt gelesen haben, und dieses kennt, dann erkennt man, wie gefährlich das Lesen für die Intelligenz sein kann. Lesen mag bilden, aber es kann mindestens ebensosehr das eigenständige Denken gefährden oder gar unterdrücken.

Das erste Mal ist mir das aufgefallen, als ich nacheinander Parmenides und Heraklit las und beide gleich überzeugend fand, obschon beide Vorsokratiker einen gegensätzlichen Standpunkt vertreten, und erst viel später habe ich mich gefragt, was ich denke. So gebannt und gefangen war ich von ihrem philosophischen Denken. Dieser Vorgang hat sich später noch öfter wiederholt, und so etwas passiert mir auch heute noch, wenn ich nicht größere Denkpausen zwischen den Lektüren einlege und das Gelesene schreibend und dialogisch verarbeite.

Wer die Universitätsmoden einigermaßen genau kennt, kann nach einer Viertelstunde Gespräch ziemlich sicher sagen, wann der Gesprächspartner studiert hat, weil dessen Denken durch die Schriften geprägt ist, die zu seiner Zeit an der Uni gerade rezipiert und nachgeplappert wurden.

Ob es sich dabei um Philosophie handelt, Linguistik oder Literaturwissenschaft, ist ziemlich egal. Ich vermute, daß es in anderen Fächern nicht viel anders ist.

Daraus ziehe ich für mich den Schluß, daß es wichtiger ist, viel zu denken, als viel zu lesen. Und daß man sich Zeit lassen sollte beim Lesen und den Büchern keinen größeren Vertrauensvorschuß geben sollte als Gebrauchtwagenhändlern und Versicherungsvertretern.

Meines Erachtens (Nachtrag)

Meines Erachtens müßten wir, wenn wir die Einsicht in den temporären Charakter von Meinungen und Erkenntnissen nicht als allgemeingültig und üblich voraussetzen, konsequenterweise statt m. E. m. E. t. (temporarius) sagen, weil wir doch alle wissen, daß wir beim Bau unserer Meinungen wie Bauunternehmer in erdbebengefährdeten Gebieten gern die billige Sorte Zement benutzen. Zum Glück können wir immer wieder nachbessern, ohne daß jemand außer uns selbst zu Schaden kommt.

Maieutik im Selbstdialog

Beim Denken sollten wir davon ausgehen, daß wir nichts wissen. Aber mal ehrlich: Wer denkt nicht, er hätte die Weisheit mit Löffeln gefressen? Die sokratische Dialektik ist ein bewährtes Mittel gegen diese Krankheit.

Bevor uns andere dieses Mittel gewaltsam einflößen, sollten wir es jeden Tag prophylaktisch zu uns nehmen, indem wir die sokratische Methode auf uns selbst anwenden; nur müssen wir dabei aufpassen, daß das Verhör nicht zur «peinlichen Befragung» der Inquisition wird und auf dem Scheiterhaufen endet statt im Wochenbett.

Und Finger weg von Schierlingsbechern. Das gilt natürlich nur für mich selbst. Meinen potentiellen Kritikern sei gesagt: Schierling schmeckt gar nicht so schlecht.

Luftleerer Raum

Fängt das Philosophieren nicht erst richtig an, wenn wir heraustreten aus den uns allen vertrauten Vorstellungen, die unser geistiges Rüstzeug bestimmen und nicht gerade selten eher Zaumzeug sind und manchmal viel mehr geistige Leere erzeugen als geistige Fülle? Gegen die vakuumerzeugende, ritualisierte und damit öberflächliche Tiefenschau den luftleeren Raum regelresistenten Denkens setzen? Vielleicht eine Möglichkeit. Aber wahrscheinlich wieder nur ein anderes Fundament neuer Rituale und Konventionalitäten.